26.06.1989

„Tot sein ist schöner als wie ohne Geld“

Was bei der Gladbecker Geisel-Affäre alles schieflief (I): Der Banküberfall
Verflixt. Ali Kemmuna, 53, hat verschlafen. Das ist dem Iraker, der im Einkaufszentrum des Gladbecker Stadtteils Rentfort-Nord als Arzt praktiziert, noch nie passiert. Mit 20 Minuten Verspätung, kurz vor acht, lenkt der Internist seinen roten Mercedes auf den für ihn reservierten Parkplatz hinter der Zweigstelle der Deutschen Bank.
"In Gedanken bei den fälligen Blutabnahme-Terminen", hastet der Mediziner durch die betongraue Einkaufspassage, vorbei am Imbiß "Hubertus-Grill" und an der mit Sonnenlamellen verhangenen Fensterfront der Bankfiliale. Im morgenruhigen Innenhof des Geschäftsviertels hört Kemmuna plötzlich ungewöhnlich "laute Geräusche" und "Stimmengewirr". Normalerweise beginnt der Kundenverkehr erst eine gute Viertelstunde später.
Zwei, drei Schritte weiter sieht der Arzt, wie der Bankkassierer Reinhold Alles, 35, der auch zu seinen Patienten zählt, hinter der Innentür der Schalterhalle kniet und gerade die untere Sperre von innen verschließt - mit einer "großen Pistole" im Genick.
"Blitzartig" begreift Kemmuna, daß er Zeuge eines Überfalls ist. Aus den Augenwinkeln riskiert er noch einen Blick auf den "großen, schlanken, dunkel gekleideten Mann mit Maske", der breitbeinig hinter Alles steht. Um nicht aufzufallen, geht Kemmuna "ganz normal" weiter. Im Treppenhaus rennt er die Stufen hoch zu seiner Praxis im ersten Stock.
Über Notruf 110 alarmiert der Arzt das Polizeiamt Gladbeck. Auf einem weißen "Einsatznachweis"-Vordruck notiert der diensthabende Beamte der Funkzentrale: "16. August 1988, 08.04 Uhr, Anrufer: Dr. Kemmuna, Einsatzgrund: Banküberfall, Person bewaffnet, Einsatzort: Deutsche Bank, Schwechater Straße 38". Der Polizist schickt zwei Streifenwagen los.
Der Banküberfall von Gladbeck, wie er auch anderswo in der Bundesrepublik fast täglich passiert, hätte ganz undramatisch zu Ende gehen können: Die Täter wären beim Eintreffen der Polizei längst geflüchtet gewesen; vielleicht hätten die Beamten auch an der Bank noch zugreifen können. Den Lokalzeitungen wäre der Überfall, bei glimpflichem Verlauf, einen Aufmacher wert gewesen, womöglich nur ein paar Zeilen.
Doch der Banküberfall von Gladbeck gerät zu einem der spektakulärsten Verbrechen der bundesdeutschen Kriminalgeschichte. Drei Tage lang erleben Millionen Westdeutsche im Rundfunk und im Fernsehen quasi live mit, wie Verbrecher unbehelligt eine Bank ausrauben, Geiseln nehmen, zu einer Irrfahrt quer durch die Republik starten, einen Bus kapern, zwei Geiseln töten und vor laufenden Kameras den Helden spielen. Die Polizei verfolgt scheinbar hilflos das von den Geiselnehmern bestimmte Geschehen, zögert mit dem Eingreifen, um Menschenleben zu retten, bewirkt aber selber eine fatale Abfolge fehlerhafter Entscheidungen, die unschuldige Menschen das Leben kostet.
Kriminalbeamte, Kriminologen, Psychologen und parlamentarische Untersuchungsausschüsse haben monatelang untersucht, weshalb der Gladbecker Routine-Einsatz zur längsten und folgenschwersten Geiselnahme in der Bundesrepublik eskalieren konnte. Die Abgeordneten in Nordrhein-Westfalen und Bremen spüren bis heute den Führungsfehlern und Pannen der Polizeibeamten und Politiker nach. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen abgeschlossen:
Am 2. August, fast ein Jahr nach dem Überfall, soll vor der Strafkammer II des Landgerichts Essen der Prozeß beginnen. Angeklagt sind die Gelegenheitsarbeiter Hans-Jürgen Rösner, 32, und Dieter Degowski, 33, sowie die Hausfrau Marion Löblich, 35.
"Hätte ein Drehbuchautor dies als Film ersonnen", kommentierte die "Stuttgarter Zeitung" nach der Verhaftung des Trios, "er hätte sich lächerlich gemacht." Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" reduzierte das Drama, in dessen Verlauf drei Menschen starben, ganz auf seinen Unterhaltungswert: "The Hans and Dieter Show".
Doch die Tat von Gladbeck, ihre Entstehungsgeschichte und ihre Folgen, ist mehr als ein sensationelles Gewaltdelikt. Sie offenbart, in vielerlei Weise, ein erschreckendes Abbild der Lebenswirklichkeit.
Ein Verbrechen wird zum Nervenkitzel für Millionen, weil die Medien jedes Ereignis, und sei es noch so entsetzlich, ohne Rücksicht auf die Leidtragenden konsequent öffentlich einfangen. Rücksichtslos läuft die Kamera, wenn ein gewaltiger Feuerball in Ramstein Flugschau-Besucher verschluckt, wenn Fußballfans in Sheffield an Stadionzäunen zerquetscht werden oder Angehörige der Opfer des Jumbo-Absturzes von Lockerbie sich verzweifelt auf dem Boden wälzen.
