23.01.1989

Die Entnazifizierung der Steine

Hitler nannte seine Bauten „Worte aus Stein“; sie sollten „ewig“ währen. 50 Jahre danach diskutieren Historiker die Frage der Entsorgung: Abriß oder Denkmalschutz? Erstmals erschienen auch umfangreiche Untersuchungen über frühe Aktivitäten von Naziarchitekten in der Bundesrepublik. Resümee: Auch die Bauzunft hat ihre Globkes.
Nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart begreifen. Helmut Kohl
Das Monstrum steht mitten in Berlin. Es steht - grau, schwer, furchteinflößend, von Unkraut umwuchert - seit einem halben Jahrhundert an der Schöneberger Kolonnenbrücke, doch kaum jemand weiß, was es mit dem haushohen zylindrischen Kloben auf sich hat: ein mysteriöses Ding, das zu nichts zu gebrauchen und kaum zu beseitigen ist.
Kennern gilt das Gebilde aus Vollbeton als das bedeutsamste Bauwerk, das der Nationalsozialismus hinterlassen hat. Seine Bezeichnung klingt so abstrakt wie bedrohlich: "Großbelastungskörper".
Mit dem Koloß, im Kriegsjahr 1941 für 400 000 Reichsmark von der Firma Dyckerhoff & Widmann in den märkischen Sand gesetzt, wollte Adolf Hitlers Chefarchitekt Albert Speer den Berliner Boden auf seine Tragfähigkeit für das "Bauwerk T" testen, das - spätestens 1950 - als Zeichen des Sieges die "Welthauptstadt Germania" krönen sollte: ein Triumphbogen nach einer Skizze des Führers aus dem Jahre 1925, 117 Meter hoch, 170 Meter breit, 119 Meter lang.
Der Weg unten durch, so träumte der Führer, müßte jedem, der nach Berlin komme, um "vor den Herrn der Welt zu treten", den "Atem nehmen".
Ähnlich Atemraubendes hatte Hitler, gleichfalls bis 1950, für die "Führerstädte" München, Nürnberg, Linz und Hamburg bestellt - das ganze Reich sollte zum gewaltigsten Gesamtkunstwerk geraten -, und immer meinte er "Riesen" und "Giganten", die "überwältigend" und "zerschmetternd" sein müßten, vor allem "ewig".
"Wir nehmen Granit", fabulierte er; dann würden die steinernen Zeugen der Bewegung gleich Domen "hineinragen in die Jahrtausende der Zukunft".
Die Baukolonnen mußten, glücklicherweise, oft auch Backstein und Muschelkalk nehmen; und so macht vieles von dem, was überhaupt noch gebaut wurde und den Krieg überdauerte, einen reichlich ramponierten Eindruck.
Doch auch die Fragmente des Gewaltkunstwerks, die in die nun 40jährige Bundesrepublik hereinragen, bereiten Kunsthistorikern Kopfzerbrechen - etwa Paradestücke wie die Führerbauten am Münchner Königsplatz und die Führertribüne auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände; funktionstüchtige Anlagen wie das Reichssportfeld in Berlin oder die nationalsozialistischen Ordensburgen im Allgäu und in der Eifel; schließlich Zubehörteile wie Hoheitsadler, Hakenkreuze und Skulpturen.
Dabei sind es weniger die Erbstücke selbst als vielmehr der laxe Umgang mit ihnen, der Kritikern und Historikern zu schaffen macht.
In Hitlers Vorstellungswelt waren die Bauten "Worte aus Stein" - überredender als das gesprochene, überzeugender als das geschriebene Wort: gebauter Nationalsozialismus. Die 50 Jahre später an die Nürnberger Führertribüne geschmierte Parole "Fickt die Türken in den Arsch!" kann natürlich nicht das letzte Wort dazu sein.
Daß der Diskurs über die NS-Architektur, ihre Vorgeschichte und ihre Nachwirkungen auf die Gestaltung der Bundesrepublik so vehement ausgebrochen ist, hat mehrere Ursachen:
Im Sog von Albert Speers mystifizierenden "Erinnerungen" schwemmten zahlreiche dreiste Publikationen auf den Markt, die den NS-Bau historisieren und aufwerten wollen.
