21.08.1989

Wenn Mitleid tödlich wird

Die 100jährige Tradition des Euthanasie-Gedankens / Von Klaus Dörner
Professor Klaus Dörner, 55, ist ärztlicher Leiter der WestfälischenKlinik für Psychatrie in Gütersloh. Dörner beschäftigt sich seit langem mit der sozialpsychologischen Dimension der Debatte um Sterbehilfe und Euthanasie.
Ein altes Thema hat in der öffentlichen Auseinandersetzung neue Qualität bekommen - die Debatte über die ethische Berechtigung der Euthanasie. Der Fragenkatalog ist lang:
Soll das Recht auf Leben für Embryonen, neugeborene Behinderte, erwachsene Behinderte, pflegebedürftige Alte, von Menschen überhaupt unverfügbar oder verfügbar sein? Nachdem wir uns beim gesetzlich erlaubten Schwangerschaftsabbruch bereits für die Verfügbarkeit des Lebensrechts ungeborener Menschen entschieden haben, ist es dann nicht konsequent und fortschrittlich, im Sinne der Leidensminderung, den einen oder anderen weiteren Schritt zu tun? Und würden nicht Umfragen ergeben, daß die Orientierung am Erstreben des größtmöglichen Glücks für eine maximale Zahl von Menschen mehrheitsfähig ist?
Schließlich ist unser Wirtschaftssystem nach demselben Muster organisiert. Konkurrieren ein besserer und ein schlechterer Arbeitnehmer um einen Arbeitsplatz in einer Gesellschaft ohne Recht auf Arbeit, so soll der bessere gewinnen.
Die Konsequenz scheint logisch: Konkurrieren ein behindertes und ein weniger behindertes Kind um Lebenschancen in einer Gesellschaft ohne Recht auf Leben, so soll das weniger behinderte Kind gewinnen. Man sieht: Es gibt kaum gesellschaftliche Bereiche, die von der Euthanasie-Diskussion unberührt sind.
Was ist der Sinn dieser ethischen Krise um die Euthanasie herum, die uns in der Bundesrepublik, aber wahrlich auch in anderen westlichen Ländern, so bewegt? Was ist ihr Kontext, und - vor allem - wie können wir sie nutzen?
Für inzwischen einige hundert psychiatrisch Tätige und ein paar Historiker in der Bundesrepublik hat es sich in den letzten zehn Jahren herausgestellt, daß die Auseinandersetzung mit der Euthanasie und Psychiatrie des Nationalsozialismus für die Beantwortung der gestellten Fragen ein unverzichtbares Mittel ist.
Die bundesdeutsche Zeitgeschichte hatte diese Seite des Nationalsozialismus bisher weitgehend ausgespart, vermutlich weil sie sich immer schon für Feldherren mehr als für Behinderte interessiert hat. Diese Seite und damit eine vollständige Sicht des Nationalsozialismus ist erst noch zu erarbeiten.
Hier ein paar Schlaglichter aus den bisherigen Befunden: Mit der marktwirtschaftlichen und auf der utilitaristischen Philosophie begründeten Industrialisierung der Wirtschaft haben die europäischen Nationen ab 1800 industriell brauchbare und unbrauchbare Menschen voneinander getrennt und damit, auf der Basis der Leistungsethik, die Gesellschaften in ein immer wirtschaftlicher werdendes Wirtschaftssystem und in ein immer sozialer werdendes Sozialsystem zerlegt. In letzterem wurden die verschiedenen Gruppen der "sozialen Frage" in speziellen flächendeckenden Einrichtungen (Altenheime, Waisenhäuser, Obdachlosenasyle, Gefängnisse, Irrenhäuser usw.) konzentriert oder kolonisiert.
