24.07.1989

FORMEL 1Ende des Blödsinns

Neuer Trend im Motorsport: Großindustrielle kaufen sich in Rennställe ein.
Die Photographen im Grand-Prix-Zirkus haben ein neues Lieblingsgesicht: Jean-Pierre Van Rossem, 40, trägt zum eisgrauen Seemannsbart die dünnen Haare lang - mal offen, mal zum Zopf gebunden. Das flämische Schwergewicht, neuer Eigentümer des Onyx-Rennstalls, raucht Kette und stiefelt "aus Bequemlichkeit" in knallroten Rennfahrerschuhen durchs Fahrerlager.
Während der drei Grand-Prix-Tage in Phoenix ließ Van Rossem ein halbes Dutzend junger Mädchen in den Pastelltönen (Pink und Blau) seines Rennstalls für 1500 Dollar die Boxengasse auf und ab stöckeln. Zum Rennen in Le Castellet fuhr er im Ferrari F 40 vor, 5 weitere Sportwagen aus seinem Privatfundus von "rund 20 Ferraris" gönnte er den französischen Motorsportfans auf einer Wiese zur Ansicht.
Van Rossem ist der Paradiesvogel einer neuen Generation von Rennstallbesitzern, die sich zunehmend mittelgroßer Formel-1-Teams bemächtigt haben. Sechs Rennwagenhersteller sind inzwischen komplett oder mehrheitlich im Besitz branchenfremder Unternehmen. Der Kapitalverkehr ist international: Ein Schweizer bestimmt über Brabham, ein Japaner kaufte March, der Belgier Van Rossem erwarb Onyx.
Der Mann aus Antwerpen, Doktor der Mathematik und Ökonomie, ist angeblich zum großen Geld gekommen, seit er potenten Anlegern ("von 50 Millionen Dollar an aufwärts") mittels Computeranalyse zu fetten Gewinnen verhilft. Als ihn der belgische Onyx-Pilot Bertrand Gachot im Dezember als Sponsor umwarb, lehnte der Börsenspekulant kategorisch ab, bot aber an, das bescheidene Onyx-Startkapital von zwei Millionen Dollar seinem System ("Moneytron") anzuvertrauen. Onyx, nach rascher Van-Rossem-Analyse "faktisch bankrott", ergriff den Strohhalm und sanierte sich märchenhaft. Drei Wochen später zahlte der Finanz-Guru 9,5 Millionen aus und übernahm dafür 67 Prozent der Onyx-Aktien.
So geriet der Doktor mit dem Faible für den schrillen Auftritt "per Zufall" in das Formel-1-Geschäft, und das Ziel des Belgiers ist, sein Team auf eine "gesunde Kapitalbasis" zu stellen. Dazu gehört der Bau eines Windkanals, der an die Konkurrenz vermietet werden und somit Einnahmen erzielen soll. Als Gegenleistung wird der Onyx-Rennstall im neuen Jahr in Moneytron umbenannt.
Van Rossem repräsentiert die neue Strategie im Grand-Prix-Business: Millionenschwere Unternehmer wählen nicht mehr den teuren Weg des Sponsering - sie investieren direkt in Firmenbeteiligungen. So erwarb der in Genf residierende Pariser Industrielle Cyril de Rouvre, 43, im März den französischen AGS-Rennstall, weil ihm das pure Mäzenatentum ohne Gegenleistung "blödsinnig" erschien. Zwar bekennt der Unternehmer, der an der Pariser Börse genauso erfolgreich ist, wie er etwa mit Zucker, Flugzeugen und Spielfilmen handelt, "schon als Baby Autos" geliebt zu haben. Doch die AGS-Übernahme sieht er als 56. Firma seines Multi-Konzerns an: "Die Rennsport-Aktivität muß sich selbst finanzieren."
