28.08.1989

„Reiß eahm die Brust auf“

Wenn der österreichische Freistilringer Otto Wanz, 45, eine Arena in seinem Heimatland betritt, kommt er als Herrscher. "Otto Wanz, hier regiert", grölen Sprechchöre. Entzückte Damen tätscheln liebevoll seinen mächtigen Bauch. "Otto mach Mus", fordert das Publikum.
Ungerührt schreitet "Big Otto" durch die brodelnde Menge und klettert in den Ring: 175 Kilo Lebendgewicht bei 1,89 Meter Körpergröße und, laut letzter sportärztlicher Messung, 17 Prozent Fettanteil.
Sein feuerrotes Ringertrikot ist zum Zerreißen gespannt. Er wirft die stämmigen Arme zum Gruß in die Luft und stürzt sich auf den Gegner. Mit vorgewölbter Leibesfülle treibt er ihn vor sich her und quetscht ihn in die Ringecke. "Hau eahm Otto!" schreit ein schmächtiger Jüngling auf der Tribüne: "Dea schaut aus wia mei Chef."
Wanz weiß, was er seinen Fans schuldet: Drei-, viermal wuchtet er seine Walroß-Statur auf das hilflose Opfer. "Big Otto, lassen Sie Ihren Gegner am Leben", mahnt der Ringsprecher. Der Kampfrichter, ein winziger Kerl im Schottenrock, kullert über die Matte; er hatte versucht, den Koloß abzudrängen. Noch einmal klatscht Big Ottos Wanst auf den Widersacher nieder, der inzwischen groggy in den Seilen hängt. Dann trottet der Lokalmatador sichtlich zufrieden zurück in die Ringmitte.
"Weinen, leiden, lachen. Der Zuschauer bekommt alles zu sehen, was er sehen will, eine 100prozentige Show", sagt Berufsringer Wanz und erzählt von legendären Ringschlachten, in denen er andere Hünen "zerstört" und "gequält" habe, bevor er ihnen den "Gnadenstoß" versetzte.
Wenn er nicht gerade einen Gegner zermalmt, schwadroniert Wanz auf Biegen und Knochenbrechen. Genüßlich schildert er seine grauenvollen Taten, illustriert sie mit angedeuteten Catchergriffen. Bitter klagt er darüber, daß er überall von halben Portionen zum Kräftemessen gefordert werde: "Des is wie bei den Revolverhelden. Der hat a ka Ruah, bevor er ned olle überm Haufn schiaßt."
Zwölf Jahre war der steirische Kraftlackel einer von fünf Weltmeistern im unübersichtlichen internationalen Catcher-Zirkus. Unter 3000 Mark Kampfbörse, heißt es in Catcher-Zirkeln, rühre der Publikumsliebling keinen Muskel.
Wanz ist ausgebucht. Im Frühjahr tingelt der "Berufssportler und Kaufmann" (Wanz über Wanz) mit seiner Freistilringertruppe durch die österreichische Provinz, während der Sommermonate triumphiert er im traditionsreichen Freiluft-Turnier am Wiener Heumarkt, im Herbst stellt er sich dem johlenden Publikum in Hannover, Dortmund und Bremen.
Nirgendwo gerät das Publikum derart außer Rand und Band wie in Wien. Seit über vier Jahrzehnten werden die Sommer-Turniere am Gelände des Wiener Eislauf Vereins ausgetragen. Manche Catcher, wie der "Weltmeister" Georg Blemenschütz, im Privatleben ein feinsinniger Biedermeier-Kunstsammler, wurden zu Volkshelden: Blemenschütz, die "Mumie vom Heumarkt", galt noch im hohen Alter von 70 Jahren als unbesiegbar.
"Blut, Schweiß und Stöhnen", so das Magazin Wochenpresse, haben am Wiener Heumarkt ein festes Stammpublikum. Selbst die Besucher des benachbarten Konzerthauses drängen sich in den Pausen an den Foyerfenstern und verfolgen, mitunter lautstark, den Kampf der Giganten, der alle Kammermusik vergessen läßt.
