20.03.1989

Grauenhaft, entsetzlich

Mutterglück ohne Vater erkoren Feministinnen in den späten siebziger Jahren zur „neuen Lebensform“. Der Begeisterung von damals ist Ernüchterung gefolgt.
Es war immer dasselbe. Die Liebhaber verloren die Lust, wenn die Malerin Monika P. zur Sache kam: Sie wollte ein Kind, aber keinen Mann dazu. Kein Unterhalt, keinerlei Verpflichtungen sollten dem Erzeuger drohen, doch das hat ihr niemand geglaubt. "Ganz freundlich" hat sie anfangs noch gefragt, nach ein paar Abfuhren schließlich nicht mehr.
Der Erzeuger ihres Wunschkindes, ein elf Jahre jüngerer Freund, wußte also nicht, was er tat. Sie wurde schwanger, mit Vierzig; er sprach von Abtreibung, sie gab ihm den Laufpaß und fand sich und die Welt wunderbar: "Ich wollte ein Kind und meine Ruhe - jedenfalls keinen Macker im Haus."
Monika P., deren Vorliebe naiven Landschaftsbildern gilt, mag Ordnung und klare Verhältnisse, hat ihr Leben mit Sorgfalt arrangiert. Ihre Dreizimmerwohnung am Stadtrand von Hamburg strahlt die Gediegenheit der Kleinfamilie aus.
An ihrem Schreibtisch im Kinderzimmer sitzt A. und malt schnörkellos die Wörter "Mann" und "Maus" ins Erstkläßlerheft. Die Mutter, Inhaberin einer florierenden Galerie im feinen Stadtteil Eppendorf, hat ausreichend Zeit für sie. Grund zum Klagen gäbe es nicht, und dennoch - nach sieben Jahren anstrengender Zweisamkeit blickt die Malerin einigermaßen ernüchtert zurück auf ihre Hochstimmung von damals. Mit dem Baby im Arm war sie seinerzeit im Kreis ihrer Freundinnen regelrecht auf Werbetour gegangen. Angepriesen wurde das Kinderkriegen nach einem neuen Modell: Kids ohne Daddy, Mütter ohne Mann.
Wie eine ganze Generation von Wunschkindern ist die Erstkläßlerin Produkt eines Wandels, der vor zehn Jahren wertkonservative wie feministische Kreise gleichermaßen in Aufruhr brachte. Single-Frauen um die Dreißig, allen voran Akademikerinnen, Selbständige oder sonstwie Privilegierte, hatten sich plötzlich für autark und den "Bastard" von einst zum emanzipatorischen Hoffnungsträger erklärt. Ihre kämpferische Devise: Papa zisch ab.
Doch Papa wollte nicht. Stellvertretend für die hoch verunsicherte, geschundene Männerseele meldete sich so zum Beispiel die "Bild"-Zeitung empört zu Wort: Zu "Zuchtbullen" und "Samenspendern" sah das Massenblatt die Erzeuger wider Willen degradiert und warnte die männliche Leserschaft vor perfiden Anschlägen auf unbeschwertes Bettvergnügen: "Vorsicht Babyfalle!"
Den Boden für diesen Umbruch hatte die Frauenbewegung bereitet. Vorbei war deren Frühzeit, in der noch die Erkenntnisse Alice Schwarzers - die Bewertung der Kinder als der Frauen "schwerste Ketten" - den Ton angaben. Jetzt drängte sich massiv die Gegenfraktion der "Neuen Mütterlichkeit" ins Gespräch. Die Feministin Eva-Maria Stark etwa, die 1977 im Münchner Verlag "Frauenoffensive" zur Attacke überging: "Mutterschaft", postulierte sie, "ist eine ungeheure Stärke der Frau." Es gelte ganz einfach nur, die "enormen Schädigungen" zu vermeiden, die Mutter und Kind in der "patriarchalischen Kleinfamiliensituation" drohten.
"Emma"-Autorin Leona Siebenschön trieb die Auseinandersetzung um das Kinderkriegen auf die Spitze. In ihrem 1979 verfaßten "Plädoyer zur Abschaffung der Väter" zitierte sie genüßlich die englische Erfolgsautorin Maureen Green: "Ein toter Vater ist Rücksicht in höchster Vollendung."
