22.05.1989

Dann löst sich China auf

Massenproteste im ganzen Land, Studenten im Hungerstreik, Arbeiter und Polizisten, die sich solidarisierten: Nachdem Chinas Führung während des Gorbatschow-Besuchs in Peking die Kontrolle über die eigene Hauptstadt entglitten war, setzte die Regierung Militär ein, Parteichef Zhao Ziyang mußte gehen. Die revolutionären Tage von Peking hatten die Volksrepublik an den Rand der Anarchie gebracht - und den Abschied vom Kommunismus.

Er hatte eine Milliarde Menschen aus der Mao-Sklaverei befreit. Zweimal gestürzt und zweimal an die Macht zurückgekehrt, schien sein Leben erfüllt.

Mit einem Triumph wollte der große Teng Hsiao-ping, 84, nun sein politisches Werk krönen: mit dem Kotau der kommunistischen Weltmacht UdSSR vor der lange verachteten Volksrepublik China.

Sein russischer Besucher Michail Gorbatschow, 58, den der alte starke Mann als "politisch unerfahren" einstufte, hatte begonnen, seine Truppen von den Grenzen Chinas zurückzuziehen, und die volle Gleichberechtigung beider Staaten anerkannt - damit war die Voraussetzung für die Wiederaussöhnung der 30 Jahre lang miteinander verfeindeten roten Riesenreiche erfüllt.

Doch dann wurde der Gast zum Zeugen des schmählichen Scheiterns Tengs. Mehr noch: Der Mann aus Moskau sah Flammenzeichen an der Wand - die Signale, die ein Ende des Kommunismus ankündigen könnten, in China und nicht nur in China.

Während die beiden Führer der größten kommunistischen Länder zusammensaßen, hallten vor der Tür die Rufe von über einer Million Menschen. Die Parole: "Demokratie oder Tod!" Die Protestmarschierer gemahnten die Kommunisten an ihre hochtönenden, nie erfüllten Versprechungen, als sie die "Internationale" sangen, die bekanntlich das "Menschenrecht" erkämpft.

Chinas Kommunisten wußten sich des Volksurteils Ende voriger Woche wieder nur auf eine Weise zu erwehren, in der einst Rußlands Reformer Chruschtschow die Ungarn diszipliniert hatte, wie nachher Breschnew die Tschechoslowaken, Polens Jaruzelski das eigene Volk, Gorbatschow die Kaukasus-Nationalitäten und China selbst vor kurzem erst die Tibeter - mit Militärgewalt.

Am Samstag morgen wurde über Teile der Hauptstadt Peking der Ausnahmezustand verhängt, Truppen rückten ein, Demonstranten suchten die Soldaten aufzuhalten und auf ihre Seite zu ziehen.

Hunderte Hungerstreikende wurden vom Tienanmen-Platz abtransportiert, Straßenkreuzungen mit Lastwagen blockiert. Am vorigen Samstagmorgen gegen vier Uhr stoppten Studenten einen einrollenden Lkw-Konvoi jener Truppe, die sich "Volksbefreiungsarmee" nennt, am westlichen Anfang der Straße des Langen Friedens.

Immer mehr Demonstranten bildeten eine Menschen-Barrikade. Die Stimmung der Soldaten schien gelassen; suchte einer von ihnen eine Toilette, führte ihn ein Student brav zum nächsten Restaurant.

Ein älterer Bürger redete auf die jungen Uniformierten ein, der Protest richte sich nur gegen einzelne Personen in der Führung, nicht gegen die Partei. Studenten aber erläuterten die Konfrontation dem SPIEGEL so: "Jetzt haben wir eine Revolution." Sie wollten nicht vor dem Militär weichen, drohten mit noch größeren Hungerstreiks.

Revolutionen brechen am Ende des 20. Jahrhunderts vorzugsweise in jenen Industriestaaten aus, die sich sozialistisch nennen. Sie vollziehen sich mit äußerster Disziplin in meist gewaltlosen Demos und Streiks - in den kommunistischen Weltzentren Peking und Moskau, aber genauso in Polen und Ungarn, der CSSR und Jugoslawien, in den baltischen Republiken und im Kaukasus.

Die Krise der Partei hat alle Staaten erfaßt, in denen noch eine selbsternannte Minderheit ohne Kontrolle durch das Volk und ohne Bindung an das Recht die Macht festhält, unter schönfärberischer Berufung auf den Sozialismus - trotz wirtschaftlichen Niedergangs.

Der Aufruhr, der China vorige Woche erschütterte, hat die gleichen fundamentalen Ursachen wie die Unrast in der Sowjet-Union: In beiden Fällen mußte die Zentralregierung das wirtschaftliche Versagen ihres Systems eingestehen.

Von der Elbe bis zum Jangtsekiang hat sich diese elementare Erkenntnis durchgesetzt: Grundbedürfnisse der Menschen werden von den Marktwirtschaften des Westens besser befriedigt als vom Staatskapitalismus des Ostens.