Ein Gladiatorenmarsch - derzeit der Triumphmarsch aus "Aida" - schmettert aus den Lautsprechern. Die schweren Männer paradieren in ihren Phantasiekostümen durch den Ring. Auf den dichtgedrängten Tribünen werden rüde Schreier munter. Die vordersten Plätze haben Vorstadt-Blüten in glitzerndem Disco-Fummel okkupiert. Eine der Frauen öffnet einladend ihre Beine und brüllt ins Geviert: "Na kumm do, Burli, wannst überhaupt kannst."
Die 16köpfige Catcher-Truppe (Abendgage zwischen 300 und 750 Mark) ist hart im Nehmen. Bierbecher und Verbalinjurien regnen auf die Würg-und-Wurf-Artisten, keiner unter zwei Zentnern schwer. Sie werden mit Drohgebärden überschüttet, ein Betrunkener will sich in den Ring werfen.
Den Kreationen des urtümlichen Wiener Sprachschatzes sind keine Grenzen gesetzt. Nur erfahrenen Brauchtumsforschern sind die Zungenbrecher aus der Gröl- und Rülpssprache voll verständlich: "Reiß eahm die Brust auf und scheiß eahm ins Herz", lautet, phonetisch vereinfacht, ein sprichwörtlicher Standardpöbel.
Die Bösewichter der Ringer-Riege verdienen am meisten. Sie sind struppig, fett, hochmütig, hinterlistig und heizen die Volksbelustigung erst richtig an.
Salvatore Bellomo, 112 Kilo schwer, angeblich gebürtiger Sizilianer, ist der talentierteste Komiker unter den verhaßten Clowns am Heumarkt. "Pizza, Pizza", dröhnt es ihm entgegen, wenn er mit wehendem knallgelbem Mantel (Aufschrift: "Italian Stallion") in den Ring steigt. Schon in der ersten Runde nimmt er seinen Gegner, den jugendlichen österreichischen Publikumsliebling Franzl Schuhmann, in die Mangel. "Hehehe, Austria", höhnt der Finsterling und verpaßt dem Wiener einen krachenden Nackenschlag, der alle Patrioten im Publikum trifft.
Ein Rächer ist schnell zur Stelle. Er reicht dem tätowierten Bodybuilder Schuhmann eine Packung Spaghetti. Der schlägt sie um Bellomos Ohren, daß die Nudeln sprühen. Schließlich zappelt der sizilianische Dickwanst in einer Ecke in den Seilen und röhrt fürchterlich: Sein Gegner hat ihm scheinbar gezielt und regelwidrig in die Hoden getreten.
"Erlaubt sind alle Griffe vom Scheitel bis zur Sohle", besagt das Reglement. Verboten hingegen Faustschläge, Tiefschläge und "das Stechen in die Augen". Doch tatsächlich erlaubt ist alles, was dem Publikum Spaß macht, an den Schnurrbarthaaren ziehen mit eingeschlossen.
Ein Schwergewichtsringer verwende drei bis fünf Griffe, erzählt Otto Wanz. Er selbst begnüge sich mit drei: dem Ausheber, auch "Supplesse" genannt, dem Armschlüssel und dem Nackenstaucher ("Dabei stell i den Gegner mit'n Kopf voran kerzeng'rad auf'd Erd").
Big Ottos charakteristischstes Kampfmittel ist jedoch der sogenannte Steamroller: "Ich komme im Flug, treffe meinen Gegner mit der Schulter in den Solarplexus und rolle über ihn hinweg. Das führt zum Ende der Veranstaltung."
Jahrelang ist Wanz, bei seiner Otto-Rolle ein ungeahnt wendiger Kugelblitz, durch amerikanische Catch-Ringe gewalzt. Unter dem Künstlernamen "The Austrian Steamroller" trat der Alpen-Goliath in US-Arenen auf, angetan mit Haferlschuhen, Krachlederner und mächtigem Gamsbart am Speckhut.
Im Gegensatz zu dem durchkommerzialisierten amerikanischen Catch-Zirkus, behauptet Wanz, bemühe sich die europäische Ringer-Riege um einen Rest sportlicher Respektabilität. Viele Kampffiguren sind sorgfältig einstudiert, die Übergänge zwischen purer Pose und athletischer Rangelei fließend. Die meisten der Catch-Artisten wären miteinander viel zu vertraut, meinen Kenner der Szene, um detaillierte Absprachen notwendig zu machen. Sie respektierten die Hierarchie in der Truppe und improvisierten das Kampfgeschehen nach Lust und Laune.