Die Darstellung von Verbrechen und Gewalt kennt keine Tabus. Die Sucht nach dem Thrill scheint bei den Zuschauern so übermächtig, daß sich kein Sender traut, Mord und Totschlag auszublenden. Und wenn dann Täter wie Rösner und Degowski in einer Mischung aus Geltungsbedürfnis und Verzweiflung diese Sensationsgier für ihre Zwecke nutzen, verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit - die Tagesschau wird zum Krimi.
Dann passiert es, daß zur besten Sendezeit ein Mann mit Revolver vor den Kameras rumfuchtelt und fordert: "Ich will jetzt durch die Medien sprechen."
Was in der allgemeinen Empörung über das Geiseldrama untergeht, wird womöglich der Prozeß erhellen: wie sehr Rösner und Degowski - exzessiv und ohne Spielregeln zu beachten - letztlich auch ein Kredo unserer Gesellschaft erfüllen: Gewinnstreben um jeden Preis. Sie exerzieren vor, zu welchen bizarren Verirrungen jene Weltanschauung führen kann, die Rösner in seiner Begrenztheit auf die erschreckend präzise Erkenntnis reduziert: "Tot sein ist schöner als wie ohne Geld."
So skrupellos, wie Wirtschaftskriminelle mit dem illegalen Bau von Giftgasfabriken oder dem Verschachern von Plutonium für Atombomben Millionen verdienen und dabei hinnehmen, daß mit ihrer Hilfe Menschen getötet werden, so skrupellos setzen sich Rösner und Degowski über die Todesängste und - letztlich - das Leben ihrer Geiseln hinweg.
Doch während die Gewalt gewiefter Schreibtischtäter abstrakt und damit weniger greifbar ist, weckt die direkte, ungeschminkte Brutalität der in ihren Möglichkeiten beschränkten Geiselnehmer allenthalben Abscheu.
Das Verbrechen von Gladbeck steht als einzigartiges Beispiel für jenes Geflecht aus Zufall und Bestimmung, das Kriminalität genannt wird. Menschen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt unter bestimmten Bedingungen schicksalhaft begegnen, lösen, gefangen in ihren Vorprägungen, einen Ablauf aus, der Leben ruiniert und auslöscht.
Und schließlich sind die 54 Stunden, die vom Kemmuna-Notruf bis zu dem für die Geisel Silke Bischoff, 18, tödlichen Finale auf der Autobahn Köln-Frankfurt vergehen, auch ein bitteres Lehrstück für Absolventen der Polizeiakademie.
Schon mit dem Funkalarm beginnen jene unsäglichen Polizeipannen - von verpaßten Zugriffschancen bis hin zu der vorschnellen, für die Geisel Emanuele de Giorgi, 15, tödlichen Festnahme der Komplizin Löblich -, die den sozialdemokratischen Bremer Innensenator Bernd Meyer zum Rücktritt zwingen und die politische Zukunft des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Schnoor (SPD) bis heute ungewiß erscheinen lassen.
Es fallen fehlerhafte Entscheidungen, die - jede allein für sich - auszubügeln wären, die in ihrem Zusammenwirken aber eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslösen. Unter Zeitdruck und Entscheidungszwang häufen sich Nachlässigkeiten, Führungsfehler, technische Pannen und menschliches Versagen.
Schon der erste Funkspruch ergeht ausgerechnet an die noch unerfahrenen Beamten des Streifenwagens Herta 13/21, die gerade in der Nähe des Tatorts den ersten Einsatz ihrer Frühschicht fahren. Sie kontrollieren einen liegengebliebenen Lastkraftwagen. An der überfallenen Bank sollen die beiden Schutzleute die Rückfront sichern.
Vorschriftsgemäß fährt die Streife ohne Martinshorn. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, wird einige hundert Meter vor dem Tatort das Blaulicht ausgeschaltet. Doch dann begehen die Beamten, wie sich der Gladbecker Schutzpolizeichef Andreas Krummrey noch Monate später aufregt, "eine Riesenochserei".
Unvorsichtigerweise nehmen die Polizisten an, daß die Bank an der Nordseite nur Oberlichter hat. Als sie um die Ecke biegen, rollen sie an breiten Glasfenstern vorbei - den Bankräubern genau ins Sichtfeld. So schnell der Polizeiobermeister hinter dem Steuer auch weiterfährt, die Gangster haben das ungestüme Vorfahren bemerkt, entschließen sich zur Geiselnahme.
Ein Polizeihauptmeister, der mit zwei Kollegen anrückt, macht gleich den nächsten Fehler. Als er von dem Überfall hört, schnappt er sich im Übereifer eine Maschinenpistole und fährt mit den Kollegen von Herta 13/20, die von der Wache abkommandiert werden, zur Bank. Schräg vor dem Eingang wirft er sich hinter einen Blumenkübel und wähnt sich in Deckung. Daß er mit seiner filmreifen Aktion die ohnehin aufgeregten Täter, die alles beobachten können, weiter reizt, ahnt er nicht.
