22.05.1989

Viel Geld für eine Affenfahrt

Die Tricks der illegalen Einwanderer und ihrer kriminellen Schlepperorganisationen

Der Andrang illegaler Einwanderer aus Osteuropa und der Dritten Welt in das Wohlstandsland Bundesrepublik steigt, Schlepperbanden weisen die Schleichwege über die grüne Grenze und kassieren kräftig ab. Den Immigranten droht, werden sie geschnappt, zumeist Abschiebung in ihre Heimat, die Hintermänner sind kaum zu fassen.

Die Leiblach beim bayrischen Lindau, Grenzfluß zwischen Österreich und der Bundesrepublik, ist sechs Meter breit und führt häufig wenig Wasser. "Da macht man einen Sprung", sagt Erich Knestel von der Grenzpolizei, "und dann ist man drüber."

Leicht haben es illegale Grenzgänger auch auf den Wanderpfaden südlich vom Tegernsee, etwa zwischen dem Gasthaus Valepp und der Erzherzog-Johann-Klause: Ein Rinnsal zwischen blühendem Enzian markiert die Grenze.

Doch auch dort, wo der Weg weit beschwerlicher ist, versuchen viele ihr Glück. Aus der eisigen Saalach bei Salzburg, die von den Pinzgauer Bergen herunterkommt, retteten Gendarmen und Sanitäter vor wenigen Wochen eine Gruppe junger Ungarn: Wimmernd kauerten die drei Flüchtlinge auf einer winzigen Insel inmitten des 3 Meter tiefen und 50 Meter breiten Flusses. Immer wieder müssen österreichische Beamte Türken, Rumänen, Libanesen, Syrer, Perser und Polen aus den Fluten holen. "Lauter arme Teufel sans", sagt Josef Gruber, Revierinspektor im nahe gelegenen Wals-Siezenheim, "gescheitert knapp vor dem großen Ziel."

Illegale Einwanderer aus Osteuropa und den Ländern der Dritten Welt lassen sich, gegen Geld, von international organisierten Schlepperbanden den Weg über die grünen Grenzen weisen. Die Schwarz-Immigranten schleichen sich über die Berge zwischen der Bundesrepublik und Österreich, wandern übers platte deutsch-dänische oder deutsch-holländische Grenzland und pirschen durch Belgiens Wälder.

Doch diesseits der Grenze endet für einige der Flüchtlinge der lange Marsch ins gelobte Land. Polizei und Bundesgrenzschutz (BGS) machen Jagd auf die Grenzgänger, denen, werden sie geschnappt, meist Abschiebung droht.

Als etwa die beiden jungen Türken Cahit Erdogan und Metin Karaca** am 18. März, kurz vor 21 Uhr, über die Eisenbahnbrücke Bregenz-Lindau von Österreich nach Deutschland wechselten, liefen sie direkt in eine Polizeifalle. Vier Beamte, die in einem grenznahen Gartenhäuschen auf der Lauer gelegen hatten, nahmen die beiden fest.

Erdogan und Karaca mußten sich mit erhobenen Händen und gespreizten Beinen nach Waffen filzen lassen; Pässe und Geld wurden ihnen abgenommen. Die Türken wurden mit Handschellen zusammengeschlossen, erkennungsdienstlich behandelt und in eine Zelle gesperrt.

Während der polizeilichen Aktion im Bereich Lindau, bei der 30 Münchner Bereitschaftspolizisten die bayrische Grenzpolizei verstärkten, warteten an dem März-Wochenende Beamte mit Infrarot-Nachtsichtgeräten hinter Bäumen und Hügeln auf die heimlichen Einwanderer. Fahrzeuge der Polizei waren unter Tarnnetzen versteckt, Oberbeamte inspizierten unauffällig die verdeckten Posten.

Bilanz des Wochenendes: 33 Festnahmen, in allen Fällen wurde der Rücktransport der Ausländer behördlich angeordnet. Einige der Gestellten hatten gar nicht erst den Wunsch nach Asyl geäußert; den anderen, die Asyl begehrten, wurde schlankweg unterstellt, sie hätten den Antrag mißbräuchlich vorgebracht.

Deutsche Ämter glauben kaum einem erwischten illegalen Grenzwechsler, daß er in seinem Heimatland politisch verfolgt wird - und entziehen ihn durch rasche Abschiebung einem ordentlichen Asylverfahren. Tatsächlich spricht einiges dafür, daß die meisten dieser Immigranten hier nicht Schutz vor Verfolgung suchen, sondern vor allem ein besseres Leben als in den Ländern ihrer Geburt.