Erbitterte Schlägereien finden eher in der Umkleidekabine statt. Dort machen die schweren Männer ihren Aggressionen Luft, die sie im Ring mühsam unterdrücken, und ahnden Verstöße gegen den ungeschriebenen Kodex. Vor einigen Jahren rettete sich beispielsweise Botawamungu Biko, ein Exil-Ringer aus Zaire, auf ein Wiener Polizeirevier: Drei seiner Kollegen hätten ihn in der Garderobe verprügelt, weil er nicht bereitwillig hatte verlieren wollen.
"Die Welt will betrogen sein", empört sich Emmanuel Schön, langjähriger Generalsekretär des österreichischen Amateurringer-Verbandes, über die populäre Konkurrenz: "Einstudierte Mätzchen. Diese Gladiatoren haben vom Ringen soviel Ahnung wie die Kuh vom Seiltanzen."
Bei Choreographiefehlern sind Verletzungen an der Tagesordnung - selten tödliche Unfälle. "Schlüsselbeine", so Champion Wanz, "gehen bei uns häufig zu Bruch." Sein Geschäftspartner und Impresario Peter William, 53, beendete die Catcher-Karriere mit einem Nierenriß. Nüchtern zählt Big Otto eigene Blessuren auf: "Abriß des Bizeps, Riß der Achilles-Sehne, zweimal Probleme mit den Nieren, lädierter Meniskus, die Bandscheiben scheppern."
Die schwersten Stunden habe er morgens, wenn sein mächtiger Körper noch steif und von der allabendlichen Brachialkür mitgenommen sei. "I waaß, i werd alt", gesteht Wanz, müde der Purzelbäume und Würgegriffe.
Am Montag vergangener Woche ging der steirischen Dampfwalze die Luft aus. In der achten Runde eines Titelkampfes um die Weltmeisterschaft kniete das Heumarkt-Idol blutüberströmt und groggy im Wiener Catch-Ring. Die beiden Betreuer mußten den verprügelten Koloß in die Garderobe schleppen.
Big Ottos Niederlage kam unerwartet. Sein Bezwinger, der amerikanische Berufsringer "Bull Power", neun Jahre jünger und um zehn Kilo leichter als Wanz, ist dem Wiener Publikum besonders verhaßt. Kaum stand das bitterböse Show-Talent mit schwarzer Sadomaso-Ledermaske und doppeltem Irokesen-Schnitt dem Lokalmatador im Ring gegenüber, wurde er auch schon mit Unflat und Rotwein-Bechern überschüttet. Den Abgang des grimmigen Triumphators sicherte ein Polizeikordon.
Offensichtlich habe gesunder Geschäftsgeist den amerikanischen Catcher mögliche Absprachen vergessen lassen, munkeln Szene-Kenner. Anfangs hielt sich die wüste Balgerei noch an die Papierform. Doch in den beiden letzten Runden überraschte der US-Buhmann die Zuschauer: Mit voller Wucht trat er Wanz ins Gesicht und raubte ihm mit einer Serie von Unterarmschlägen gegen den Kehlkopf die Besinnung. "Geht es beim Catchen manchmal auch ernst zu?" fragte sich erstaunt eine Wiener Tageszeitung.
Zumindest im Catch-Business. Am Tag nach dem Kampf packte Bull Power, ehemals Prellbock der Football-Mannschaft "Denver Broncos", den eroberten Weltmeister-Gürtel ein und reiste nach Japan, um seinen neuen Titel zu vermarkten. Dort erwarten ihn Abendgagen von bis zu 50 000 Mark.
Auch Big Otto Wanz denkt nicht ans Aufhören. Einige Tage gönnt er seinen gequetschten Gliedern Ruhe, dann will er sich wieder ins Ringertrikot zwängen. Und schon im Januar kommenden Jahres soll es, diesmal auf Grazer Heimatboden, zu einer Wiederauflage des Titanen-Kampfes gegen Bull Power kommen. Mit nichts läßt sich besser Geld verdienen als mit einer angeheizten Revanche. f
Von Riedl, Joachim

DER SPIEGEL 35/1989
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