In der Aneignung überkommener NS-Bauten offenbarten Behörden und Unternehmer eine dümmliche bis abgebrühte Unbefangenheit, die in dem Versuch gipfelte, in einer Bauruine auf dem Nürnberger Parteitagsgelände ein Zeitgeist-Zentrum für bayrische Schickis einzurichten.
Nach jahrzehntelanger Tabuisierung der Nazi-Ära an den Hochschulen enthüllten jüngste Forschungsarbeiten das Ausmaß, in dem Cliquen von NS-Architekten frühzeitig Planungsposten in der Bundesrepublik bezogen, einander Aufträge zuschanzten und zu Hausarchitekten von Wirtschaftsgrößen avancierten.
Die Geschichte dieser Kumpanei hat nahezu im Alleingang der Darmstädter Architekt und Soziologe Werner Durth recherchiert. Akribisch und scheinbar leidenschaftslos breitet er auf insgesamt 1572 Buchseiten seine anstoßerregende Wahrheit aus*.
Durth, Professor für Umweltgestaltung an der Universität Mainz, ist so alt wie die Bundesrepublik, er wird im Mai vierzig - doch lange spürte er "in dieser Gesellschaft keinen Boden unter den Füßen". Auch während des Studiums irritierte ihn ein Zeitsprung: Die Jahre von 1933 bis 1945 fehlten.
Durth wollte sich sein Geschichtsverständnis aber nicht von "den Fests und ihren konstruierten Geschichtsbildern" vermitteln lassen - von jenen virtuosen, auflagefördernden Klitterungen, wie die konservativen Publizisten Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler sie mit Speers Erinnerungen und Tagebüchern betrieben haben. Durth begann 1978 mit eigenen Recherchen über die NS-Vergangenheit westdeutscher Aufbauarchitekten.
Resümee, zehn Jahre danach: Auch die deutschen Architekten haben ihre Globkes, und zwar reichlich. Auch in der deutschen Architektur ist die vermeintliche "Stunde Null" eine fromme Legende: Unbeschadet überstanden Architekten ihr Engagement für den NS-Bau - auch und gerade Leute, die sich den Nationalsozialisten nicht nur durch Deutschtümelei und forsches Frontkämpfertum, sondern zusätzlich mit Hymnen auf Hitler und Hetzschriften gegen Linke empfahlen.
Den älteren, allesamt völkisch gesinnten unter ihnen - die es fertigbrachten, nacheinander der Monarchie und Weimar, dem Dritten Reich und der Bundesrepublik zu dienen - bot sich 1933 die ersehnte Gelegenheit, endlich die verhaßte Avantgarde zu liquidieren, das "100 Prozent bolschewistische Bauhaus" (Emil Hoegg).
Paul Schmitthenner, der Generationen von Studenten seine Satteldach-Gesinnung einbleute, zog als Redner für Alfred Rosenbergs "Kampfbund" durchs Land, putzte die Neue Sachlichkeit als "letzten geilen Trieb am Baum der deutschen Baukunst" herunter und ließ Hitler, dem großen "unbekannten Steinmetz", 1933 die Ehrendoktorwürde der Stuttgarter Hochschule antragen. 1958 nahm er - aus der Hand des Bundespräsidenten Theodor Heuss - in Bonn den Orden Pour le merite entgegen.
Julius Schulte-Frohlinde hatte "Juden und Marxisten" als "verderbenbringende Drahtzieher" der Moderne ausgemacht - und als Bauleiter von Robert Leys Deutscher Arbeitsfront hinreichend Gelegenheiten, sein Bekenntnis zur Bewegung in der Errichtung von Schulungsburgen und KdF-Anlagen auszudrücken. 1952 übernahm er in Düsseldorf das städtische Hochbauamt und errichtete ein neues Rathaus.
Von den jüngeren - die sich von den bauwütigen Nazis vor allem schnellen Aufstieg versprachen - machte Hanns Dustmann eine kinoreife Karriere.
Der Bürochef des Bauhaus-Gründers Walter Gropius meldete sich am Abend des 30. Januar 1933 als "SS-Mann Dustmann" am Telephon. Er wurde Reichsarchitekt und Ehrendolchträger der Hitlerjugend und zeichnete, von Hitler zum Professor ernannt, für die "Welthauptstadt" ein kolossales völkisches Museum und eine ebenso kolossale Langemarck-Halle.