Das Standardwerk ("Mütter ohne Männer") aber schuf die Münchner Schriftstellerin Barbara Bronnen, damals 38, schwanger und unverheiratet. Enthusiastisch entdeckte sie die "neue Lebensform", in der Frauen sich ein Kind "anschafften" und den "nicht belastbaren" Partner von seiner Verantwortung "freisetzten".
Heute ist der Autorin ihr "Optimismus von damals schleierhaft". Bieder lebt sie mit dem Vater ihres mittlerweile zwölfjährigen Sohnes zusammen und hat ihn sogar geheiratet.
Sicherlich ist die totale Umkehr der Barbara Bronnen als Extremfall zu werten. Doch in den Jahren nach dem einsamen "Ja zum Kind" sind nicht nur bei ihr die Zweifel gewachsen. Zahllosen Solo-Müttern hat der oft beschwerliche Alltag zu zweit ihren vormaligen Überschwang genommen.
Da bedrückt, fast zwangsläufig, die soziale Isolation, die die Alleinverantwortung mit sich bringt. "Erschüttert" war eine Stuttgarter Psychologin, als sie mit 31 ihr Wunschkind bekam. "Ich hatte überhaupt nichts Eigenes mehr." Frauenfreundschaften gingen zu Bruch, die junge Mutter sah sich "total" von ihrer Rolle absorbiert. Und was Männer betraf, lief auch nichts mehr: "Beziehungsmäßig war ich drei Jahre lang weg vom Fenster."
Zurückgeworfen auf ein ständiges Tete-a-tete mit dem Kind, leiden Solo-Mütter häufig unter einer neuen Form von Enge und Abhängigkeit. So hat die Hamburgerin Monika P. lange das notgedrungen "infantile Niveau" der Gespräche zu Hause als unbefriedigend erlebt.
Eine Düsseldorfer Werbefrau, 34 und mit dreijährigem Sohn, ist sich mittlerweile auch der gegenläufigen Gefahr bewußt. Sie fürchtet, daß sie das Kind als einzigen Gesprächspartner zu sehr fordert und aus ihm am Ende "einen kleinen Erwachsenen macht".
Diese "totale Symbiose", auch als "Klammereffekt" empfunden, hat die Schriftstellerin Barbara Bronnen in den ersten vaterlosen Jahren erschreckt. Und die Malerin Monika P. verspürte in der Anfangsphase sogar eine beängstigende "gottähnliche Macht" über das kleine Kind: "Du mußt alles ganz allein entscheiden, und hinterher sagt dir niemand, das war gut."
Ärgerlicher allerdings noch als die psychischen Belastungen finden alleinerziehende Frauen immer wieder die Hürden, die der Staat ihnen errichtet hat. Denn der mag die Solo-Mütter nicht.
So kommt einer 38jährigen Beamtin aus Frankfurt noch heute "die kalte Wut", wenn sie an das Verhör durch den Sachbearbeiter des Jugendamtes denkt. Gegen ihren erklärten Willen war da nach dem Namen des Erzeugers geforscht worden, um bei ihm Unterhalt einzuklagen. Sooft sie in den folgenden Jahren um Sozialhilfe anstand, sah sie sich dem unverhohlenen Mißmut der Beamten ausgesetzt: "Die Leute stellten sich an, als wär' das ihr persönliches Taschengeld."
Gunhild Gutschmidt, Marburger Soziologin in Diensten des "Verbandes alleinstehender Mütter und Väter", wittert hinter solchen Schikanen Methode: Diese Frauen sollten schmerzhaft zu spüren bekommen, "daß sie aus dem Rahmen fallen". Wer den staatlichen Normvorstellungen von der Familie nicht genüge, habe statt struktureller Verbesserungen allenfalls Karitatives zu erwarten: "Da fordern die Mütter Kindergärten, damit sie berufstätig sein können, und kriegen statt dessen eine Kleiderspende."
Doch die Abschreckung, glaubt die Soziologin, funktioniert so nicht. Zwar ist der Anteil der ledigen Überzeugungsmütter unter den insgesamt 186 000 unverheirateten Frauen mit Kind - von denen wiederum rund drei Viertel ohne Partner leben - statistisch unbekannt. Als gesichert aber gilt, daß sich der "Solo-Mütter"-Trend keineswegs abgeschwächt hat.
