24.07.1989

„Der Dieter sah aus wie ein Teufel“

Was bei der Gladbecker Geiselaffäre alles schieflief (V): Das Versagen der nordrhein-westfälischen Polizei
In der Nacht nach Bremen, während die Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski mit 24 Geiseln im Bus Richtung Holland fahren, kommt Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Schnoor (SPD) nicht zum Schlafen. Seit die Gladbecker Bankräuber am frühen Abend einen vollbesetzten Linienbus gekapert haben und die halbe Nation am Bildschirm zugeguckt hat, ist die anfängliche Gelassenheit des Ministers dahin.
Schnoor, "ausdrücklich beunruhigt", hat sogar schon seinen Chef, den Ministerpräsidenten Johannes Rau, im Urlaub aufgescheucht und mit den Schreckensmeldungen aus dem Geiselbus schockiert. Weil die Polizei eine Eskalation des Verbrechens nicht verhindern konnte, fürchtet Schnoor um seinen Ruf als kompetenter Innenpolitiker.
Mit der zurückhaltenden "nordrheinwestfälischen Linie" (Schnoor) ist es der Polizei nicht gelungen, "die Geiselnahme zu einem guten Ende zu führen". Im Gegenteil: Schnoor macht sich Vorwürfe, weil ein Genosse, der Bremer Innensenator Bernd Meyer, durch die Buskaperung in eine "ausgesprochen schwierige Lage" geraten ist.
Und es sind zwei Nachrichten, die dem Minister in dieser Nacht klarmachen, daß auch für ihn selbst die Situation überaus prekär wird. Kurz nach Mitternacht ruft Schnoors persönlicher Referent den Minister zu Hause an und berichtet, wie der Geiselnehmer Dieter Degowski an der Raststätte Grundbergsee den italienischen Schüler Emanuele de Giorgi, 15, erschossen hat.
Gut zwei Stunden später erfährt Schnoor, daß die Buskaperung - indirekt - ein zweites Todesopfer gefordert hat. Bei der Verfolgung des Geiselbusses ist der Polizeibeamte Ingo Hagen, 31, tödlich verunglückt.
Schnoor begreift, daß das Konzept der Polizei gescheitert ist. Obwohl es nur um 400 000 Mark Beute ging, haben sich die Fahnder nicht getraut, die identifizierten Täter mit ihren Opfern wirklich unbehelligt ziehen zu lassen. Rösner und Degowski fühlen sich ständig verfolgt, sehen gar keine Möglichkeit, ihre Geiseln freizulassen, ohne sich selbst zu gefährden. Andererseits hat die Polizei günstige Gelegenheiten, den Geiselkrimi zu beenden, ungenutzt verstreichen lassen.
Nach zahlreichen Fehlschlägen soll nun endlich gehandelt werden. Schnoor persönlich mischt sich in die Einsatzführung ein.
Der politische Druck, der auf ihm lastet, treibt ihn dazu, ein Angebot des Bundesgrenzschutzes anzunehmen. Die Grenzschutzdirektion Koblenz hat 30 Mann der Grenzschutztruppe GSG 9 offeriert. Die Eliteeinheit, die 1977 auf dem Flughafen von Mogadischu 86 deutsche Touristen aus den Fängen palästinensischer Terroristen befreite, gilt als eine Art Allzweckwaffe gegen Gewaltverbrecher.
Doch die Einsatzleitung, seit 1.48 Uhr wieder in Gladbeck, will die Eingreifreserve des Bundes überhaupt nicht haben. "Ich habe mich gefragt, was soll die GSG 9 hier", erinnert sich Polizeiführer Lutz Resch an seine erste Reaktion auf das Angebot. Resch glaubt, daß seine eigenen Nahkampfspezialisten "solche Einsätze besser machen können als die GSG 9".
Schnoor weiß zwar um "Rivalitäten, Konkurrenz" zwischen den Elitetruppen. Der Minister kann es sich jedoch zu diesem Zeitpunkt politisch nicht mehr leisten, die Hilfestellung aus dem Bundesinnenministerium abzulehnen.
Die GSG 9, der Millionen Bundesbürger zutrauen, daß sie die Geiseln auf einen Schlag befreien, muß aber in der zweiten Reihe bleiben. Die Grenzschützer werden von Polizeiführer Resch als Reserve in der Höheren Landespolizeischule Münster kaserniert. Sie sind viel zu weit weg, um schnell eingreifen zu können.
Der feste Wille der Polizeiführung, den Geiseltourismus der Bankräuber "so schnell wie möglich zu beenden" (Resch), führt zu abenteuerlichen Sandkastenspielen. In Gladbeck erwägt die ungeduldige Einsatzleitung einen filmreifen Angriff auf den fahrenden Bus.
Das Spezialeinsatzkommando Essen hat sich von den städtischen Verkehrsbetrieben ein Fahrzeug gleichen Typs besorgt und einen Sturmangriff geprobt. Um Einsatzkräfte in die Nähe des Geiselbusses zu karren, wird ein Laster organisiert, unter dessen Plane sich die Polizisten verstecken sollen. Entlang der vermeintlichen Fluchtroute werden eigens angemietete VW-Busse und Wohnmobile mit Scharfschützen und SEK-Beamten postiert.
Gestartet werden soll die Attacke auf den fahrenden Bus allerdings nur, wenn sich die Lage für die Geiseln dramatisch verschlechtert, Rösner und Degowski ihre Opfer verletzen oder erschießen. Doch daran denken die erschöpften Täter, die nur mit ihrem erpreßten Geld verschwinden wollen, in jenen Stunden gar nicht.
