17.07.1989

DOPINGVertuscht und vertagt

Die Bekenntnisse ehemaliger DDR-Athleten schockieren die Öffentlichkeit. Doch die Funktionäre reagieren wie immer - sie bleiben untätig.
Der Portier im Hotel "Böck" in Brunn am Gebirge, einer Gemeinde in der Nähe Wiens, mochte am Montag letzter Woche gar nicht mehr den Telephonhörer abheben. "Seit sechs Uhr in der Früh" wollten Journalisten aus aller Welt einen weiblichen Gast sprechen - und zwar "sofort, egal wie Sie die Dame an den Apparat bekommen".
Gesucht wurde die ehemalige DDR-Schwimmweltrekordlerin Christiane Knacke, die vor einem knappen Jahr legal nach Österreich ausreisen durfte. In Interviews mit der "Neuen Kronen-Zeitung" hatte die Olympiadritte von Moskau über Dopingpraktiken im DDR-Sport berichtet. Danach fand die 27jährige keine Ruhe mehr: Selbst im nahe gelegenen Wiener "Shopping Centrum City Süd" wurde ihr Name an diesem Morgen nahezu pausenlos ausgerufen.
Was Medien und Fans seit Monaten erregt, ist Sportfunktionären offensichtlich lange bekannt - und lästig. Da lohnt nicht einmal mehr das Gespräch mit aussagewilligen Dopingzeugen. Um die vorgeblich heile und damit lukrative Sportwelt nicht zu demontieren, wird vertuscht, vertagt und schnell vergessen.
Selbst im Falle des kanadischen Sprinters Ben Johnson, in dem seit Monaten beeidigte Aussagen über jahrelange Spritzenpraxis vorliegen, tut sich nichts. Am letzten Wochenende traf sich zwar das Council des Internationalen Leichtathletik-Verbandes in Wien. Wichtigster Tagungspunkt: die Diskussion über den gedopten Weltrekordler. Doch das deutsche Präsidiumsmitglied Professor August Kirsch wußte schon vorher, was herauskommt: "Wir werden uns auf den Herbst vertagen."
Noch einfacher machen es sich die Verbandsvertreter, wenn es um Geständnisse und Anklagen ehemaliger DDR-Sportler geht. Diese Athleten, im offiziellen Sprachgebrauch ihres Heimatlandes als "Verräter" bezeichnet, sind auch den westlichen Funktionärskollegen zumindest suspekt.
Sie schwadronieren lieber über die "Motive, warum gerade jetzt reißerisch in den Medien ausgepackt wird", wie etwa Harm Beyer, deutsches Mitglied im Weltschwimmverband. Oder sie reduzieren den Wert der Aussagen auf Null, wie Professor Manfred Donike. Der Dopingexperte des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) entdeckte an den Beschreibungen des früheren DDR-Skispringers Hans-Georg Aschenbach, der sich und andere des systematischen Anabolikamißbrauchs bezichtigte, "nichts Neues".
Tatsächlich haben immer wieder Athleten nach ihrer Flucht in den Westen darüber berichtet, mit welch pervertierten Methoden die DDR seit Jahr und Tag um internationale Anerkennung kämpft:
Schon 1972 sprach der frühere DDR-Radpräsident Werner Scharch über "Experimente mit Doping".
1973 erklärte der Kugelstoßer Joachim Krug die Wirkung der geschluckten "Kraftpillen" so: "Zwei Meter gewinnt man ganz sicher."
1978 brachte die Sprinterin Renate Neufeld sogar jene Pillen mit, die sie gezwungenermaßen hatte einnehmen müssen. Donike analysierte "typische Anabolika".
Ein Jahr später erklärte die Ex-Schwimmweltrekordlerin Renate Vogel: "Wir waren Versuchskaninchen." Schon 14jährigen würden Medikamente gespritzt oder ins Essen gemischt.
1988 nannte der ehemalige Gewichthebertrainer Friedhelm Jung den Grund, weshalb trotz ständigen Anabolikakonsums kaum DDR-Athleten bei den Kontrollen auffallen: Am Tag vor der Abreise zu Wettkämpfen führen junge Ärztinnen ("Wir tauften sie Stechmiezen") noch einen Dopingtest durch. Bei einem positiven Bescheid wird eine Verletzung simuliert.
In den letzten Wochen packten neben Christiane Knacke und Aschenbach auch der Boxer Hagen Doering, der Ruderer Matthias Schumann und der ehemalige Judo-Generalsekretär Jürgen Noczenski aus. Der immer gleiche Tenor: In der DDR wird für Medaillen um jeden Preis geschluckt und gespritzt.
Doch die Wirkung blieb stets dieselbe. Die DDR nannte die Geständnisse "Lügen", und die West-Funktionäre heuchelten kurzfristig Interesse und zogen sich alsdann auf "ungeklärte Rechtspositionen" (Beyer) zurück.
Nicht einmal die nun von Christiane Knacke mit Beispielen belegte Behauptung, auch die Kinder gedopter Mütter hätten zu leiden, schreckte die Funktionäre auf. Daß ihre Kollegin Barbara Krause zwei behinderte Babys geboren hat, die Olympiasiegerin Andrea Pollack eine Fehlgeburt erlitt und die eigene Tochter Jennifer mit fünf Monaten schwer erkrankt sei - das IOC verschanzt sich unangefochten hinter Formalien.
Das Komitee, wiegelte dessen Sprecherin Michele Verdier ab, sei allein während der Spiele zuständig, "jetzt informieren wir uns nur". Für die olympische Hygiene reicht offenbar immer noch der Status quo: Als gedopt gilt nur, wer auch erwischt wird. Da macht es nichts, daß die Kontrollen längst als Farce entlarvt sind.
Auch für die Schwimmer sieht Beyer "keine Notwendigkeit, jetzt was tun zu müssen". Womöglich hätten die Mitglieder des obersten Verbandsgremiums - ein Algerier, ein Amerikaner und ein Holländer - Christiane Knackes Aussagen "überhaupt noch nicht registriert".
Der Internationale Skiverband sieht sich ebenfalls "nicht direkt gefordert". Den Generalsekretär Gianfranco Kasper hat lediglich die Tatsache schockiert, daß der Springer Aschenbach nach seiner Karriere als Arzt die DDR-Sportler seinerseits dopte und gleichzeitig in der medizinischen Kommission des Verbandes heuchlerisch gegen Doping aufstand.
Der wackere Schweizer zieht daraus einen fatalistischen Schluß: "Alle Dopingexperten der Welt sind gefährlich."

DER SPIEGEL 29/1989
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