Ein Freundschaftsdienst machte den Zürcher Devisenmakler Joachim Lüthi, 39, zum Kopf eines Formel-1-Teams. Seinem Spezi, dem Schweizer Rennstallbesitzer Walter Brun (Euro & Brun), vermittelte Lüthi die Finanzierung zum Kauf der Brabham-Mannschaft. Als der Freund danach wieder ausstieg, zwang er so Lüthi in die Führungsrolle.
Dem medienscheuen Kaufmann ("Der Formel-1-Job produziert Neid") gefällt das unfreiwillige Engagement. Nüchtern sieht er sich stellvertretend für den neuen Typus, der weder aus "Träumerei und Abenteuerlust" eingestiegen ist noch die vielbeschworene "Faszination der Branche" nachempfinden kann. Die Formel-1-Szene, sagt Lüthi, diene vielmehr als "unbezahlbarer Kontakthof für Geschäfte" - weit über das Sportliche hinaus.
"Leidenschaft" führte dagegen den Japaner Akira Akagi, 44, einen Milliardär aus Tokio, zum Rennstallbesitz. Akagi, dessen Konzern Leyton House durch Immobilienhandel groß wurde, erwarb die englische Rennwagenschmiede March, "auch aus Gründen der Mitarbeiter-Motivation". Der Inhaber von Restaurants, Reisebüros, Golfklubs und Textilfabriken setzt darauf, daß sich seine Angestellten mit den pfeilschnellen Riesenspielzeugen identifizieren.
Das Traditionsunternehmen March baute seit 19 Jahren zwar erfolgreich Rennwagen - darunter Porsches Konstruktion für den Einsatz in Amerika -, schloß aber das Geschäftsjahr 1988 mit 4,5 Millionen Pfund Verlust ab. Nach der Zahlung von geschätzten 35 Millionen Mark sind die Briten jetzt aller finanziellen Sorgen und ihrer Formel-1-Abteilung inklusive Windkanal ledig.
Der Besitzerwechsel ist eine logische Folge des wachsenden Kapitalbedarfs im Grand-Prix-Gewerbe. Die Formel 1 ist teurer denn je, die Konkurrenz so hart wie nie. Wer das meiste Geld ausgibt, so Van Rossem, "gewinnt". Mit Sport im ursprünglichen Sinn habe das Spektakel nicht mehr viel zu tun: "Das ist Money-Sport."
Mit den steigenden Millionenetats wurden die Fahrzeuge zwar immer schneller, das kaufmännische Wissen vieler Teamchefs trat indes auf der Stelle. Van Rossem kalkuliert, daß der Sponsor, der einen Rennstall vorher "sagen wir mit zehn Millionen" bezuschußte und ihn nun besitzt, "für den gleichen Effekt mit sieben auskommt".
Beispielhaft für den Wandel eines kleinen Garagistenteams zum florierenden Wirtschaftsunternehmen steht die englische Firma McLaren. Seit der saudische Geschäftsmann Mansour Ojjeh, der "über 50 Prozent" der Aktien hält, mitregiert, fährt der Rennstall fortwährend um die Weltmeisterschaft.
Auch der italienische Textilindustrielle Luciano Benetton schwenkte 1986, nach Jahren als Sponsor, auf die Eignerseite, indem er das englische Toleman-Team kaufte. Benetton erfreut sich seither nicht nur weltweiter Popularität, die Rennsport-Dependance zählt auch zu den fünf Besten der Formel 1.
Daß die Entwicklung zur unmittelbaren Einflußnahme fortschreitet, erscheint Experten zwangsläufig - spätestens wenn der Motorsport seinen Hauptwerbepartner, die Zigarettenindustrie, verliert. Der seit Anfang der neunziger Jahre sich harmonisierende europäische Markt verlangt das so. Leyton-House-Chef Akagi prophezeit der Formel 1, daß dann vornehmlich Manager aus "Geldwirtschaft und Dienstleistungen" die Richtung bestimmen. #

DER SPIEGEL 30/1989
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