23.01.1989

RUDOLF AUGSTEIN

Erst Wüstensand, dann Genschergate

Von Augstein, Rudolf

Man konnte es erwarten, man durfte darauf wetten: William Safire würde das Echo auf seinen "Auschwitz im Wüstensand"-Vergleich nicht klaglos hinnehmen. Ich hätte ihm "impertinence" vorgeworfen, schreibt er; ja, das habe ich: Unverschämtheit. "So wenig Safires Wort in der Sache trifft", meint Gunter Hofmann in der "Zeit", "so genau trifft es dennoch einen Nerv."

Richtig. Weil Safires Wort in der Sache nicht trifft, trifft es den Nerv. Wir sollen denken, die Deutschen seien schon wieder soweit, bei der Vergasung der Juden Israels mitzuwirken (Safire: "Keiner hat den Mut, von einem Genschergate zu sprechen"). Sollen wir daraus auch noch schließen, die USA würden einer Vergasung der Juden Israels tatenlos zusehen?

Mit mir selbst hatte ich gewettet, daß Safire den Namen Goebbels einführen würde, wie andere Dummbeutel auch, und siehe da: Augstein "hat sich zu eigen gemacht, was Goebbels' Ministerium eine Propagandalüge zu nennen pflegte". Mit solchen Leuten ist kein Reden.

"Rudolf the Red-faced Presslord" - das bin ich - muß den Redakteuren des SPIEGEL angeblich das Recherchieren erlauben, von sich aus dürften sie das nämlich nicht; schon gar nicht, wenn es um die Regierung Kohl-Genscher-Stoltenberg geht.

William, eine Frage: Ist Ihre Regierung bereit, eine Ächtung der C-Waffen durch Kontrollen in der chemischen Industrie zu ermöglichen? Bisher war sie es nicht, bisher ist sie es nicht. Ist sie bereit, die Produktion von B- und C-Waffen einzustellen? Offenkundig nicht, auch wenn andere dazu bereit wären.

In die Töpfe ihrer Giftküche möchte Ihre Regierung sich nicht gucken lassen. Es muß aber die chemische Industrie vor Ort kontrolliert werden, und das wollen Sie nicht. Warum mich also mit Goebbels in einem Atemzug nennen? Warum nicht zugeben, daß die USA gegen den Willen der deutschen Bevölkerung chemische Waffen in Rheinland-Pfalz stationieren?

Es stimmt, das Verhalten der Bundesregierung in Sachen B- und C-Waffen ist skandalös. Aber gibt es nur bei uns das, was Sie "Todeskrämer" nennen? Gibt es bei Ihnen keine "merchants of death"? Ist Ihrer Regierung der Begriff "cover-up" fremd? Hat Ihre Regierung "Tow"-Raketen an die "Gemäßigten" eines Landes verschickt, das von ihr kurz zuvor noch als von Terroristen beherrscht gebrandmarkt worden war?

Darüber läßt sich reden, aber doch nicht in Tönen der Hysterie. Das "Du ja auch" ist kein gutes Argument. Und schon gar nicht braucht die deutsche Presse Ihre Ermutigung, sich nicht einschüchtern zu lassen. Speziell der SPIEGEL kann diese Ermahnung nur als die eines Komikers empfinden.

"Haben die Deutschen das Recht, im Unrecht zu sein?" schrieb darum der Kolumnist Richard Cohen in der "Washington Post". Das hören wir gern, aber wir antworten: "Nein, die deutsche Regierung hatte nicht das Recht, derart im Unrecht zu sein und derart lange im Unrecht zu verharren."

Die Sache hat zwei Seiten. Einmal interessiert sich Kanzler Kohl nicht für Vorgänge, die ihm bei Wahlen nicht schaden können. Und dann hat er in Waldemar Schreckenberger einen hohen nachrichtendienstlichen Beamten zur Seite, der in sich ein "cover-up" ist.

Es gab bisher keine Gesetze? Dann müssen neue Gesetze her. Sie sind nicht scharf genug? Dann eben schärfere. Kohl interessiert nicht das Problem als solches, das durchaus seine moralische Seite hat, sondern die jüdische Lobby in den USA, deren Macht er richtig einschätzt.

Es wäre aber ungerecht, Kohl und seine Koalition allein verantwortlich zu machen. Auch die SPD-Kanzler haben stets weggeguckt, wenn es um die Interessen der Industrie ging, von Adenauer und Erhard ganz zu schweigen. Warum sollen wir die einzigen sein, so wurde argumentiert, die sich eine doppelte Buchführung nicht leisten dürfen?

Dies war nie eine sehr moralische Position? Nein, gewiß nicht. Aber man muß zugeben, daß die westlichen Alliierten die politische Doppelmoral im Tornister mitgebracht haben. Israel selbst, das sich mit Kurt Waldheim nicht abfinden mag, hat sich mit dem weitaus stärker belasteten Hans Globke sehr wohl abgefunden. Ein nützlicher Nazi war dann eben kein Nazi gewesen. Auch die US-Regierung hat jene japanischen Ärzte, die Menschenversuche durchgeführt hatten, nicht vor Gericht gestellt, sondern in die USA verbracht, damit sie ihre Versuche ungestört auswerten konnten.

Man kann auch den Einfluß des verstorbenen Franz Josef Strauß gerade auf dem Gebiet des Waffenexports schwerlich überschätzen. Er wünschte sich die Bundesrepublik als Waffenschmiede für alle Welt. Er war vernarrt in Waffen und deren Technologie. Wie hätte man auch aus dem Schatten Hitlers wirksamer heraustreten können als durch florierenden Waffenexport?


DER SPIEGEL 4/1989
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