Immer mehr Zuwanderer kommen, heißt es in einer Schweizer Regierungsstudie, "als Fordernde, als mobile Welt-Unterklasse, die beansprucht, was ihr Rechtens erscheint". Die interkontinentale Fluchtbewegung nach Europa werde, so die Berner Experten, aufgrund explosiver Bevölkerungszunahme, düsterer wirtschaftlicher Aussichten und zunehmender Konflikte in der Dritten Welt weiter stark zunehmen.

Weil die grünen Grenzen häufig so gut wie offen sind, wird nach Expertenansicht nur ein Bruchteil der illegalen Einwanderer gestellt. Aus oft abenteuerlichen Schilderungen des Reiseweges können Grenzbeamte nur selten konkrete Hinweise auf die Schlepperorganisationen gewinnen, die ihrer Kundschaft das Blaue vom Himmel herunter versprechen.

So berichtete Ahmed Nalcran, 44, ein Kurde aus der Ost-Türkei, nach seiner Festnahme den Polizisten im bayrischen Freilassing, "die Leute" in Salzburg hätten ihm "in Deutschland Visa und Arbeit" in Aussicht gestellt, dafür habe er fast 10 000 Mark bezahlt. Näheres über die Schleuser wollte Nalcran ("Bei Allah, nein") nicht preisgeben: "Sonst bringt die Organisation meine Familie um."

Nalcran hatte, wie viele Kurden, die Einreise von Österreich aus schon mehrfach versucht. Als er das vorletzte Mal erwischt und abgeschoben wurde, stempelten ihm bayrische Grenzer einen entsprechenden Sichtvermerk in den Paß. Als Nalcran an der österreichischdeutschen Grenze erneut gefaßt wurde, fehlte das Amtssiegel in den Dokumenten. Bei der Polizei schwindelte Nalcran: "Mein Naßrasierer ist mir in der Brusttasche zwischen die Seiten des Passes geraten und hat den Stempel wahrscheinlich weggekratzt."

Schleuser sind nicht nur illegalen Grenzwanderern behilflich, sie rüsten massenweise auch Flugpassagiere mit gefälschten Papieren aus. Der BGS sieht sich hilflos gegenüber dieser Form international organisierter Kriminalität: Die Schlepper, berichten die Grenzer, meiden die Bundesrepublik und wechseln im Geschäftsverkehr mit ihren Kunden ständig den Namen.

Kommt es doch mal zu einem Verfahren bei der Staatsanwaltschaft, klagen BGS-Beamte, dann würden die Ermittlungen meist "wegen unbekannten Aufenthalts" der Beschuldigten eingestellt. Zudem würden Schlepperaktionen "noch immer vielfach als Bagatellkriminalität angesehen".

Mehrere hunderttausend Ausländer, schätzen Fachleute, halten sich ungesetzlich in der Bundesrepublik auf. Die illegale Einwanderung, prognostiziert der BGS, werde unvermindert anhalten. Spürnasen an den Kontrolldesks und Fahndungsgruppen des Grenzschutz-Einzeldienstes wiesen 1988 zwar 60 Prozent mehr Illegale (6576) als 1987 ab, doch die Zahl der Schleuseraktionen (778), die an Ort und Stelle vereitelt werden konnten, war auch voriges Jahr bescheiden.

Erst wenn Illegale Asylanträge stellen, wenn sie beim Betteln, bei der Wohnungssuche oder als Schwarzarbeiter im Inland auffallen, läßt sich der Weg ihrer Einreise rekonstruieren.

Ohne gleich entdeckt zu werden, kamen 1988 mindestens 2900 Türken, 1270 Rumänen und 400 Iraner über die deutsch-österreichische Grenze ins Land. Gut 1600 Illegale, darunter 490 Libanesen und 350 Pakistani, schafften es, unbehelligt aus Holland einzureisen.

Aus Frankreich und Belgien mogelten sich jeweils rund 900 Ausländer, vor allem Pakistani, Libanesen, Inder und Türken, über die grüne Grenze. Unbeliebter bei der illegalen Einreise scheinen die Routen über die Schweiz (300) oder Dänemark (100).