Seine Kollegen, vom ersten Einsatzleiter Polizeihauptkommissar Josef Schrader, 52, eingewiesen, sondieren das Gelände. Hinter der Bank finden sie das Täterfahrzeug: eine rote Honda 250 mit geknacktem Lenkerschloß. Als sie das Kennzeichen durchgeben, bekommen sie, knapp zehn Minuten nach dem Kemmuna-Anruf, einen Tip. Irgendein Kollege - wer, ist bis heute nicht festgestellt - funkt dazwischen: Das sehe ganz nach "dem Rösner" aus, dessen Ex-Frau in dem Hochhaus gegenüber der Bank wohne.
Der Hinweis gilt einem Mann, der die Polizei seit Jahren mit zahlreichen Straftaten beschäftigt. In den letzten Wochen ist er sogar der meistgesuchte Mann Gladbecks. Der Werdegang des über und über tätowierten Rösner, der bei der Polizei "bekannt ist wie ein bunter Hund" (Krummrey), erscheint wie ein Paradebeispiel für die Milieutheorie: zerrüttete Familie, Sonderschule, Erziehungsheim, Jugendgefängnis.
Schon mit 14 Jahren wird er vom Amtsgericht Gladbeck das erste Mal wegen Diebstahls verurteilt (zwei Wochen Jugendarrest) und ist seither - vor allem wegen Einbrüchen und Bandendiebstahls - mehr in Gefangenschaft als draußen.
Verständnis findet Rösner nur bei seiner Schwester Renate, 34. Von klein auf schon halten die beiden zusammen. Von den fünf Kindern, vier Mädchen und ein Junge, sind sie die Ungelittenen. Vor allem der Vater, ein Kriegsversehrter mit tauben Armen, hält beide für ungeraten: Hans-Jürgen, weil er nicht pariert, Renate, weil sie ihrem Bruder beisteht.
Schon früh hat der Junge, den alle nur Hanusch rufen, in der Familie die Rolle des ewigen Sündenbocks. "Egal, was war", erinnert sich Renate, "immer war es der Hanusch." Und fast immer schlägt der Vater in seiner Ohnmacht mit dem Gartenschlauch zu.
Womöglich treibt er seinen Sohn damit zu jenem Verhalten, das geprügelte Kinder in ihrer Not häufig zeigen - zur Identifikation mit ihrem Peiniger. So wie der schwache Vater den kleinen Hanusch züchtigt, weiß sich auch ein in die Enge getriebener Hans-Jürgen Rösner nur mit Gewalt zu helfen, wenn er später bei der Buskaperung in Bremen einem kleinen Italienermädchen die Pistole an die Schläfe hält.
Beistand von der Mutter, die gelegentlich in Trinkhallen und Pommesbuden aushilft, bleibt aus. Sie wagt nicht mal aufzumucken, wenn ihr Mann seine Geliebte zum Kaffeetrinken in das kleine Eigenheim in der Rentforter Zechensiedlung am Lehmstich mitbringt.
Die beiden Geschwister müssen sich selber Vater und Mutter sein. Hans-Jürgen langt hin, wenn Renate gehänselt wird; sie tröstet ihn, wenn der Alte ihn mal wieder zu Unrecht geprügelt hat. Durch die ewigen Gewaltorgien des Vaters, nimmt sie auch heute noch ihren Bruder in Schutz, sei "der Hanusch total verhaßt geworden".
Nur mit dem krankhaften Geltungstrieb des ewig Zukurzgekommenen kann sie sich die großspurigen Gangster-Auftritte ihres Bruders erklären, etwa als dieser vor Fernsehkameras tönt, "ich scheiß' auf mein Leben", und sich demonstrativ eine Pistole in den Mund steckt. Renate: "Der wollte sich beweisen, weil er als Kind immer weggedrückt wurde."
Und so, wie er als kleiner Junge bei Gewitter zu seiner älteren Schwester unter die Bettdecke flüchtet, findet Rösner bei ihr auch Unterschlupf vor der Polizei, als er im August 1986 einen Hafturlaub zur Flucht nutzt. Zum Dank macht er sich als "perfekter Hausmann" (Schwester Renate) nützlich. Während Renate in der Funkvermittlung der Gladbecker Taxizentrale arbeitet, reinigt Rösner "alles wie ein Teufel, nur keine Fenster, damit ihn die Polizei nicht sieht".
"Putzen ist sein Leben, da könnte man ein Buch drüber schreiben", wundert sich Renate immer noch über die seltsame Manie. Was der Schwester so rätselhaft erscheint und, auf den ersten Blick, mit dem eher schmuddeligen Erscheinungsbild Rösners so wenig in Einklang zu bringen ist, gilt in der Psychologie als Indiz für verdrängte Schuldgefühle. Die zwanghafte Beseitigung von äußerem Schmutz steht symbolhaft für den Wunsch nach innerer Reinigung. Das schlechte Gewissen soll, im Wortsinn, reingewaschen werden.
Daß Rösner in Gladbeck fast zwei Jahre unbehelligt bleibt, belegt die Überforderung, aber auch die Nachlässigkeit und Unlust der Polizei. Wahrscheinlich stimmt sogar die Entschuldigung Gladbecker Kripobeamter, "daß täglich Hunderte solcher Fälle ähnlich lax gehandhabt werden" - nur ohne derart verheerende Folgen.
"Wenn wir natürlich geahnt hätten, daß Herr Rösner am 16. August diese Tat begehen würde", entschuldigt später der verantwortliche Kripo-Chef Friedhelm Meise vor dem Untersuchungsausschuß des Düsseldorfer Landtags das Versagen, "wären größere Anstrengungen unternommen worden." So aber behandelt die Kreispolizeibehörde Recklinghausen den Fall Rösner wie irgendeinen der rund 5000 Fahndungsaufträge, um die sie sich jedes Jahr kümmern muß.