Notgedrungen, zuweilen von Panik getrieben, versprechen die kommunistischen Regime radikale Veränderungen und Dezentralisierung. Doch die Reformierbarkeit stößt schnell an Grenzen. Gorbatschow versuchte es mit politischer Liberalisierung - und konnte die drohende Wirtschaftskatastrophe nicht abwenden. Teng liberalisierte die Wirtschaft - und konnte seine politische Demütigung nicht verhindern.

In Peking wurde der Bankrott einer Ideologie offenbar, die sich lange als die stärkste historische Kraft des 20. Jahrhunderts präsentiert hatte. So zerbrach der Traum von einer Gesellschaft des allgemeinen und gleichen Glücks daran, daß jene, welche sich auf Marx, Engels und Lenin beriefen, die "einfache Tatsache" ignorierten, die Friedrich Engels vor 106 Jahren bei der Beisetzung von Karl Marx konstatiert hatte: "daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen".

Als Beschwerdeführer in Peking traten nicht mehr allein die besonders kurzgehaltenen Studenten auf, denen Teng am 26. April noch entgegengeschleudert hatte, hinter ihnen stehe nur "eine Handvoll Elemente mit unlauteren Hintergedanken, die dazu aufhetzen, sich der Führung durch die Kommunistische Partei und dem sozialistischen System zu widersetzen".

Da hatten Pekings Studenten gerade einen eigenen, von der Partei unabhängigen Verband gegründet und begehrten Anerkennung dieser ersten selbstbestimmten Vereinigung der Volksrepublik China - so wie Polens Gewerkschaft "Solidarität" 1980, heute ist sie beinahe Koalitionspartner der Kommunisten. Lasse man eine unabhängige Studentenvertretung erst einmal zu, befand der Partei-Chefideologe Hu Qili, "dann haben wir tausend Lech Walesas".

Die Studenten verlangten konkrete Maßnahmen gegen die Korruption des Beamtenapparats - und trafen damit das oberste Lebensbedürfnis der herrschenden Parteiklasse.

Schließlich bestanden die Studentenrebellen auf einem "gleichberechtigten Dialog" mit den Regierenden, bei dem sie die Verschleppung der Reformen, die kärgliche Finanzausstattung des Bildungswesens und gleich auch noch die Pressefreiheit einklagen wollten.

Dieser Anfechtung des politischen Monopols der Partei widersetzte sich die Regierung derart hartnäckig, daß ein plötzliches Nachgeben einen Gesichtsverlust bedeutet hätte, der womöglich ein Auftakt zur vollständigen Kapitulation gewesen wäre - dem Rücktritt der Führungsspitze.

Nach tagelangen Kundgebungen, die nur auf die Arroganz mittlerer Funktionäre stießen, sahen die Studenten im Gorbatschow-Besuch die einzigartige Gelegenheit, die Partei-Oberen in Zugzwang zu bringen und ihr Anliegen mit weltweiter Publizität zu präsentieren.

Und sie hatten ein neues Druckmittel parat: Anfangs 300, später 3000 Studenten traten in den Hungerstreik. Auf ihren aus Bettlaken geschneiderten Bannern verkündeten die Fastenden: "Demokratie oder Tod."

Die Polizei sah zu, räumte widerspruchslos ihre gelbroten Podeste auf den Straßenkreuzungen und beschränkte sich darauf, die Straße des Langen Friedens für den Verkehr abzusperren. Nur eine dünne Kette grün uniformierter Volksbefreiungsarmisten schützte den Osteingang der Großen Halle des Volkes. Als Studenten ihnen in der brütenden Mittagshitze Eis am Stil anboten, kommandierten verlegene Offiziere: "Nicht essen, nicht essen."

Um sich vor Provokateuren zu schützen, legten die Organisatoren des Protests sieben Menschenketten um die Hungerstreikenden, Kuriere brachten Wasser, Glukose und Zigaretten, andere sammelten in braunen Pappkartons Geld. Medizin-Studenten der Pekinger Universität fühlten den Fastenden den Puls, bauten eine Krankenstation auf und verordneten Pillen.

Einer, das Stethoskop griffbereit in der Tasche, versicherte ernst, er kontrolliere gewissenhaft den Gesundheitszustand der Hungernden, werde aber "bei Lebensgefahr keinem raten, abzubrechen."

Der Vorsitzende des Hochschülerbunds, der Pädagogik-Student Wu Er Kaixi, 21 - kein Chinese, sondern ein Uigure aus der Provinz Sinkiang -, war unter den ersten Hungerstreikenden. "Die meisten Chinesen haben Angst, sie leben noch in der Sklavenmentalität", erklärte er seinen Kommilitonen und forderte zum Durchhalten auf.

Der schlagfertige Funktionärssohn beteuerte, er sei überzeugter Kommunist und wolle gern in die Partei eintreten, die sich jedoch liberalen Wandlungen nicht verschließen dürfe und strenger gegen bürokratische Auswüchse vorgehen müsse: "Wir brauchen eine gewaltlose Revolution von unten."

