20.03.1989

EISHOCKEY

Öd und leer

Bayern, dem Stammland des bundesdeutschen Eishockeys, droht der Ausverkauf. Nach dem Absturz der Traditionsklubs aus Füssen und Riessersee stehen jetzt Landshut und Kaufbeuren vor der Pleite.

Der Kölner EC, gerade ausgebooteter sechsmaliger Deutscher Eishockey-Meister, sucht sich die Talente neuerdings per Zeitungsannonce. Im Fachblatt "Sport-Kurier" inserierten die Rheinländer gleich mehrere freie Arbeitsplätze. Begehrt werden "Spieler der Jahrgänge 1970/71/72", die ihr Interesse durch "Zuschriften" bekunden sollen.

Die Adressaten dieser Offerten wohnen vor allem im Süden der Republik. Denn da - zwischen Donau und Alpenrand - wächst noch immer wie nirgendwo sonst Deutschlands Nachwuchs heran. Die Nationalmannschaft der Junioren rekrutiert sich zu drei Vierteln aus bayrischen Vereinen.

In deren Führungskreisen wird die ungewöhnliche Methode der Abwerbung mit Erschrecken registriert. Rudolf Gandorfer, Vorsitzender des EV Landshut, nennt die Kölner Initiative etwas dramatisch "das endgültige Begräbnis des deutschen Eishockeys". Überhaupt hat der energische Niederbayer die Kollegen aller westlichen Großstadtklubs im Verdacht, den Markt leerzukaufen und die Bundesliga somit zur "Zwei-Klassen-Gesellschaft" umwandeln zu wollen.

Insbesondere den noch in der obersten Spielklasse verbliebenen Traditionsvereinen aus dem Stammland des Eishockeys, EV Landshut und ESV Kaufbeuren, droht der tiefe Fall in die Bedeutungslosigkeit. Kaufbeurens Vorsitzendem Sepp Pflügl stehen traurige Beispiele vor Augen: Die Mannschaften aus Füssen, Bad Tölz und Riessersee beherrschten über Jahrzehnte die Szene und quälen sich nun erfolglos in der Zweiten Liga ab. Die Rückkehr zu glanzvollen Zeiten "kann ewig dauern", sagt Ex-Nationalspieler Lorenz Funk, heute Trainer beim EC Bad Tölz.

Tatsächlich sind die ehemaligen Hochburgen mittlerweile zur Einöde heruntergekommen. Die bis in die siebziger Jahre hinein dominierenden Klubs verfügen über Kleckeretats; Bad Tölz etwa wirtschaftet mit einem Budget von gerade mal 350 000 Mark, die fast ausschließlich aus den Zuschauereinnahmen gedeckt werden müssen. Der EV Füssen präsentiert sich derzeit vor meistens nur 1100 Besuchern im "Leistungszentrum". Das Stadion "Am Kobelhang", Stätte rauschender Eishockey-Feste früherer Tage, ist wegen Baufälligkeit abgerissen worden. Der EC Bad Tölz muß seine Trainingsstunden mit rund 30 anderen Mannschaften abstimmen, die dieselben Eisflächen benutzen wollen.

Ähnliche Verfallserscheinungen werden jetzt in Landshut und Kaufbeuren offenkundig. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnete der ehemalige Meisterklub um das letzte bundesdeutsche Idol Erich Kühnhackl, der seine Karriere gerade beendet hat, einen Zuschauer-Rückgang von 30, Kaufbeuren gar von 37 Prozent. Den EV Landshut drücken darüber hinaus 2,7 Millionen Mark Schulden. Zu Jahresbeginn boykottierten einzelne Spieler das Training, weil die Gehaltszahlungen ausgeblieben waren.

Wegen des Defizits müssen die Bayern auf spektakuläre Großeinkäufe verzichten. Verstärkung wird aus dem eigenen Nachwuchs gezogen. Landshuts Vorsitzender Rudolf Gandorfer hat errechnet, daß sowohl der eigene Verein als auch Kaufbeuren überschlägig 220 000 Mark in einen Jugendspieler investieren, der es bis zur Bundesligatauglichkeit bringt. Solche Talente werden aber regelmäßig von Großstadt-Klubs abgeworben.

