22.05.1989

WACKERSDORFNotfalls sprengen

Bayern will sich für das Debakel mit der Wiederaufarbeitungsanlage satt entschädigen lassen. Vorschläge für die Verwendung des Areals reichen vom Provinzflughafen bis zum Technologiezentrum.
Eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA), behauptete einst der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, sei "nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik". So unrealistisch der Vergleich war, so realistisch scheint mittlerweile die Aussicht, daß anstelle des Wackersdorfer WAA-Projekts "wirklich eine Fahrradfabrik" oder ähnliches gebaut wird - wie jetzt sogar CSU-Abgeordnete im bayrischen Landtag spotten.
Seit sich der Verzicht auf die WAA abzeichnet, gilt es bei der christsozialen Staatsregierung "als festgeklopft" (ein Sprecher der Staatskanzlei), daß Bayern auf dem Baugelände in der Oberpfalz überhaupt keine kerntechnische Anlage mehr zulassen will. Zur Umstellung auf ein Brennelemente-Zwischenlager sei der Freistaat, so Umweltminister Alfred Dick, "nicht im entferntesten bereit". Ministerpräsident Max Streibl: "Wir in Bayern sind keine Hampelmänner, die man hin- und herschieben kann."
Beim Abschied vom Atomprojekt gab sich auch Bayerns Wirtschaftsminister August Lang, bisher ein Wackersdorf-Befürworter, radikal ("Ich mag sie nicht mehr, die WAA"). Um Platz für eine industrielle Verwendung zu schaffen, müsse notfalls, wie der Minister vor Pfingsten bekundete, das bereits fertiggebaute Brennelemente-Eingangslager (Baukosten: rund 50 Millionen Mark) gesprengt werden.
Was statt dessen mit dem 170 Hektar großen Areal im Taxölderner Forst geschehen soll, wenn die WAA-Pläne begraben werden, ist noch nicht geklärt. Zwar sichtet die Regierung laut Dick "bereits mögliche Alternativen für den Eventualfall". Doch die "Planspiele" (Dick) werden vorerst noch vernebelt. Dem "Einfallsreichtum der Beamten", verlautet aus der Staatskanzlei, "sind keine Grenzen gesetzt".
Bei der Oberpfälzer Bevölkerung und den Bürgerinitiativen kursieren neue Befürchtungen. Wenn anstelle der WAA nicht doch ein Zwischenlager oder eine Mischoxid-Brennelemente-Fabrik errichtet würden, dann kämen womöglich Pläne für eine Großkaserne und ein Munitionsdepot auf den Tisch. Von der Regionalpresse wurden eine Automobilfabrik und ein Computer-Projekt der Japaner ins Gespräch gebracht.
Der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer, 58, Anführer der WAA-Widerstandsbewegung, sähe im Wackersdorfer Nadelwald am liebsten einen kleinen Provinzflughafen, mit dem der Fremdenverkehr in der Oberpfalz und die mittelständische Grenzlandindustrie belebt werden könnten. Schuierer hätte aber auch nichts gegen ein "Technologiezentrum von europäischem Rang", wie es unter anderen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vorschlägt.
Die Möglichkeit, daß etwa der Siemens-Konzern in Wackersdorf eine Großanlage der Solarenergie-Technologie starten könnte, scheint noch am ehesten Sinn zu machen. Der Konzern hat über seinen Unternehmensbereich Kraftwerk Union als WAA-Hauptauftragnehmerin schon das meiste Geld in das hinfällige Projekt gesteckt. Siemens könnte zu günstigen Konditionen Nachfolger der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen als Bauherr und Besitzer des WAA-Geländes werden.
Dem Konzern böte sich, so BUND-Vorsitzender Hubert Weinzierl, die Gelegenheit zu "großen Innovationen" sowie zum Anschluß an die Technologie der Japaner und der USA bei "strukturpolitisch idealen Bedingungen": Das Terrain hat Bahnanschluß und Autobahnverbindung, es wird mit Wasser, Strom und Gas versorgt; die Region verspricht zudem billige Arbeitskräfte, Zulieferbetriebe und staatliche Grenzlandförderung.
Dennoch hat der Konzern vorerst keinen Appetit auf solche großen Happen. "Im Moment", sagt Siemens-Sprecher Eberhard Posner, "ist die Sonne kein Thema für große Investitionen." Das Unternehmen begnüge sich erst mal mit seinem neuen Pilotprojekt zur industriellen Produktion von Solarzellen in München-Freimann.
Noch weiter reichen Vorschläge von Grünen und SPD, die ebenfalls gern eine Siemens-Fabrik für Solarzellen in Wackersdorf angesiedelt sähen. Die SPD denkt zudem an Energiespeichertechnik aller Art. Dafür böten sich die nordbayrischen Porzellan- und Glasmanufakturen als "ideale Partner" an.
Die Grünen visieren gar eine autarke "Öko-Station Oberpfalz" an, in der beispielsweise "Null-Energie-Häuser" als Demonstrationsobjekte und zugleich als Ferienquartiere für Urlauber genutzt werden könnten. In Recycling-Projekten sollten nach Vorstellungen der Öko-Partei Waldabfälle zu energiereichen Holzbriketts und die Strohabfälle der Landwirtschaft zu Direktwärme verglüht werden. "Nach dem Negativsymbol Wackersdorf", so der Regensburger Physiker und Grünen-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Daniels, "käme aus der Oberpfalz so was wie eine Erleuchtung."
Die CSU-Regierung allerdings will sich noch nicht konkret äußern, welche "alternativen Produktionsstätten" (Finanzminister Gerold Tandler) für Wackersdorf in Frage kommen. Die Entscheidung hängt wesentlich davon ab, ob der Freistaat, wie erhofft, eine satte Entschädigung für die Auflösung des WAA-Projekts erhält.
Bei einer "großen Überschlagung der Kosten", die dem Land entstanden sind, rechnet Dick bereits eine Forderung an die Energieversorgungsunternehmen in Höhe von rund sechs Milliarden Mark als "realistisch" aus. Dabei gehe es nicht allein um eine Entschädigung für Planungskosten, fällige Verpflichtungen und Sozialpläne; vielmehr werde die "ganze Tragweite" erst erkennbar, wenn die WAA-Betreiber den Auflagen aus Grundstückskaufvertrag und Baugenehmigungen nachkommen müßten.
Speziell meinte der Minister die vertragliche Verpflichtung der Betreiber, das WAA-Gelände in den "Urzustand" zurückzuversetzen, falls die Atomfabrik zehn Jahre nach dem Baubeginn 1985 nicht in Betrieb gehen und der Staat von seinem Rückkaufrecht Gebrauch machen könne. Dann müßte alles abgerissen und das gesamte Gelände wieder aufgeforstet werden. Unverhohlen drohte Dick mit dieser "sehr kostspieligen Variante". Damit wolle der Freistaat "die Energiewirtschaft unter Druck setzen", um klarzustellen, "was im Fall des WAA-Ausstiegs mit der Bevölkerung der Oberpfalz zu bereinigen wäre".
Bislang hat die Drohung bei den Energieversorgungsunternehmen allerdings kaum Eindruck gemacht. Sie rechnen allenfalls mit "ein paar hundert Millionen" Mark Kompensation und bezeichnen weitergehende Forderungen als absurd. Großzügig wollen sie, wenn die Bayern denn schon "einiges verlangen" (Streibl), immerhin in einem Punkt sein.
"Wenn es sein muß", so frotzelte ein Vorstandsmitglied der WAA-Betreiber, "dann kriegen sie eben auch eine Fahrradspeichenfabrik." #

DER SPIEGEL 21/1989
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