Gewaltlos, fast fröhlich blieb der Aufruhr - obwohl Temperaturen von 30 Grad am Tag und Kälte in der Nacht, dazu abgasgeschwängerte Luft die Studiker mit ihrer schwachen körperlichen Konstitution meist nach 40 Stunden in Ohnmacht fallen ließen.

Weißbekittelte Kommilitonen transportierten sie im Laufschritt auf Tragen oder an Händen und Füßen zu den unablässig an- und abfahrenden Krankenwagen der Zentralen medizinischen Akademie.

Mit Fähnchen, Megaphonen und Trillerpfeifen bahnten Studenten dem Dauerverkehr der Erste-Hilfe-Fahrzeuge (Aufschrift: "Geschenk der italienischen Regierung") einen Weg.

An Straßenecken bildeten sich Menschentrauben, denen Studenten ihre Beweggründe erläuterten. Ein Arbeiter an der Dongdan-Straße fragte: Wenn Parteichef Zhao Ziyang und Premier Li Peng abträten, "wer ist dann überhaupt noch da?" Ein Mann in der Menge empfahl darauf den Regimekritiker und Astrophysiker Fang Lizhi, eine Art chinesischen Sacharow - er hatte die Studentendemonstrationen vor über zwei Jahren ausgelöst und wurde aus der Partei gefeuert. Antwort: "Nein, der nicht, dann löst sich China auf."

Bis tief in die Nacht fluteten Fahrrad-Wellen von Demonstranten und Schaulustigen kreuz und quer durch die Stadt. Die Erregung, die vom Tienanmen-Platz ausging, griff um sich wie ein Fieber. Doch was sich ansah wie die schiere Spontaneität, das war - so behauptete ein Studentenführer - alles "sorgfältig und genau geplant". Jeder wisse genau, wann er mit seiner Gruppe vom Campus ausrücken und wann er dorthin zurückkehren müsse.

Nach dem Vorbild ihrer japanischen und koreanischen Kommilitonen hatten die Studenten bunte Stirnbänder angelegt, auf denen sie mit schwarzen Pinselstrichen "Demokratie" oder "zehntausend Jahre Freiheit" forderten.

Die Partei, vor die größte Herausforderung seit dem Sieg von 1949 gestellt, zeigte sich überrascht und hilflos. War es denn eine weise Entscheidung, das gesamte Stadtzentrum uneingeschränkt und auf unbestimmte Zeit den Demonstranten zu überlassen - oder war es ein Zeichen der Schwäche und inneren Zerrissenheit der Führung?

Parteichef Zhao Ziyang allerdings fürchtete, die junge Generation könne sich bei noch mehr Druck endgültig von der KP abwenden: Die da heute mit Protestparolen, aber immer noch mit roten Fahnen durch die Straßen zögen, seien die Elite von morgen und somit unverzichtbar.

So sahen es schließlich auch die Einwohner von Peking - sie solidarisierten sich massenhaft. Studentengruppen sprachen planmäßig Passanten an, "den Kopf wieder höher zu tragen". Zugleich schickten sie Agitatoren in die Fabriken, mit dem Aufruf zum Generalstreik. Der Führung drohten sie mit einem Ultimatum. Am vorigen Mittwoch - noch war der Moskauer Perestroika-Revolutionär in der Stadt - zündete die Parole, der Aufstand bekam eine neue, für das Regime bedrohliche Qualität.

Die arbeitende Bevölkerung begnügte sich nicht mehr mit Applaus vom Straßenrand und Geldspenden, sondern begann, sich in die Marsch- und Fahrradkolonnen einzureihen.

Kellnerinnen aus Luxus-Hotels eilten im roten hochgeschlitzten Arbeitskleid mit Eiswasser zu den Hungernden. Angestellte der Bank of China und der staatlichen Versicherungsgesellschaft, des Eisenbahnministeriums und der Fluggesellschaft CAAC nahmen Partei für die Studenten, Journalisten des Parteiorgans "Volkszeitung" pinselten rasch Demokratieparolen auf Kantinen-Tischdecken und rückten aus, ihre Arbeitgeber das Fürchten zu lehren.

70 000 Arbeiter des Shoudu-Stahlkombinats gingen auf die Straße. Die Beschäftigten der Papierfabrik Nr. 1 marschierten mit einem Plakat los, das eine Schafherde zeigte und die Aufschrift: "So nicht!"

Eisenbahner ließen Studenten aus den umliegenden Städten ohne Fahrkarte nach Peking reisen, am Donnerstag 50 000. Die Bus-Chauffeure fuhren nur noch im Demonstrantenauftrag, Taxifahrer stellten sich vor internationalen Hotels wie dem "Jianguo" quer und verweigerten Ausländern die Beförderung.

