26.06.1989

„Das Judentum hat ausgeträumt“

Die Nazi-Vergangenheit der führenden CDU-Spendensammler
Helmut Kohl hatte nur eine vage Erinnerung. "Buwert? Buwert?" fragte er zögernd im Mainzer Parteispendenausschuß, um dann zu ergänzen: "Ich habe Dr. Buwert vor ein paar Jahren, glaube ich, einmal gesehen. Er ist doch von der Staatsbürgerlichen Vereinigung?"
Das war reichlich untertrieben, Hans Buwert ist schließlich nicht irgendwer. Er war Gründungsmitglied der Staatsbürgerlichen Vereinigung (SV), prüfte deren Bilanzen, führte die Geschäfte und war ihr Präsident. Er habe "mit Hilfe einer Sekretärin", schrieben Steuerfahnder, "den vor dem Finanzamt verborgenen Spendenhandel organisiert".
Vor dem Untersuchungsausschuß sollte Kohl, vormals Ministerpräsident in Mainz, im Juli 1985 Auskunft geben, was er von den Aktivitäten der Geldsammelstellen im Lande wußte und ob er die Rolle der SV als Geldwaschanlage und Finanzierungsinstitut der Union kannte.
Mag sein, daß Kohl eine engere Verbindung zu Buwert abstritt, weil er sich nicht dem Verdacht der Beihilfe zur Steuerhinterziehung aussetzen wollte; mag aber auch sein, daß ihm die Nähe zu den Vereinslenkern aus anderen Gründen peinlich ist.
Denn in der SV waren, bislang in der Union schamhaft verschwiegen, etliche alte Nazis am Werk. Deren Vergangenheit war in der Unionsspitze bekannt, störte aber nicht, solange das Geld floß.
Buwert, Berliner des Jahrgangs 1897, war seit 1935 Hauptschriftleiter des NS-Kampfblattes "Die nationale Wirtschaft", das er zehn Jahre lang redigierte. Über die Zeitschrift schrieb er, ein Protege des Ministers, Reichsführers des "Nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes" (NSRB) und späteren Generalgouverneurs im besetzten Polen Hans Frank: "Sie will ein Spiegelbild nationalsozialistischen Wollens sein und den großen Kreis der Wirtschaftsrechtler geistig und weltanschaulich einigen."
Parteigenosse Buwert war vielfältig einsetzbar: als Redner ("Arbeitsbeschaffung durch Verbrauchslenkung") und Autor im "Nationalsozialistischen Jahrbuch", als Mitarbeiter der "Deutschen Arbeitsfront" oder als Ausschußmitglied der "Akademie für Deutsches Recht".
Im April 1938 ernannte Minister Frank den NSRB-Spitzenfunktionär zum "Reichsuntergruppenwalter Wirtschaftstreuhänder", womit Buwert der oberste seiner Gilde war; im ersten Kriegsjahr wurde ihm "die Aufgabe der Rationalisierung der gesamten Industrie im Sudetengau übertragen", wie die "Nationale Wirtschaft" berichtete.
Im dritten Kriegsjahr formulierte sein Blatt: "Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus" sei der "goldene Traum des Judentums in Deutschland, als erstem Land Europas, ausgeträumt". Als der Krieg schon als verloren galt, feuerte Buwerts Blatt noch mal an: "Die Parole für das 5. Kriegsjahr: Noch mehr, noch besser, noch schneller produzieren!"
Sein Chef im NSRB, der 1966 verstorbene ehemalige Flak-Hauptmann der Reserve, Otto Mönckmeier, war bei der Wortwahl manchmal noch markiger. Der promovierte Jurist, NSDAP-Mitglied seit 1930, empfand sein Amt, so schrieb er 1935, "als Kampf auf Leben und Tod gegen das liberalistische Lebensprinzip und seine Entartungserscheinung, die marxistische Ideologie".
Einfluß hatte er auch. Seinem Minister schlug Mönckmeier im Frühjahr 1939 vor, den "Reichsbankdirektor Dipl.-Kfm. Pg. Karl Blessing" zum "Reichsuntergruppenwalter" der Betriebswirte im NSRB zu ernennen. Frank erfüllte die Bitte. Nach dem Krieg wurde Blessing Präsident der Bundesbank.
Beim Übergang vom Dritten Reich in die Demokratie hatten auch Buwert und Mönckmeier kaum Probleme. Im Kreise alter Kameraden bauten sie die SV auf. Mit deren Geldern wurden auch der "Bund Freiheit der Wissenschaft", die "Notgemeinschaft für eine freie Universität, Berlin" und das "Notopfer Schlesien e.V." gefördert.
Heute fordert Buwert "Kampf den Spendenjägern". Den CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep und dessen Bevollmächtigten Uwe Lüthje beschimpft er als "Brunnenvergifter", weil sie auf Druck linker Staatsanwälte die Zusammenarbeit mit der SV aufgekündigt hätten.
Buwert, der bei der SV zuletzt ein Jahresgehalt von 500 000 Mark kassierte, lebt heute im Bergischen Land. Jüngst mußte er zur Kenntnis nehmen, daß der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) heimlich SV-Steuerschulden beglich: für die Erben des verstorbenen BDI-Präsidenten Fritz Berg und des Präsidiumsmitglieds Gustav Stein, die mit dem Buwert-Verein Spendengeschäfte abgewickelt hatten. In der CDU-Schatzmeisterei hieß die Aktion intern "Witwen-Inkasso". Ärgerlich für Buwert ist, daß seine Schulden, rund drei Millionen Mark aus steuerlichen Verpflichtungen der SV, offenblieben.
Ganz ohne Risiko ist es für Union und Industrielle nicht, den alten Verbündeten so zu mißachten. Buwert hat zahlreiche Telephongespräche mit führenden Unionspolitikern auf Tonband aufgezeichnet und erinnert sich noch gut an manche Begegnung mit Kohl.
Unter Verteidigern der Großspender wird die Anekdote erzählt, wie Buwert dem CDU-Vorsitzenden im Mainzer "Hilton"-Hotel auf SV-Rechnung ein üppiges Menü servieren ließ - beim Dessert ("Dame blanche") bat Kohl zweimal um Nachschlag.

DER SPIEGEL 26/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 26/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Das Judentum hat ausgeträumt“

Video 01:01

Wahlparty der Grünen "Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet"

  • Video "Wahlparty der Grünen: Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet" Video 01:01
    Wahlparty der Grünen: "Dieses Ergebnis hat die Partei gerettet"
  • Video "FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren" Video 00:37
    FDP-Wahlparty: Comeback nach vier Jahren
  • Video "AfD-Spitzenkandidat Gauland: Wir werden sie jagen!" Video 00:31
    AfD-Spitzenkandidat Gauland: "Wir werden sie jagen!"
  • Video "Bundestagswahlkampf im Netz: Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!" Video 03:19
    Bundestagswahlkampf im Netz: "Man kann gegen Social Media nicht mehr gewinnen!"
  • Video "Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand" Video 03:50
    Wahlkampf CDU vs. AfD: Stimmenfang am rechten Rand
  • Video "Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren" Video 00:34
    Hungriger Elefant: Futtersuche im Hau-Ruck-Verfahren
  • Video "Bus der Begegnung: Im Doppeldecker gegen Politikverdrossenheit" Video 03:26
    "Bus der Begegnung": Im Doppeldecker gegen Politikverdrossenheit
  • Video "Der Wahlabend: Live bei SPIEGEL ONLINE" Video 00:32
    Der Wahlabend: Live bei SPIEGEL ONLINE
  • Video "Australien: Krokodil greift GoPro an" Video 00:42
    Australien: Krokodil greift GoPro an
  • Video "Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017" Video 01:50
    Bundestagswahl in Zahlen: Rekordwahl 2017
  • Video "Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede" Video 00:59
    Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede
  • Video "Mittagspause an der Fischbude: Zwischen Stammtisch und Kubicki-Fanclub" Video 03:51
    Mittagspause an der Fischbude: Zwischen Stammtisch und Kubicki-Fanclub
  • Video "Super League Schweiz: FC-Sion-Präsident verprügelt TV-Experten" Video 01:15
    Super League Schweiz: FC-Sion-Präsident verprügelt TV-Experten
  • Video "Animation: So wird der Bundestag gewählt" Video 02:57
    Animation: So wird der Bundestag gewählt
  • Video "Inside Air Force One: An Bord des Doomsday Plane" Video 01:57
    Inside Air Force One: An Bord des "Doomsday Plane"