Voriges Jahr wurden 123 875 Ausländer zurückgewiesen, die so taten, als ob sie Touristen wären, aber in Arbeitskleidung und ohne Reisegeld dastanden. Zahlreiche Illegale, die mit Paß-Falsifikaten über westdeutsche Flughäfen einreisen wollten, scheiterten an den Dokumententests mit Ultraviolett-Licht. Neueste Masche: Nicht der Paß, sondern der Aufkleber mit dem Sichtvermerk ist falsch.

Menschen aus Sri Lanka kamen mit kanadischen Flüchtlingsausweisen, denen das Wasserzeichen fehlte. Andere Einwanderer hatten Phantasie-Pässe dabei: von der "Hutt River Province" zum Beispiel, dem 75-Quadratkilometer-Reich eines Spinners in Australien, von der "Republik Sealand", einer verlassenen Bohrinsel, oder von einem Verein "Der Freie Ausländer", den der baden-württembergische Baby-, Organ- und Visa-Vermittler Rainer Rene Graf Adelmann von Adelmannsfelden betreibt.

Äthiopier nutzen gern Reiseausweise von Landsleuten, die schon in der Bundesrepublik leben. "Gelingt damit der Grenzübertritt", erfuhr BGS-Dezernent Marc Hellenthal, "erhält der Besitzer den Paß zurück. Gelingt er nicht, meldet der Besitzer den Verlust des Passes - natürlich vordatiert."

Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), deren Kölner Dependance als terroristische Vereinigung verfolgt wird, gilt dem Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) als besonders unverfrorene Schleuserorganisation. PKK-Funktionäre, die in der Bundesrepublik mehrerer Morde verdächtigt werden, waren "auf Weisung ihrer Parteizentrale" (Bundesanwaltschaft) illegal eingereist.

Das Bundesinnenministerium hat den Fluglinien inzwischen zur Auflage gemacht, Passagiere aus Staaten mit Visumpflicht nur dann in die Bundesrepublik zu befördern, wenn ein Sichtvermerk im Paß steht. Halten sich die Kontrolleure nicht an das umstrittene Gebot, müssen die Airlines 2000 Mark Aufwandsentschädigung pro widerrechtlich transportierten Fluggast an die deutsche Staatskasse zahlen.

Doch vor allem Iraner, die dem Schreckensregime in Teheran entfliehen, schlüpfen immer wieder, hauptsächlich auf dem Istanbuler Flughafen, durch die Kontrollen. "Perfekte Fälschungen" von Ausweisen und Visa, so Zeynep Güvendi, Repräsentantin der türkischen Fluglinie Türk Hava Yollari, könnten von "geschulten Laien" ihrer Firma "beim besten Willen nicht" identifiziert werden. Deshalb werde ihre Gesellschaft die von Bonn geforderten 2,2 Millionen Mark Entschädigung nicht zahlen.

Zum Beweis legte die Juristin in einem Verfahren vor dem Münchner Verwaltungsgericht einen Ausweis vor, der den Richtern als "tadellos" erschien. Doch ein Gutachter vom Grenzschutz kam rasch zu einer anderen Diagnose: eine mittelmäßige Fälschung.

So gelingt es den Schlepperorganisationen immer wieder, ihre Kundschaft durch alle Kontrollen zu bringen. Selbst wenn sie schon in der Bundesrepublik sind, werden viele der illegalen Einwanderer von den Schleuserbanden weiter geschröpft.

Zwei feine Dauergäste auf Sylt, die Geschwister Dschehangir und Aschraful aus Bangladesch, schleusten Landsleute in mehrere Städte am Niederrhein und ließen sie dort Asylanträge stellen, um Sozialhilfezahlungen beziehen zu können. "Abdus", ein Komplize des Duos, zog bei den Kunden vor Ort einen Großteil der Sozialhilfebeträge ein. Meistens beließ er den Asylanten nur ein Taschengeld.

Dafür war Abdus ihnen jeweils mit einer passenden Legende behilflich, samt allerlei Stempeln, gefälschten Arbeitspapieren und sogar Blanko-Haftbefehlen von Bangladesch. Die hingebogenen Lebensläufe weckten keinen Verdacht. Doch als zwei der Geschröpften bei der Polizei über die lange erduldete Ausbeutung berichteten, wurden die Schlepperchefs leichtsinnig: Das Brüderpaar rauschte aus Westerland an und rechnete gewalttätig, unter Einsatz von "Stöcken und anderen Waffen" (Polizeiprotokoll), mit den Verrätern ab.