Grundschüler, rote Pioniertücher um den Hals, verließen mit ihren Lehrern die Klassen: "Opa Teng, Opa Zhao und Onkel Li - kommt heraus und rettet unsere Brüder und Schwestern", riefen sie. An den Fensterfronten von Büros, Postgebäuden und wissenschaftlichen Instituten verkündeten Transparente: "Solidarität mit den Studenten." Behördenangestellte, auch vom Amt für Staatssicherheit, machten mit beim Volksspaziergang.

Eine Sekretärin des größten chinesischen Staatskonzerns Citic begründete ihren kurzzeitigen Ausstand so: "Es ist ein Unding, daß wir viele Nachrichten über China nur über ausländische Medien erfahren können."

Lastwagenfahrer staffierten ihre Fahrzeuge mit Protestbannern ("Regierung, wohin gehst du?") aus und fuhren skandierende, singende und johlende Arbeiter durch die Stadt. Betriebe mußten die Produktion herunterfahren oder gar (wie die Pekinger Verbrennungsmotoren-Fabrik) ganz einstellen.

Im Parolenmeer mischten sich Forderungen nach einem besseren Lebensstandard ("Die Preise steigen täglich, der Lohn wird immer kleiner") mit dem Ruf nach politischen Konsequenzen ("Die reaktionäre Partei muß abtreten"), Poetisches ("Es ist Tag, aber die Sonne scheint nicht") mit persönlichen Bekenntnissen ("Ich trete aus der Partei aus"). Die Akademie für Sozialwissenschaften schmückte ein Transparent: "Kippt das Politbüro!"

Auch rückwärtsgewandte Sehnsüchte brachen aus, zur Schau gestellt mit Mao- und Tschou-En-lai-Bildern. "Unter Mao", sagte ein Arbeiter, "haben wir nicht weniger verdient, aber die Preise waren erheblich niedriger."

Bei den führenden Leuten von heute ging es vor allem gegen Teng. Die Attacken auf ihn reichten von der milden Mahnung, er solle in seine Heimatprovinz Sichuan zurückkehren, bis zur Diagnose, der "alte Kaiser" sei nicht mehr klar genug im Kopf, und dem derben Wortspiel: "Kleine Flasche, tritt ab." (Sein Vorname Hsiao-ping lautet "kleiner Frieden", doch mit anderem Schriftzeichen wird daraus "kleine Flasche".)

Bei den Studenten hatte sich herumgesprochen, daß Teng in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Militärkommission und somit oberster Befehlshaber der Armee bereits im vergangenen Monat Einheiten schriftlich angewiesen hatte, die Studenten nicht zu unterstützen und ihnen bei Zusammenstößen keine Hilfe zu leisten. Krankenhäuser sollten sich auf viele Verletzte einrichten.

Doch auf die Sicherheitskräfte schien kaum noch Verlaß, die Autorität der Regierung brach zusammen, Premier Li Peng sah das Land an der "Schwelle zur Anarchie". Lastwagenweise fraternisierten junge Verkehrspolizisten mit fahnenschwenkenden Hochschülern, auch Soldaten vom Generalstabsamt und der Politverwaltung der Volksbefreiungsarmee.

Drei Majore in Uniform mit roter Krawatte, darunter eine Frau, versicherten den Hungerstreikenden ihre Sympathie. In der ganzen Stadt versammelten sich fröhliche, singende Protestler, und alle strömten immer wieder auf den mit 50 Hektar größten Platz der Welt, dessen kaiserlicher Name den "Himmlischen Frieden" verheißt.

Auf dem hatte Mao vor 40 Jahren verkündet, sein China, laut Napoleon ein schlafender Riese, habe sich erhoben. Seither betrachteten die Kommunisten China als ihr Eigentum und den Platz im Herzen Pekings, des Zentrums der Erde, als ihre eigene Tribüne: Dort ließ Mao 1966 Millionen Rotgardisten aufmarschieren, welche die Parteibürokratie stürzen sollten; dort versammelten sich 1976 mehr als 100 000 Studenten im Bund mit abgesetzten Parteifunktionären und proklamierten das Ende der Ära Mao Tse-tungs, der im selben Jahr starb und seither an der Südseite des Platzes in einem bombastischen Mausoleum ausgestellt ist.

Vorige Woche hatte das Volk den symbolträchtigen Platz samt Mausoleum für sich erobert, gegen den Willen der herrschenden Partei, die ebendort, abgesperrt fürs gemeine Volk, den Würdenträger aus Moskau mit militärischen Ehren empfangen wollte.

Nun hatte das Volk den Himmelsfriedensplatz für die Regierenden gesperrt. Auf Schleichwegen, fern der vorgesehenen, mit Fahnen und Transparenten geschmückten Route und ohne lärmende Motorradeskorte kam Gorbatschow durch die Hintertür in die "Große Halle des Volkes", die den Platz nach Westen begrenzt.

Einen Kranz am Heldendenkmal auf dem Tienanmen-Platz niederzulegen blieb dem sowjetischen Parteichef aus Sicherheitsgründen ebenso versagt wie ein Besuch in der Verbotenen Stadt, dem alten Kaiserpalast.

