17.04.1989

„Wenn's ned brav seid's, kommt's nach Lainz“

SPIEGEL-Reporter Joachim Riedl über die Wiener und ihren besonderen Todeskult
An den lauen Abenden dieser Tage pilgern die Wiener zu den Heurigengärten. Makabre Witze machen die Runde, weinselige Lieder werden angestimmt: "Wann i amal stirb, stirb, stirb", klingt es aus vollen Kehlen, "spielt's an Tanz, laut und hell, allweil fidel!"
Im "Alten Weinfassl", einem Heurigenlokal in Ober St. Veit, geht es hoch her. "Wenn's ned gleich schön brav seid's, dann kommt's auch nach Lainz", feixt ein grinsender Kellner, als sich eine ältere Tischgesellschaft bei ihm beschwert, daß der spritzige Weißwein viel zu warm sei. An einem anderen Tisch hocken Heurigenphilosophen. "Mildtätige Sterbehelferinnen" seien die mordenden Krankenschwestern aus Lainz, meint ein Zecher. "Ja, aber vom Orden der Barmherzigen Insulinerinnen", entgegnet sein Nachbar.
Verrät dieses "Esperanto der Gefühllosigkeit" tatsächlich einen grenzenlosen "Mangel an Herzensbildung", wie Andre Heller, der Spötter aus Wien, vermutet? Einige Seelenforscher in Wien meinen, in Lainz habe sich neuerlich jene Mentalität offenbart, die schon viele Österreicher in den Nazi-Konzentrationslagern als besonders brutale und pflichteifrige Mörder ausgezeichnet hatte. "Es gab und es gibt keine moralische Instanz", behauptet Heller: "Damals die Juden und heute die Alten - nur fällt die Ausrede vom Befehlsnotstand diesmal weg."
"Dem Wiener graut vor lebenden Menschen", schrieb zur Jahrhundertwende Hermann Bahr, der Dichtervater der jungen Poeten aus dem Literaturcafe "Griensteidl", "und ihnen graut vor ihm." In Wien, so der Linzer Bahr, fühlten sich Nicht-Wiener verstoßen und ausgesetzt: "Als hätten sie eine schwere Schuld auf dem Gewissen. Die Schuld des Lebens."
Mit dem "heimlichen Herrn", wie man in Wien den Tod mitunter nennt, haben die Wiener seit je einen Separatfrieden geschlossen: Wenn sie es sich gemütlich machen, hat er seinen Schrecken verloren.
Der "Wiener Tod" sei überall in Wien zu Hause, meinte der vor sechs Jahren verstorbene Historiker Friedrich Heer: in der Walzerseligkeit, im Kitsch, in der Niedertracht und der mörderischen Bestialität. "Roh samma alle mitereinander, wann uns einer roh sein läßt." In diesem Text des Kabarettisten Georg Kreisler sah Heer das Grundmotiv des Wiener Totentanzes: "das infernalische Ragout der Spießerseele".
Gezähmt und zum allgegenwärtigen Ehrenbürger ernannt, verwandelt sich der Tod in Wien in einen märchenhaft verklärten Sensenmann; eine allegorische Figur, die in der Folklore eine zentrale Rolle spielt. "Statt dem Tod, der das Leben kostet, haben wir einen Theatertod, einen näselnden Skeletthofrat, der mit sich reden läßt", vermutet denn auch Andre Heller.
"Nur in Wien", sagt Heller, "wird der Tod aus dem Bewußtsein verdrängt, indem man ununterbrochen über ihn redet." Die Angst vor dem Sterben wähle einen "Notausgang ins Skurrile". Generationen von Schriftstellern und Verseschmieden, von Mundartdichtern, Kabarettisten und Schlagersängern hegten und pflegten den Wiener Todeskult.
Im Pestjahr 1679 feierte die Stadt einen Volkshelden, der es mit dem Tod nicht so ernst nahm. Der Bänkelsänger Augustin torkelte eines Nachts volltrunken in eine offene, halbgefüllte Pestgrube, schlief zwischen den Leichen seinen Rausch aus und wurde mit seiner Moritat unsterblich: "O du lieber Augustin, leg nur ins Grab dich hin . . . Grübelei ist Narretei, alles sei Euch einerlei."
Der "Liebe Augustin", dessen Gassenhauer in Wien zum Grundschulwissen gehört, ist der Urahn der Wiener Todesverehrung. Seinen Höhepunkt erreichte das makabre Treiben um die Jahrhundertwende, als eine ganze Generation von schwermütiger Sterbenssehnsucht verzehrt wurde. "Alles ist lebend tot", erklärte der Maler Egon Schiele.
Literaten schilderten mit impressionistischen Sprachtupfern die "Ästhetik des Sterbens" (so der Titel eines programmatischen Essays). Der junge Schwärmer Hugo von Hofmannsthal versprach sich im Tod erstmals "tiefe Wahrhaftigkeit zu erfassen" und "ein Ende aller Lügen, Relativitäten und Gaukelspiele".
In der Stadt des Todesfetischismus setzen Beisetzungsfeiern den krönenden Abschluß. Die "schöne Leich'" gilt als Apotheose eines erfüllten Lebens. Hunderttausende Wiener sparen in sogenannten Sterbevereinen ein Leben lang auf dieses Ziel.
Leichenbegängnisse sind in Wien ein kommunales Anliegen. Die "Städtische Bestattung" ist einer der wenigen profitablen Kommunalbetriebe. Die 500 Angestellten der Firma organisieren jährlich 30 000 Beisetzungen (die Hälfte davon mit allem Pomp der "Ersten Klasse").
Es gibt einen "Wiener Friedhofsführer" mit detaillierter Beschreibung der Kultstätten in der todesverliebten Metropole. Es gibt der Welt einziges "Museum des Bestattungswesens" (600 Objekte auf 366 Quadratmetern Ausstellungsfläche). Es gibt sogar einen barocken Museums-Friedhof in St. Marx, wo einige erfolglose Bildhauer die verwitterten Grabsteine restaurieren.
Zwei steinerne Todesengel wachen am Eingang des romantischen Gottesackers. Vereinzelt schlendern Spaziergänger im milden Licht der Frühlingssonne zwischen den Gräberreihen. Eine alte Dame füttert Tauben. Der Friedhofsgärtner sonnt sich auf einer Parkbank.
Diese Idylle muß Helmut Qualtinger im Sinn gehabt haben, als er eines der schwärzesten Wienerlieder sang: "I drah mi durch a Fleischmaschin direkt ins offene Grab."
Von Joachim Riedl

DER SPIEGEL 16/1989
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