Weil die Fahndungsabteilung im Polizeipräsidium unterbesetzt ist, wird die Vollstreckung des Haftbefehls (Aktenzeichen 46 VRs 118/85) der Polizei in Gladbeck überlassen, als handele es sich um irgendeinen Eierdieb.
Schon bald schwant den Beamten, daß es sich bei Rösner um ein größeres Kaliber handeln könnte. Sechs Wochen nach dessen Flucht hat sich ein ehemaliger Mithäftling gemeldet und behauptet, Rösner wolle in Gladbeck aus Rache einen Polizeibeamten erschießen. Dafür habe er sich extra einen Armeerevolver besorgt.
Vorsichtshalber wird das Empfangsportal des Polizeireviers mit einer schußfesten Scheibe gesichert, der Hintereingang mit einer Wechselsprechanlage. In der Wache wird ein Photo Rösners an die Wand gepinnt.
Die Nachforschungen bleiben dennoch dürftig. Bei Rösners Schwester Renate hören die Beamten nur die unwahre Beteuerung, daß sie "keine Ahnung" habe, wo ihr Bruder stecke. Doch sie begnügen sich damit. Auch von den Eltern erhalten die Beamten keinen Hinweis.
Spätestens seit Anfang 1987 jedoch weiß die Polizei, daß Rösner sich in Gladbeck herumtreibt. Damals, am 29. Januar, rief Rösners Ex-Frau Ursula, 30, die Beamten zu Hilfe, weil ihr geschiedener Mann versucht habe, gewaltsam in ihre Wohnung einzudringen. Als die Streife im Hochhaus am Einkaufszentrum Rentfort-Nord eintrifft, ist Rösner jedoch längst abgehauen.
Und selbst nachdem irgendwer verpfeift, daß Rösner wieder mit seinem alten Kumpel Dieter Degowski zusammenhockt, mit dem er schon als Halbwüchsiger Straftaten begangen hat, bringt das die Beamten nicht sonderlich auf Trab. Als sie den Gelegenheitsarbeiter aufstöbern, der ihnen wegen etlicher Diebstähle bestens bekannt ist, flunkert Degowski, er habe sich lediglich ein einziges Mal mit Rösner getroffen. Auf die Frage nach dem möglichen Aufenthaltsort verlädt er die Beamten mit Hinweisen auf irgendeinen ehemaligen Mithäftling in Essen.
Tatsächlich jedoch hält sich Rösner, der so gut wie nie aus dem Kohlenpott herausgekommen ist, fast ausschließlich in Gladbeck auf. Im August 1987 zieht er bei seiner Schwester aus. Mit seiner Freundin Marion Löblich und deren Tochter Nicole bezieht er im Stadtteil Rentfort-Nord in einem Hochhaus an der Berliner Straße eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung.
Hans-Jürgen Rösner lebt erstmals in eigenen vier Wänden. Wie schon bei seiner Schwester putzt er mit Hingabe jede Ecke, führt Haushaltsbuch und kümmert sich auch um die kleine Nicole. Und Marion Löblich, die, mehr Opfer als Täterin, später in das Geschehen hineingezogen wird, läßt ihn gewähren. Sie ist froh, endlich jemanden gefunden zu haben, der sich um sie kümmert.
Ähnlich wie bei Rösner liest sich auch ihr Lebenslauf wie ein Kapitel aus dem Lehrbuch für Sozialarbeiter. Die Verhältnisse in ihrem Bremer Elternhaus, in dem sie mit sieben Geschwistern aufgewachsen ist, nennt sie bei der Vernehmung "chaotisch": "Meine Mutter hat sich um nichts gekümmert, und mein Vater war den ganzen Tag zur Arbeit." Es habe "ständig Geldknappheit" geherrscht.
Nach der dritten Klasse muß sie in die Sonderschule. Ein Jahr lang läßt ihre Mutter sie nicht zum Unterricht, statt dessen soll sie auf ihre neugeborene Schwester aufpassen. Mit 15 Jahren macht sie ein Praktikum bei einem Metzger. Von 70 Mark Monatslohn darf sie 10 Mark behalten. Später verdient sie sich in einer Fabrik als Hilfsarbeiterin ihren Lebensunterhalt.
Mit 20 wird Marion Löblich das erste Mal schwanger, heiratet aus Not. Die Tochter Leila ist geistig behindert. Den Mann erwischt sie beim Seitensprung mit ihrer besten Freundin. Sie reicht die Scheidung ein, obwohl bereits Tochter Nicole unterwegs ist.
Die zweite Ehe mit einem Binnenschiffer aus Duisburg beschreibt sie als "eine Art Zweckbündnis". Der Mann muß drei eigene Kinder versorgen. Die beiden ziehen nach Gladbeck, machen eine Kneipe auf, das "Hansa-Eck". Dort lernt sie Ralf Löblich kennen, läßt sich scheiden. Dritte Heirat, drittes Kind.
Die Eheleute schlagen sich als Taxifahrer durch, die Schwiegermutter versorgt die Kleinen. Ihr Mann macht immer öfter die Nächte durch und immer mehr Schulden. Sie droht mit Scheidung, findet aber den Absprung nicht - bis sie Rösner kennenlernt.