Teng ersparte dem Besucher die übliche Umarmung mit Küssen, die er seinem deutschen Huldiger Erich Honecker 1986 gewährt hatte. Er hielt nur minutenlang die Hand jenes jungen Michail Gorbatschow, der - jenseits jeder Demutsgeste - gleich ihm angetreten war, den anachronistischen Kommunismus der modernen Welt anzupassen. Wie sehr die Zeit drängt, bewiesen draußen die Reden und Rufe der Demonstranten.

Als Beobachter des Aufruhrs in Peking und Schanghai hätte sich Gorbatschow in der Sympathie der Demonstranten sonnen können, die auf Transparenten und Plakaten seine Politik der Glasnost, ja einen ganzen Gorbatschow auch für China forderten, sogar mit kyrillischen Aufschriften: "Demokratie - unser gemeinsamer Traum." Sie schickten ihm Briefe mit dem Verlangen nach seinem Eingreifen: Millionen neuer Bewunderer der Perestroika, ausgerechnet in China - nach 30 Jahren Feindschaft.

Doch Gorbatschow genoß nicht den Triumph, ihm wurde erkennbar bänglich zumute. Eine solch dramatische Herausforderung könnte ihm selbst demnächst daheim ebenso widerfahren: Er solidarisierte sich deshalb mit der chinesischen Bruderpartei.

"Auch wir haben Hitzköpfe, die den Sozialismus über Nacht renovieren wollen", ihnen müsse man sagen: "Das Leben ist kein Märchen." So tröstete Gorbatschow die zitternden Genossen in der "Großen Halle des Volkes", die nur noch eine Schutzburg vor dem Volk war.

Seine Zusage, sich mit einer Abordnung der rebellischen Studenten zu treffen, hielt er nicht ein; die von ihm geschätzten Kontakte mit dem Volk, die von den chinesischen Demonstranten bei den eigenen Führern so vermißt wurden, beschränkten sich auf Händeschütteln in einer Nebenstraße und die Umarmung einer Sicherheitsbeamtin auf der Großen Mauer.

"Würde den Unruhen freier Lauf gelassen", hatte Teng am 26. April noch streng warnen lassen, "wird China in anhaltendes Chaos gestürzt." Es handle sich um eine "geplante Verschwörung". Im engen Führungskreis entschied er, die Unruhen müßten "mit allen Mitteln" beendet werden.

Am vorigen Montag aber konnte Teng nichts dagegen tun, daß sich im Augenblick des historischen Handschlags draußen auf dem Platz jene alles überrollende Woge auftürmte, welche die Kommunisten aller Länder, in denen sie an der Macht sind, immer gefürchtet haben: daß sich das erniedrigte und beleiligte Volk vor den Parteibüros zusammenrottet und Rechenschaft fordert - Demokratie oder Tod.

Es war wie am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin, nur Panzer waren noch nicht in Sicht. "Was hätten wir zu fürchten? Wir haben eine Armee von drei Millionen Mann", hatte Teng zuvor die Führungsgenossen zur Härte ermuntert. Doch die 38. Armee, die Garnison der Hauptstadt, weigerte sich, auf die Studenten einzuschlagen; gegen Millionen Demonstranten ist jede Armee der Welt hilflos - ein Sieg des zivilen Ungehorsams.

In diesem Moment war Gorbatschow für Teng nicht mehr der Polarbär, den es zu ducken galt, sondern der Genosse, der in derselben Lage mit anderen Rezepten - nämlich dem Vorrang der politischen vor der wirtschaftlichen Reform - den Volkszorn zu besänftigen versuchte, wobei noch keineswegs gewiß ist, daß die Methode des Moskauers besser wirkt als Tengs Versuch, mit wirtschaftlichen Konzessionen die Parteiherrschaft zu verlängern.

Einig waren sich Teng und Gorbatschow, daß sich nicht mehr an der Diktatur festhalten lasse - wie in der DDR und in Rumänien. Aber schrittweise vor dem Volkswillen kapitulieren - wie in Ungarn und Polen - wollten sie auch nicht.

Dieses Dilemma hält die Reformer Teng und Gorbatschow gefangen: Was immer sie zugestehen, es ist den fordernden Massen nicht genug.

Obwohl kein sozialistisches Land so rasche Reformerfolge in der Volkswirtschaft erreichte wie Tengs China, das schon vor zehn Jahren damit anfing, mußte Premier Li Peng im März melden: "Der Lebensstandard eines erheblichen Teils der Städter ist gesunken" - infolge einer Inflation von jährlich weit über 50 Prozent. Schweinefleisch wurde rationiert, wie noch immer Reis und Öl.

Wächst aber "die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft", der Empörung der Arbeiterklasse, so hatte Marx gelehrt, und wird das Kapitalmonopol zur Fessel der Produktion - wie in China, wo noch immer fast alle Fabriken dem Staat gehören und meist der Betriebsparteisekretär dem Direktor befiehlt -, dann naht die Stunde der Revolution.