Die "soziale Frage" lautet seitdem: "Was machen wir mit den industriell Unbrauchbaren, wofür sind sie überhaupt da, und wieviel Geld wollen wir sie uns kosten lassen?" Seither auch sind diese Gruppen, also alle irgendwie hinderlichen, behindernden Menschen zu Behinderten erklärt, als Störer der Produktion ihres Rechtes auf Arbeit beraubt, "nur-noch-soziale" und buchstäblich "frag-würdige" Existenzen, deren Bedürfnissen man je nach Konjunktur unterschiedlich gerecht wurde.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden diese Gruppen über die Medizinierung der "sozialen Frage" zunehmend erst zu Hirnkranken, später Erbkranken erklärt. Letzteres war besonders folgenreich, da man sie wegen des unbewiesenen, gleichwohl wissenschaftlich wirksamen Glaubens an ihre Erblichkeit erst von der Fortpflanzung ausschloß und ab 1892 eugenisch zu sterilisieren begann. Damit war die heute fortwirkende Vision von der Machbarkeit des leidensfreien Menschen und der leidensfreien Gesellschaft etabliert.
Der um 1900 weltweit anerkannteste Psychiater und Sozialreformer Auguste Forel schrieb von der friedlichen Schweiz aus:
Wir bezwecken keineswegs, eine neue menschliche Rasse, einen Übermenschen zu schaffen, sondern nur die defekten Untermenschen allmählich . . . durch willkürliche Sterilität der Träger schlechter Keime zu beseitigen und dafür bessere, sozialere, gesündere und glücklichere Menschen zu einer immer größeren Vermehrung zu veranlassen.
Diese Bewegung verband sich mit der zeitgleichen Kampagne für "das Recht auf den Tod", so die programmatische Schrift von Adolf Jost von 1895. Hier wurde das Recht auf den Tod zum letzten noch fehlenden Beweis für das absolute Selbstbestimmungsrecht des Menschen hochstilisiert, mit dem Zusatz, daß für Menschen, die wegen Behinderung oder Alter nicht für sich selbst sprechen können, der Staat oder der Arzt zur Gewährung des Erlösungstodes von Leidenszuständen einzuspringen hätten. Während also der äußeren die innere Kolonialisierung entsprach, mit dem entsprechenden Bedarf an "Untermenschen", war hier schon eine mehrheitsfähige Mentalität erstmals in einem Programm festgehalten - zu dem die Nazis wahrlich nichts mehr hinzuerfinden mußten.
Seit 1900 muß dem Leben erst ein Wert beigemessen werden, bevor es Rechtsschutz beanspruchen kann, wodurch auch "lebensunwertes Leben" konstituiert ist. Dieselbe Logik finden wir auch bei dem jetzt viel diskutierten australischen "Bio-Ethiker" Peter Singer. Seit 1900 war es normal, bürgerlich-anständig und fortschrittlich, von "Minderwertigen" oder "Untermenschen" zu sprechen, politisch von rechts bis links, auch in den Kirchen, auch in der Arbeiterbewegung, wenn man nur an ihre Abgrenzung vom "Lumpenproletariat" denkt.
Während man Freiheit und Selbstbestimmung verabsolutiert, werden Gleichheit und Brüderlichkeit überflüssig. Sie werden durch den Glauben an die Machbarkeit einer Gesellschaft aus nur noch guten, sozialen, gesunden und glücklichen Menschen ersetzt.
Auf dem Hintergrund dieser Mentalität, die sich nur selten in klare, quellen-fähige Worte kleidet, dafür aber durch einen ungeheuren gesellschaftlichen Erwartungsdruck auf Verwirklichung drängt, sprechen alle Befunde dafür, daß die Nationalsozialisten, spätestens mit dem Machtgewinn der SS, als eine oder als die Kernabsicht ihrer Bewegung die "Endlösung der sozialen Frage" ansahen, versteckt hinter ihrer Rassenideologie. Und dies in dem Sinne, daß sie der Welt beweisen wollten, daß eine Gesellschaft, die sich nur ein einziges Mal brutal und rücksichtslos von allem "sozialen Ballast" befreit, wirtschaftlich und militärisch unschlagbar ist und zugleich Forels Vision von der Gemeinschaft leidensfreier Menschen realisieren kann.
Nach seiner Ethik könnte Singer dies kaum widerlegen. Dabei ist es wahrscheinlich, daß die Radikalisierung des Programms sich schrittweise vollzog, wie sich bis heute immer wieder gezeigt hat, daß ein Schritt in die Richtung der Verfügbarkeit des Lebens den nächsten nach sich zieht: Nach der Zwangssterilisierung ging es zunächst um die Genehmigung der aktiven Sterbehilfe für ein einziges mißgebildetes Neugeborenes, das Kind des Ehepaares Knauer aus Leipzig, vom Führer genehmigt.