Der ist zwar ein alter Bekannter ihres Mannes, hat mit Löblich auch schon vor Gericht gestanden und wird gerade mal wieder von der Polizei gesucht. Aber immerhin ist er nicht "so ein Lebemann" wie Ralf. Taxifahren muß sie nicht mehr, auf Sozialhilfe allein ist sie auch nicht mehr angewiesen. Jetzt bringt Hanusch Geld ins Haus - auf seine Art.
Schon am ersten Urlaubstag, den ihm die Gefängnisleitung gewährt hat, gerät er in Verdacht, in einer Kneipe eine Handtasche gestohlen zu haben. Insgesamt, so belegt eine Auflistung der Staatsanwaltschaft Essen, begeht Rösner während seiner zwei Jahre in Freiheit mit wechselnden Kumpanen rund 40 Einbruchsdiebstähle und Raubüberfälle.
Vor der Polizei fühlt Rösner sich mit der Zeit so sicher, daß er sich wegen eines alten Bandscheibenleidens mehrere Wochen in Gladbeck und Essen ins Krankenhaus legt - als Privatpatient und unter seinem richtigen Namen. Bei Nachfragen gibt der "Freiberufler" die Adresse seiner Eltern an.
Als die ersten Rechnungen (Gesamtkosten: knapp 14 000 Mark) dort eingehen, teilt Rösner den Ärzten handschriftlich mit, daß für die Krankenhauskosten die Justizvollzugsanstalt Willich aufkommen müsse, "denn ich bin heute noch Staatseigentum der Justiz und muß daher auch versichert sein". Die Rechnungen habe er ordnungsgemäß ans Gefängnis weitergeleitet, den Ärzten den wahren Sachverhalt verschwiegen, um vor der Polizei sicher zu sein.
Bald darauf wird es für Rösner brenzlig, als er mal wieder bei seiner Ex-Frau Uschi randaliert und ihrem neuen Freund eine Pistole an den Kopf hält. Aus Rache gibt dieser der Polizei den Tip, doch mal "bei der Marion Löblich" vorbeizusehen.
Eigentlich hätte Rösner spätestens jetzt verhaftet werden müssen. Doch bis zu dem angesetzten Festnahmetermin verstreichen sechs Tage - ein Tag zuviel.
Aber wenn deutsche Beamte sich etwas vornehmen, dann machen sie es gründlich. Schließlich muß erst mal das Löblich-Wohnhaus ermittelt und inspiziert, auch der Hausmeister befragt werden. Dann ist Wochenende und danach noch ein seit langem geplanter Einsatz in Haltern. Am Dienstag morgen, dem 16. August 1988, verabreden die Fahnder, wollen sie sich aber endlich die Löblich-Wohnung ansehen.
Doch ausgerechnet an diesem Dienstag wird Rösner der Stadt Gladbeck zu besonderer Aufmerksamkeit verhelfen. Und mit seinen schockierenden Auftritten verschafft sich der so wenig ernst genommene Kleinstadtkriminelle ein langersehntes Gefühl: Bedeutung. Daß ausgerechnet die kleine Deutsche-Bank-Filiale im tristen Einkaufszentrum Rentfort-Nord zum Schauplatz wird, hängt mit Ganovengeschichten zusammen, wie sie immer wieder vorkommen.
Zwei Monate zuvor hat sich Rösner von einem Tipgeber erzählen lassen, daß bei einem stadtbekannten Glücksspieler "mindestens 100 000 Mark" zu holen seien. Doch als er und zwei Komplizen das Opfer nachts in dessen Wohnung mit gezückter Pistole überfallen, springen für ihn nicht mal 6000 Mark raus.
Der anschließende Einbruch in eine Filiale der Stadtsparkasse in Gladbeck, Rösners letzte Straftat vor der Geiselnahme, wird sogar zum völligen Flop. Schon beim Hochschieben der Fensterläden schlagen Rösner und ein Komplize derart Krach, daß Nachbarn die Polizei alarmieren. Zudem reißen sich die beiden bei der Flucht über die Zäune auch noch ihre blauen Overalls ein, die der Profi Rösner extra gekauft hatte, weil sie "dunkel sind und man normale Kleidung darunter tragen kann".
Und jetzt hat Rösner fast kein Geld mehr in der Tasche. Freundin Marion besitzt noch ganze sieben Mark, sie muß die Sozialhilfe durch Arbeit im Altersheim aufbessern. Und wenn ihm seine Schwester Renate nicht noch 20 Mark vorgestreckt hätte, säße er jetzt mit seinem Freund Degowski sogar ohne Bier da. Am Dienstag morgen, schwören sich beide, soll die Knapserei ein für allemal ein Ende haben.
Degowski vertraut darauf, daß Rösner den Überfall erfolgreich durchzieht und beide als reiche Leute die Bank verlassen. Schon seit sie als Sonderschüler die ersten Hühnerdiebereien ausheckten, ist Rösner tonangebend. "Immer wenn es etwas zu entscheiden gab", schildert Degowski seinem Münchner Verteidiger Rolf Bossi, "habe ich das dem Hanusch überlassen, der war Boß."
Die Lebensläufe ähneln sich. Wie Rösner stammt auch Degowski aus einer kinderreichen Familie am sozialen Rand, lebt mit seinem Vater ständig in Streit. Wie sein Kumpan packt auch er die Volksschule nicht, muß zur Sonderschule. Lesen und Schreiben lernt er erst im Jugendgefängnis.
