27.02.1989

SOWJET-UNIONNur ein Samowar

Gorbatschow in Tschernobyl: Drei Jahre nach der Katastrophe setzt die UdSSR weiterhin auf Kernkraft.
In der Ukraine, wo Tschernobyl liegt, sind sieben Atomkraftwerke im Betrieb oder im Bau. Eines setzt dieses Jahr seinen ersten Reaktor in Gang - auf der zur Ukraine gehörenden Urlaubs-Halbinsel Krim (2,4 Millionen Bewohner), direkt auf einer besonders gefährlichen Kluft im Erduntergrund.
Im Parteiorgan "Prawda" haben zehn Sowjet-Wissenschaftler Protest eingelegt. Generalsekretär Michail Gorbatschow, darauf angesprochen, suchte Kiewer Bürger zu beruhigen: "Mit diesen Sachen darf man nicht herumspielen, das ist Ernst. Glaubt nicht, wir wollten irgend jemanden austricksen - wir würden uns selbst in die Ecke stellen."
Danach, am vorigen Donnerstag, besuchte der Parteichef selbst zum erstenmal Tschernobyl. Gleich nach dem Unglück, das vor drei Jahren die Welt das Fürchten gelehrt hatte (31 Tote, 135 000 Flüchtlinge), waren sein Vize Jegor Ligatschow und Premier Nikolai Ryschkow vor Ort gewesen.
Gorbatschow besichtigte nun Kontrollraum und Maschinenhalle des AKW. Drei Reaktoren produzieren mitten im offiziell entseuchten, noch immer geräumten Sperrgebiet (2800 Quadratkilometer) wieder Strom. Nebenan steckt der weiterhin strahlende Unglücksreaktor Nr. 4 in einem Betonsarg.
Fürs übernächste Jahr wird der Bau der Reaktoren Nr. 5 und 6 erwogen. Gorbatschow reiste nach kaum einer Stunde im Zentrum des Bösen noch in die 52 Kilometer entfernte Siedlung Slawutitsch, von wo aus die dort wohnenden AKW-Arbeiter jeden Tag zur Schicht nach Tschernobyl fahren.
In den weiterhin besiedelten Landstrichen rund um die Sperrzone aber haben sich, wie jüngst bekannt wurde, die Krebsfälle, vor allem an Lippen und Speiseröhre, verdoppelt; Schwangeren raten die Behörden zur Abtreibung. Eine Kolchose mit 87 Schweinen zählte voriges Jahr 37 Mißgeburten, auch Kälber ohne Kopf und ohne Glieder wurden geboren - 50 Kilometer hinter Tschernobyl.
Gerade eben hatte auch der Premier von Belorußland, der Ukraine nördlich benachbart, unter dem Druck einer protestierenden "Volksfront" zugegeben, mangels Strahlenmeßgeräten sei erst jetzt klargeworden, daß fast ein Fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche seiner Republik, mithin 2,4 Millionen Hektar, radioaktiv verschmutzt sei und Hunderttausende Tonnen verseuchtes Getreide anliefere.
Als Schadenersatz, zum Kauf genießbarer Lebensmittel, erhalten die betroffenen Einwohner einen Rubel pro Tag (drei Mark) und einen Lohnzuschlag von 25 Prozent. Anfang Februar mußten erneut 20 Siedlungen (zuvor: 107) evakuiert werden, weitere Räumungen erklärte Premier Kowaljow für möglich.
Doch die Sowjet-Union, überreich an Öl, Gas, Kohle und Wasserkraft, dazu größter Energieverschwender der Erde, baut weiter Atomkraftwerke; die Planzahl der nächsten 28 Reaktoren vom Tschernobyl-Typ RBMK wurde lediglich auf 21 reduziert.
Immerhin wurde der Bau des dritten Blocks im AKW Ignalina in Litauen nach Massenprotesten verschoben: Dort sollte ein Reaktor RBMK installiert werden, den der Physiker Walerij Legassow für unzuverlässig erklärt hatte.
Er wußte, wovon er sprach. Legassow war 1986 bei der Bewältigung des Gau von Tschernobyl der verantwortliche Sachkenner vor Ort. Hernach notierte er, ehe er sich voriges Jahr das Leben nahm: "Häufige Rißbildungen an wichtigen Verbindungsleitungen, schlecht funktionierende Schieber, ausfallende Stränge der Reaktoren - so etwas kam jedes Jahr vor . . . Wer AKW-Baustellen sah, wunderte sich, wie ausgesprochen schluderhaft auf solchen Objekten gearbeitet werden konnte, wo hier doch höchste Verantwortung geboten war."