Dann kam die Ermächtigung einzelner Ärzte durch Hitler, in einzelnen anderen Fällen ähnlich zu verfahren; danach das wissenschaftliche Förderprogramm für behinderte Kinder, das nur im Falle eindeutiger Unheilbarkeit die aktive Sterbehilfe vorsah; dann die Heraufschiebung der Altersgrenze für ein solches Verfahren; erst dann die industrielle Massentötung erwachsener Behinderter.
Angesichts der beschriebenen Mentalität der Entsolidarisierung und der Verabsolutierung des Selbstbestimmungsrechts des einzelnen und ihrer Fortdauer bis heute in uns allen müssen wir uns wohl eingestehen, daß wir insgeheim sehr gut wissen, warum wir in der Nachkriegszeit den von den Nazis verfolgten und geschädigten Behinderten die Würde des Status von Verfolgten grundsätzlich abgesprochen haben.
Und für die Zeit nach dem Krieg lag ein Sterbehilfegesetz schon in der Schublade, das den geschäftsfähigen einzelnen das Recht auf aktive Sterbehilfe, also Beendigung des Lebens durch den Arzt, zusprach, aber auch dem einzelnen, der aufgrund seines Zustandes nicht für sich sprechen kann, die Erlösung von seinen Leiden durch einen Arzt zugestand, ein Gesetz, das vermutlich ebenfalls heute noch oder wieder mehrheitsfähig sein könnte.
Zweifellos gibt es auch zahlreiche Belege dafür, daß nach 150 Jahren Ausgrenzungspolitik von Behinderten in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Tendenzen zur Wiederannäherung von Menschen mit und ohne Behinderung körperlicher, geistiger oder psychischer Art wirksam werden.
Körperbehinderte wie Franz Christoph, Udo Sierk, Fredi Saal sprechen nicht nur für ihre eigenen, sondern auch für die Belange von psychisch und geistig Behinderten; von ihnen habe ich in den letzten Jahren am meisten gelernt. Ein anderes Zeichen: Auf unseren Parkplätzen haben wir die günstigsten Plätze für Behinderte reserviert, haben also - symbolisch - die Verletzbarsten unter uns in unsere Mitte genommen, statt sie in der am meisten gefährdeten "Randgruppenlage" zu belassen. Auch setzen wir das eine oder andere Altenheim nicht mehr auf die grüne Wiese, sondern ins Zentrum einer Stadt oder Gemeinde.
Wo wir aber solche Bewegungen der Solidarisierung und Entkolonisierung in Gang setzen, bekommt zugleich die verführerische Vision der leidensfreien Gesellschaft, Leiden grundsätzlich vom Menschen abtrennen zu können, neuen Auftrieb.
Die Medizin läßt mehr Menschen mit Behinderung zur Welt kommen und am Leben bleiben, läßt viele Menschen viel älter werden. Die Arbeitstechnologie läßt immer mehr Menschen mit ihrem Recht auf Arbeit überflüssig werden, so daß wir heute schon von der Zweidrittelgesellschaft sprechen. Wenn im Jahre 2030 ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein und leistungsethisch ebenfalls überflüssig sein wird, wird man nur noch ein Drittel für hinreichend kompetent und für die Wirtschaft notwendig halten: Die "soziale Frage" könnte dann etwa zwei Drittel der Bevölkerung betreffen.
60 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom lassen sich heute schon vor der Geburt diagnostizieren. Nehmen Eltern die humangenetische Beratung nicht wahr oder lehnen sie den aus der vorgeburtlichen Untersuchung "vernünftigerweise" sich anbietenden Schwangerschaftsabbruch ab, erklärt man sie heute schon für schuldig, mutwillig Leiden und Kosten für sich, das Kind und die Gesellschaft verursacht zu haben. Weitere gentechnologische Fortschritte werden es erlauben, daß wir mit viel humaneren Mitteln als zur Zeit der Nazis eine Gesellschaft aus nur noch "guten, sozialen, gesunden und glücklichen Menschen" werden können.