In Peking wagte Gorbatschow Kritik an den heiligsten Ikonen, deren Brüchigkeit Gorbatschows chinesischer Ex-Kollege Hu Yaobang, vor zwei Jahren von Teng gestürztes Studenten-Idol, einmal zu Protokoll gegeben hatte - als er das Parteiorgan "Volkszeitung" schreiben ließ, Marx und Lenin hätten keine Rezepte für die Probleme der Gegenwart geliefert (am nächsten Tag mußte sich die "Volkszeitung" berichtigen: "nicht für alle Probleme").

Gorbatschow befand jetzt gegenüber Teng, Marx habe die Revolution in Rußland von 1917 nicht vorausgesagt und Lenin nicht die chinesische Revolution von 1949, weshalb die heutige Generation von Kommunisten ihre eigenen Antworten finden müsse.

Vor Ort mußte Gorbatschow erkennen, daß die chinesische Antwort - Markt statt Glasnost - ebensowenig vor dem Volksaufstand schützt wie der sowjetische Weg, mit der Demokratisierung anzufangen und die Wirtschaftsreform aufzuschieben. Als Staatschef Yang Shangkun meinte, Chinas Potential liege weit hinter dem der UdSSR, erwiderte Gorbatschow doppeldeutig: "Jetzt ist Ihr Tempo höher als unseres."

Teng hatte wie Gorbatschow mit der Revolution von oben angefangen, sogar unter weit günstigeren Umständen als jener: Am Ende der Mao-Ära war das kommunistische System in China derart desavouiert, daß kaum jemand vom fälligen Wandel erst überzeugt werden mußte; schon die Rückkehr der erprobten Funktionäre an die Stelle der Terroristen von der Roten Garde galt als Fortschritt.

Waren Maos Verbrechen noch frisch im Gedächtnis, mußte Gorbatschow erst damit beginnen, Stalins Verbrechen aufzudecken. Chinas Tyrann war sichtbar gescheitert, Stalin hingegen galt vielen Sowjetbürgern als der Sieger im Großen Vaterländischen Krieg, der Rußlands Größe begründet und die scheinbar sicheren Fundamente des bestehenden Systems geschaffen hatte.

Deshalb rückt Gorbatschow bis heute Glasnost in den Vordergrund, während Teng mit Chinas wirtschaftlicher Perestroika nur die neue Herrschaft der Parteibürokratie absichern wollte, die er vor solchen Anfechtungen wie Meinungs- und Koalitionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, gar freien Wahlen eifersüchtig zu behüten wußte: Am Machtmonopol der Partei darf nicht gerüttelt werden. "China betreibt Modernisierung", verordnete Teng, "aber es darf sich in keinem Fall auf Liberalisierung einlassen."

Nur kurz experimentierte er mit der politischen Reform, als er 1979, um überhaupt wieder an die Spitze zu gelangen, in Peking die Wandzeitungsfreiheit an der "Demokratie-Mauer" etablierte. Als die Debatte damals nach wenigen Wochen genauso aus dem Ruder lief wie 1956 der Meinungsfrühling "Laßt hundert Blumen blühen" (den Teng selbst, noch als Maos Gehilfe, unterdrückt hatte), ließ er Dissidenten einsperren.

Zum Beispiel Wei Jingsheng, der in einer Provinzzeitung gegen die "feudale Monarchie unter dem Deckmantel des Sozialismus" geschrieben hatte. Wei forderte, "die Flamme des Zorns auf das verbrecherische System zu lenken, das unser Volk in eine Tragödie führt", und deshalb "die Macht den Händen der hohen Beamten zu entreißen". Und er enthüllte im Detail, wie in chinesischen Gefängnissen gefoltert wird. Seither sitzt er selbst ein, seit zehn Jahren.

Teng brachte die Kampagnen gegen "geistige Verschmutzung" und "bürgerlichen Liberalismus" in Gang. Damit gewann er die Loyalität des Apparats - wie auch damit, daß er den Bürokraten die Aussicht eröffnete, an seinem neuen Prinzip teilzunehmen: "Bereichert euch!"

Denn Teng bewirkte auch ein Wirtschaftswunder. Sein Vorteil gegenüber Gorbatschow: In China gab es noch die emsigen Bauern. Er löste die Kolchosen ("Volkskommunen") auf und verpachtete den Boden, oft auf Lebenszeit und sogar vererbbar - was in der UdSSR erst seit zwei Wochen gesetzlich abgesichert ist, allerdings nur in Lettland. Resultat in China: Die Ernten stiegen jedes Jahr um rund 17 Prozent.

In Handel und Gewerbe dürfen seit sechs Jahren Privatunternehmer ihren Geschäften nachgehen, seither ist jegliche Dienstleistung in der Volksrepublik rasch und gut zu haben, gegen bar - unvorstellbar für die UdSSR, wo der lustlose staatliche Klempner, Gastwirt und Friseur die Regel ist und eine private "Kooperative" noch immer die Ausnahme.

