27.02.1989

Die Stadt lebt, weil der Wald stirbt

Samarinda - die Holz-Kapitale von Kalimantan
Der Eingeborene Ernst Keeug hatte als Seemann die halbe Welt gesehen, bevor er im Land seiner Vorväter seßhaft wurde - in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, am Rande der Stadt Samarinda, direkt unterm Äquator.
Ernst ("Den Namen gab mir ein holländischer Pastor") führt zahlungswillige Hobbyabenteurer in und durch die unwegsamen Dschungel Kalimantans - für einen Tagessatz von 200 US-Dollar.
Als Keeug, 48, vor wenigen Jahren anfing, sich als Dschungelscout zu vermarkten, waren Tagestrips noch die Norm seines Geschäfts. Inzwischen werden die Dschungeltrecks von Samarinda den Mahakam stromaufwärts immer länger, im Schnitt dauern sie mindestens eine Woche.
Denn die Menschen auf Kalimantan machen dem Dschungel in atemraubendem Tempo den Garaus. Unverdrossen jedoch verspricht der Naturbursche Keeug jedem seiner Kunden, noch vor dem Ende des ersten Reisetags ab Samarinda werde er einen Orang-Utan gesichtet haben. Wer wollte da von gestörter, gar zerstörter Natur sprechen?
Ohne den Dschungel ist Samarinda nicht denkbar. Die Stadt ist die Holz-Kapitale Kalimantans. Sie kann nur leben, weil der Wald stirbt. Stadt frißt Natur. Das Herz dieser Stadt sind die Sägewerke und Sperrholzfabriken.
Das Kreischen der Motorsägen am Hafen übertönt selbst den Höllenlärm der unzähligen Mopeds und Motorroller in der Innenstadt. Der süßliche Geruch von frisch geschnittenem Holz und Sägemehl zieht durch die Straßen. Samarinda atmet Holz.
Bis in die siebziger Jahre war der Hafen am Delta des träge durch den Dschungel mäandernden Mahakam ein verschlafener Umschlagplatz für Rohhölzer. Die Holzfabriken aber machten Samarinda zur Boom-Town.
Denn die Nachfrage nach tropischem Sperrholz auf dem Weltmarkt war ungeheuer. Besonders Japan, mit Abstand Indonesiens wichtigster Holzmarkt, schien gar nicht genug Sperrholz aus edlem Meranti kriegen zu können: Die Bauunternehmer in Tokio schätzen das teure Produkt als Betonverschalung, die Hersteller von Wegwerf-Eßstäbchen begehren Rohstoff - der tropische Urwald als Ex-und-hopp-Artikel.
300 Sägewerke zerschneiden Indonesiens Tropenhölzer, 100 Sperrholzfabriken produzieren rund um die Uhr. Kalimantan ist das Kernland der Holzindustrie.
An manchen Tagen schrumpft der mächtige Mahakam auf eine schmale Fahrtrinne. Dann blockieren Tausende wuchtiger Meranti-Stämme den Strom, manche bis zu anderthalb Meter im Durchmesser, ineinander und übereinander verkeilt wie monströse Flöße. Die Sägewerke an der Flußmündung werden der Holzflut mitunter nicht mehr Herr.
Vom Flugzeug aus erscheint der Dschungel Borneos wie ein ausgefranstes, mottenzerfressenes grünes Tuch. In weniger als 30 Jahren wird Kalimantan eine weitgehend baumlose Steppe sein.
Wahid Azwar, Mitbetreiber einer Sägemühle etwa 50 Kilometer von Samarinda, hält solch düstere Prognosen für schiere Panikmache. "Die Holzfäller gehen sehr vorsichtig zu Werke", versichert er, "in den Einschlaggebieten wird höchstens jeder zehnte größere Baum auch tatsächlich gefällt. Das ist Vorschrift."
Als Wahids Sägewerk vor knapp zehn Jahren am Ufer des Mahakam gebaut wurde, stand das Schnittholz praktisch vor der Tür. Heute werden die Stämme aus einer Entfernung von 120 Kilometern angeflößt. Hinter der Fabrik dehnt sich eine fast baumlose Ebene, durchsetzt mit Bananenstauden und kleinen Parzellen, auf denen Gemüse, Ananas und Trockenreis wachsen.
Gespenstisch ragen überall Hunderte verkohlter Baumstümpfe aus dem kniehohen Gras, auch aus den Feldern. "Das große Feuer", sagt Wahid und macht ein ängstliches Gesicht, als sehe er eine Flammenwand direkt auf sich zurollen:
1982 brachte Borneo eine ungewöhnlich lange Trockenzeit - der Urwald fing Feuer. Acht Monate lang wüteten die unkontrollierten Flammen im Dschungel; von der Ostküste fraßen sie sich 200 Kilometer weit ins Landesinnere. Das "große Feuer" vernichtete damals eine Fläche von mindestens 3,5 Millionen Hektar natürlichen Dschungels, ein Areal der Größe Nordrhein-Westfalens.
Das nach dem Brand versteppte Gebiet ist heute weitgehend besiedelt; allenthalben versuchen Bauern, dem kargen Boden Nahrung und Marktware abzugewinnen. Intensive Landwirtschaft läßt die Erde nicht zu. Deshalb brauchen die Bauern immer neues, immer mehr Land, um lohnende Erträge zu ernten.
Schon hat sich die Siedlungsgrenze wieder in den verbliebenen Dschungel vorgeschoben. Denn nach Kalimantan drängen jeden Monat Zigtausende Menschen - die Insel als inländisches Einwanderungsland.
Der ungehemmte Zustrom ist staatlich legitimiert: "Transmigrasi" nennt sich das Programm, durch das Millionen Indonesier vom übervölkerten Java, dem dichtest besiedelten Landstrich der Welt, in die menschenleere Dschungelwildnis der Außenprovinzen umgesetzt werden. Lebensraum schaffen durch Rodung heißt die Parole.
Transmigrasi-Siedler sind aber nur die Minderheit der Neuankömmlinge in Kalimantan. Die Zahl der "wilden" Siedler ist unbekannt. Wahrscheinlich sind es dreimal mehr als Transmigrasi-Leute.
In den Raum um Samarinda fielen an die 200 000 Neusiedlerfamilien ein, es können auch mehr sein, genau weiß das niemand. Statistiken, die halbwegs verläßlich wären, führt keine Behörde.
Yussufi, ein Mann aus der Nähe von Yogjakarta auf Java, landlos dort und ohne Aussicht auf Arbeit, ist dank Transmigrasi vor sechs Jahren an den Mahakam gekommen. Wie anderen Siedlern auch, stellten ihm die Behörden eine barackenähnliche Hütte zur Verfügung, gab ihm notwendiges Werkzeug für den Ackerbau, Saatgut, Dünger - und ein Farbbild von Präsident Suharto.
Nach zwei Jahren sollen die Neusiedler wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen können. Yussufi hatte Pech, sein Boden war nach vier Ernten erschöpft. Yussufi verließ das Dorf und zog mit seiner Familie dem Urwald zu, um dort auf eigene Faust Land zu suchen.
Yussufi und seine Familie haben sich mit anderen "wilden" Siedlern zu einem neuen Dorf zusammengeschlossen, etwa zehn Hektar Land haben sie gemeinsam gerodet und bewirtschaften es gemeinsam. Wenn auch dieser Boden in einigen Jahren nichts mehr hergeben sollte, "dann müssen wir vielleicht woanders wieder anfangen", sagt Yussufi, nunmehr Dorfältester.
Mit dem Motorboot des Dorfes, ein eigenes kann sich niemand leisten, ist Samarinda in knapp zwei Tagen zu erreichen. Über dem Bootsanleger am Fluß haben die Siedler einen farbenprächtigen Torbogen errichtet, auf dem steht, wie ihr Dorf heißt und wem sie es zu verdanken meinen: "Murata Soeharto".
Im "Schulhaus" mit seiner halb offenen Veranda für den täglichen Dorftratsch steht sogar ein Fernseher. Das staatliche TV-Programm unterbricht in kurzen Abständen immer mit demselben Werbespot der Regierung: Ein zuversichtlich lächelnder Landmann setzt Reihe um Reihe Baumschößlinge in die verbrannte Erde Kalimantans.
Manchmal bekommt Yussufi Besuch, das ganze Dorf nimmt daran Anteil: Der Dschungelscout Ernst Keeug will mal wieder einem Touristen beweisen, daß es noch Orang-Utans gibt in Kalimantan.
Yussufi hält ein von ihm "ganz allein gefangenes" Jungtier in einem Bretterverschlag hinter seiner Hütte. Der Dorfälteste erbittet für die Besichtigung einen Dollar - "damit ich dem Orang-Utan Bananen kaufen kann".

DER SPIEGEL 9/1989
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