Dieter Degowski sitzt neben seiner persönlichen Geisel, der blonden Silke Bischoff, hält sich nach mehreren Dosen Bier nur mühsam wach. Zwischen Daumen und Zeigefinger baumelt sein Revolver Highway Patrolman.
Komplice Hans-Jürgen Rösner kauert, um vor Polizeikugeln geschützt zu sein, im Mittelgang auf dem Boden. Seine Freundin Marion Löblich hat Vesparax-Tabletten geschluckt und Bier getrunken, schläft vor dem Stutzen des Heizungsgebläses ihren Rausch aus.
Aus Angst vor einem Polizeiangriff haben die Täter nur die Notbeleuchtung eingeschaltet, im Bus ist es dunkel. Einige der 24 Geiseln liegen flach auf den Sitzbänken, versuchen zu schlafen, andere unterhalten sich leise. Auf einem der Vordersitze neben dem Fahrer liegen drei Plastiktüten mit dem Beutegeld. Am Steuer sitzt Busfahrer Paul Mikolajczak, 57, und lenkt das Fahrzeug in Richtung niederländische Grenze.
Die Holländer wissen, was auf sie zukommt. Über eine Standleitung von Gladbeck nach Enschede werden sie seit 1.20 Uhr über die Fluchtroute informiert. Sie bilden einen Krisenstab.
Die deutsche Polizei rechnet fest damit, daß die Niederländer ihre Grenze dichtmachen. Einsatzleiter Resch will beim Zwangsstopp den Bus stürmen lassen, um so das Geiseldrama noch auf deutschem Boden beenden zu können. Jenseits des Schlagbaums, das wissen die westdeutschen Fahnder, geht die Befehlsgewalt auf die holländischen Kollegen über, müßten die Gladbecker zum zweitenmal die Einsatzleitung abgeben.
Obwohl sogar das Bonner Innenministerium interveniert, stellen sich die Holländer stur. Weil sie ein Blutbad an ihrer Zollstation vermeiden wollen, lassen sie den Bus um 2.28 Uhr die Grenze passieren.
Mit ins Land dürfen auch NRW-Sonderkommandos, die kurz zuvor ihre Kollegen aus Bremen abgelöst haben. Ausgesperrt bleiben bei der Verfolgung Dutzende von Journalisten, die dem Bus seit 200 Kilometern in einem riesigen Pulk hinterhergefahren sind.
In Düsseldorf kann Innenminister Schnoor, der sich erst lange nach Mitternacht ins Bett gelegt hat, die Nachricht vom Grenzübertritt kaum fassen. "Ich war überrascht und enttäuscht", erinnert sich der Minister, "daß die Täter mit dem Bus und den Geiseln völlig dem Einflußbereich der deutschen Polizei entzogen waren."
In seiner Ratlosigkeit kommt ihm eine typische Politiker-Idee: Er will sofort nach Holland fliegen. Obwohl er weiß, daß er im Nachbarland "überhaupt keine Befugnisse" (Schnoor) hat, bildet er sich ein, ausgerechnet dort Versäumtes nachholen zu können: "Möglicherweise kann man etwas tun." Mühsam redet ihm ein Polizei-Inspekteur den Plan aus.
Knapp fünf Kilometer hinter dem Schlagbaum, nahe dem Städtchen Oldenzaal, lassen Rösner und Degowski den Busfahrer anhalten. Einen ungünstigeren Standort hätten sich die Täter nicht aussuchen können: Rund um den Parkstreifen auf der Nationalstraße 1 ist alles finster, rechts und links hohes Gras, Bäume, Büsche, verblühter Ginster. Bei einem Sturmangriff hätte die Polizei durch den dichten Bewuchs ausgezeichnete Deckung.
"Das Gelände war hervorragend, um Indianer zu spielen", schildert der Kölner Fahnder Otto Pfannenschmidt die Szenerie - ganz so, als hätten die Holländer eine günstige Gelegenheit verpaßt.
Auch Rösner erkennt, daß der Bus "in einer schlechten Gegend" parkt. Doch das ist ihm nach 42 Stunden ohne Schlaf "vollkommen gleich". Er vertraut darauf, daß die Holländer den deutschen Kriminalfall nicht mit Gewalt lösen wollen.
Zudem haben die Täter im Gefängnis gehört, die niederländische Polizei gehe mit Straftätern "viel humaner" (Rösner) um. Das Gerücht verbreiten Mini-Dealer und Junkies, die von der holländischen Justiz bei kleinen Rauschgiftdelikten weniger streng bestraft werden.
Um Kontakt mit der Kripo zu bekommen, bestimmen Rösner und Degowski den Busfahrer Mikolajczak zum Vermittler. Der gebürtige Sachse hat das Vertrauen der Geiselnehmer.
Der Unterhändler soll bei der Polizei, die Rösner im Hinterhalt entdeckt hat, ein "schnelles Fluchtauto" organisieren. Weil Mikolajczak fürchtet, daß er für ein mögliches Scheitern seiner Mission büßen muß, zögert er: "Wenn ich zurücckomm', knallt ihr mich ab." Rösner beruhigt ihn: "Wir tun dir nichts." Mikolajczak verschwindet in der Dunkelheit.
"Dem Busfahrer kann man wirklich nur ein Kompliment aussprechen", lobt Kommando-Führer Pfannenschmidt hinterher die Tapferkeit des 57jährigen, der in Bremen für einen ängstlichen Kollegen eingesprungen war. Obgleich er mehrfach Gelegenheit hat, den Geiselnehmern zu entkommen, nutzt er die Chancen nicht. "Ich gehöre zu dem Bus und zu den Leuten", erklärt er der Polizei, "und will das bis zum bitteren Ende durchstehen."
Auch jetzt kehrt Mikolajczak freiwillig zum Bus zurück, hat sogar Erfolg gehabt. Über ein Walkie-talkie, das er von der Polizei mitbringt, meldet sich ein Beamter aus Enschede. "Um fünf Uhr früh", tönt es im besten Rudi-Carrell-Deutsch, "ist ein großer BMW da."
Wenn es nach den westdeutschen Polizeipraktikern vor Ort ginge, würde jetzt das Superauto mit dem Tarnkürzel "037" anrollen - ein Gefährt wie aus einem Bond-Thriller: Blitz- und Blendgranaten können über Funk gezündet, die verriegelten Türen freigesprengt werden. Ausströmendes Gas lähmt die Insassen schlagartig.
Mit diesem raffiniert präparierten Auto hatten die nordrhein-westfälischen Fahnder auf den Tag genau ein Jahr zuvor, am 18. August 1987, einen spektakulären Erfolg: Nach nur wenigen Metern beendeten sie die Flucht von zwei Ausbrechern, die mit zwei Wärtern als Geiseln und zwei Millionen Mark Lösegeld aus der Justizvollzugsanstalt I Bielefeld-Brackwede fliehen wollten.
Kaum waren die Häftlinge mit dem dunkelblauen Mercedes 230 E aus dem Gefängnishof gerollt, wurden sie von der Explosion im Fahrzeug außer Gefecht gesetzt. Zeitgleich schlugen SEK-Leute zu. "Es dauerte nur Sekunden, dann war der Spuk vorbei", berichtet ein beteiligter SEK-Polizist.
Auch gegen Rösner und Degowski, urteilen Experten des Düsseldorfer Landeskriminalamtes in einem Geheimbericht, hätte ein solcher Superwagen "mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Erfolg geführt".
Doch trotz des gelungenen Coups von Bielefeld wird dieser 037 aus dem Verkehr gezogen. Der Wagen gilt, so der Düsseldorfer Kripo-Experte Dieter Höhbusch, als "extrem risikobehaftet und nicht ausgereift".
Grund: Der Höllenknall der Granaten hat in Bielefeld einem SEK-Mann das Trommelfell zerrissen. Seither ist der Beamte für Sondereinsätze nicht mehr tauglich.
Um die Mängel des Modells 037 zu beheben, wird im Düsseldorfer Innenministerium eigens eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Und die tagt und tagt und tagt - zu lange. Als die Gladbecker Bankräuber die beiden Geiseln nehmen, steht kein 037 parat.
Doch auch der silbermetallicfarbene BMW 735i, den die Holländer anbieten, ist präpariert. Experten des polizeilichen Fernmeldedienstes haben die 80 000-Mark-Limousine, die von der deutschen Polizei bereitgestellt wird, technisch aufgerüstet: Versteckte Mikrophone übertragen Gespräche aus dem Fluchtauto in Polizeiwagen und die Einsatzzentrale. Über eine Fernsteuerung kann der Motor blockiert, der Wagen während der Fahrt gestoppt werden.
Durch Manipulationen an der Einspritzpumpe wurde die Höchstgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern auf 200 gedrosselt. Auch am Bremslicht haben Tüftler getrickst. Die Verfolger können es, um den Wagen besser ausfindig machen zu können, über Funk an- und ausschalten und sogar wie eine Warnblinkanlage aufleuchten lassen.
Rösner, der sonst überaus mißtrauisch ist, vertraut so sehr der Aufrichtigkeit der holländischen Polizei, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, ihm könnte ein päpariertes Fahrzeug untergeschoben werden - zumal der BMW ein gelbes holländisches Kennzeichen hat: HR-20-TN. "Der läuft über 200", jubelt Degowski, "also da können wir allen wegfahren."
Bevor der Wagen bereitgestellt wird, müssen Rösner und Degowski jedoch eine Bedingung der holländischen Polizei erfüllen. Sie lassen die fünf Kinder und Jugendlichen, die jetzt noch im Bus sind, zusammen mit einer Frau laufen.
Ein Junge aus Sri Lanka, der sich die ganze Fahrt über aus Angst unter einem Sitz verkrochen hat, kann erst durch gutes Zureden einer Frau aus seinem Versteck hervorgelockt werden. Frei kommt auch die kleine Tatiana de Giorgi, die mit ansehen mußte, wie Degowski ihren Bruder Emanuele erschoß.
Die Geiseln, die bleiben müssen, stehen noch einmal Todesangst aus. Damit die Täter beim Umladen von Beute, Kleidung und Proviant sicher vor Scharfschützen sind, müssen sich drei Frauen als Kugelfang vor den BMW stellen. Dabei passiert Rösner ein Mißgeschick, das beinahe zur Katastrophe führt.
Mit der rechten Hand, in der Rösner seinen gespannten und entsicherten Colt Government hält, hebt er eine mit Colaflaschen vollgepackte Plastiktüte hoch. Weil die Tasche unerwartet schwer ist, krümmt er reflexartig die Finger - und zieht ungewollt auch den Zeigefinger am Abzug durch.
Ein Schuß fällt. Die Kugel, Kaliber 9 Millimeter Luger, durchschlägt den Oberschenkel von Marion Löblich, die in der offenen Bustür steht. "Sie machte einen Satz zur Seite und fiel dadurch auf einen Sitz", erinnert sich Rösner. "Du Esel hast mich getroffen", schimpft sie.
Auch Busfahrer Mikolajczak wird Opfer des Querschlägers. Das Projektil trifft ihn an einem Finger der linken Hand. Mit einem Aufschrei läßt Mikolajczak die Tüte fallen, die er Rösner gerade reichen will.
Degowski, der die ganze Fahrt über Dosenbier getrunken hat und schwer angeschlagen ist, glaubt, daß die Polizei geschossen hat. Blindwütig rennt er zur Mitteltür des Busses, feuert ziellos in den Wald. Nur mühsam kann Rösner seinen Kumpel bändigen.
Aufgeschreckt durch die Knallerei, rennen die von Rösner am BMW postierten Geiseln in alle Richtungen davon, verstecken sich im Wald. Im Bus glaubt Ines Voitle, "das Ende ist gekommen", sieht sich "echt schon tot".
Auch die deutschen Fahnder, die den Bus aus den Büschen beobachten, deuten die Schüsse falsch. Über Autotelephon meldet ein MEK-Beamter aufgeregt der Gladbecker Einsatzleitung: "Es sieht so aus, als hätten die Niederländer den Notzugriff durchgeführt."
Tatsächlich stehen die Holländer kurz davor, den Bus zu stürmen. Weil sie glauben, daß Rösner und Degowski ihre Geiseln erschießen, sind ein Dutzend schwerbewaffneter Spezialisten bis auf drei Meter an den Bus herangerobbt. Ein Nahkämpfer schreit in gebrochenem Deutsch: "Raus, Polizei, schnell, Waffen raus, Hände hoch."
Rösner und Degowski werfen sich im Bus zu Boden, die verbliebenen Geiseln müssen sich zum Schutz der Täter aufrecht hinsetzen. Rösner bekommt das Funkgerät zu fassen, bringt die Holländer von einem Sturm des Busses ab: Das Ganze sei ein Versehen, "passiert ist nichts". Die Holländer ziehen sich wieder zurück, wollen die begonnenen Fluchtvorbereitungen nicht stören.
Rösner leistet zunächst Erste Hilfe. Wie ein Sanitäter bindet er Marion Löblich mit einem Gürtel den Oberschenkel ab. Mit Mull aus dem Verbandskasten des Autobusses versorgt er Fahrer Mikolajczak, der immer noch unter Schock steht, den verletzten Finger.
Auch auf ihrer weiteren Flucht wollen die Täter Geiseln mitnehmen. Degowski wählt sich Silke Bischoff, die er seit Bremen nicht mehr aus den Augen läßt. Die ganze Fahrt über hat er neben ihr gesessen, sie bewundernd angestarrt. Und seinem Kumpel Rösner vertraut er an: "Mit der Silke habe ich noch was vor."
Rösner fällt auf, wie er später berichtet, daß das Mädchen "sich in ihrer Art verändert hatte, sie lachte jetzt sogar". Er schließt daraus, "daß der Dieter ihr Vesparax-Tabletten und Bier gegeben hat" - einen Cocktail, den sich die Geiselnehmer zum Aufputschen mixen.
Als zweite Geisel bietet sich Ines Voitle an, die ihre langjährige Freundin in diesem Augenblick nicht allein lassen will. "Ich mußte mit, sonst wäre Silke durchgedreht."
Kurz nach halb sieben rollt die schwere Limousine wieder Richtung Bundesrepublik. Das Steuer übernimmt Rösner, neben ihm hockt die verletzte Marion Löblich. Auf der Rückbank lauert Degowski, die Geiseln schützend neben sich. Rechts sitzt Ines Voitle, links Silke Bischoff, der Degowski den Revolver an den Hals hält. Um 7.07 Uhr passiert der silbergraue BMW die Grenze, fahren Täter und Opfer wieder in Nordrhein-Westfalen ein.
Dort erwartet sie bereits ein Großaufgebot an Polizei. In den grenznahen Städten Ahaus, Stadtlohn, Borken und Bocholt hat die Einsatzleitung einige hundert uniformierte Polizisten postiert.
SEK- und MEK-Trupps aus Münster, Köln und Dortmund wechseln sich in der heimlichen Verfolgung des Fluchtwagens ab. Um 7.15 Uhr verzeichnet das Einsatzprotokoll: "BMW auf Bundesstraße 54, Hubschrauber im Peileinsatz."
Selbst aus Kuhställen im Münsterland werden Polizisten abgezogen. Die Beamten schieben dort Wachdienst, weil in Nordrhein-Westfalen ein Hormonskandal aufgedeckt wurde. Sie sollen verhindern, daß kriminelle Großmäster heimlich hormonverseuchte Kälber ins Ausland schmuggeln oder notschlachten. Die Schutzleute werden mit Maschinenpistolen und schußsicheren Westen ausgerüstet und von der Kälberfront zum Geiseleinsatz abkommandiert.
Ausgerechnet jetzt, da die Täter wieder in NRW agieren, fliegt Innenminister Schnoor doch noch nach Holland, um öffentlichkeitswirksam Shakehands zu machen. Schnoor will die Geiseln begrüßen, die dort freigelassen wurden. "Ich fühlte mich gegenüber den Menschen, die so Schreckliches durchgemacht hatten, hierzu verpflichtet", begründet der Minister seinen spontanen Hubschrauber-Trip. Als ob die Holländer dazu nicht in der Lage wären, kümmert sich der Politiker persönlich um die Rückfahrt der Bremer Geiseln.
Schnoor ahnt nicht, daß dieser Donnerstag der wohl bitterste Tag in seiner Ministerzeit wird. Die Hilflosigkeit und Fehler der Polizei bei der weiteren Irrfahrt der Geiselgangster durch Nordrhein-Westfalen, das makabre Spektakel vor Passanten und Presseleuten in der Kölner Innenstadt und das blutige Ende auf der Autobahn bei Bad Honnef zwingen den Minister fast zum Rücktritt.
Dabei ist die Einsatzleitung morgens noch zuversichtlich, die schon 48 Stunden andauernde Geiselfahrt endlich stoppen zu können. Über die Wanzen im Fluchtfahrzeug bekommen die Fahnder mit, daß Rösner um das Leben von Marion Löblich bangt. Die von ihm verschuldete Schußverletzung, befürchtet er, könnte bei seiner Freundin zu einer Blutvergiftung und einem tödlichen Wundbrand führen. In der nächstgelegenen Stadt will er Marion Löblich in einem Hospital verarzten lassen.
Ohne daß die Patienten es merken, schleust Einsatzleiter Resch SEK-Männer in die beiden Krankenhäuser der Stadt Gronau ein. Getarnt als Pförtner, Pfleger oder Ärzte, ihre schußbereiten Waffen unter grünen und weißen Kitteln versteckt, lauern die Überrumpelungsspezialisten auf ihre Chance - vergeblich.
Marion Löblich, die keine Schmerzen hat, will auf keinen Fall in ein Krankenhaus. Das Risiko, in eine Polizeifalle zu tappen, ist ihr zu groß. Die Täter lassen Gronau links liegen, fahren auch an Münster, wo die GSG 9 einsatzbereit steht, vorbei. Der silbergraue BMW jagt mit 200 Stundenkilometern auf der Autobahn A1 nach Süden, Richtung Köln.
In der Gladbecker Einsatzleitung, wo Resch mit seinen Kollegen immer ungeduldiger wird, prüfen die Experten, wie das dahinrasende Fluchtfahrzeug gestoppt und die Täter überwältigt werden können. Die Einsatzleitung, die sich mehrfach mit den engsten Mitarbeitern Schnoors berät, will den Geiselnehmern keine zweite Irrfahrt quer durchs Land erlauben. Es sei "völlig klar", kündigt Stabschef Resch an, daß die Polizei die Flucht der Täter "zu einem geeigneten Zeitpunkt in Nordrhein-Westfalen" beenden müsse.
Erörtert werden drei Varianten: per Funk den Motor zu stoppen, einen Stau zu provozieren oder den BMW 735i mit zivilen Polizeiautos auf der Straße einzukeilen und auszubremsen.
Doch die tollkühnen Attacken werden abgeblasen. Die Einsatzleitung will eine Massenkarambolage und eine Schießerei auf der Autobahn vermeiden. Bei allen Varianten, räumt später ein Düsseldorfer LKA-Beamter ein, "mußte von Lebensgefahr für die Geiseln, unbeteiligte Dritte und Einsatzkräfte unabdingbar ausgegangen werden" - eine Erkenntnis, die wenige Stunden später auf der Autobahn bei Bad Honnef nicht mehr gelten sollte.
Die Polizei will erst zuschlagen, wenn Rösner und Degowski einen Stopp einlegen. Damit nicht wieder eine blamable Panne passiert wie tags zuvor in Bremen-Vegesack, wo die Täter ihre Geiseln minutenlang unbewacht ließen und die Polizei eine ideale Zugriffsmöglichkeit verpaßte, hat die Einsatzleitung detailliert vorgegeben, bei welchen Gelegenheiten gehandelt werden soll. Über Telephon läßt Kriminaldirektor Friedhelm Meise, der nun wieder die Einsatzleitung übernommen hat, dem Führer des Verfolgertrupps, Dirk Nusch, mitteilen, wann eine Attacke gestartet werden soll.
Variante eins: Wenn Rösner und Komplicin Löblich wie in Vegesack seelenruhig bummeln gehen und Degowski allein die Geiseln bewacht, sollen die SEK-Männer ihn "schlagartig ablenken und aktionsunfähig machen". Im Klartext: erschießen.
Zweite Variante: Wenn die Gefahr besteht, daß Rösner den Polizeiangriff auf Degowski sehen könnte, soll nur gefeuert werden, wenn beide gleichzeitig erledigt werden können.
Die Entscheidung, ob geschossen werden soll oder nicht, überläßt Meise dem Führer des Verfolgertrupps. "Ich brauchte nicht mehr gefragt zu werden", berichtet der Einsatzleiter später, "mehr konnte ich nicht delegieren."
Die Lebensgefahr, die bei einem solchen Einsatz für die Geiseln besteht, spielt in den Überlegungen der Gladbecker Einsatzleitung eine immer geringere Rolle. Natürlich, räumt der Essener MEK-Führer Heinz Hermey ein, sei solch ein "schlagartiger Einsatz" mit "erheblichen Risiken" für die Geiseln Ines Voitle und Silke Bischoff verbunden. Dies wird aber in Kauf genommen.
Doch so günstige Voraussetzungen, wie sie die Einsatzleitung am Lagetisch konstruiert, bieten sich in Wirklichkeit nicht. Bei einem kurzen Halt an der Autobahn-Raststätte Lichtendorf etwa verläßt nur Rösner den Wagen. Er steckt sich ein Bündel 100-Mark-Scheine in die Hosentasche, um Brötchen zu holen. Doch der Laden ist ausverkauft.
Weil Marion Löblichs Schußwunde dringend versorgt werden muß, biegt Rösner um 9.04 Uhr von der Autobahn ab, lenkt den BMW in die Wuppertaler Innenstadt. Mit der Waffe in der Hand besorgt er in der "Wupper-Apotheke" an der belebten Berliner Straße "Jod, Antibiotika und Verbandsmaterial". Für seinen total erschöpften Kumpel Dieter Degowski verlangt Rösner Wachhaltetabletten. Der Apotheker Eberhard Noll muß mit zum Wagen kommen, um Marion Löblich zu verarzten.
Während der Apotheker die verletzte Komplicin behandelt, streicht Rösner mit schußbereitem Colt mißtrauisch um das Auto herum, hält nach Verfolgern Ausschau.
Obwohl 17 Nahkämpfer des SEK-Münster nur einen Steinwurf entfernt parat stehen und Einsatzleiter Meise dem Kommando volle Handlungsfreiheit, Todesschuß inklusive, einräumt, passiert nichts. "Es waren immer zwei Täter im Auto, Frau Löblich mit Degowski", begründet MEK-Chef Nusch das Zögern: "Von beiden ging eine Bedrohung aus."
Auch bei weiteren Besorgungen sieht Nusch keine besseren Chancen, stets verläßt Rösner allein das Auto. Ein paar Häuser weiter, in der "Backstube Grothe", läßt sich der Geiselgangster zehn Brötchen schmieren. Schräg gegenüber, bei "Foto-Jansen", kauft er einen japanischen Feldstecher (Preis: 80 Mark), um etwaige Verfolger frühzeitig erkennen zu können.
In der Modeboutique "Sieper" wundert sich die Verkäuferin Karin Kremerskothen über einen "Bärtigen im blauen Overall mit einer Pistole in der Hand", der "im freundlichen Ton" einen Damenrock verlangt. Rösner ist von Marion Löblich geschickt worden ("Nimm nicht so was Häßliches"), deren Jeans nicht mehr über den Verband am Oberschenkel passen. Den weißen Faltenrock für 69,90 Mark, den Rösner aussucht, zieht Marion Löblich sofort im Wagen an.
Auf der Fahrt zur Autobahn fällt Rösner ein, wie es weitergehen soll. Ein Hinweisschild "Köln" erinnert ihn an ein tolles Gangsterstück, über das er vor Jahren im Gefängnis gelesen und das ihm mächtig imponiert hat.
In Köln hatte damals ein anderer Geiselnehmer mit einer spektakulären Flucht die Polizei genarrt und abgeschüttelt. Rösner hofft, daß die Millionenstadt auch für ihn das geeignete Pflaster sei, um seine Verfolger los zu werden. Rösner: "Das war der Grund, warum ich den Weg nach Köln einschlug."
Wie der tolle Typ hieß, hat Rösner vergessen, er erinnert sich nur noch an einen Täter "mit französisch klingendem Namen" - er meint Benoit.
Der Fall Benoit ist in vielfacher Hinsicht ein unrühmliches Kapitel für die Polizei. Obgleich Benoit als 15jähriger wegen Mordes zu sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt wird, stellt die Kreispolizeibehörde Köln-Land den gelernten Schlosser zehn Jahre später als Schutzmann ein.
Gerhard Benoit wird sogar, körperlich topfit und geistig beweglich, Mitglied einer Eliteeinheit - des Spezialeinsatzkommandos (SEK). Bei VIP-Besuchen in der Domstadt, etwa der Visite des polnischen Primas Wyszynski, wird er als Bodyguard eingesetzt. Als Präzisionsschütze trainiert er den finalen Rettungsschuß, bei einem Sonderlehrgang übt er die Bekämpfung von Geiselnehmern.
Doch der Kripobeamte wird selbst kriminell. Er überfällt mit der Dienstwaffe die Kassiererin eines Supermarkts, wird durch Zufall geschnappt, verurteilt, bei der Polizei rausgeworfen.
Als der arbeitslose Benoit am 5. Oktober 1982 mit seinem Komplicen Ernst Schluschus eine Sparkasse in Koblenz überfällt, begeht die Polizei ähnliche Fehler wie sechs Jahre später ihre Kollegen vor der Deutschen Bank in Gladbeck: Statt sich vorsichtig dem Tatort zu nähern, fuchteln Kriminalbeamte vor der Bank so auffällig mit Waffen und Funkgeräten herum, daß es die Bankräuber mitkriegen. Und ähnlich wie Rösner und Degowski entschließen sich auch Benoit und Schluschus zur Geiselnahme.
Um nach Stunden nervösen Wartens die Polizei zum Rückzug zu bewegen, feuert Benoit einem Bankangestellten eine Kugel ins Knie. Mit 1,2 Millionen Mark Beute und zwei Geiseln flüchten die Täter anschließend in einem bereitgestellten Auto und düpieren die Polizei gleich serienweise.
Besonders ist Rösner im Gedächtnis geblieben, wie clever Benoit und sein Komplice die Verfolger ausgetrickst haben: Mehrfach steigen sie in andere Autos um, kapern einen Streifenwagen, hören den Polizeifunk mit und entkommen im Nebel den Polizeihubschraubern, die über ihnen fliegen.
Während sein Mittäter sich nach Bochum absetzt und dort festgenommen wird, flieht Benoit nach Köln. Und obwohl mehrere Dutzend SEK- und MEK-Beamte die Wohnung seiner Verlobten im Stadtteil Kalk umstellt haben, entwischt Benoit erneut.
Kurz bevor die Nahkämpfer die Wohnung stürmen, kommt Benoit, als hätte er es geahnt, zur Haustür heraus. Zum eigenen Schutz hat er den Arm um seinen 13jährigen Sohn gelegt, spaziert mit ihm ins Nachbarhaus. Dort flieht er durch einen Hinterausgang, wird erst später in München gefaßt.
Genauso wie Benoit, prahlt Rösner vor seinen Komplicen und den beiden Geiseln, werde auch er die Kölner Polizei an der Nase herumführen.
Bei der Kölner Kripo jedoch wartet ein Gegenspieler auf ihn, der als Mann der Tat und der schnellen Entscheidungen gilt - der Leitende Kriminaldirektor Armin Mätzler.
Anders als seine Vorgänger in Gladbeck und in Bremen ist Mätzler, 59, auf seinen Einsatz bestens vorbereitet. Schon um 8.40 Uhr, als Rösner den Fluchtwagen kurz in Richtung Köln steuert, dann aber nach Wuppertal abbiegt, trommelt der Kripochef im Polizeipräsidium am Waidmarkt seine Leute zusammen. Um 9 Uhr, die Täter stoppen gerade vor der "Wupper-Apotheke", ordnet Mätzler in Köln "vorsorglich die Einrichtung eines Führungsstabes" an.
Und mit jedem Kilometer, den sich der silbergraue BMW der Domstadt nähert, wachsen Mätzlers Kompetenzen. Um 10 Uhr, das Fluchtfahrzeug rast auf der Autobahn Richtung Köln, läßt sich Mätzler vom Polizeipräsidenten zum Kölner Einsatzleiter ernennen. Um 10.25 Uhr, Rösner hat gerade die Kölner Stadtgrenze überfahren, gibt der Kripomann seine erste Order: "Einschreiten nur auf meine Anordnung."
Kurz nach 11 Uhr, Täter und Opfer kurven durch die Kölner City, ist Mätzler Herr des Verfahrens. Der Gladbecker Kripochef Friedhelm Meise wird abgelöst, das Innenministerium überträgt Mätzler die Gesamteinsatzleitung. Und der läßt keinen Zweifel, wer in den nächsten Stunden das Sagen hat: "Alle Kräfte sind mir unterstellt."
In Düsseldorf sind Innenminister Schnoor und seine Berater mit dem Führungswechsel zufrieden. Dem schneidigen Sachsen Mätzler wird zugetraut, was seine Vorgänger nicht gepackt haben: Rösner und Degowski zu überwältigen, die Geiseln zu befreien. In einem Telephongespräch beschwört Schnoors Polizei-Inspekteur Heinz Stork den neuen Einsatzleiter, den Fall "möglichst bald zu beenden". Mätzler gilt als erfahrener Praktiker.
Als Leiter der Mordkommission im benachbarten Düsseldorf hat er jahrelang komplizierte Fälle gelöst. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet Mätzler erstmals 1966, als er mit Kollegen eines der spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit bearbeitete: die Kindesmorde des Sexualtäters Jürgen Bartsch. Mätzler hat den Ruf, sich von niemandem reinreden zu lassen.
Im Fluchtauto ahnen Täter und Geiseln nicht, daß die Polizei entschlossen ist, Köln zur Endstation der Irrfahrt werden zu lassen. Beruhigend reden Rösner, Degowski und die verletzte Marion Löblich auf Silke Bischoff und Ines Voitle ein. "Sie versprachen, daß sie uns nichts tun wollten, weil wir noch so jung sind", erinnert sich Ines Voitle. Rösner versichert den beiden Mädchen, daß ihm "das alles unheimlich leid tut" und sie "schon bald freigelassen" werden.
Und nun, typisch für Rösners sprunghaftes Wesen, weicht sein Mißtrauen einer Unbekümmertheit, ihm fällt ein, daß er "noch nie den Kölner Dom gesehen hatte, den wir uns jetzt ansehen wollten".
Auf der Suche nach dem Dom, den Rösner "schon ganz nahe zwischen den Häusern" sieht, verirren sich die Täter in die Fußgängerzone. Weil die Autoinsassen Durst bekommen, hält Rösner Ausschau nach einem Kaffeestand. Den findet er in Kölns bekannter Einkaufszeile Breite Straße.
Hier wird der Geiselkrimi eineinhalb Stunden lang zum absurden Straßentheater. Als der tätowierte Rösner, durch TV-Auftritte und Zeitungsphotos längst allen Passanten bekannt, mit Blaumann und Ballermann die Kaffeebecher auf einem Tablett zum BMW kellnert, kommt es auf der belebten Straße zu einem Auflauf wie sonst nur am Rosenmontag, wenn dr Zoch kütt.
Innerhalb weniger Minuten ist das Fluchtfahrzeug von Schaulustigen umringt. Die können nicht fassen, daß ausgerechnet vor ihren Augen Westdeutschlands meistgesuchte Verbrecher unbeeindruckt Kaffee trinken. In ihrer grenzenlosen Neugier verdrängen die Zuschauer die Gefahr, bei einer Kurzschlußreaktion der Täter selbst Opfer werden zu können.
"Man muß es sich ja ansehen, wenn man schon einmal hier ist", entschuldigt sich ein älterer Mann, der zufällig vorbeikommt - und drängelt sich zum Wagen vor. "Das ist ja wie im Kino", staunt eine blonde Frau, die aus einem nahe gelegenen Geschäft herbeigeeilt ist.