Chinesische Staatsbetriebe haben das Recht, über das Plansoll hinaus produzierte Waren freihändig und zum Marktpreis zu veräußern, den Gewinn ohne Genehmigung der Ministerien zu investieren - wie das seit 1. Januar 1988 auch die Sowjetfirmen dürfen, deren gesamter Ausstoß jedoch gleichzeitig meist zum "Staatsauftrag" erklärt wurde, bei dem für freie Spitzen kaum etwas bleibt.

In "Sonderwirtschaftszonen" holten sich die Chinesen fremdes Kapital und gleich auch das kapitalistische System ins Land. Die Einrichtung solcher Freihandelsgebiete wird in Moskau erst diskutiert.

So konnte auch der Troß des zugereisten Gorbatschow wie alle Sowjetdelegationen seit dem Ende des offenen Streits zwischen den beiden roten Großreichen in einen Kaufrausch verfallen, auf dem Kleidermarkt an der "Straße des Aufbaus Chinas" sich zu billigen Preisen eindecken, mit Dingen, an denen es in der Heimat mangelt - Jeans und flotten Hemden, Seidenunterwäsche und dicken Daunenmänteln.

Im nahen "Freundschaftsladen" gibt es den begehrten Schnaps sowie Video- und Kassettenrecorder. An den Märkten stoppen graue "Wolga"-Wagen, deren Insassen noch schnell für die Lieben zu Hause in Tüten packen, was jene oft noch nie gesehen haben: Bananen, Ananas, Zucchini und Auberginen.

In China gibt es derzeit nahezu alles, was das Herz des Russen begehrt. Wolkenkratzer sind emporgeschossen, Taxis und Privatautos versperren die Straßen, die Menschen tragen nicht mehr die von Teng bevorzugte Kader-Uniform, sondern bunte Kleider, enge Hosen, den westlichen Straßenanzug mit Krawatte.

Und jeder sucht nach einem kommerziellen Vorteil, einem günstigen Geschäft. Das wieder kräftig ausgebrochene Gewinnstreben gründet sich auch darauf, daß sich - anders als in Rußland - die ältere Generation noch bestens der vorkommunistischen Vergangenheit erinnert und Millionen Auslandschinesen beim Verwandtenbesuch Devisen, Waren, Moden und Nachrichten aus der Außenwelt mitbringen.

Im täglichen Bereicherungskampf aber nutzen die ohnehin privilegierten Bürokraten alle Vorteile ihres Amtes, vergeben Lizenzen und Bezugscheine für rare Güter gegen Provision, bedienen sich ihrer Verbindungen für eigene Geschäfte, betreiben eigene Unternehmen. Jeder Beamte steht deshalb beim Volk im Ruf der Korruption.

Die Führungsspitze ist verwandtschaftlich miteinander verfilzt, den einträglichen Nepotismus geißelt ein "Revolutionärer Familienstammbaum", der in Peking umläuft.

Das Wohlleben der herrschenden Klasse weckte Widerstand. Denn schnell wurden die Grenzen einer Wirtschaftsreform deutlich, die keine politischen Rechte einschließt. Ohne öffentliche Kontrolle, ohne Rücksicht auf Infrastruktur, Rohstoffmangel und Energieengpässe lenken Beamte und Parteisekretäre die großen Investitionen nach Belieben. Sie setzen die Löhne fest.

Sie bestimmen die Preise der Staatsbetriebe, importieren ziellos Luxusgüter, schütten Subventionen und streuen Kredite - die Kluft zwischen den Staatsausgaben und den -einnahmen schließt die Notenpresse.

Den Bauern zahlt der Staat zuwenig für den Reis, die Getreideproduktion sinkt. Manche Fabriken arbeiten mangels Zulieferungen oder Strom nur noch drei, vier Tage in der Woche.

Das ist die Kehrseite des chinesischen Wirtschaftswunders: Fünf Millionen Arbeiter sind ohne Beschäftigung, 20 Millionen hocken noch immer zum Niedrigstlohn untätig in den Staatsbetrieben.

Rund drei Millionen Landflüchtige sitzen heute ohne den erhofften Arbeitsplatz vor Bahnhöfen und unter Brücken. Das ist ein Protestpotential, das jüngst in Sian und Tschangscha seinen Frust losließ und sich in einen brandschatzenden Mob verwandelte (ein Steinewerfer und Plünderer von Kugelschreibern wurde zum Tode verurteilt).

Die Korrektive für die Willkür der Behörden fehlen - eine öffentliche Diskussion von Regierungsentscheidungen, die Lohnkämpfe freier Gewerkschaften, die Ahndung der Korruption durch unabhängige Gerichte.