Zum Beweis der "Willkür des Personals" bewahrte Legassow in seinem Tresor das Protokoll eines Telephongesprächs zwischen Tschernobyl-Technikern kurz vor dem Gau auf:
Anruf: "Hier im Programm steht, was gemacht werden muß, aber dann ist viel durchgestrichen. Was soll ich tun?"
Antwort: "Mach mal lieber das, was durchgestrichen ist."
Legassow berichtete, man habe den Defekt in der Sicherheitssteuerung des Tschernobyl-Reaktors Nr. 4 vorher gekannt, aber nicht abgestellt. Er zitierte einen Tschernobyl-Direktor: "Was regen Sie sich auf! Ein Atomreaktor ist nichts weiter als ein Samowar, viel einfacher als ein Wärmekraftwerk. Wir haben erfahrenes Personal, es wird nie etwas passieren."
Physiker Iwan Schescherun berichtete, den Wissenschaftlern würden noch immer einschlägige Informationen vorenthalten. Ein Forschungsinstitut habe das Inhaltsverzeichnis der US-Zeitschrift "Science" bekommen, in dem der Zensor zwei Artikel-Überschriften geschwärzt hatte: "Glasnost kommt in die Sowjet-Physik" und "Atomenergie nach Tschernobyl".
Auch Schescherun erklärte, der Gau sei "keineswegs ein Zufall, mit dem Reaktor RBMK kann so etwas immer passieren. Alle Reaktoren dieses Typs sind prinzipiell explosionsgefährdet".
Abgeschaltet nach dem Tschernobyl-Schock wurde das Atomkraftwerk "Oktemberjan" in Medsamor bei Eriwan, Armenien, das einzige im Kaukasus; es belieferte auch den Nato-Staat Türkei.
Bei der Erdbeben-Katastrophe im vorigen Dezember war es wieder in Betrieb. Der 27. Parteitag der KPdSU hatte 1986 sogar beschlossen, ein weiteres, noch größeres AKW in die tektonische Gefahrenzone Armenien zu setzen, dazu eine Atommülldeponie - 24 Kilometer vor Eriwan.
350 armenische Intellektuelle beschwerten sich damals sofort bei Gorbatschow. Sie meldeten bereits 150 schwere Fälle von Austritt radioaktiver Gase und verseuchten Wassers; in der Umgebung von Medsamor sei jede zweite Geburt eine Miß- oder Totgeburt.
Die Führung wurde gewarnt: "Ein AKW in einem Gebiet zu bauen, wo die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben der Stärke 5 bis 9 besteht und sich 40 vulkanische Verwerfungen schneiden, das ist eine Praxis, die nicht ihresgleichen in der Anwendung der Atomenergie hat und ein schweres Verbrechen am armenischen Volk darstellt."
Noch im vorigen September versprach Parteichef Suren Arutunjan, Medsamor, dieses "Produkt kurzsichtiger Technopolitik", werde geschlossen - in drei Jahren. Nach der Katastrophe, die jedoch das AKW nicht beschädigt haben soll, entschied Premier Ryschkow, Medsamor früher abzuschalten - im März 1989.
Auch in Baku wurde daraufhin der Plan eines neuen AKW 50 Kilometer südlich der aserbaidschanischen Hauptstadt fallengelassen. Eine Bahnlinie, eine Straße und eine Wohnsiedlung waren schon errichtet. Jetzt wird daraus ein Wärmekraftwerk mit Erdgas aus dem Kaspischen Meer.
Eines der größten Kernkraftwerke (6000 Megawatt) entsteht jedoch in Ostkarelien, hundert Kilometer von der finnischen Grenze entfernt. Es soll Devisen bringen - durch Stromexport nach Schweden, wo schrittweise bis zum Jahr 2010 alle Reaktoren verschwinden.
Abschalten sei kein Allheilmittel, schrieb die "Iswestija": "Was sich eines der reichsten Länder der Welt leisten kann, kann sich vorerst die Mehrheit der Länder nicht erlauben."
Es klang fatalistisch, was Gorbatschow nach seinem Tschernobyl-Ausflug im Stil westlicher Parlamentarier behauptete: "Wir alle sind Geiseln der Atomwirtschaft." #

DER SPIEGEL 9/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOWJET-UNION:
Nur ein Samowar

Video 00:38

Skifahrer filmt Lawinenabgang Plötzlich bricht der Schnee weg

  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg