15.05.1989

BÜCHER-IDDie Sorgfalt des Tötens

Hannah Arendt: „Nach Auschwitz. Essays & Kommentare 1“. Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel. Edition Tiamat, Berlin; 172 Seiten; 26 Mark.
Von New York aus kehrte die Jüdin Hannah Arendt im Winter 1949 für einige Monate nach Deutschland zurück, wo sie 1906 nahe Hannover zur Welt gekommen war. Als 22jährige hatte sie bei ihrem väterlichen Freund, dem "norddeutschen Eisklotz" Karl Jaspers, in Heidelberg über den "Liebesbegriff bei Augustin" promoviert und war 1933, von der Gestapo bereits einmal verhaftet, nach Paris entkommen. Dort fühlte sie sich in einem Emigrantenkreis zu Hause, dem auch Walter Benjamin und der Rechtsanwalt Erich Cohn-Bendit (der Vater Daniels) angehörten, und engagierte sich in einer Hilfsorganisation, die jüdische Kinder ins sichere Palästina rettete.
Bei ihrem Besuch in den Kindertagen der Bundesrepublik trifft sie Menschen, die zwar beklagen, daß die Nazis "Einstein aus dem Land gejagt" haben, aber keinen Gedanken daran verschwenden, "ein wie viel größeres Verbrechen es war, Hänschen Cohn von nebenan zu töten, auch wenn er kein Genie war". Professoren, die ihre "bekleckerten Hemdenbrüste" wieder ungeniert hinter dem Katheder aufbauen. Einen jungen Kunsthistoriker, der vor der "altägyptischen Nofretete" in einem Berliner Museum von jener Büste schwärmt, "um die uns die ganze Welt beneidet." Und inmitten der Ruinen "geschäftige Gespenster", welche, als bewegten sie sich erinnerungslos in einer ewigen deutschen Idylle, "einander Ansichtskarten von den Kirchen und Marktplätzen" senden, "die es gar nicht mehr gibt."
Über die Unfähigkeit der Deutschen zu trauern notierte sie damals den leider gültigen Satz: "Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen." Sie selber jedoch hat die Verharmlosung der Henker nicht mit deren Dämonisierung, sondern mit manchmal gefrierend nüchterner Demaskierung ihrer "Normalität" beantwortet: akademisch in der Studie "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" (1951) und journalistisch im Prozeßreport "Eichmann in Jerusalem" (1963), in der ihr zu dem korrekt wirkenden Massenmörder im Glaskäfig des Gerichtssaales das umstrittene Wort von der "Banalität des Bösen" einfiel.
Das Buch unter dem Titel "Nach Auschwitz" versammelt Essays und Zeitungsartikel, die Hannah Arendt zwischen 1942 und 1966 schrieb: "Das Bild der Hölle", "Des Teufels Redekunst". Mit manchen ihrer dort vertretenen, giftigen Ansichten hatte sie sich (wie ihr Briefwechsel mit dem empörten Schriftgelehrten Gerhard Scholem bezeugt) auch unter den Juden keineswegs nur Freunde gemacht: insbesondere mit jenen nicht, in denen sie die Schlachtbank-Mentalität des jüdischen Volkes beklagte und ("Eine Lehre in sechs Schüssen") die Militanz des Widerstands im Warschauer Ghetto als Heldentum ehrte: "Lieber stehend sterben als auf den Knien leben."
Die Lessing-Preisträgerin der Stadt Hamburg, die in New York 1975 einem Herzinfarkt erlag, war eine "Selbstdenkerin", die "immer nur im eigenen Namen" sprach. Viele ihrer zu Unrecht als "herzlos" verdächtigten "kalten Urteile" sind erstaunlich aktuell. So ihre Anatomie des Nazi-Systems aus dem Jahre 1950, vor der sich die relativierungssüchtige "Historikerdebatte" noch unserer Tage blamiert: "Die größte Gefahr beim Versuch, die jüngste Geschichte plausibel zu erklären, liegt in der allzu verständlichen Neigung des Historikers, Analogien zu ziehen. Man muß jedoch begreifen, daß Hitler kein Dschingis Khan und nicht schlimmer als irgendein anderer großer Verbrecher war, sondern absolut anders. Das einzigartige ist weder der Mord an sich, noch die Zahl der Opfer . . . Viel eher ist es die Mechanisierung der Vernichtung und die sorgfältige und kalkulierte Errichtung einer Welt, in der nur noch gestorben wurde." Im vorliegenden Buch unter dem Titel "Die vollendete Sinnlosigkeit."

DER SPIEGEL 20/1989
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