16.01.1989

„Die Sänger wurden austauschbar“

SPIEGEL-Interview mit Drafi Deutscher über die Arbeitsweise der Musikindustrie
Drafi Deutscher, 42, arbeitet seit 1963 als Sänger, Komponist, Studiomusiker und Produzent in der Pop-Branche. Mitte der sechziger Jahre hatte er große Erfolge ("Marmor, Stein und Eisen bricht"). Nach einem Skandal um angeblich unzüchtiges Auftreten wurde er von Rundfunk und Fernsehen boykottiert; der Berliner produzierte daraufhin unter Pseudonym Texte und Melodien für andere. Anfang der achtziger Jahre trat Deutscher wieder selbst auf die Bühne, hatte mehrere erfolgreiche Hits ("Jenseits von Eden") und Langspielplatten.
SPIEGEL: Sie kennen die Pop-Branche seit 25 Jahren. Was ist anders geworden in dieser Zeit?
DEUTSCHER: Als ich 1963 anfing, da gab es nicht diesen gigantisch großen Apparat der Plattenindustrie. Mich hat damals ein Produzent entdeckt, der Peter Meisel, der betrieb ein Einmannbüro. Der hatte in der Küche ein Bandgerät und im Wohnzimmer ein Klavier, das war's. Da mußte ich meine Lieder zur Gitarre vortragen. Auch bei den Plattenfirmen mußte man noch vorsingen, nicht wie heute fertige Demo-Bänder abliefern. Die wollten richtige "hand-mademusic" hören . . .
SPIEGEL: . . . und entschieden dann, ob sie davon eine Platte machen. Wäre so etwas heute noch möglich?
DEUTSCHER: Das wäre ein Ding, wenn heute bei einer Plattenfirma jemand mit 'ner Gitarre unterm Arm auftaucht. Da wären die bestimmt völlig hilflos. Musikalische Phantasie gibt's ja nicht mehr, null Imagination. Die können nur noch fertige Ware kaufen.
SPIEGEL: Warum waren die Plattenfirmen früher aufgeschlossener gegenüber neuen Künstlern?
DEUTSCHER: In den Sechzigern waren die noch hungrig, die suchten eine neue Musik und hatten Experten dafür. Das hat es Typen wie Klein-Drafi damals auch leichtgemacht. Ich hatte 'ne Band, und plötzlich hieß es: Mach mal 'ne Platte.
SPIEGEL: Mit eigenen Werken?
DEUTSCHER: Ach was, die Plattenfirma lieferte. Die wollten nämlich deutsche Texte. Ich hatte bis dahin ja nur amerikanischen Rock 'n' Roll gemacht.
SPIEGEL: Hatten Sie wenigstens Einfluß auf den Musikstil, den Sie vortrugen?
DEUTSCHER: Nee, anfangs wollte das auch keiner, es lief ja alles gut. Später habe ich ja dann mitgetextet und auch mal was komponiert.
SPIEGEL: Dann kam der Ausstieg. Sie haben die Plattenindustrie dann einige Jahre später nicht mehr als Star-Interpret erlebt, sondern als Anbieter von Texten und Melodien für andere. Hatte sich da in den Firmen etwas geändert?
DEUTSCHER: Anfang der siebziger Jahre habe ich wieder komponiert. Da mußte man bei den Plattenfirmen aber schon fertige Bänder abliefern. Ich weiß noch, einmal hieß es: Schöne Sachen, aber wir müssen das erst noch unserer Marketing-Abteilung vorstellen. Mawas, habe ich gefragt. Ich hatte das vorher nie gehört. Früher hatte ich dem Peter Meisel was vorgeklimpert, und der sagte ja oder nein. Jetzt hatte ich ein richtiges Band, und die sagten, da müssen erst noch acht oder zehn andere Leute ihr Urteil abgeben.
SPIEGEL: Hatte dieser neue Apparat Einfluß auf die Art der Musik?
DEUTSCHER: Na und ob. Da gab es doch damals diese Gruppe "Boney M.". Das war nicht mehr ein Interpret, das waren Masken- und Kostümträger, und da wurden laufend Leute ausgewechselt, ohne daß das jemand richtig mitbekam. Und das war eine Zeitlang der Knüller, das lief heiß wie die Hölle. Wann immer ich einer Plattenfirma etwas anbot, dann hieß es: Das klingt ja gar nicht wie "Boney M.", also das läuft jetzt nicht. Da herrschte plötzlich so ein Schubladendenken.
SPIEGEL: Die Marketing-Leute hatten gesiegt?
DEUTSCHER: Die waren jetzt Boß. Die sagten: Wenn die Leute "Boney M." wollen, dann kriegen sie auch "Boney M.", so oder so.
SPIEGEL: Wie haben Sie auf den Sieg des Marketing reagiert?
DEUTSCHER: Ich war ziemlich geplättet und zog mich betreten zurück, hab' erst mal geschmollt. Und dann habe ich eine Superschnulze geschrieben: "Mama Leone". Damit haben die mich aber trotzdem überall achtkantig rausgeschmissen, weil das eben auch nicht wie "Boney M." klang. Dann haben wir das in Frankreich veröffentlicht, und es wurde ein Riesenhit, auch hier.
