20.03.1989

DESIGNIndische Visionen

Nach einem halben Jahrhundert wird ein Berliner Architekt und Designer wiederentdeckt: Möbel von Eckart Muthesius, in den dreißiger Jahren entworfen, werden neu aufgelegt.
Der Gastgeber der Gartenparty im sommerlichen Oxford bat den jungen Besucher aus Deutschland an seinen Tisch. Nach kurzer Konversation über Britanniens Klima und Künste kam der Hausherr, Prinz Jeschwant Rao Holkar Bahadur aus dem indischen Fürstenstaat Indore, zur Sache: "Ich höre, Sie arbeiten als Architekt in Berlin. Darf ich Ihnen die Baupläne zu meinem neuen Palast zeigen?"
Geschmeichelt studierte Eckart Muthesius, damals gerade 25, die Entwürfe eines bekannten französischen Kollegen, mäkelte ein wenig daran herum, machte Verbesserungsvorschläge. Dem Prinzen imponierte die Kritik. "Es war wie im Märchen", erinnerte sich Muthesius, "drei Stunden später hatte ich den Auftrag für den gesamten Palast in der Tasche."
Mit der Zufallsbekanntschaft beim Fest im Freien begann im Sommer 1929 der steile - und ein Jahrzehnt später jäh gestoppte - Aufstieg eines ehrgeizigen Architekten. Muthesius skizzierte innerhalb von nur drei Wochen seine progressiven Bauideen. Mit den Plänen im Koffer reiste er zum erstenmal nach Indien. Fünf Tage habe die anstrengende Luftfahrt in der engen Maschine gedauert, berichtete Muthesius, "denn damals konnten wir ja nur tagsüber fliegen".
Der Auftraggeber, fasziniert von europäischer Kultur und Lebensart, war entzückt und erteilte alle Vollmachten für das gigantische Bauvorhaben: Muthesius durfte planen, ohne Rücksicht auf die Kosten - es entstand ein Prunkpalast mit Dutzenden von Zimmern, eine luxuriöse Art-deco-Traumwelt, im krassesten Gegensatz zu aller Realität im bitter armen Zentralindien. Außer den Gebäuden und Teilen der Gartenanlage entwarf Muthesius auch fast die gesamte Inneneinrichtung, von der Türklinke bis zur Badezimmerlampe.
Mehrere von Muthesius für den Palast des indischen Herrschers entworfene Möbel erleben in diesem Frühjahr, fast sechs Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, eine Wiederauferstehung - als Serienprodukte eines Möbelherstellers. Neu aufgelegt wurden zum Beispiel der aus Chromrohren gebogene Stumme Diener "Mandu" (540 Mark), der teilverspiegelte Lederstuhl "Sally" (1400 Mark) und der schwarz gebeizte Holztisch "Holkar" (2800 Mark).
Prachtstück der neuen Kollektion, die von den Münchner Vereinigten Werkstätten als "ein Juwel des Art Deco" offeriert wird, ist der 15 000 Mark teure "Rote Sessel", ein knallrotes Ledermonstrum auf Metallkufen. In die beiden Ohrenbacken wurden matt schimmernde Leseleuchten integriert, unter der rechten Armlehne verbergen sich Aschenbecher und Zigarettenfach. Muthesius hatte ihn 1931 als "gemütlichen Lesesessel" für die Palastbibliothek anfertigen lassen.
Muthesius' originelle Möbelmodelle stehen nun als "wieder vorzeigbare Relikte" für jenes zeitgenössische Gesamtkunstwerk, das der - bislang in der Bundesrepublik fast unbekannt gebliebene - Architekt nach fünfjähriger Arbeit 1934 schlüsselfertig übergab.
Beeinflußt vom Gedankengut seines Vaters Hermann Muthesius, eines berühmten Architekten und Mitbegründers des Deutschen Werkbundes, schuf Muthesius in der Provinzstadt Indore, rund zwölf Bahnfahrtstunden von Bombay entfernt, ein "vollkommenes Denkmal des Modernismus", wie Fachleute vom Berliner Kunstgewerbemuseum kürzlich das Bauwerk nannten.