Einige Passanten führen sich auf, als seien unvermutet Filmstars aufgetaucht. Ein Mann um die Dreißig will Rösner einen Zeitungsfetzen samt Stift reichen - Autogramm bitte; eine Mittvierzigerin im hellblauen Sommerkleid posiert vor der Motorhaube der schweren Limousine wie ein Hollywoodstar der frühen Jahre - Achtung, Aufnahme!
Und im Nu sind auch wieder Journalisten zur Stelle, umlagern den BMW. Für die Kölner Reporter hätte Rösner keinen geeigneteren Standort aussuchen können: Ganz in der Nähe sind die Redaktionen des Boulevardblatts "Express" und der Tageszeitung "Kölner Stadt-Anzeiger". Die Sendezentrale des Westdeutschen Rundfunks liegt gleich nebenan.
Dutzende von Reportern raufen sich um Exklusiv-Interviews mit den Verbrechern, um dramatische Aufnahmen von Tätern und Opfern. Der "Express"-Reporter drängelt sich neben den von "Bild", der von der "Kölnischen Rundschau" drückt sich neben den Interviewer des Fernsehens - bei der Sensationsberichterstattung zählen nur Plätze in der ersten Reihe.
Der Chefreporter der "Kölnischen Rundschau", Jens P. Dorner, scheucht vorwitzige Passanten vom Wagen weg. Scheinheilig appelliert der Journalist an die Gaffer, "aus Menschenliebe zwei, drei Schritte zurückzugehen". Murrende Zuschauer beruhigt Dorner, daß sie auch von den hinteren Rängen noch eine gute Draufsicht hätten: "Jeder sieht so gut wie bei einem Fußballspiel." Die Geiseln Silke Bischoff und Ines Voitle können sich gegen die begierlichen Blicke der Voyeure nicht wehren. Eingesperrt in den BMW, in dem es immer stickiger und heißer wird, fühlen sich die Mädchen gnadenlos in die Enge getrieben. "Die saßen fast im Wagen, die saßen auf dem Wagen, die guckten alle in den Wagen rein", schildert Ines Voitle die alptraumhaften Szenen.
Vor allem für Silke Bischoff wird der Rummel um das Geiselauto zur Tortur. Ohne Unterlaß preßt ihr Dieter Degowski den Lauf seines Revolvers an den Hals. Besitzergreifend hat der unrasierte, nach Alkohol und Schweiß riechende Mann seinen Arm um die Schultern der blonden Silke gelegt, nutzt die Situation, um das Mädchen an sich zu drücken.
Selbst in diesen Minuten höchster Todesangst wird das Opfer um Interviews angegangen. Reporter genieren sich nicht, die absurde Frage zu stellen: "Wie geht's?" Antwort: "Nicht so gut."
Um sich Rösner und Degowski gewogen zu machen, biedern sich Journalisten als Laufburschen an, holen Kaffee und Bier. Rösner erinnert sich an einen Reporter, der ihm versprochen hat, Handschellen für die Geiseln zu besorgen. Als der Berichterstatter mit leeren Händen wiederkommt und etwas von "Schwierigkeiten" faselt, herrscht ihn der Geiselnehmer an: "Behalt' deine Handschellen." Ein anderer Journalist schleppt zwei Trainingsanzüge herbei, reicht sie durchs Autofenster. Rösner hat nicht mal Gelegenheit, abzulehnen: "Der hat die mir förmlich aufgedrängt." Und wie schon mehrfach in den vergangenen 50 Stunden, spannen Rösner und Degowski auch in Köln die Presse ein. Mit wüsten Bedrohungen gegen ihre Opfer ("Da gibt's nur Tote hier") versuchen sie, die Polizei von einer Attacke abzuhalten.
Degowski macht klar, daß er zu allem entschlossen ist, brüstet sich damit, "schon einen umgelegt" zu haben. Selbst Rösner erschrickt über den Gesichtsausdruck seines Komplicen: "Der Dieter sah aus wie ein Teufel, so kannte ich ihn gar nicht."
Dabei gibt Rösner selbst Interviews, die später Millionen Fernsehzuschauer erschauern lassen.
Reporter: "Wie würden Sie reagieren, wenn Polizei jetzt hier auftauchen und absperren würde?"
Rösner: "Tja, dann wird 'ne Geisel sofort erschossen."
Reporter: "Sie wollen auf jeden Fall weitermachen?"
Rösner: "Wird sofort erschossen."
Reporter: "Würden Sie mit der Polizei verhandeln?"
Rösner: "Die Polizei hat auf jeden Fall Angst. Die kommt noch nich' mal annen Wagen."
Da irrt sich Rösner.
Im Polizeipräsidium am Kölner Waidmarkt bereitet Einsatzleiter Mätzler längst "die Beendigung der Geiselnahme" vor. Während Rösner und Degowski ihre kuriose Pressekonferenz veranstalten, haben sich Mätzlers Experten in Zivil unter die Menge gemischt, Uniformierte liegen versteckt hinter Gardinen und Brüstungen.
Und ganz vorn, getarnt als Photograph und den Kopf im Innern des Fluchtwagens, sondiert ein Spezialist die Lage: Hauptkommissar Alfred Schürmann, 37, Chef des Kölner SEK. Schürmann fragt, höflicher als die echten Berichterstatter: "Darf ich ein Photo machen?"
Mit einem Trick soll das Verbrechen beendet werden, vor aller Augen.
Im nächsten Heft Polizisten im Priestergewand - In der Einsatzleitung kracht es - Das Leben der Geiseln gilt nichts mehr - Folgenschwere Fehler bei der Ramm-Aktion
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 30/1989
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