Jüngeren Funktionären blieb der Weg in die Krise nicht verborgen. Zwei von ihnen hatte Teng als Anwärter auf seine Nachfolge ausgesucht: den früheren Jugendführer Hu Yaobang, den er 1980 zum Partei-Generalsekretär machte, und den eleganten Zhao Ziyang (er besitzt eine Kollektion erlesener Krawatten aus dem Ausland), dem er das Amt des Ministerpräsidenten übertrug.

Die beiden begriffen rasch, daß sich die Parteigewalt schleunigst aus der Wirtschaft zurückziehen müsse und auch in der Politik ihr Monopol nicht mehr bewahren könne. Parteichef Hu versuchte sogar, Teng und dessen Altgenossen so auszuschalten, wie sich Gorbatschow soeben seiner eigenen Pensionärsgarde im ZK per Handstreich entledigt hat.

Obwohl Hu zur Jahreswende 1986/87 die Pekinger Studenten für sich mobilisieren konnte, vermochten die Senioren ihn zu stürzen. Freund Zhao übte eilends Selbstkritik, bekam Hus Amt und wartete auf bessere Zeiten - auf den erneuten Unmut der Studenten, auf besser organisierten Protest von unten.

Premier wurde 1987 der konservative Li Peng, Leiter der reaktionären Erziehungskommission und heftiger Befürworter der Planwirtschaft, die er als Student im Moskau der fünfziger Jahre kennengelernt hatte. Ihm gelang es voriges Jahr, dem Reform-Parteichef Zhao alle Wirtschaftskompetenzen zu entziehen.

Li Peng drehte die Reformen zurück, führte wieder die partielle Preisfestsetzung durch den Staat ein, ein Getreidesoll für die Bauern, mehr Steuern der privaten Gewerbetreibenden.

Teng gefiel die Vollbremsung. Er äußerte am 25. April gegenüber Li Peng, daß sich an den dramatischen Krisen innerhalb der Sowjetgesellschaft erkennen lasse, wohin überstürzte Reformexperimente führen.

"China sollte von der Sowjet-Union lernen und deren Vorsprung einholen", hieß es dagegen in einer "Vergleichenden Studie", die vor kurzem vom Volksverlag Hunan veröffentlicht wurde. Denn: Ohne Demokratie könnten sich die Produktivkräfte und die Kreativität des Volkes nicht voll entwickeln.

Das war das Programm der Demonstranten. Die Theorie, sagt Marx, wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.

Kaum war der sowjetische Parteichef aus der Hauptstadt abgereist, um über Schanghai (eine Viertelmillion Demonstranten) in die Heimat zurückzukehren, gerieten die Gastgeber noch hoffnungsloser in die Klemme. Von den Gewerkschaften, die 27 000 Dollar für die Studenten spendeten, von den Professoren wie vom Frauenverband wurde die Regierung beschworen, sich einem Gespräch nicht länger zu entziehen.

Was dann geschah, war ein dreifacher Kniefall vor den Studenten.

Noch zu nachtschlafener Zeit fanden sich Parteichef Zhao und Premier Li im Unionshospital Pekings an den Krankenlagern ihrer jungen Kritiker ein und wünschten gute Besserung.

Wenige Stunden später lud der Regierungschef ein Dutzend Opponenten in die Große Halle des Volkes. Umgeben von einer Schar Offizieller, auf roten Polstersesseln mit weißen Zierdecken, hörte sich Li die Forderungen der Studenten an: Die "Volkszeitung" müsse sich für ihre Verleumdungen entschuldigen, die Verunglimpfung der Studenten als Chaoten müsse vom Tisch, über ihre patriotischen Vorschläge solle öffentlich diskutiert werden.

Doch Li zeigte sich völlig unzugänglich. Dem Wunsch, die Studentenbewegung zu rehabilitieren, könne er nicht nachgeben, erklärte er.

Studentenführer Wu Er, im Schlafanzug und mit einer Nährsonde in der Nase, verlangte von Zhao und Li, "am liebsten Zhao", sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu zeigen - der dritte Kotau. Am frühen Freitagmorgen kletterten beide Spitzengenossen in einen der 90 bereitgestellten städtischen Busse, die den Hungerstreikenden vor einem Gewitter Schutz boten. Zhao bat bewegt, den Streik abzubrechen, und versicherte: "Ihr habt gute Absichten, ihr wollt Gutes für unser Land." Zugleich gestand er unter Tränen: "Wir sind zu spät gekommen."

Bei soviel Versöhnungsbereitschaft mochten auch die Studenten nicht zurückstehen: Sie baten den Zhao um Autogramme.

Das waren seine letzten Unterschriften. In der Nacht teilte Parteichef Zhao das Schicksal seines Vorgängers Hu: Er wurde gestürzt, weil er sich dem Truppeneinsatz gegen die Demonstranten widersetzte.

Doch mit Gewehren die überfälligen Reformen aufzuschieben kostet die Regierenden - Polens Jaruzelski weiß es - nur jene Zeit, die sie gar nicht mehr haben. #


DER SPIEGEL 21/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 21/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Dann löst sich China auf