Heute schon müssen wir deshalb über die Grundsatzfrage nachdenken, ob nur die Behinderten die Nichtbehinderten oder ob nicht auch die Nichtbehinderten die Behinderten brauchen - vielleicht buchstäblich als Ballast, zu ihrer Belastung, da sonst die diversen technischen Entwicklungen die Menschen körperlich, aber auch ethisch verkümmern lassen.
So bei den alten Leuten: Während sie vor einigen Jahrzehnten noch auf die "egoistische Jugend" geschimpft haben, höre ich heute von ihnen immer ausschließlicher: "Heute genieße ich ja mein Leben, wenn ich aber pflegebedürftig werde, möchte ich morgen tot sein, da ich es nicht wert bin, mich anderen Menschen, am wenigsten den eigenen Kindern, zuzumuten, da ich sie sonst in ihrem Lebensgenuß und in ihrer Selbstbestimmung beeinträchtige."
Wie groß muß der gesellschaftliche Erwartungsdruck geworden sein, wenn niemand mehr wagt, sich von anderen abhängig zu machen? Was wird aus einer Gesellschaft, die nur noch aus Unabhängigen besteht? Wenn jetzt schon 20 bis 40 Prozent der Haushalte Ein-Personen-Haushalte sind, dann atomisieren wir uns zum Zwecke der Leidensvermeidung vollends, werden Gleichheit und Brüderlichkeit gegenstandslos, eine Entwicklung, die übrigens die gegenwärtige Wohnungsnot mehr verursacht als die Ausländer.
In diese Landschaft passen nahtlos der jahrelang von der "Zeit" ebenso wie von "Bild" hochgejubelte Professor Hackethal mit seiner "Mitleidstötung als moralische Arztpflicht" oder Professor Atrott mit seiner "Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben". Er fordert unermüdlich ein Menschenrecht auf Leidensfreiheit, indem er - ähnlich wie Singer - argumentiert, daß Leiden nur etwas für Menschen in Mangel- oder Überlebensgesellschaften sei, während wir heute Lebensqualität kultivieren, einem leidensfreien Leben also ein leidensfreies Sterben zu entsprechen habe.
Seine zahlreichen Vereinsmitglieder erhalten, wenn sie ihr Leiden spüren und für unerträglich halten, eine Selbsttötungsanleitung. Im übrigen kämpft er für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe, also der "Tötung auf Verlangen", behilft sich bis dahin mit der straflosen Beihilfe zur Selbsttötung.
Dabei könnte er schon durch Selbstbeobachtung wissen, daß jeder Reifungsschritt seiner Persönlichkeit nur über eine, manchmal auch mit Selbstmordphantasien belastete Leidenszeit zu haben gewesen ist. Dann wüßte er, daß in allen Leidens- und Sterbensprozessen eine Selbsttötungskrise in aller Regel vorübergehend ist und genutzt werden kann, da ihr meist eine friedvollere Zeit folgt.
Nun ist Herrn Atrott und anderen sicher darin zuzustimmen, daß die meisten anderen westlichen Länder in all diesen Fragen viel "vernünftiger" und "fortschrittlicher" sind. Dies könnte aber immerhin daran liegen, daß wir vielleicht ja doch ein wenig aus unserer Geschichte gelernt haben. Die Niederländer zum Beispiel sind viel liberaler in der Befürwortung der aktiven Sterbehilfe, und in den USA gibt es einen Verein mit dem endlich wirklich ehrlichen Namen "Americans against Human Suffering". Für eben diese USA hat der große alte Mann der Behinderten-Ethik, Wolf Wolfensberger, 1987 ein Buch mit dem Titel versehen: "Der neue Genozid (Völkermord) an den behinderten und leidenden Menschen".
In all diesen Ausdrucksformen der leistungsethischen und die Gesellschaft entsolidarisierenden Mentalität finden wir, daß das früher häufige Kosten-Argument zunehmend durch das Argument des Mitleids ersetzt oder verdeckt wird.