Nach dem Krieg wurde er Hausarchitekt der Victoria-Versicherung, baute über 30 Häuser für Banken und Assekuranzen sowie den Allianz-Komplex auf dem Bonner Tulpenfeld, mit Büros für Abgeordnete, Beamte, Journalisten.
Andere Hitler-Professoren standen Dustmann kaum nach. Friedrich Hetzelt, Architekt von Görings Räuberhöhle Karinhall und Designer von Heydrichs Amtsräumen im Reichssicherheitshauptamt, kam als Beigeordneter in Wuppertal unter und errichtete dort die Schwimmoper und das Schauspielhaus. Herbert Rimpl, Architekt der Hermann-Göring-Werke und Rüstungsexperte mit Geheimaufträgen für besetzte Gebiete, baute das Bundeskriminalamt in Wiesbaden.
Friedrich Tamms, Spezialist für Bunker und Flaktürme (und stramme Propagandaschriften), stieg nach 1948 zum hochdekorierten Bauchef von Düsseldorf auf - und sicherte die Landeshauptstadt als Brückenkopf für alte Kameraden.
An der Düsseldorfer Königsallee konnte Helmut Hentrich die vierkantigen Doppelsäulen realisieren, die er schon für die geplante OKW-Fassade in Berlin gezeichnet hatte: Er setzte sie dem Bankhaus Trinkaus vor. In Düsseldorf ließ sich Carl Piepenburg nieder, der Bauleiter der Reichskanzlei. Hier baute auch Speers V-Mann Rudolf Wolters 1955 die Industriekreditbank.
Späte Erfüllung fanden frühe Träume Cäsar Pinnaus: Der Ausstatter der Führer-Gemächer in der Reichskanzlei konnte Entwürfe, die er 1940 für Großbauten an der vorgesehenen Welthauptstadt-Achse gezeichnet hatte, noch 1980 verwerten - für den Verwaltungsbau der Rheinisch-Westfälischen Bankengruppe in Münster.
Alle gehörten zum harten Kern der Gruppe Speer, und für alle war der 30. Januar 1937 ein bedeutsames Datum - der Tag, an dem Hitler den 31jährigen Albert Speer zum Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt ernannte.
Der mittelmäßig begabte Streber, seit 1931 Parteigenosse, seit 1932 Parteiarchitekt und seit 1935 Bühnenbildner und Beleuchter der Nürnberger Parteitage, war für den Führer allerdings nur zweite Wahl, nachdem Hitlers Bau-Idol Paul Ludwig Troost unter Hinterlassung der Entwürfe für die Führerbauten, die Ehrentempel und das Haus der Deutschen Kunst in München zum Ewigen Appell weggetreten war.
Halb Berlin wollten die Speer-Adjutoren zerschlagen - notfalls mit Haubitzen, wie sie witzelten -, um Ungetüme aufzurichten, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte, durchweg im Speerschen Vulgär-Klassizismus gestylt.
Zu Arbeitsessen traf man sich bei Horcher, dem Schlemmerlokal der NS-Schickeria (und Schauplatz des ersten Aktes von Carl Zuckmayers "Des Teufels General"). Dort tafelten des Teufels Architekten mit ihrem Chef noch in den Kriegsjahren 1941 und 1942, als in den Granitbrüchen von Flossenbürg und im Klinkerwerk Neuengamme KZ-Häftlinge zur Gewinnung von Baumaterial angetrieben wurden.
Schlüsselstellungen in seinem Stab hatte Speer mit zwei Männern besetzt, die ihm auch dienten, als - nach der Schlacht um Stalingrad und den ersten großen Flächenbombardements deutscher Städte - das Projekt "Germania" an Aktualität eingebüßt hatte: Rudolf Wolters und Karl Maria Hettlage.
Hettlage, Finanzfachmann und firm in allen Wirtschafts- und Verwaltungsfragen, folgte Speer ins Munitionsministerium, wo er das Rüstungskontor (zur Beschaffung von Mangelgütern aus den besetzten Gebieten) übernahm.