Die Akteure und ihr Kumpan wurden in Abschiebehaft genommen. Erst als die Konten des Trios überprüft wurden, erkannten die Fahnder, daß sie auf ein Schleppernetz gestoßen waren: Sie fanden mehrere Überweisungen von je 3500 Dollar an Adressen in Bangladesch und ein beträchtliches Aktien-Vermögen. Erst jetzt fiel den Behörden auf, daß der Asylbewerber Abdus in den Jahren zuvor mehrfach zurück nach Bangladesch geflogen und unbehelligt zurückgekommen war - aus einem Land, in dem er angeblich verfolgt wurde.

Unter Studenten aus Zaire, die in Brüssel leben, gilt eine andere Masche als besonders lukrativ: Immer wieder kommen Afrikaner bei Aachen über die grüne Grenze oder reisen legal mit einem Besuchervisum ein. Auf einer Toilette, zum Beispiel im Bahnhof von Köln oder von Mönchengladbach, ziehen sie sich um und deponieren Kleider nebst Papieren in einem Schließfach. In abgerissener Kleidung stellen sie dann, mit einem zweiten, gefälschten Paß, unter anderem Namen beim örtlichen Ausländeramt Asylanträge. Danach kassieren sie schon mal 514 Mark Sozialhilfe und 397 Mark Kleiderbeihilfe vom Sozialamt.

"Wenn sie das nacheinander in mehreren Städten machen", vermutet der Aachener Ausländer-Experte Rolf Schupp, "sind schnell 4000 Mark zusammen." Manche, staunen BGS-Beamte, "sprechen sogar mit geliehenen Frauen und Kindern vor, weil Familien mehr Geld kriegen".

Auch Arbeitslosenunterstützung (Alu) wird illegal abkassiert. Jedes Jahr entsteht dadurch, schätzt die bayrische Grenzpolizei, ein Schaden von 50 bis 100 Millionen Mark. Vor allem Jugoslawen sind in Bayern mit dem Dreh erfolgreich. Eine Sonderkommission hat binnen zwei Wochen 74 Täter festgenommen.

Viele dieser Zuwanderer, nach Ablauf ihrer Arbeitsverträge in der Bundesrepublik arbeitslos gemeldet, betreiben in Jugoslawien ein Geschäft. Regelmäßig kommen sie auf Stippvisite, um Alu abzukassieren. "Da werden Einreisestempel unleserlich gemacht oder Bestechungsversuche mit einem Geldschein im Paß gestartet, damit der Stempel vergessen" werde, meldet die bayrische Grenzpolizei.

Viele Tricks fallen, wenn überhaupt, erst später auf. Zwar werden von einmal erkannten Asylbetrügern routinemäßig Fingerabdrücke genommen. Doch für den Vergleich der Fingerprints muß die Koblenzer BGS-Direktion zur Bekämpfung der illegalen Einreise von Ausländern das Wiesbadener Bundeskriminalamt um Amtshilfe bitten.

Dort aber, wo die Fingerabdrücke von 1,6 Millionen Menschen computergerecht verdatet werden, hat der Grenzschutz wegen der Masse von Fingerabdrücken derzeit "einen Auftragsstau von vier Wochen", so der BGS-Führungsbeamte Hilmar Dinglreiter. Wenn das BKA auch gelegentlich akute Schlepperfälle vordringlich bearbeitet, bleiben viele Delikte lange unentdeckt. "Bis nach einigen Monaten etwas auffällt", sagt der Aachener Spezialist Schupp, "sind die Leute doch längst wieder in Belgien oder wer weiß wo."

Unentdeckt bleibt meistens auch die illegale Einreise von jährlich schätzungsweise 150 Pakistani und etwa je 100 Libanesen, Indern und Türken über Frankreich. Die grünen Grenzgänger kommen oft im saarländischen Naßweiler ins Land. Die deutsche Dorfstraße läuft dort parallel zur französischen Route Nationale 3, nur ein Mittelstreifen mit Trampelpfad markiert die Grenze.

Französische Taxifahrer aus Metz und deutsche Kollegen aus Saarbrücken bringen ihre Fahrgäste zur Nationalstraße 3, setzen sie dort diskret ab und geben ihnen den Rat, wenige Minuten später auf deutscher Seite zu warten. Die Droschken fahren dann leer über den Grenzübergang und nehmen die Kunden wieder auf. Bei solch einer "Affenfahrt", wie der Ausländer-Import unter saarländischen Chauffeuren genannt wird, "ist eine Menge Geld zu verdienen".