Und wie Rösner ist auch Degowskis Selbstwertgefühl beschädigt. Er neigt dazu, Konflikte gewaltsam zu lösen. Bezeichnend: Obwohl eher schmächtig, läßt er sich als Halbwüchsiger mit nacktem Oberkörper in aggressiver Kampfpose photographieren.
Degowskis Verhältnis zu seinen Mitmenschen ist gestört. Außer Rösner, mit dem er fast wie mit einem Bruder aufwächst, und einen ehemaligen Mithäftling hat er keine Freunde, noch nicht einmal gute Bekannte. Eine Freundin hat er auch nicht. "Es ist so, daß ich grundsätzlich keiner Frau traue", gesteht er der Polizei nach der Festnahme. Erst bei der für Degowski unerreichbaren schönen Geisel Silke Bischoff scheint er sich über dieses tiefverwurzelte Mißtrauen hinwegzusetzen.
Rein in die Bank, ruck, zuck, Geld her und weg - so stellen sich Rösner und Degowski den Überfall vor. Auf einem gestohlenen Motorrad brausen sie, vermummt mit Maske und Motorradhelm, ein paar hundert Meter zur Bankfiliale. Unter ihren Blaumännern stecken schwere Waffen im Hosenbund: Rösner trägt eine Selbstladepistole Modell "Colt Government", Kaliber neun Millimeter Luger; Degowski einen Trommelrevolver, Typ "Highway Patrolman", Kaliber .357 Magnum.
Doch, Schicksalswink oder nicht, schon kurz nach dem Start kriegen sie vor Nervosität die Kurve nicht. Das Motorrad kippt um, Degowski schlägt sich das Knie auf.
Wie geplant passen sie Kassierer Reinhold Alles ab und dringen in den Schalterraum ein. Auch die Kundenberaterin Andrea Blecker, 24, die noch fliehen will, zerren sie mit Gewalt in die Bank zurück.
Was sie nicht wissen: Um an das Geld zu kommen, brauchen sie einen zweiten Tresorschlüssel. Den hat der Filialleiter - und der verspätet sich ausgerechnet an diesem Morgen.
Doch ohne Beute wollen Rösner und Degowski diesmal nicht abziehen. Selbst als der Arzt Dr. Kemmuna an der Bank vorbeigeht und direkt in den Eingang schaut, lassen sie sich von Alles beruhigen, der Passant habe sie "bestimmt nicht bemerkt". Erst als Rösner auf dem Parkplatz den Streifenwagen sieht ("Dieter, die Bullen sind da"), dämmert ihnen, daß sie in der Falle sitzen.
Aufgeben wollen sie nicht, fliehen können sie nicht mehr. Sie sehen nur einen Ausweg. "Das ist jetzt eine Geiselnahme", verkündet Rösner den verschreckten Angestellten und verschanzt sich mit ihnen und Degowski in der schußsicheren Kassenbox.
Über Notruf 110 wird Verbindung zur Polizei aufgenommen. Rösner, der Wortführer, stellt die Forderungen: 300 000 Mark, den zweiten Tresorschlüssel, ein Fluchtauto vom Typ BMW 735 i.
Rösner hat, mit der für ihn typischen Mischung aus Dilettantismus und Kalkül, vorgesorgt. In seine graue Plastiktasche, in der er seit seiner Flucht alle Habseligkeiten mitschleppt, hat er einige Utensilien eingepackt, die er bei einer Geiselnahme für unerläßlich hält: 350 Schuß Munition, zum Teil originalverpackt, zum Teil lose; eine reißfeste Angelschnur, um Geiseln zu fesseln; ein Kampfmesser mit 20 Zentimeter langer Klinge, mit dem sein großes Vorbild Rambo im Film Feinde metzelt.
Als Notverpflegung haben Rösner und Degowski auch drei Büchsen Bier, eine Dose River Cola und 15 Tabletten des rezeptpflichtigen Schlafmittels "Vesparax" dabei. Daraus mixt Rösner seit Monaten einen Cocktail, der ihn und Degowski aufputscht und enthemmt. Was der Drink bei ihm auslöst, beschreibt Rösner hinterher der Polizei: "Es ist so, wenn man vor einem großen, überlegenen Mann steht, dann greift man ihn an, ohne Angst zu haben und ohne dieses Kribbeln im Bauch zu haben."
Draußen vor der Bank rüstet die Einsatzleitung für den Ernstfall, Dutzende von Schutzpolizisten und fast die komplette Gladbecker Kripo-Truppe rücken an. Aus dem Präsidium Recklinghausen macht sich Kripo-Chef Friedhelm Meise, den der Polizeipräsident zum Einsatzleiter bestimmt hat, mit Spezialisten auf den Weg zum Tatort.
Und so, wie es die Polizeidienstvorschrift 132 "Einsatz bei Geiselnahmen" bis ins kleinste Detail festlegt, wird die riesige Polizeimaschine in Gang gesetzt. In ganz Nordrhein-Westfalen werden Einsatzkräfte alarmiert und nach Gladbeck geschickt.
Im Sauerland werden zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei Unna und Bochum, die gerade in einem Lehrgang büffeln, nach Gladbeck abkommandiert; aus Düsseldorf eilt die "Beratergruppe für Fälle schwerster Gewaltkriminalität" des Landeskriminalamtes herbei; aus Essen werden Überrumpelungsexperten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) angefordert; aus Münster und Köln kommen die Fachleute für Beobachtung und Verfolgung des Mobilen Einsatzkommandos (MEK), aus Dortmund die Verhandlungsführer, die sich um die psychologische Betreuung von Tätern und Opfern kümmern.
