17.04.1989

AUTOMOBILEVöllig meschugge

Spekulanten und Spitzenverdiener machen Jagd auf Ferraris. Innerhalb weniger Wochen vervielfachten sich die Preise.
Von Zweifeln geplagt, bestellte der 42jährige Münchner Immobilienkaufmann im September letzten Jahres einen neuen Ferrari 328 GTB zum Listenpreis von rund 118 000 Mark. "Ist der auch zuverlässig genug?" fragte sich der langjährige Porsche-Fahrer, und seine Frau nörgelte über das "unnötige und sündhaft teure Spielzeug".
Jetzt, gut ein halbes Jahr später und kurz vor der Auslieferung des 270 PS starken Sportwagens, sind die kleinlichen Bedenken vergessen: "Ich hätte gleich zehn Stück bestellen sollen", ärgert sich der Münchner.
Der Kaufmann rechnet richtig. Denn der Wert des 260 km/h schnellen Zweisitzers mit dem springenden Pferd auf der flachen Fronthaube hat sich in den letzten Monaten vervielfacht. Kurz nachdem bekannt wurde, daß Ferrari die Fertigung des seit 1975 äußerlich fast unveränderten Typs 328 im Herbst dieses Jahres einstellt, schnellten die Preise innerhalb weniger Wochen in die Höhe.
"Zahle bar bis 310 000 Mark", verspricht ein Inserent in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "auto, motor und sport". Für die offene Targa-Version des keilförmigen, von Star-Designer Pininfarina entworfenen Sportwagens mit Achtzylinder-Mittelmotor, laut offizieller Preisliste für 124 800 Mark im Angebot, offerierte ein anderer Anzeigenkunde sogar das Vierfache des gültigen Listenpreises: eine runde halbe Million.
"Da verdienen sich Leute eine goldene Nase, die von unserem Geschäft gar nichts verstehen", klagt der Hamburger Ferrari-Händler Thomas Wichelhausen über "solche Spekulanten, die den ganzen Markt verderben".
Für die plötzliche Inflation der Ferrari-Preise haben die Händler - die, vertraglich gebunden, an dem Preisanstieg nicht teilhaben dürfen - gleich mehrere Gründe ausgemacht.
Neben der zunehmenden Lust auf Luxus und der seit Jahren wachsenden Bereitschaft von Spitzenverdienern, beim Ankauf vermeintlich im Wert steigender Prestigeobjekte nicht zu knausern, wollen sich viele "mit der Anschaffung eines Ferrari einfach nur endlich einen langgehegten Traum erfüllen", wie ein Ferrari-Händler mutmaßt. Der Tod des legendären Commendatore Enzo Ferrari im August letzten Jahres habe die Nachfrage noch einmal zusätzlich angeheizt.
Auch andere Hersteller teurer Sportwagen haben schon bemerkt, wie der hektische Markt sich seine eigenen Preise macht. Gefragt sind vor allem Autos deutscher Produzenten:
Für den bis 1991 ausverkauften BMW-Roadster Z 1 (Werkspreis: 85 000 Mark) zahlen Interessenten, die einen Kaufvertrag mit baldigem Liefertermin erwerben wollen, 20 000 Mark Aufpreis.
Um noch in diesem Jahr den neuen, mindestens 90 000 Mark teuren Mercedes SL fahren zu dürfen, bieten manche Käufer Zuschläge bis zu 30 000 Mark.
Porsches zweisitziger Speedster, vom Werk für 112 000 Mark offeriert, ist manchem Interessenten rund ein Drittel mehr wert; für die nur 200mal gebaute Porsche-Flunder vom Typ 959 (450 PS, 315 km/h) werden inzwischen bis zu einer Million Mark geboten, mehr als das Doppelte des Listenpreises.
"Die Leute sind völlig meschugge", findet Michel Weber, Ferrari-Händler aus Offenbach. "Wie verrückt" gebärdeten sich vor allem die finanzstarken Aufkäufer aus Japan. "Zwanzig Wagen", so Weber, "könnte ich sofort verkaufen, aber vom Werk bekomme ich höchstens zehn Autos im ganzen Jahr." Auch in Zukunft soll die Produktion nicht steigen; allenfalls 4000 Fahrzeuge im Jahr wollen die Italiener für den gesamten Weltmarkt bauen.
"Ein Ferrari ist wie eine Aktie", meint auch der Hamburger Händler Wichelhausen. Heißester Blue Chip an der Auto-Börse ist seit Monaten der (kaum straßentaugliche) Ferrari F 40, ein 324 km/h schneller und 478 PS starker Donnerkeil. Unter einer Million ist auf die Schnelle keiner zu haben. Ein japanischer Geschäftsmann zahlte kürzlich sogar 1,8 Millionen Mark. "Und ich muß das Auto zum Listenpreis von 444 000 Mark hergeben", klagt Verkäufer Wichelhausen.
Die Hysterie um die 1946 gegründete italienische Traditionsmarke, deren Rennwagen schon 17 Weltmeistertitel in der Formel 1 errangen, hat mittlerweile auch Normalverdiener erfaßt. Billige Karosserie-Nachbauten aus Kunststoff, preisgünstig auf die Chassis amerikanischer oder japanischer Großserienautos geschraubt, ermöglichen auch Durchschnittsbürgern den Einstieg - daß unter der Haube ein Nissan-Motor brummt, würde wirkliche Ferraristi allerdings stören.
Zuweilen endet die Gier nach den echten Rennern aus Maranello tödlich. Seit letzter Woche muß sich der Unternehmersohn Mathias Mönch vor dem Frankfurter Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe seine Eltern durch einen gedungenen Killer ermorden lassen.
Vermutetes Motiv der Greueltat: Zum 18. Geburtstag hatten ihm die Eltern statt des dringlich gewünschten Ferrari einen gebrauchten Opel geschenkt. #

DER SPIEGEL 16/1989
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