Wolters hielt seinem Chef noch die Treue, als Hettlage bereits zum Staatssekretär im Bonner Finanzministerium aufgestiegen war und Speer, als Kriegsverbrecher verurteilt, im Spandauer Gefängnis einsaß: Wolters organisierte den Kassiberschmuggel mit Speers Lebenserinnerungen auf Klosettpapier.
Beiden war von Speer Ende 1943 eine neue Aufgabe zugedacht worden: Sie sollten sich - der Rüstungsminister hatte einen entsprechenden Führererlaß erwirkt - um einen neuen Arbeitsstab, diesmal für die "Wiederaufbauplanung zerstörter Städte", kümmern; Speer sah sich selbstverständlich schon als Manager des Wohnungsbaus in Nachkriegsdeutschland.
Die für "Germania" entbehrlich und für einen Fronteinsatz verfügbar gewordenen Architekten konnten aufatmen: Sie wurden nun dringend für eine "vorbereitende Friedensaufgabe" gebraucht und blieben vom Kriegsdienst freigestellt; Wolters hatte sich auch eine neue Berufsbezeichnung für sie ausgedacht: "Erzbaumeister".
1944 tagten die Erzarchitekten auf einem Speer-Anwesen in Wriezen - und teilten schon die brennenden deutschen Städte untereinander auf. Ab 1947 trafen sie sich, erst beim Fürsten zu Salm-Salm auf Schloß Anholt, dann bei Wolters im westfälischen Coesfeld, das Netz ihrer Verbindungen neu zu knüpfen.
Zwischendurch, im Frühjahr 1945, erfüllte Wolters einen letzten Auftrag seines Ministers: Um Büros für den von Speer geplanten industriellen Wohnungsbau vorzubereiten, reiste er zwischen Flüchtlingstrecks und fliegenden Standgerichten mit dem Bauleiter Heinrich Lübke durch Restdeutschland, bis die beiden von britischen Truppen überrollt wurden.
Dabei hatte Wolters in dem späteren Bundespräsidenten einen freundschaftlichen Fürsprecher gefunden: Noch als nordrhein-westfälischer Landwirtschaftsminister verwandte Lübke sich für eine schnelle Entnazifizierung seines Reisegefährten.
Doch die Erzbaumeister kamen auch ohne besonderen Beistand durch die Spruchkammern. Selbst Speer brummte ja nur als Rüstungsminister. Als "Architekt Hitlers", so notierte der Altnazi 1950 im Knast ganz richtig, hätte ihm "noch nicht einmal ein ernsthaftes Verfahren" durch die deutschen Behörden bevorgestanden.
Auch mit Bauten wurde auf Betreiben der Sieger nur in besonders brisanten Fällen kurzer Prozeß gemacht: Die Russen ebneten 1946 die Reste der Reichskanzlei ein, die Amerikaner ließen 1947 die Ehrentempel am Münchner Königsplatz sprengen, und die Briten rissen 1987 mit dem Spandauer Gefängnis, einem Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, die letzte Heß-Bleibe ab (und deckten die Flächen mit einem gläsernen Shopping Centre für ihre Familien zu).
Verständlich. Die Bauten mußten als ideologisch hochgradig kontaminiert und somit als potentielle Kultstätten für alte und neue Nazis gelten. Welche Anziehungskraft noch ein paar Mauerreste auf sonst bereinigtem Terrain ausüben können, demonstrieren jährlich rund 300 000 Touristen, die in Loden, Nerz und Parka zum ehemaligen Führer-Anwesen auf dem Obersalzberg pilgern.
Genau das wollten die Sieger den Besiegten bei ihrer Umerziehung austreiben. Die Entnazifizierung der Deutschen sollte mit einer Entnazifizierung Deutschlands einhergehen.
Der Alliierte Kontrollrat verfügte am 13. Mai 1946, daß sämtliche Bauwerke und Denkmäler "militärischen und nationalsozialistischen Charakters" bis zum 1. Januar 1947 "vollständig zu zerstören und zu beseitigen" seien - ausgenommen "Gegenstände von wesentlichem Nutzen für die Allgemeinheit oder von großem architektonischen Wert"; bei ihnen seien nur die "zu beanstandenden Teile" zu beseitigen.