Auf den Balkons rings um die Bank verfolgen Bewohner, wie die Polizei nur mit Mühe Scharen von Neugierigen vom Tatort abdrängen kann. Vorsorglich werden Männer, Frauen und Kinder mit Notleitern aus Arztpraxen und Wohnungen über der Filiale evakuiert. Der nahe gelegene St.-Franziskus-Kindergarten wird geräumt.
Die hektischen Aktivitäten vor der Tür machen Rösner und Degowski aggressiver und unberechenbarer. Wie in einem Käfig laufen sie in der Schalterhalle auf und ab. Abwechselnd klettern sie auf eine Leiter und versuchen, durch die Oberlichter das Gelände zu sondieren. Rösner feuert auf einen beigefarbenen Personenwagen der Kripo, hinter dem ein Beamter in Deckung steht - der erste von zahllosen scharfen Schüssen, die folgen sollen.
Degowski ärgert sich besonders über einen Polizisten, der mit einer Maschinenpistole dicht vor der Bank am Boden liegt. "Das Schwein liegt immer noch da, ich könnte den so abknallen", ruft Degowski von der Leiter seinem Komplizen zu. Rösner: "Tu's doch." Degowski schießt durch das schräg gestellte Oberlicht, meldet eine Fahrkarte. "Ich habe ihn nicht getroffen."
Daß Rösner und Degowski, wie die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift behauptet, tatsächlich "gezielt" auf die Polizisten schießen, bestreiten hinterher beide. Doch den Geiseln wird spätestens jetzt klar, daß sie in höchster Lebensgefahr sind.
Da ihnen die Täter immer wieder die Waffen an den Kopf halten, fürchten Blecker und Alles, die ersten Opfer zu werden. Kassierer Alles hat Todesangst: "Wenn die mich abknallen, dann ist das Ihre Schuld, dann haben Sie mich auf dem Gewissen und meine Kollegin auch", schreit er einen Polizisten an, der sich am Telephon über die Lage in der Bank erkundigt. Degowski aus dem Hintergrund: "In zehn Minuten kriegt einer einen in den Arm reingeschossen, und hat sich das."
Alles steht kurz vor dem Kollaps. "Ich krieg' keine Luft, ich kratz' hier ab, warum passiert denn nichts", beklagt er sich bei der Gladbecker Polizei. "Wenn ich einen Herzschlag krieg', ist das Ihre Schuld, ich kann nicht mehr."
Kurz darauf fällt Alles in der Kassenbox um. Um 9.45 Uhr, knapp zwei Stunden nach Beginn des Überfalls, informiert Kollegin Blecker ihren Chef in der Hauptstelle der Deutschen Bank Gladbeck, Wolfgang Schöning, daß "Herr Alles zusammengeklappt ist".
Tatsächlich gilt Kassierer Alles nicht als einer der Robustesten. Sein Hausarzt Dr. Kemmuna informiert die Polizei, daß die Geisel "zeitweise an Herzrhythmusstörungen" und einem "sehr niedrigen Blutdruck" leide. Zudem, warnt Kemmuna die Kripo, sei "Herr Alles sehr labil".
Auch was die Mutter der Geisel Blecker den Beamten über die seelische Belastbarkeit ihrer Tochter mitteilt, klingt nicht beruhigend. Ihr Kind werde "leicht nervös".
Die Verhandlungsführer der Polizei sind über die Ausgangslage besorgt: Zwei unberechenbare und zu allem entschlossene Täter treffen auf äußerst sensible und heillos aufgeregte Opfer.
Was die Ermittlungen zusätzlich erschwert: Um ihr Leben zu retten, paktieren Blecker und Alles praktisch von Beginn an mit den Bankräubern, übernehmen sogar die Initiative. Immer wieder drängt Kassierer Alles in Anrufen seinen Chef Schöning, die Bedingungen der Täter zu erfüllen.
Um das Tempo zu forcieren, informiert Alles in Eigeninitiative die Nachrichtenredaktionen des Westdeutschen Rundfunks in Köln und der "Westdeutschen Allgemeinen" in Essen über die Geiselnahme - und löst damit jene einzigartige Medienlawine aus, die den Fortgang der Ereignisse so massiv beeinflussen sollte.
Um die Polizei zum Einlenken zu zwingen, schlägt die Geisel Blecker einen Trick vor. Sie will sich mit roter Farbe bespritzen, als sei sie von den Tätern blutig geschlagen worden. Auf solche Mätzchen wollen Rösner und Degowski sich jedoch nicht einlassen.
"Ich habe eine ganz große Hochachtung vor Frau Blecker und Herrn Alles", nimmt später im Düsseldorfer Untersuchungsausschuß der Leiter der Verhandlungsgruppe die beiden Bankangestellten in Schutz, beklagt jedoch zugleich die "sehr schnelle und sehr intensive Kooperationsbereitschaft beider Geiseln mit den Tätern".