Denn die deutliche Mehrheit der ledigen Mütter bilden inzwischen die Älteren - nicht mehr die Teenager mit dem "Betriebsunfall". Den größten Prozentsatz stellen nach Ansicht Gunhild Gutschmidts jene Frauen, die "verantwortungsvoll und mutig genug sind, sich das Kinderkriegen alleine zuzutrauen".
Ein Mut, der, wie viele Lebensläufe belegen, aus Enttäuschung geboren ist. So hat die Frankfurter Beamtin im Elternhaus "jahrelang den Krach und Streit und dann die Scheidung" mitgekriegt. Den Gedanken an Heirat gab sie schon als junges Mädchen auf. Und dabei blieb es, als sie vor vier Jahren schwanger aus dem Urlaub im Ausland zurückkam. Ihr Sohn hat den Vater nie gesehen.
Brüche in der Biographie führte auch die Stuttgarter Psychologin zum Verzicht aufs Familienglück. Ihre Beziehungen mit Männern beschreibt sie als "grauenhaft, entsetzlich", ihre Partner als dominant und unselbständig zugleich und sich selbst als diejenige, "die nur die Dreckarbeiten gemacht hat".
"Männer", befindet die Sozialpädagogik-Studentin Kerstin Balle, 27, "haben sich als Väter disqualifiziert." Mit zwei Freunden und ihrer vierjährigen Tochter Anna bewohnt sie einen dürftig renovierten Altbau in einem Dorf bei Tübingen und hält sich mit rund 1000 Mark aus einem von ihr geführten Lebensmittelladen über Wasser. Ihre Verbitterung rührt aus einer Erfahrung mit 21, als sie zum erstenmal schwanger war. Der Partner hatte sich davongemacht, Kerstin Balle eine Fehlgeburt erlitten.
Der verlorene Glaube an die heile Kleinfamilie oder zumindest eine feste Bindung hat sich bei den meisten Solo-Müttern auch im Lauf der Jahre nicht wieder eingestellt. Trotz aller Beschwernisse scheint sich ihre Haltung im Kern nicht geändert zu haben: Sie arrangieren sich mit ihrer Realität, die zwar weniger idyllisch und harmonisch ist, als sie sich das gedacht hatten, suchen aber noch immer beharrlich das Positive in ihrer Lebensform.
Fast ausnahmslos preisen alleinerziehende Mütter Selbständigkeit und Offenheit ihrer Kinder. Andererseits: Ihres Dilemmas sind sie sich durchaus bewußt - jener Frage nämlich, wie sie die Stuttgarter Psychologin formuliert: "Wie soll mein Sohn, der nur mich hat, eine männliche Identität entwickeln?" Oder, pragmatischer, die Überlegung der Düsseldorferin: "Vieles kann der ja von mir als Frau gar nicht lernen. Das fängt schon dabei an, wie man im Stehen pinkelt."
Ein reines Amazonen-Ambiente wollen sie ihren Kindern denn doch nicht bieten. Als Ersatz für den Erzeuger stellen Freunde, Brüder, Opas oder der Mann der Tagesmutter das maskuline Identifikations- und Verhaltensmodell dar.
Dieses Angebot, findet der Münchner Psychologe Wassilios Fthenakis, sei auch das mindeste. Allemal sinnvoller wäre nach seiner Auffassung, der reale Vater würde in den Alltag einbezogen, und zwar auch dann, wenn Mutter und Mann einander nur noch schwer ertragen können: "Hauptsache, das Kind hat beide." Die Hamburger Soziologin Anneke Napp-Peters pflichtet ihm bei: Spätestens in der Pubertät bekomme ein Mensch, der seinen Vater und mit ihm einen Teil seines Ursprungs nicht kennt, Probleme mit der eigenen Identität.
Fazit des Münchner Psychologen: "Das Recht, einem Kind einen leiblichen Elternteil vorzuenthalten, hat niemand" - und wie begründet diese Forderung ist, teilt sich den Solo-Müttern nicht selten in der Praxis mit.
"Ziemlich geschafft" war die Düsseldorfer Werbefrau, als ihr Sohn vor einem Jahr ins Krabbel- und Brabbelalter kam: "Absolut strahlend", erinnert sie sich, "ist der auf jeden Mann zugestürmt, den er getroffen hat." Das sind Augenblicke, bekennt die Mutter, in denen sie schon ins Grübeln kommt: "O Gott, hast du das wirklich richtig gemacht?" #

DER SPIEGEL 12/1989
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