Verwunderlich ist das nicht. Denn was in der Provinz brutto geboten wird, garantieren die Eishockey-Emporkömmlinge aus Mannheim oder Frankfurt allemal als Netto-Verdienst. Mitunter werden auch Gagen gezahlt, die, wie Gandorfer klagt, "jenseits von Gut und Böse sind". So offerierte die Düsseldorfer EG schon vor sieben Jahren einem seinerzeit aufstrebenden Jüngling, Dieter Hegen aus Kaufbeuren, ein Grundgehalt von 80 000 Mark netto per anno.

Gerne hätte der EV Landshut - um den Abgang seines Veteranen Erich Kühnhackl zu kompensieren - Deutschlands gegenwärtig besten Eishockey-Crack, Gerd Truntschka, verpflichtet. Mit gutem Grund: Der Star, der in Köln unter Vertrag steht, entstammt den eigenen Reihen - sein jüngerer Bruder Bernd spielt noch heute daheim.

Um die Truntschkas publikumswirksam zu vereinen, hätten die Bayern alle Sparpolitik in den Wind geschrieben. 700 000 Mark brutto wurden "dem Paket" geboten. Überdies, um die berufliche Zukunft zu sichern, lockte der Klub mit einem Immobilienbüro. Doch das Brüderpaar entschied sich für die Düsseldorfer EG - angeblich für ein Jahressalär von gemeinsam 1,3 Millionen.

Solche Summen werden nur im Westen gezahlt. Zum einen lassen sich in den Metropolen dank der dort ansässigen Industrie leichter Sponsorengelder requirieren, zum anderen bestimmen betuchte Unternehmer als ehrenamtliche Präsidenten die Vereinspolitik. Bei der Düsseldorfer EG, deren Saisonetat Branchenkenner mit neun Millionen Mark veranschlagen, regiert so der Chef eines florierenden Reinigungsimperiums. Josef Klüh, Herr über 13 000 Mitarbeiter, soll bislang rund drei Millionen Mark in sein Hobby gesteckt haben.

Daß sich der SB Rosenheim, in dieser Saison Finalteilnehmer in den Spielen um die Deutsche Meisterschaft, als einziger Klub aus Bayern an der Spitze hält, verdankt er einer geradezu einzigartigen Verknüpfung. Dessen Ex-Präsident, der im vergangenen Jahr verstorbene Fleischfabrikant und Brauereibesitzer Josef März, ließ selbst die Personalfragen des Vereins über seine Firmen abwickeln. Testamentarisch ist sichergestellt, daß sich der Klub auch nach März' Ableben keine Sorgen machen muß.

Derlei Unterstützung sucht der EV Landshut vergebens. Aus Furcht, sich "in der Zweiten Liga wiederzufinden", hat Vorsitzender Gandorfer, der gleichzeitig als zweiter Mann beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) fungiert, nun zum Gegenschlag ausgeholt. Um die kleinen Klubs vor dem Ausverkauf zu schützen, verlangt der Diplomingenieur von seinem Verband eine radikale Änderung der Ablöse-Bestimmungen.

Denn bislang gelten für alle Vereine dieselben Regeln. Ein durchschnittlicher Bundesligaprofi, so die Übereinkunft, darf maximal 140 000, ein A-Nationalspieler höchstens 420 000 Mark kosten. Gandorfer fordert - wie im Fußball seit langem üblich - höhere Bewertungen für die finanzkräftigen Klubs.

Einen anderen Ausweg aus der Misere sieht er nicht. Es sei denn, der DEB gestatte seinen Vereinen die Verpflichtung von mehr als zwei Ausländern. So könnten sich selbst Provinzklubs in Kanada bedienen, folgert Gandorfer, "wo's die Spieler ja zum Schweinefüttern gibt". Andererseits sei vorherzusehen, "daß wir dann die Zirkusliga haben". #


DER SPIEGEL 12/1989
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