SPIEGEL: Haben Sie diese Schnulze aus Zynismus oder aus Trotz geschrieben?
DEUTSCHER: Ach Gott, überschätzen Sie mich nicht. Das war eben 'ne Schnulze, die ist mir eines Morgens beim Frühstücken eingefallen. Ich mache so was aus dem Bauch heraus.
SPIEGEL: Wie verträgt sich Ihr Bauch mit den schlanken Marketing-Managern der Plattenfirmen?
DEUTSCHER: Schlecht, weil die in Schablonen denken. Kaum war "Boney M." tot, da gab's die Neue Deutsche Welle, wieder so eine Masche. Da hieß es: Wir kaufen jetzt alles, was nach Neuer Deutscher Welle klingt, und schmeißen ein paar hundert Titel dieser Art auf den Markt, ein paar werden schon Treffer. Also, dann sollte man keine Plattenfirma besitzen, dann kann man auch für 20 000 Mark Lottoscheine ausfüllen.
SPIEGEL: Die Firmen verzichteten auf Künstlerförderung?
DEUTSCHER: Die gab's nicht mehr. Jeder, der wollte, konnte eine Single aufnehmen, Hauptsache, es war im Stil der Neuen Deutschen Welle; wenn's ein Hit wurde, durfte derjenige eine LP machen. Das war's. Früher hieß das Motto: "The singer makes the song." Jetzt hieß es plötzlich: "The song makes the singer." Und der Song kam aus der Fabrik, vom Fließband, hatte den Segen der Plattenfirma. Also müßte das Motto eigentlich heißen: "The production makes the singer." Die vorne standen, die Sänger, wurden austauschbar.
SPIEGEL: Das neue Motto stand für eine neue Geschäftsphilosophie. Woher rührt dieses unmusikalische Verhalten der Macher?
DEUTSCHER: Das war der Druck, der in diesen neuen großen Konzernen entstanden ist. Da arbeiteten viele Leute, die erfolgsabhängig waren, da war für Risiko und Kreativität kein Platz mehr.
SPIEGEL: Mit genügend Anpassungsbereitschaft und Chuzpe kann man in der Pop-Branche offensichtlich sehr erfolgreich werden. Die englische Produzentengruppe Stock, Aitken und Waterman hatte kürzlich acht Hits in den englischen Top twenty. Sind die genial oder nur abgebrüht?
DEUTSCHER: Das ist eine Fabrik, die machen das am Fließband, ohne Kreativität.
SPIEGEL: Mit Zynismus?
DEUTSCHER: Nee, das ist reine Kohlegeilheit. Die haben einen schnellen Weg gefunden, Knete zu machen, und das tun sie. Wären ja dämlich, wenn sie's nicht täten. Mir macht so was Angst, aber die Plattenindustrie hat sich ganz systematisch auf diese Produktionsform zubewegt, das ist das logische Ende. Andererseits: Da muß ja auch ein Bedürfnis da sein für den Flachsinn. Was ist denn bei den Käufern passiert? Die sind doch so oberflächlich geworden, daß Musik nur noch eine geile Nebenerscheinung ist.
SPIEGEL: Oberflächliche Musik als Reflex einer oberflächlichen Zeit?
DEUTSCHER: Klar. Die Plattenfirmen machen zwar eine bestimmte Musikrichtung, aber sie finden ja auch Käufer dafür. Die heutigen Teenies sind eben anders als die Woodstock-Generation. Deshalb kann man denen auch austauschbare Musik und verwechselbare Interpreten anbieten.
SPIEGEL: Merken diese Kurzfrist-Stars heute, wie sie von der Industrie verheizt werden?
DEUTSCHER: Nein, alle, die ich getroffen habe, glaubten, sie wären etwas Besonderes, könnten sich länger halten. Und deshalb passen die sich natürlich allen Wünschen der Plattenindustrie an. Die Kehrseite ist, daß viele wirklich gute, kreative Musiker heute nicht mehr veröffentlicht werden, keine Chance kriegen und bis zur Rente durch kleine Clubs tingeln müssen.
SPIEGEL: Hat die Plattenindustrie ihren Kulturförderungsauftrag aufgegeben?
DEUTSCHER: Schon lange; es geht nur noch um Kohle.
SPIEGEL: Wie kommen Sie damit zurecht?
DEUTSCHER: Sehr gut, in den letzten Jahren ging's mir prächtig. Ich habe zweimal Gold und zweimal Platin gemacht mit meinen Platten, das heißt als Drafi Deutscher und mit meinem Duo "Mixed Emotions".
SPIEGEL: Was für Musik ist das?
DEUTSCHER: Gefällige Pop-Songs und Schnulzen, oder nennen Sie es Musik, die dem deutschen Ohr wohlgefällig ist. Was mir eben so liegt.
SPIEGEL: Verausgaben Sie sich dabei, wenn Sie so etwas schreiben?
DEUTSCHER: Das ist eine Aufgabe, die man nur mit Fleiß erfüllen kann . . .
SPIEGEL: . . . und Kreativität?
DEUTSCHER: Auch ein bißchen, klar. Jedenfalls ist das Ergebnis umwerfend. Meine Platten gehören eigentlich in jede deutsche Wohnstube.