Darauf hätte sich die Polizei von vornherein einstellen können. Denn in keinem Bereich der Kriminalität ist die Beziehung zwischen Täter und Opfer so eng und so heikel wie bei Geiselnahmen. Auf engstem Raum zusammengepfercht, sind die Beteiligten aufeinander angewiesen, zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt. Die Geiselnehmer sehen ihre Geiseln als letzten Trumpf, haben ohne sie keine Chance. Die Geiseln erleben wildfremde Menschen, über die sie gestern vielleicht noch gelacht hätten, plötzlich als allmächtige Herren über Leben und Tod.
Geiselnehmern und Geiseln gleichermaßen droht die Gefahr von außen, von der Polizei. Die Verbrecher fürchten, bei einem Einsatz festgenommen oder gar getötet zu werden; die Geiseln fürchten bei Attacken die Rache der Verbrecher.
Die lebensgefährliche Bedrohung führt zu einer für Außenstehende nur schwer nachzuempfindenden Solidarisierung der Opfer mit den Tätern, unter Fachleuten kurz "Stockholm-Syndrom" genannt.
Bei einer Geiselnahme in der schwedischen Hauptstadt war es im August 1973 zu geradezu herzlichen Beziehungen zwischen Tätern und Opfern gekommen. Vier Tage lang hatten sich zwei bewaffnete Bankräuber mit drei Frauen und einem Mann im Tresorraum der Sveriges Kreditbank verschanzt.
In einem in der Kriminalgeschichte einzigartigen Telephongespräch mit dem damaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Olof Palme, der die Verhandlungsführung übernahm, offenbarte die Geisel Kristin Enmark eindrucksvoll, wie weit die Opfer-Täter-Identifikation gehen kann:
Kristin: Ich bin wirklich sehr enttäuscht von dir.
Palme: Wieso denn?
Kristin: Mein ganzes Leben lang bin ich Sozialdemokratin gewesen, und nun muß ich mit ansehen, wie ihr dasitzt und um unser Leben schachert.
Palme: Wieso denn?
Kristin: Vor den Bankräubern habe ich nicht die geringste Angst. Die haben mir nichts getan, sie waren unheimlich nett . . . Weißt du, wovor ich Angst habe? Daß die Polizisten stürmen. Wenn die hier reinkommen und schießen, dann gehen wir alle zusammen drauf.
Die Gladbecker Geiseln reagieren kaum anders. "Es braucht doch nur der Wagen zu kommen, das Geld und keine Polizei, keine Schießerei", beschwört die Bankangestellte Blecker am Telephon die Polizei - "wir sind mit den Nerven fertig."
Doch wie in Stockholm, wo die Täter schließlich entnervt aufgaben, erwägt die Polizeiführung auch in Gladbeck zu keinem Zeitpunkt, dem Drängen auf eine schnelle Lösung nachzugeben. Sie sucht die Entscheidung am Tatort. Wie es Punkt 3.25 der Polizeidienstvorschrift Geiselnahme vorschreibt, wollen die Beamten die Bankräuber "ablenken, ermüden und zermürben".
Während Rösner und Degowski am Telephon schnell einen Verhandlungspartner fordern ("Der älteste Polizist soll in Badehose zur Bank kommen"), richtet sich die Kripo auf einen langen Psychokampf ein.
In den Klassenräumen des benachbarten Heisenberg-Gymnasiums wird die Einsatzleitung vor Ort aufgebaut. In aller Eile schalten Spezialeinheiten Standleitungen zum Polizeiamt Gladbeck und zum Polizeipräsidium Recklinghausen. Mit Hilfe von Bankdirektor Schöning, der zum Tatort gefahren ist, werden erste Skizzen von den Räumlichkeiten der Bank angefertigt.
Rentfort-Nord, diese Anhäufung von Reihenhaus-Idylle und Wohnsilo-Öde, die in ihrer bedrückenden Durchschnittlichkeit und Austauschbarkeit überall stehen könnte, wird zum Krisengebiet der nordrhein-westfälischen Polizei. Die halbe Ortschaft wird abgesperrt, eine 200 Meter entfernte Gesamtschule geräumt.
Dutzende Polizeifahrzeuge blockieren die Straßen zur Bank, auf Dächern und Balkons rund um die Filiale liegen Scharfschützen mit Maschinenpistolen. Hubschrauber kreisen über dem Einkaufszentrum. Dieter Philipp, Reporter der lokalen "Ruhr-Nachrichten", der als einer der ersten am Tatort ist, berichtet knapp zwei Stunden nach Beginn des Überfalls seiner Redaktion, rund um die Bank sehe es aus "wie in einem Heerlager".
Wie bei Polizeieinsätzen vorgeschrieben, wird eine "Wichtige-Ereignis-Meldung" an den obersten Chef der nordrhein-westfälischen Polizei abgesetzt. Als der Adressat, Innenminister Herbert Schnoor, kurz nach Dienstbeginn vom Leiter seiner Polizeiabteilung über das Telex informiert wird, reagiert er noch ganz ruhig. Weil es während seiner neunjährigen Amtszeit schon mehrfach Geiselnahmen zu bewältigen gab, sieht er keinen Anlaß, seinen Tagesablauf zu ändern.
Der Minister kann nicht ahnen, daß dieser Kriminalfall einzigartig eskaliert und einen politischen Streit auslöst, der auch ihn gefährdet.
Im nächsten Heft Psychokrieg der Verhandlungskommission - Nahkämpfer werden zurückgepfiffen - Geheimkontakte zwischen der Deutschen Bank und dem Minister
Von Dieter Bednarz und Bruno Schrep

DER SPIEGEL 26/1989
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