21.08.1989

VIDEOTECHNIKMobile Waffen

Zur Funkausstellung in Berlin stellt Sony sein neues Video-Format „Hi-8“ vor - neuer Vorstoß im Wettkampf der Systeme.
Jetzt brauchen Sie auf Kojak nicht mehr zu verzichten, weil Sie Columbo sehen (oder umgekehrt)", versprach die freche Anzeige in der "New York Times" und verriet auch gleich den Namen des Wundergeräts, das den Wunsch von Millionen amerikanischer TV-Seher zu erfüllen versprach: Mit "Betamax" sollte es möglich sein, keinen der beiden beliebten Fernsehkrimis zu versäumen, die jeden Sonntagabend zeitgleich auf den Kanälen von CBS und NBC liefen. Mit dem Hinweis auf seine Einsatzmöglichkeit als Zeitmaschine präsentierte der japanische Konzern Sony 1975 den ersten Video-Heimrekorder.
550 Millionen Videorekorder später, auf der Internationalen Funkausstellung, die diese Woche in Berlin beginnt, ist bei Sony von Betamax nicht mehr die Rede. Statt dessen präsentiert der Unterhaltungselektronikriese ein neues Video-Format mit der Bezeichnung "Hi-8" und schwingt sich damit - verspätet - auf ein neues technisches Niveau, auf das ihm die Konkurrenz davongeklettert war.
Seit Betamax war Sony als "das Versuchskaninchen unserer Industrie" (wie die Tokioter Wochenzeitung "Shukan Asahi" schrieb) stets an der Spitze des Video-Fortschritts marschiert, bis letztes Jahr die geballte Konkurrenz von Akai bis Yamaha mit einem Supersystem den Sonys erstmals davoneilte. Erst mit "Hi-8", so "Die Welt", "steht es im Krieg der Heimvideosysteme wieder unentschieden".
Ausgebrochen war dieser Krieg, der in der Industriegeschichte seinesgleichen sucht, schon bald nach der Vorstellung von Betamax. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung des später auch in Deutschland dekorierten Sony-Chefentwicklers Nobutoshi Kihara hatte damals nach mühevollen Monaten einen Videorekorder fertiggestellt, der nur noch 40 Pfund wog und mit einer Kassette, "kleiner als ein Taschenbuch", arbeitete. Es war so recht ein Produkt nach den Vorstellungen des visionären Sony-Gründers Akio Morita, der noch nie Scheu hatte, etwas völlig Neues auf den Markt zu bringen, für das der Bedarf erst geschaffen werden muß.
Ein Jahr später präsentierte der Elektrokonzern Matsushita, mit dem Morita ursprünglich hatte zusammengehen wollen, ein eigenes, ganz im geheimen von der Matsushita-Tochter JVC entwickeltes "Video Home System VHS". Es arbeitete mit einer relativ großen Kassette, verfügte aber mit zwei Stunden Laufzeit über doppelt soviel Kapazität wie Sonys Betamax. Damit begann der endlose, mit Unerbittlichkeit geführte Kampf um die Videoformate, der bis heute anhält.
Im Laufe von zehn Jahren gelang es Matsushita durch geschickte Lizenzpolitik und eigene Marktmacht, an Sony vorbei VHS als führendes Videosystem zu etablieren. Die Europäer, die unter Führung von Grundig und Philips ein eigenes Videoformat durchsetzen wollten, mußten ihr "Video 2000" schon bald wieder aufgeben; Sony verteidigte seine Stellung bis zuletzt, kapitulierte aber schließlich letztes Jahr und begann, ebenfalls VHS-Geräte zu verkaufen. Ironie der Video-Historie: Nicht der Bessere, sondern der Stärkere hatte sich durchgesetzt. VHS gilt unter Ingenieuren als das am wenigsten elegante System, sowohl dem Beta- als auch dem V-2000-System technisch unterlegen.
Der Videokrieg ging in eine neue Runde, als Sony noch vor der Kapitulation gegenüber VHS eine zweite Front eröffnete, wiederum gestützt auf technischen Ideenreichtum. Mit "Video 8" schickten die Sony-Ingenieure ein System in die Schlacht, das sich durch raffinierte Technik, besseren Ton und eine noch kleinere Kassette mit nur noch acht Millimeter breitem Magnetband auszeichnete.
Damit wurde es erstmals möglich, leichte tragbare Videokameras ("Handycam") auf den Markt zu bringen - Ablösung für die klobigen Kamera-Kisten der ersten Generation. Schon sah es so aus, als ob Moritas Truppe diesmal zumindest einen Feldzug gewonnen hätte.
Doch überraschend konterte wieder JVC/Matsushita mit "Baby-VHS". Das offiziell VHS-C genannte System basiert ebenfalls auf einer miniaturisierten Kassette, die kleine, leichte Kamera-Rekorder (Camcorder) ermöglichte. Diesmal freilich hatten sich die Verhältnisse umgekehrt: Während Sonys 8-Millimeter-Videos Aufnahmen bis zu drei Stunden erlaubten, war die Laufzeit der VHS-C-Kassette auf wahlweise 20 oder 40 Minuten beschränkt, nicht einmal eine Halbzeit Fußball ließ sich damit dokumentieren. Sony blieb in dieser Phase des Schlagabtauschs Sieger.