Die 40 Räume des U-förmigen Palastes "Manik Bagh" (Rubingarten) waren alle direkt oder über Terrassen miteinander verbunden. Nur für die rund 80 Diener im Haus wurde (weil die Angehörigen der unteren Kasten die Wege der Herrscherfamilie nicht kreuzen durften) ein eigener, außen liegender Gang geschaffen.
Die nach Bauhaus-Vorbild überwiegend streng geformten Möbel wurden, ebenso wie die meisten Säulen, aus schwarzem Ebenholz gefertigt; schwarze und orangefarbene Teppiche zeichneten geometrische Muster auf die Marmorfußböden. "Der Palast", schrieb 1932 anerkennend die "Berliner Illustrirte", "trägt den Stempel deutscher Form-Anschauung unserer Zeit."
Weil die Wände wegen zu hoher Luftfeuchtigkeit in den Regenmonaten weder tapeziert noch mit Seide bespannt werden konnten, entschloß sich Muthesius zu einer extravaganten Lösung: Er ließ feinsten Glasstaub auf die vorher präparierten Wände blasen, "ein grandioser Effekt", wie der inzwischen 84jährige Meister schwärmt. "Je nach Lichteinfall schimmerte oder funkelte es in allen Pastellfarben." Der Maharadscha, exzentrischer Herrscher über 1,2 Millionen Menschen, war von den Arbeiten seines Architekten angetan: "Ich bin total begeistert", versicherte er in einem Dankesbrief und ernannte den Deutschen zum obersten Baumeister des Kleinstaates Indore.
Gewärmt von der Gunst seines wohlhabenden Gönners, realisierte Eckart Muthesius fortan noch weitere Visionen: Erst verschönte er den zweisitzigen Bentley seines Dienstherrn mittels diverser Karosserie-Veränderungen, dann richtete er dem Mäzen ein schickes Privatflugzeug ein. Für Überlandfahrten auf staubigen indischen Straßen konstruierte er die "Safari-Karawane": Vier aus England importierte, mit Wohnzimmer, Schlafraum, Bad und Büro ausgestattete Lastwagen wurden am Rastplatz sternförmig geparkt; aus den abklappbaren Rückfronten der Fahrzeuge entstand dann, unter einem Zeltdach aus Fallschirmseide, eine stabile Plattform, die als Speisesaal diente.
Noch verschwenderischer gestaltete der Architekt und Designer 1937 einen mit Klimaanlage und Spiegelwänden ausgerüsteten Salonwagen für Fernreisen. Zwei weitere, bereits fest geplante Projekte - einen gigantischen Flußdampfer sowie ein futuristisches Landhaus mit Liegeplatz für Jacht und Boote - durfte Muthesius nicht mehr realisieren: Ende 1939, wenige Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, mußte er auf Druck der Briten Indien verlassen.
Der Architekt und Designer kehrte verbittert nach Berlin zurück und wurde von den Nazis vereinnahmt: Er erhielt den Auftrag, Kasernen und Krankenhäuser zu bauen. Auch die Amerikaner, die ihn gleich nach dem Krieg engagierten, verdonnerten ihn zum Bau preiswerter Massenquartiere. Mitte der fünfziger Jahre entließ ihn die U.S. Army aus ihren Diensten. "Das hat mich psychisch ruiniert", sagt Muthesius. Mühsam hielt er sich mit dem Bau von Mehrfamilienhäusern sowie mit Gutachten für Hotelkonzerne und Krankenhäuser über Wasser.
Hoffnung auf neue Anerkennung schöpft Muthesius jetzt aus der geplanten Serienproduktion seiner alten Möbelmodelle. Verunsichert, ob sie den Zeitgeschmack wohl noch treffen, bat er vor einigen Wochen auf der Kölner Möbelmesse Händler und Einkäufer um ihr Urteil.
Erleichtert registrierte Eckart Muthesius Lob und Beifall der Fachleute. "Ach wirklich", erkundigte sich der rüstige alte Mann gerührt, "Sie finden die Sachen gut, ja?"

DER SPIEGEL 12/1989
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