Ein Blick in das Grimm'sche Wörterbuch zeigt, daß das Wort "mitleiden" ursprünglich mehr als Tätigkeit begriffen wurde, im Sinne von gemeinschaftlich leiden, Leiden teilen. Später, vor allem im 19. Jahrhundert, verblaßt dies zunehmend, das Wort wird mehr als Substantiv gebraucht und bezeichnet zunehmend die Teilnahme am fremden Leiden in der eigenen Empfindung, den Besitz eines Gefühls, das man hat. Auf diesem Wege hat man mit dem ursprünglichen Partner des Mitleidens immer weniger zu tun, Mitleid wird zu Selbstmitleid, weil man das jeweilige Leiden unerträglich findet und es deshalb irgendwie weghaben oder wegmachen will.
Wolfensberger nennt die Tätigkeit, die aus dieser selbstmitleidigen Mentalität folgt, "totmachen" (death making). Deshalb spreche ich auch von Tödlichem Mitleid. Dieses das Leiden leugnende Selbstmitleid, die Vision vom leidensfreien Individuum, das des anderen Menschen nicht mehr bedarf, scheint der wirksamste Motor aller gegenseitigen Entsolidarisierungsmechanismen zu sein.
Es findet jegliche Abhängigkeit, Hilfsbedürftigkeit, Unselbständigkeit, ja schon die Idee der Unverfügbarkeit des Lebens unerträglich. Es findet sich bei Atrotts Wunschdenken vom leidensfreien Leben und Sterben ebenso wie bei den Forderungen der Legalisierung von "Tötung auf Verlangen", bei dem "Mitleid" mit den Frauen, die vielleicht ein behindertes Kind bekommen, und bei Singers Kampf für das Töten behinderter Neugeborener.
Am erschütterndsten für mich ist es verdichtet in den endlosen Beschreibungen der unerträglichen Qual behinderter Neugeborener durch Reinhard Merkel in seinem Beitrag für die "Zeit", obwohl er vermutlich selbst noch nie mit einem solchen Menschen "gemeinschaftlich gelitten" hat. Natürlich sind Singer, Merkel, Hackethal, Atrott und ihre Anhänger keine Nazis; aber sie folgen derselben seit 100 Jahren wirksamen Mentalität, der auch die "modernen" Nazis gefolgt sind.
Um aber das Gleichgewicht zwischen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufrechtzuerhalten, können und dürfen wir von der Norm der Unverfügbarkeit des Lebens kein Jota abweichen, weil jede andere Grenzziehung willkürlich wäre und eine Lawine ins Rollen brächte. Dies und alles andere können wir heute glücklicherweise von den Behinderten selbst lernen. Man muß ihnen nur zuhören wollen, zum Beispiel Fredi Saal, der als Kind elf Jahre in einer Anstalt für geistig Behinderte lebte, weil er wegen seiner körperlichen und sprachlichen Behinderung für schwachsinnig gehalten wurde:
Ganz deutlich wird die gefährliche Sprengkraft dessen, was man "Mitleid" nennt. Sie wird rasch zum Schlüssel der "(sich) befreienden Tat", mit der man nach "Erlösung" des beunruhigenden anderen ruft - sei es aus Gründen tatsächlich geglaubten "Mit-Leidens" oder nur als bequemer Vorwand zur Beseitigung unnützen Ballastes. Einerseits setzt man sich mit einem eigentlich unvollziehbaren Mitleid unnötigerweise selbst unter Druck, zum anderen erhält man die idealen Argumente für pragmatische Kosten-Nutzen-Rechnungen. Am schlimmsten ist es, wenn jenes Sichselbst-unter-Druck-Setzen für volkswirtschaftliche Überlegungen mit voller Absicht und zielsicher für rational errechnete Zwecke vermarktet wird. Mit klarem Auge wird hier mit der Unsicherheit des "Mitleidenden" gegenüber Behinderten ein bevölkerungstechnisch kühl kalkuliertes Geschäft getrieben - und dies vielleicht noch unter dem Prestige fördernden Mäntelchen der Humanität. Was nicht ausschließt, daß solch ein Menschlichkeitstechniker sein von "hoher Humanität getragenes Mitleid" und die daraus entsprungenen Handlungen auch noch selber glaubt.
Von Klaus Dörner

DER SPIEGEL 34/1989
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