Für die Käufer wurde der Formate-Wirrwarr vollends unüberschaubar, als die Matsushita-Gruppe daranging, die nicht immer befriedigende Bildqualität von VHS erst durch "VHS HQ" (für High Quality) und dann mit "Super-VHS" (SVHS) zu verbessern und auf Sony-Standard zu bringen. Bei diesen Super-Formaten werden mehr Bildzeilen und anders als bisher die Helligkeits- und die Farbwerte (wie beim Profifernsehen) getrennt aufgezeichnet, was die Bildqualität verbessert und störende Effekte auf dem Bildschirm verhindert.
Der "Dritte Videokrieg" ("Wall Street Journal") begann letztes Jahr wiederum mit einer Sony-Offensive. Seit langem vertritt Konzerngründer Morita die These, die Gerätelinien der Unterhaltungselektronik würden sich in Zukunft immer mehr verselbständigen: Neben den Hi-Fi-Turm tritt als "Personal Audio"-System der Walkman, neben dem Fernseher und Rekorder im Wohnzimmer werde jedes Familienmitglied noch ein mobiles "Personal Video"-System besitzen.
Getreu diesem Konzept entwickelten die Sony-Techniker einen portablen Video-Walkman, der nicht viel mehr als ein Kilogramm wiegt, aber Fernsehempfang und das Betrachten von 8-Millimeter-Kassetten auf einem kleinen, nur 7,6 Zentimeter in der Diagonalen messenden Flüssigkristall-(LCD-)Bildschirm ermöglicht - am Strand, in der U-Bahn oder als Leihgerät in der First Class internationaler Fluggesellschaften. Akio Morita hält das Mobilvideo für "eine neuerliche Unabhängigkeitserklärung gegenüber der Diktatur der Zeit und einen weiteren Schritt, das Fernseh-Video-Erlebnis so unabhängig zu machen wie das Bücherlesen".
Sonys mobile Video-Waffe blieb nicht lange allein am Markt. Noch ehe die ersten 10 000 TV-Walkmen verkauft waren, trat auch der Rivale JVC mit einem ähnlichen Videopaket an. Die Marktschlacht ist noch nicht entschieden; möglich, daß auch diesmal wieder (wie beim Kampf VHS gegen Betamax) das Programmangebot in den Videotheken den Ausschlag gibt: Schon erscheinen in Japan regelmäßig vier Magazine auf Kassette, die auf die Besitzer der Mobilvideos als Abonnenten zielen, alle vier in Sonys 8-Millimeter-Format.
Einzig im boomenden Geschäft der Camcorder fiel Sony zeitweilig zurück. Inzwischen war es JVC gelungen, die Supertechnik seiner Heimrekorder auch auf das kleine VHS-C-Format zu übertragen und Sony damit sogar zu übertrumpfen. SVHS-C-Camcorder, wie etwa das Modell C 40 von Mitsubishi, das auf der Berliner Funkausstellung Ende dieser Woche vorgestellt wird, enthalten Features von der "Oma-Taste" für automatisches Filmen bis hin zu Filmtricks, für die noch vor wenigen Jahren ein ganzes Videostudio erforderlich gewesen wäre. Sie liefern dank der S-Technik hervorragende Bildqualität und sind dabei kaum größer als die Miniatur-Corder von Sony.
Erst mit dem Hi-8-Format, das gleichfalls in Berlin gezeigt werden soll und dessen Bilder mit einer horizontalen Auflösung von mehr als 400 Linien (gegenüber 250 bei Video 8 und VHS) dem Super-VHS-Bildschirm entsprechen, zieht Sony wieder gleich. Warum Sony mit Hi-8 so lange zögerte und dem Erzfeind JVC vorübergehend das Feld überließ, ist unklar.
Ein Ende des innerjapanischen Videokrieges ist nicht abzusehen. Eine vage Chance, daß sich die beiden Kontrahenten auf ein kompatibles Einheitssystem einigen, eröffnet sich, wenn der Konkurrenzdruck aus dem benachbarten Korea stärker wird, dessen Großunternehmen immer stärker ins Videogeschäft drängen.
Als Drohgebärde in Richtung Japan hat der Samsung-Konzern bereits einen Camcorder eigener Entwicklung mit einer Kassette vorgezeigt, die noch um eine Größenordnung kleiner ist als die japanische Kassette für C- und 8-mm-Video. Die Videobänder für ein solches Samsung-Gerät sind heute schon überall zu haben: Es werden die in Japan für die digitalen Tonbandgeräte hergestellten DAT-Kassetten benutzt.
Um der japanischen Konkurrenz eins hinzureiben, verweisen die rührigen Koreaner mit der Namensgebung schon mal großspurig auf ihre kleine Spur: Das koreanische System heißt "4 mm-Video".

DER SPIEGEL 34/1989
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