Die wuchtige Geste der Befreiung konnte also unterbleiben, der einzig mögliche Zeitpunkt für eine gewaltsame Lösung war verpaßt: Die deutschen Behörden erkannten fast durchweg auf "Wert" und "Nutzen", verschonten die NS-Bauten und demontierten lediglich die anstößigsten Applikationen.
Am Münchner Führerbau - einer Hitler-Dependance, in der im September 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet worden war - fielen zwar die kompletten Hoheitsadler; ansonsten aber, bei Finanzämtern und Gerichtsgebäuden etwa, beschränkten die beauftragten Exorzisten sich auf minimale kosmetische Korrekturen: Nur die Hakenkreuze wurden aus den Krallen der Adler entfernt.
Bei der Benutzung der Bauten und der Handhabung der Embleme gingen die Umerzieher den zu Erziehenden allerdings nicht mit bestem Beispiel voran. Die kurioseste Behandlung erfuhr der viereinhalb Meter hohe, neun Tonnen schwere Hoheitsadler, der von 1940 bis 1962 auf dem Flughafengebäude in Berlin-Tempelhof ansässig war.
Als die Amerikaner seinen Platz für ein Radargerät benötigten, zerlegten sie den gußeisernen Vogel und schafften den 136 Kilogramm schweren Kopf ins Museum der Militärakademie West Point im US-Staat New York. 22 Jahre später holte die Air Force den Adlerkopf zurück und vermachte ihn den Berlinern. Seit 1985 ist er auf einem Sockel aus Waschbeton am Platz der Luftbrücke öffentlich ausgestellt.
Ähnlich ungeniert verfahren die Briten mit dem Berliner Reichssportfeld, auf dem sie ihr Hauptquartier eingerichtet haben: Stets sind die bronzierten NS-Adler tadellos poliert, auf dem Maifeld finden die Geburtstagsparaden für die Königin statt - und die Wandsprüche in der Glockenturmhalle, die noch an die "blutigen Weihen" der "heiligen grauen Reihen" von Langemarck erinnern, sind durch die Fürbitte "God save the Queen" ergänzt.
Wo immer Deutsche im Laufe der Jahre in die von den Besatzern wieder freigemachten NS-Immobilien nachrückten - der Polizeipräsident in den Tempelhofer Flughafenbau, der Bundesnachrichtendienst in die Rudolf-Heß-Siedlung Pullach, die Bundeswehr in die Ordensburg Sonthofen -, taten sie dies nicht mehr als Geschlagene, sondern als selbstbewußte Bündnispartner. Sie sahen keine Veranlassung, an den vorgefundenen Einrichtungen etwas zu ändern.
So behielt zum Beispiel das bayrische Wirtschaftsministerium, als es einem PX-Center der U.S. Army in das Münchner Luftgaukommando folgte, die NS-Militaria an der Fassade bei: eine Kriegerbüste über dem Portal und eine Reihe wasserkopfgroßer Wehrmachtsstahlhelme in den Fenstergiebeln.
Doch der unbefangene Umgang der Sieger mit ihren Trophäen, meint der Berliner Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig, könne kein Modell für den Umgang der Deutschen mit ihrem Erbe sein. Beispiele aus der Geschichte läßt er bei dieser Hinterlassenschaft gleichfalls nicht gelten. Die Bauten der NS-Epoche seien nicht auf dem Normalweg zu historisieren.
Was dann? Abreißen? Verfallen lassen? Oder doch behalten, aber wie? Das eine scheint so falsch wie das andere:
Abriß hieße Verdrängung, wäre ein später, ziemlich lächerlicher Versuch, Spuren der Geschichte und mit der Substanz auch Anschauungsmaterial zu beseitigen;
Erhaltung und Nutzung könnten Anerkennung und Identifikation bedeuten, mithin als ein Zeichen gelten, daß mit der Begnadigung seiner Bauten auch der Nationalsozialismus aus der Verurteilung entlassen und wieder gesellschaftsfähig sei;
hingenommener oder gar inszenierter Verfall könnte Ruinenromantik aufkommen lassen (die Hitler und Speer bei ihren Planungen einkalkuliert hatten).
Alle Diskussionen enden in Ratlosigkeit, zeigen das Dilemma: Auch diese Generation weiß keine einleuchtende Lösung der Frage - zumal die Denkmalpflege mittlerweile die meisten der Bauten, vorsorglich, unter ihre Fittiche genommen hat.