Auf Einsätze an solchen Schleichwegen über die grüne Grenze sind acht motorisierte Fahndungsgruppen des BGS-Einzeldienstes spezialisiert. Doch nur selten fassen die Grenzer wirklich mal einen der Hintermänner der Schlepperorganisationen.

So wurde im Februar in Kiefersfelden ein österreichischer Schleuser geschnappt, der für mehr als 4000 Mark den Transfer von Türken von Wien nach Hamburg organisiert hatte. Der Mann war wegen seines auffälligen Lebensstils in Verdacht geraten. Als genug Beweismaterial vorlag, erwirkte die Grenzpolizei einen Haftbefehl. Beamte durchsuchten gerade den BMW des Schleppers, als dort das Autotelephon läutete. Ein Grenzer hob den Hörer ab und hörte einen "Hasan" in der Leitung: "Wo bleiben die Leute denn, hör mal!" Der Fahnder vereinbarte ein Treffen am Münchner Hauptbahnhof. Daß es eine Falle war, merkte "Hasan" erst bei seiner Festnahme.

Eine Sonderkommission der Münchner Polizei ist derzeit drei Organisationen auf den Fersen, die auch Rumänen Schleichpfade nach Bayern weisen. In einem Fall wird ein 74jähriger Rechtsanwalt des doppelten Betrugs beschuldigt: Er will rund 400 Rumänen "durch Bestechung herausbekommen" haben. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft München I täuschte er den Menschenschmuggel jedoch nur vor, um von Verwandten der Ausreisewilligen insgesamt drei Millionen Mark zu kassieren.

Geleimt und getrickst wird oft in der Branche, vor allem wenn es für 1000 bis 2000 Mark Schleusergebühr pro Kopf um den Sprung über die letzte, die deutsche Hürde geht. Ein türkischer Busfahrer mit einer Fuhre von "Jünglingen, Hochschwangeren, Säuglingen und Greisen" (ein Gendarmeriebeamter) war kürzlich besonders hinterhältig. Vor dem Autobahngrenzgebäude am österreichischen Walserberg angelangt, ließ er seine 30 Passagiere aussteigen: "München Hauptbahnhof!" verkündete er den ahnungslosen Leuten aus Anatolien und brauste davon. Keiner der Türken hatte Pässe, Geld oder Proviant dabei.

Geschäfte größeren Stils machen Schleuser, die ihre Kundschaft auch noch regelmäßig Rauschgift transportieren lassen: Mit Heroinpäckchen werden Tickets, Fälscherhonorare und Bestechungsaktionen finanziert.

Eine dieser Gruppen mogelt ihre Kunden von Teheran über Karatschi nach Frankfurt. Dann reisen einige über Hamburg, Kopenhagen oder Stockholm weiter in die USA. Wer es schließlich bis Florida geschafft hat, lockt Freunde und Brüder per Übersee-Telephonat auf den gleichen Trip. Daß sie mehr oder weniger ahnungslos als Heroinkuriere fungieren, ist beim BKA bekannt.

Wenn die Iraner das Flughafengebäude in Sahedan nahe der pakistanischen Grenze verlassen haben, halten sie nach einem weißen Toyota-Lieferwagen Ausschau. Der Fahrer nimmt für einen illegalen Grenztrip ins erste Dorf auf pakistanischer Seite 1200 Mark pro Person; sein Lieblingsspruch heißt: "Wenn das Auto unterwegs kaputtgeht, sterben wir beide."

In Pakistan übernehmen Profis die Wüsten-Tramps: Sie werden neu eingekleidet und photographiert, ihre Habseligkeiten in nagelneue Koffer umgepackt. Dann geht es, immer sonntags, nach Karatschi, wo frisierte Pässe und Tickets nach Frankfurt bereitliegen. Ein Vertrauensmann in Frankfurt erfährt jeweils am Telephon, wann er seine Schleuser zur Ankunft einer pakistanischen Maschine in die Halle C des Rhein-Main-Flughafens beordern muß.

Der Kaviar, den die Iraner durch den Zoll bringen und dann sichtbar bei sich tragen, ist so etwas wie ein Code: Ein "Hussein", wie er sich nennt, spricht die angeblichen Touristen an und zahlt "300 Mark pro Kilo".