DER SPIEGEL 3/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 3/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Sänger wurden austauschbar“

Video 02:36

Frauen in Gefahr Warum ein Berliner Start-up in Indien Klos baut

  • Video "Adler-Cam: Stella, die Hobbyfilmerin" Video 01:09
    "Adler-Cam": Stella, die Hobbyfilmerin
  • Video "Virales Musikvideo: Coole Riffs auf der Dreihals-Gitarre" Video 02:35
    Virales Musikvideo: Coole Riffs auf der Dreihals-Gitarre
  • Video "Webvideos der Woche: Das ging gerade nochmal gut" Video 02:46
    Webvideos der Woche: Das ging gerade nochmal gut
  • Video "Flugshow in Japan: Alles unter Kontrolle" Video 01:05
    Flugshow in Japan: Alles unter Kontrolle
  • Video "Angeschlagener CSU-Chef Seehofer: Merkels Poltergeist" Video 02:36
    Angeschlagener CSU-Chef Seehofer: Merkels Poltergeist
  • Video "Uno-Klimakonferenz: Der Austritt der USA hat keine Folgen" Video 03:29
    Uno-Klimakonferenz: "Der Austritt der USA hat keine Folgen"
  • Video "Humanoid-Roboter lernt turnen: Atlas schafft Rückwärtssalto" Video 01:00
    Humanoid-Roboter lernt turnen: "Atlas" schafft Rückwärtssalto
  • Video "Massenproteste in Simbabwe: Tausende fordern Mugabes Rücktritt" Video 01:21
    Massenproteste in Simbabwe: Tausende fordern Mugabes Rücktritt
  • Video "Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster" Video 00:47
    Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster
  • Video "Road to Jamaika - Vertagt: Trostlose Rituale" Video 03:18
    Road to "Jamaika" - Vertagt: "Trostlose Rituale"
  • Video "Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore" Video 01:43
    Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore
  • Video "Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus" Video 00:52
    Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus
  • Video "Überwachungskamera filmt Einbruch: Das Prinzip Selbstbedienungs-Restaurant" Video 01:02
    Überwachungskamera filmt Einbruch: Das Prinzip Selbstbedienungs-Restaurant
  • Video "Deutscher Arzt im Jemen: Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder" Video 02:47
    Deutscher Arzt im Jemen: "Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder"
  • Video "Frauen in Gefahr: Warum ein Berliner Start-up in Indien Klos baut" Video 02:36
    Frauen in Gefahr: Warum ein Berliner Start-up in Indien Klos baut