Das mindeste, immerhin darüber herrscht Konsens, wären eine überlegte Nutzung und öffentlich angebrachte Kennzeichnung und Erläuterung der Gebäude. Doch daran hapert es.
Zu welchen Perversitäten eine Freigabe der NS-Relikte an die freie Wirtschaft führen könnte, zeigten unlängst Verhandlungen der Nürnberger Stadtverwaltung mit einer Unternehmensgruppe.
Nürnberg ist besonders geschlagen mit den gigantischen Fossilien auf dem Reichsparteitagsgelände, auf dem der Führer einmal im Jahr seine spektakulären Feldgottesdienste zelebrierte. Die Stadt unterhält die Halbruinen teils als Gedenkstätte, teils als Einnahmequelle.
Im Torso der Kongreßhalle der NSDAP - Hitlers "erstem Riesen" unter den Bauten des Dritten Reiches, dem Kolosseum von Rom nachgebildet und mit Granitquadern aus den KZ-Brüchen von Flossenbürg verkleidet - üben der Katastrophenschutz und die Nürnberger Symphoniker. 16 000 Quadratmeter sind als Lagerfläche an das Versandhaus Quelle vermietet, eine Firmengründung des Altnazis und Arisierers Gustav Schickedanz.
Nur unter dem Druck öffentlicher Proteste widerstand die Stadtverwaltung der Versuchung, einem Angebot der eigens gegründeten Finanzierungsgesellschaft "Kongreß & Partner" nachzugeben.
Die Nürnberger Unternehmer wollten den Nazi-Torso für 99 Jahre in Pacht nehmen und für eine halbe Milliarde Mark zu einem "Erlebnis- und Freizeitzentrum für gehobene Ansprüche" ausbauen - mit Disco, Squash und Sauna, Bistros, Boutiquen und Penthäusern. Ähnlichen Anfechtungen sieht sich keine andere Stadt ausgesetzt. Doch die Art und Weise, in der etwa München oder West-Berlin ihre Erbschaftsangelegenheiten zu erledigen versuchen, kann auch nicht als beispielgebend gelten.
Verständlich, daß die Stadt München, besorgt um ihr Image als "Weltstadt mit Herz", nicht gern an ihre Vergangenheit als "Hauptstadt der Bewegung" erinnert werden will und alles tut, sie vergessen zu machen. Am Haus der Kunst rankt Efeu; über den Königsplatz, die granitene Aufmarschfläche der NSDAP, ist Gras gewachsen; in den Führerbauten sind die Musikhochschule und Kulturinstitute untergebracht.
Auch die 16 "Blutzeugen" von Hitlers Novemberputsch sind die Münchner los; die Tempel für ihre Sarkophage sind gesprengt. Geblieben sind - letzte Steine des Anstoßes - die Sockel: Die Bauverwaltung will sie nicht haben, zumal NS-Veteranen an ihnen gelegentlich in stillem Gedenken verharren; die Denkmalpflege will sie bewahren, als "Denksteine der Geschichte".
Während München sich weitgehend entnazifiziert hat, haben die West-Berliner sich unlängst überraschend renazifiziert. Die Stadt hat sich ein architektonisches Unikum zugelegt: ein Nazigebäude, Baujahr 1987.
Der Senat will das desolate Diplomatenviertel am Tiergartenrand reanimieren. Die zerschossenen Botschaftsgebäude aus der NS-Zeit werden instand gesetzt. Über die Häuser der beiden Ex-Achsenmächte kam es zum Streit. In die italienische Botschaft (Architekt: Friedrich Hetzelt) soll, ausgerechnet, die neugegründete Akademie der Wissenschaften ziehen. Die Mailänder Architektin Gae Aulenti will den Bau postmodern aufpeppen, sein Pathos ironisieren. Der Denkmalpfleger jedoch wünscht sich die Mumifizierung der faschistischen Form und lehnt den Aulenti-Entwurf ab.
Japans ungebrochenes Verhältnis zur Vergangenheit demonstrierte der Tokioer Architekt Kisho Kurokawa bei der japanischen Niederlassung, die als ein Japanisch-Deutsches Zentrum dienen soll: Weil der Nazikasten (Architekt: Ludwig Moshamer) durchgefault war, ließ Kurokawa ihn abreißen und mit Zustimmung der deutschen Behörden originalgetreu wiederaufrichten (Innenarchitekt, wie 1940: Cäsar Pinnau).
Protesten gegen den wiederauferstandenen NS-Bau begegnete der Generalsekretär des Zentrums, Thilo Graf Brockdorff, mit der blasierten Bemerkung, daß der Nazibau in Japan "größtes Charisma" genieße.
Derlei affirmative Auslassungen empfinden Kritiker wie Mittig als das eigentlich Skandalöse. Das gilt auch für den fröhlichen Umgang mit einem der Wahrzeichen West-Berlins, dem wegen seiner Form und Funktion auch offiziell gerühmten und ohne die Spur einer Zurückhaltung für die "Alte Hauptstadt"-Werbung längst vereinnahmten Olympiastadion von 1936.
Die endgültige Form der Eisenbetonschüssel und ihre Verkleidung mit Haustein waren Führerwille. Der Architekt Werner March lieferte Hitler die gewünschte "Kampfstätte" und mit dem Maifeld ein feierliches Aufmarschgelände. Der Heldentod stand Pate.
Den Glockenturm weihte March der "singend in den Tod gezogenen Jugend von Langemarck", die den (noch) Lebenden "Sinnbild und Vorbild" sein sollte. Für das Opening der Spiele reimte ihr Organisator, Deutschlands Sportheiliger Carl Diem: "Vaterlandes höchst Gebot in der Not: Opfertod!"
Mit dem Kriegsausbruch folgte für Diem der sportliche Ernstfall. Sein verbaler Beitrag 1939: Der Sport sei der "Büchsenspanner des Soldaten". Seine Reaktion auf Stalingrad: eine Reise an die Ostfront, mit dem Appell "Ich rufe die Jugend - zur soldatischen Pflicht".
Im März 1945 - das Olympiastadion war zur Festung ausgebaut, der Volkssturm auf dem Olympischen Platz vereidigt, Reichssportführer Karl Ritter von Halt kommandierte das Bataillon "Reichssportfeld" - rief der große Organisator am Olympiastadion noch einmal die Jugend; und der damals 18jährige Reinhard Appel, später Chefredakteur des ZDF, "kann nicht vergessen", wie Diem "in einer flammenden Rede, in der viel von Sparta und Opferbereitschaft vorkam", die Hitlerjungen der Division "Großdeutschland" zum "siegreichen Endkampf" aufforderte.
Einen Monat später, nach dem Endkampf um das Stadion zwischen der Roten Armee und zusammengetrommelten Hitlerjungen, lagen mehr als 2000 Tote auf dem Reichssportfeld, fast alle Pimpfe im Alter von 13 und 14 Jahren.
Nichts am Stadion erinnert an ihren sinnlosen Tod. Nur Carl Diems, des im gesegneten Alter von 80 Jahren im Bett gestorbenen Rektors der neugegründeten Hochschule für Leibesübungen in Köln, wird mit einer Porträtplakette am Marathontor ehrend gedacht.
Wo auch immer: Das "selektive Erinnern" (Mittig) ist symptomatisch. Ob auf den Ordensburgen oder in einer Idylle an der Krummen Lanke: Die Geschichte wird verdaulich dargeboten.
Auf den Ordensburgen, von NS-Architekten als "Festungen des Glaubens" erbaut, sollten die "fanatischsten Träger der nationalsozialistischen Weltanschauung" erzogen werden, wie Robert Ley sie sich wünschte: "Herrenmenschen" für das zu errichtende "Großgermanische Reich".
Die Sonthofener Burg heißt nun, zur Erinnerung an den Widerstand, Generaloberst-Beck-Kaserne; hier werden jetzt Feldjäger und Stabsleute für die Bundeswehr geschult.
In launigen Einführungsvorträgen für neue Lehrgangsteilnehmer - über Allgäuer Käse, NS-Erziehungssysteme und die Innere Führung beim Bund - wird die Nazi-Ideologie kaum kritisch angegangen. Detaillierter erfahren Neuankömmlinge schon, wer hier als Adolf-Hitler-Schüler "durchgelaufen" sei: Hardy Krüger und Dietmar Schönherr zum Beispiel, der spätere SED-Ideologe Werner Lamberz sowie der Chefredakteur der "Zeit" Theo Sommer.