Hussein hat Restaurants und Privatleute in Bad Homburg, Mannheim, Mainz und Wiesbaden an der Hand, die ihm für die schwarze Delikatesse aus dem Kaspischen Meer gut das Doppelte zahlen. "Klaus", sein deutscher Kompagnon, besorgt Elektrorasierer und Taschenrechner für Tauschgeschäfte, an denen das Flugpersonal interessiert ist.

Der Schwarzhandel kaschiert die Geschäfte mit der eigentlichen Ware: Ein Helfer Husseins zeigt den Neuankömmlingen Frankfurts Bahnhofsviertel. Derweil werden die Koffer der Angereisten in der angemieteten Absteige von Helfern ausgeweidet: Jeweils 100 bis 300 Gramm Heroin, in Folie verpackt, sind in den Seitenwänden zu finden. Der Stoff wird getestet, abgewogen und in Melitta-Gefrierbeutel umgepackt.

Wenn alles gutgegangen ist, wird dem Kurier die Weiterreise in die USA spendiert. Sie beginnt in einem Intercity nach Hamburg, bis zum Abflug ist ein mehrwöchiger Aufenthalt in einem Hotel im Rotlicht- und Drogenviertel St. Georg inklusive.

Die Hotels hinterm Hamburger Hauptbahnhof dienen auch anderen Schleppern als provisorische Unterkunft für ihre Kunden. Die Kripo der Hansestadt hob Ende März drei Wohnungen aus, nahm vier Iraner fest und ließ einen Schleuserring hochgehen. Dessen Geschäfte waren bestens dokumentiert, weil alle Abrechnungen, säuberlich abgeheftet, in einem Berg von Aktenordnern lagen. Anlaufstelle der Kunden war ein Reisebüro im Zentrum von Istanbul, das gefälschte Papiere verkaufte.

Wer am Frankfurter Flughafen aufflog, stellte einen Asylantrag, um zunächst einmal die Abschiebung zu verhindern. Später nahmen die Scheinasylanten wieder Kontakt zu den Schleusern auf, die ihnen als neue Station Hamburger Hotels nannten. "Die tauchen in einer dieser Klitschen am Hauptbahnhof ab und warten, bis der Paßkurier kommt und ihnen neue Papiere bringt", weiß der Flensburger Grenzschützer Hans-Joachim Haack.

Die Weiterreise nach Dänemark, zum Beispiel in gemieteten Kleinbussen über Kupfermühle, "ist organisiert wie bei TUI", sagt Haack-Kollege Klaus-Peter Held. Der "Drang nach Norden" nehme gewaltig zu, weil anerkannte Asylbewerber 80 bis 90 Prozent eines dänischen Durchschnittsgehalts als Sozialhilfe bekommen. Held: "Das weckt natürlich die Neugier."

Doch nur die wenigsten, die sich auf den Weg nach Skandinavien machen, können dort auch wirklich bleiben. Jeder Flüchtling, der gefälschte oder ungültige Papiere vorweist, wird abgeschoben.

Anders als in der Bundesrepublik, wo nach Schätzungen nur jeder zehnte illegale Immigrant auffliegt, verbucht Dänemark mehr Erfolg. "Wer bei uns reinrutscht", sagt Grenzpolizist Roland Lorenzen im dänischen Grenzort Padborg, "der wird auch geschnappt - wenn nicht gleich hier, dann in den Fährhäfen oder in Kopenhagen."

So haben die Dänen dem Flensburger Grenzschutzamt voriges Jahr gut 1000 illegale Grenzgänger übergeben. In den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es schon an die 250.

Daß der Dienst an der Grenze und die Überwachung der deutschen Hoheit gelegentlich auch unkalkulierbare Risiken in sich birgt, erwies sich unlängst an der Leiblach bei Lindau, wo es zu einem Feuergefecht mit Blutvergießen kam.

Zwei Bereitschaftspolizisten aus München lagen in einer Hütte auf der Wacht, als sich zwei Gestalten anschlichen und plötzlich die Tür aufrissen. Einer der Eindringlinge schoß, ein Bereitschaftspolizist erwiderte das Feuer und traf den Angreifer in den Unterarm.

Laut Polizeibericht waren Ausländer an dem Duell im Dunkeln allerdings nicht beteiligt: Zwei "unabhängig voneinander eingesetzte Streifen" hätten sich "gegenseitig für illegale Grenzgänger gehalten" und sich "unmittelbar bedroht gefühlt". #


DER SPIEGEL 21/1989
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