23.01.1989

„Eine der großen Leitfiguren der Welt“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Weizsäckers Empfang für Willy Brandt
Halb gerührt, halb belustigt überblickte Willy Brandt die Schar der prominenten Gäste, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu Ehren seines 75. Geburtstages geladen hatte. "Nun fehlt nur noch der liebe Gott", witzelte er am Freitag vergangener Woche. Kichernd ließ er offen, ob er damit den verspäteten französischen Präsidenten Francois Mitterrand meinte oder ob er den Hausherrn in Verdacht hatte, daß der womöglich noch einen besonderen Draht nach ganz oben hätte.
Es reichte aber auch so. Sieben Staats- und Regierungschefs, Minister und Parteiführer aus vielen Ländern sowie politische Repräsentanten der Bundesrepublik waren gekommen, um Willy Brandt zu feiern - "eine der großen Leitfiguren in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg", wie Weizsäcker sagte.
Auf seine typisch in sich versunkene Weise, manchmal schmunzelnd, manchmal entrückt, hatte der Gefeierte den preisenden Worten des Präsidenten gelauscht. Sie seien ihm "sehr nahe gegangen", bekannte er später, "das hat mir wohlgetan". Sogleich aber fing er aufkommende Rührung mit dem ironischen Zusatz ab: "Falls ich nicht noch große Dummheiten mache - was man ja bei Dummheiten nie wissen kann -, dann haben Sie für die Nekrologe gute Vorarbeit geleistet."
Es war diese Gebrochenheit, eine ständig changierende Mischung aus Nostalgie und persönlicher Bewegtheit, aktivem moralischen Engagement und kühlem politischem Kalkül, weiser Distanz und stichelndem Witz, die das Gipfeltreffen in der Tat zu jenem für Bonn "ganz außergewöhnlichen Ereignis" machten, das der Bundespräsident vorausgesehen hatte.
Einige hätten diese Zusammenkunft als "Geburtstagspolitik" gekennzeichnet, schmunzelte der Gastgeber, der in der Villa Hammerschmidt in die Tür zwischen zwei Räumen treten mußte, um die Versammelten insgesamt ansprechen zu können, was zur familiären Atmosphäre beitrug - zu Hause ist an hohen Familientagen auch immer zuwenig Platz. "Geburtstagspolitik" also sei, recht verstanden, ganz in seinem Sinne: "Wir wollen die Stimme von Willy Brandt ernst nehmen; deshalb fließen die Feier für sein Werk und verantwortliche Gedanken für die Zukunft ganz von selbst ineinander."
Es war ihnen allen so Ernst, daß sie sich Späße leisten konnten. Es ging so offenkundig um große Politik, daß sich einzelne nicht aufblasen mußten. Die meisten hatten so viel erlebt, daß sie wenig Worte brauchten. Personen und politische Überzeugungen, Erfahrungen aus der Vergangenheit und Hoffnungen auf die Zukunft, Umgangsformen und Redestil verschmolzen an diesem Nachmittag zu einer symbolischen Einheit, für die Brandt die Formel fand: "Politiker sollten ihr Menschsein weder in den täglichen Betriebsabläufen noch unter den Aktenbergen ersticken lassen."
So unterschiedlich sie sind, der Sozi und Antifaschist auf der einen, der konservative Großbürger, dessen Vater wegen Beteiligung am Nazi-Regime verurteilt wurde, auf der anderen Seite - mit Willy Brandt und Richard von Weizsäcker haben sich zwei Meister kreativer politischer Symbolik gefunden und befreundet. Selten hat Richard von Weizsäcker so viel über seine eigenen politischen Vorstellungen offenbart wie in seiner Rede über Willy Brandt.
An diesem Tag wollten sie der Welt, vor allem aber den aktiven Bonner Kollegen, einmal vorführen, daß Politik auch anderes sein kann als Kampf "um die Vorherrschaft der Schlagzeilen und der 30-Sekunden-Statements", wie der Präsident beklagte. Denn die Menschen, so warnte er, lernten "den extemporierten Patentrezepten und Schwarzweißmalern zu mißtrauen, den Kraftproben derer, die immer alles schon im Griff haben, der Machtdemonstration der Selbstsicherheit".
Es zuckte keiner zusammen bei dieser Rüffelei an die Politiker des schnellen Alltags - nicht Helmut Kohl und nicht Hans-Jochen Vogel, die sich an einem Tisch gegenübersaßen, nicht Hans-Dietrich Genscher und nicht Johannes Rau. Einmal haben sie alle die Kunst entwickelt zu glauben, es wäre der andere gemeint. Zum anderen aber war der Ton des Treffens so eindeutig auf Versöhnung angelegt, daß kein Mißklang aufkam. Selbst dann nicht, als der Präsident "die beinahe jugendbewegte Aufbruchstimmung" der Brandt-Regierung 1969 pries.
Ganz aufmerksamer Gastgeber, entschuldigte sich Richard von Weizsäcker dann, als er den polnischen Ministerpräsidenten Mieczyslaw Rakowski zum Rednerpult führte, im Vorbeigehen bei dem für seine Vorliebe für Süßes bekannten Bundeskanzler dafür, daß er leider noch ein wenig auf den Orangensalat mit Cointreau warten müsse. Und Kohl, der noch süffisant gelächelt hatte, als Weizsäcker das Brandt-Buch "Links und frei" erwähnte, schwamm später geradezu in geschmeicheltem Wohlbehagen, als der Jubilar ihm ausdrücklich dankte, daß er mit ihm am Vorabend ein Glas Wein getrunken habe: "Wir haben eben seit 1949 nicht nur viel gestritten", streichelte Brandt das Harmoniebedürfnis Kohls, "wir haben auch 'ne Menge zustande gebracht."
Damit aber, darin sind sich Weizsäcker und Brandt einig, darf es nicht zu Ende sein. Kohl, der wenig später mit Rakowski zu politischen Gesprächen zusammentraf, mußte eingebunden werden, um der von Brandt begonnenen Ostpolitik einen neuen Schub zu geben. Mit der "Gnade der späten Geburt" ist die "unermeßliche Verantwortung" (Weizsäcker) nach Auschwitz nicht zu tragen.
Mit verteilten Rollen redeten die beiden dem Kanzler, ohne ihn beim Namen zu nennen, ins Gewissen. Brandt mit Vorschußlorbeeren: "Herr Rakowski wird hoffentlich erfahren, daß das Jahr 1989 mehr sein kann als ein kleiner Schritt" in Richtung auf eine freiere und intensivere Zusammenarbeit mit Polen.
Richard von Weizsäcker hatte zuvor am dicken Fell seiner Landsleute gezerrt, nicht zuletzt an dem des Kanzlers: Wie Brandt mit seinem Kniefall vor der Gedenkstätte im ehemaligen Warschauer Getto auf ganz persönliche Weise die Verantwortung der Deutschen auf sich genommen habe - "das war wie das Zeichen eines Fremdlings unter Mächtigen. Ein tiefes Menschengefühl wurde zum Ausdruck eines Regierenden. Niemand hatte es erwartet, keiner hat es vergessen".
Nun ist Helmut Kohl - Bitburg und der Handschlag auf dem Schlachtfeld von Verdun haben es gezeigt - gewiß nicht unanfällig für die Macht symbolischer Gesten. Aber um sie so eindrücklich in Szene zu setzen, wie es von Weizsäcker und Brandt vermögen, jeder auf seine Art, dazu ist mehr nötig als ein einfallsreicher Fernseh-Drehbuch-Schreiber und Sinn für schnulzige Effekte. Dazu muß man gelebt und gelitten, sich seinen eigenen Irrtümern und Fehlern gestellt haben.
Daß an diesem Tag so unübersehbar viele versammelt waren, deren Gesichter von dieser Fähigkeit zeugen; so viele, die von "Menschenrechten" zu reden vermögen, ohne - wie Willy Brandt sagte - den Begriff in Falschgeld umzumünzen, das machte die Veranstaltung selbst zum Symbol: für eine Bundesrepublik Deutschland, die es auch geben könnte nach 40 Jahren Einübung.

DER SPIEGEL 4/1989
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