Das neue Wappen der Burg zeigt den preußischen Gardestern mit der Losung "Suum cuique". Deutlichere Spuren der Vergangenheit finden sich noch auf dem Territorium der Ordensburg Vogelsang in der Eifel, jetzt Truppenübungsplatz der Nato unter belgischer Verwaltung. Dort steht ein sechs Meter hoher, verwitterter Denkmalblock mit dem Relief eines Fackelträgers und der verstümmelten Inschrift:
Ihr seid die Fack.....ger der Nation Ihr tragt das Licht des Geistes voran.....mpf für............*
Der Rheinische Landeskonservator will die Burg "in der Originalsubstanz" bewahren. Das Amt für Denkmalpflege hat sie als "Mahnmal" eingeordnet, ausdrücklich als "ideologisches Gegenstück zu den Vernichtungslagern".
Vergleichbare Zusammenhänge sieht der Darmstädter Kunsthistoriker Klaus Wolbert ("Die Nackten und die Toten des Dritten Reiches") in seiner Deutung der NS-Kunst am Bau vor allem bei den Skulpturen von Arno Breker: In der aufgeladenen Pracht dieser Leiber werde "Schönheit als Waffe" gegen alles Kranke und Verkrüppelte eingesetzt.
Wolbert widerspricht dem ehemaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard, der Breker als Verteidiger der "Freiheit und Würde des Menschen" auf der "Grundlage der christlichen Ethik" pries, ganz entschieden. Er widerspricht auch den bundesdeutschen Wirtschaftsgrößen und Leistungssportlern, die Hitlers nun greisen Michelangelo in großer Zahl als den Skulpteur ihrer Wahl bewundern.
Wolbert: Da für NS-Rassentheoretiker nur der makellose Mensch lebenswert war, verkörperten die nackten Nazi-Schönheiten, quasi als Soll-Typen, die "Anweisung zum Mord".
Die Rassentheoretiker der SS wohnten in einer Idylle, die sich auch 50 Jahre danach bei den Berlinern (und bemerkenswert vielen Angehörigen der Polizei) großer Beliebtheit erfreut - als "Waldsiedlung Krumme Lanke", unter Birken und Kiefern am See, mit Satteldächern und Jägerzäunen und so putzigen Straßennamen wie "Himmelsteig" und "Im Kinderland".
Andere Straßen hießen vor 50 Jahren noch "Treuepfad" und "Ahnenzeile"; die "Waldsiedlung" war eine "Kameradschaftssiedlung der SS", sie war auf Betreiben Himmlers als geschlossene Anlage für die Mitarbeiter der SS-Hauptämter errichtet worden: ein "beredtes Zeugnis für die Gestaltungskraft der SS auch auf diesem Gebiet" ("Das Schwarze Korps").
Als das SS-Blatt, um auch mal die "heitere Seite des SS-Dienstes" zu zeigen, 1938 per Preisausschreiben die Straßennamen für die Siedlung suchte, gab eine Siedlungskameradin (vier Kinder) in einem Leserbrief ihrer Hoffnung Ausdruck, daß
die Männer, die rassisch eine Auslese des Deutschen Volkes darstellen, ihr hochwertiges Erbgut an eine recht große Zahl von erbgesunden Nachkommen weitergeben. Dann wird auch eine Straße, die den schönen Namen "Kinderland" oder "Glück im Winkel" trägt, bald ihrem Namen gerecht werden, denn die harten Kämpfer der SS werden dann bei ihren kleinen Lieblingen ihr Glück im Winkel finden.
In diesem Sinne Heil Hitler!
Der Landeskonservator wollte die Totenkopf-Idylle schon vor zehn Jahren unter seinen Schutz nehmen - als "flächendeckende, denkmalwerte Siedlung". Der Bauhistoriker Dittmar Machule weiß, warum das noch nicht geschehen ist: aus Sorge, daß dann "die alten Geschichten wieder hochkommen". #
Von Karl Heinz Krüger

DER SPIEGEL 4/1989
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