27.03.1989

ÖSTERREICHLiebe der Völker

In der Republik Österreich wird ein monarchistisches Spektakel zelebriert: die Beisetzung der letzten Ex-Kaiserin Europas.
Der traditionsreiche "Presseclub Concordia" schien gut gerüstet, hatten sich doch schon so hohe Gäste wie Francois Mitterrand, Indira Gandhi und der britische Prinzgemahl Philip in den Klubräumen den Journalisten gestellt. Der Verein bewältigte auch den Ansturm von 150 Reportern aus aller Welt zu Kurt Waldheims Pressekonferenz nach seiner Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten.
Doch als kurz vor Ostern das "Komitee für die Beisetzungsfeierlichkeiten von Kaiserin und Königin Zita" einen Termin in der "Concordia" buchte, folgte wenig später die Absage: Für das Pressegespräch interessierten sich fast 600 Medienvertreter, es wird am kommenden Mittwoch in einem weitaus größeren Saal des Hotels Imperial stattfinden.
In prunkvoller Umgebung - im Imperial werden häufig die Staatsbesucher der Republik einquartiert - darf dann Zita-Enkel Karl Habsburg-Lothringen kundtun, mit welcher Perfektion Mitglieder des ehemaligen Kaiserhauses gemeinsam mit Vertretern alter Adelsfamilien und Beamten der Alpenrepublik die Bestattung der letzten Ex-Kaiserin Europas seit über einem Jahr vorbereitet haben. Es soll "ein unvergleichliches Ereignis" werden, hofft Komitee-Mitglied Erich Feigl, 56, ein glühender Zita-Verehrer.
Die geplante "völlig neue Dimension" (Feigl) führt weit zurück in die Vergangenheit: Nach Ostern wird die ehemalige k. u. k. Reichs- und Residenzhauptstadt Wien einige Tage lang fest in monarchistischen Händen sein.
Nach der Aufbahrung Zitas im Chorherrenstift Klosterneuburg sollen am Donnerstag Jugendliche mit Fackeln den Leichnam durch die Wiener Innenstadt bis zum Stephansdom begleiten. Am 1. April, dem Todestag von Zitas Gemahl, Ex-Kaiser Karl I., wird sich nach dem Mozart-Requiem ein prachtvoller Leichenzug auf den Weg zur Kapuzinergruft machen: vornweg Schützen aus Nord- und Südtirol in Lederhosen, gleich anschließend uniformierte Traditionsverbände wie die Kaiserjäger und die Kärntner Trabantenleibgarde; in der Mitte der Sarkophag auf dem musealen, von sechs Rappen gezogenen Hoftrauerwagen, der letztmals 1916 bei der Bestattung des Dauerkaisers Franz Joseph über die Straßen rumpelte; hinter dem Leichnam dann Familie und Hochadel aus ganz Europa, zuletzt das gemeine Volk.
Das Herz wurde Zita, die vorletzte Woche fast 97jährig in der Schweiz an Altersschwäche starb, nach einem in nur wenigen Herrscherhäusern geübten Brauch bereits entnommen. Es ruht neben dem ihres Gemahls in einer kleinen Urne in der habsburgischen Exil-Gruft im eidgenössischen Muri.
Das bei den Habsburgern früher beliebte Ritual der Dreiteilung - Herz in die Urne, Gedärme in die Katakomben, Leichnam in die Gruft - bleibt der Ex-Kaiserin erspart, da "heutzutage andere Möglichkeiten der Konservierung bestehen", so Feigl. Der herzlose Körper wird nunmehr ohne weitere Verstümmelung beigesetzt.
Ihr ganzes Leben lang hatte die energische und intolerante Zita, die 1919 mit ihrem wankelmütigen und depressiven Mann samt Kinderschar Österreich verlassen mußte, die neu entstandene Republik so uneinsichtig wie kaum ein anderes Mitglied des Hauses Habsburg bekämpft. In den dreißiger Jahren sympathisierte sie offen mit dem austrofaschistischen Ständestaat, der Österreichs Sozialisten in die Illegalität zwang.
Erst der frühere Bundeskanzler Bruno Kreisky erlaubte ihr die Wiedereinreise. Bei ihrem in Monarchistenkreisen umjubelten Wien-Besuch 1982 "mußten Sondereinheiten der Polizei eingesetzt werden, um sie vor der Liebe ihrer Völker zu schützen", erinnert sich Begräbnis-Mitorganisator Lacy Milkovics.
Die Zita-Bewunderer erwarten, daß mindestens 100 000 Menschen den Trauerzug vom Straßenrand aus beobachten werden. Komitee-Mitglied Feigl glaubt: "Von dieser Beisetzung wird ein Signal ausgehen." Im todesverliebten Wien zählte eine "schöne Leich'" fast immer mehr als eine politische Demonstration. Das bevorstehende Zita-Spektakel weckt auch nostalgische Gefühle in der ehemals zweiten Reichshälfte, in Ungarn. Erst vor kurzem durfte Zita-Sohn Otto, 76, CSU-Europa-Parlamentarier, in Budapest mit seinem makellosen Ungarisch glänzen. Verziehen schienen da die Eskapaden seiner Mutter, die mit ihrem Gemahl zweimal versucht hatte, Ungarn nach 1918 in ein Königreich zurückzuverwandeln.
Clevere Budapester Reiseveranstalter boten ihren Kunden vergangene Woche Fahrten zum Zita-Begräbnis an - verbunden mit einem Einkaufsbummel am langen Samstag.
Obwohl alle den privaten Charakter der Beisetzung betonen (und die Habsburg-Familie die Kosten trägt), wurde die für den Fremdenverkehr so wertvolle Show inzwischen zum "De-facto-Staatsbegräbnis" aufgewertet, wie die Historikerin Helene Maimann kritisiert. Dadurch könnte Zitas Abgang am Ende noch einmal an alte politische Empfindlichkeiten, vor allem bei den Sozialisten, rühren.
Vizekanzler Alois Mock, Parteichef der konservativen ÖVP, wird an den Feierlichkeiten ebenso teilnehmen wie Wiens sozialistischer Bürgermeister Helmut Zilk, der schon von einem Ereignis mit "historischer Dimension" sprach. Offiziere des Bundesheeres werden - zwar privat, aber doch in Uniform - im Trauerzug mit marschieren. Rechtfertigung der Monarchisten: Zita selbst war "Oberstinhaber" des Husarenregiments Nummer 16.
Wenigstens Kanzler Franz Vranitzky dürfte sich dem "monarchistischen Auftrieb" (Maimann) nicht anschließen und will am Samstag dem Requiem im Stephansdom fernbleiben.
Im Dom erwartet die Repräsentanten der Republik - unter ihnen Bundespräsident Waldheim - eine besondere Peinlichkeit. Statt der österreichischen Nationalhymne ("Land der Berge, Land am Strome") soll laut Programm die Hymne aus den Zeiten der Monarchie angestimmt werden: "Gott erhalte, Gott beschütze unseren Kaiser, unser Land." #

DER SPIEGEL 13/1989
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