23.01.1989

Vom Freiheitsrausch bis Waterloo

Rudolf Augstein über die Französische Revolution (IV)
Sucht man jenen Begriff, den man am ehesten mit der Französischen Revolution assoziiert, so fällt einem sofort die Guillotine ein. Sie steht für die Revolution, ja, sie steht, wenn auch in viel unschärferer Kontur, sogar für Frankreich selbst. Die Guillotine auszulassen, wenn von der Revolution die Rede ist, das wäre, als würde man die Geschichte Hitler-Deutschlands schreiben, ohne das Wort Gaskammer zu erwähnen.
Dabei hat Hitler-Deutschland ohne Zweifel die Gaskammer erfunden, Frankreich aber nicht die Guillotine. Richtig an dem Vergleich ist nur, daß eine neue Technik der Machtausübung eingeführt wird, die von der bisherigen Legitimierung der Macht nicht gedeckt ist. Ins Auge fällt das Gegensätzliche. Die Gaskammer wird versteckt, solange es geht. Die Guillotine hingegen soll ideologische Öffentlichkeit herstellen, soll eine Politik legitimieren, die sich von der Politik der Vergangenheit radikal unterscheidet.
Ist die Guillotine also eine "Maschine zum Regieren"? Der Begriff, geprägt von Saint-Just, ist von ihm nicht eindeutig definiert worden. Tatsache ist, daß sie jenen Terror verkörpert, den der Konvent am 5. September 1793 bis zum Ende des Krieges der Monarchien gegen die Republik als auf der Tagesordnung stehend dekretiert hat, sicher einstimmig. Zur Ausübung des Schreckens brauchte man aber ein Symbol.
Wären hier nicht Ideologen am Werk gewesen, sondern politische Praktiker ohne sonderliche Vision, so hätte sich eine andere, weniger umständliche Hinrichtungsart empfohlen. Der Chefankläger des am 10. März 1793 eingerichteten Revolutionstribunals, Antoine Quentin Fouquier, genannt Fouquier-Tinville, selbst guillotiniert am 7. Mai 1795, war als Mann des alten Regimes der Meinung, das Erschießen nach dem Kriegsrecht wäre praktischer.
Die - überschaubare - Zahl der Opfer gibt ihm nachträglich recht. Zwischen dem 10. Juni 1794 und dem 28. Juli 1794, der Zeit des stärksten Terrors in Paris, bewältigte die dortige Guillotine wöchentlich fast 200 Hinrichtungen. Dafür hätte es eines Gerätes nicht bedurft, ein Schießplatz in oder am Rande der Stadt hätte ausgereicht.
Aber man wollte revolutionäres Recht setzen, sichtbares und demonstratives Recht, man wollte maschinelles Recht, für alle ohne Unterschied gleich. So griff man auf ältere Vorbilder zurück, die man als Anschauungsmaterial auf Kunstwerken frei Haus geliefert bekam. Schon Lucas Cranach der Ältere (1472 bis 1553) läßt seinen heiligen Matthäus unter einem Fallbeil sterben. In Edinburgh kann man ein weniger vollkommenes Gestell aus dem Jahre 1564 besichtigen. Italien kannte ähnliche Vorrichtungen.
Es war nun aber, so wollte es das Schicksal, der gute Doktor Guillotin, 1738 geboren, 1814 in Paris gestorben, über den Victor Hugo schrieb:
Es gibt unglückliche Menschen. Christoph Columbus kann seiner Entdeckung nicht seinen Namen geben, Guillotin bringt den seinen nicht mehr von ihr los.
Joseph Ignace Guillotin hatte eben doch etwas entdeckt, was ihm zu schaffen machte. Es wurden nämlich in Frankreich bis zur Revolution immer noch Menschen gerädert und öffentlich verbrannt. Deshalb schlägt er als Mitglied der Nationalversammlung am 1. Dezember 1789 folgenden Gesetzesartikel vor:
In allen Fällen, in denen das Gesetz die Todesstrafe für eine angeklagte Person vorsieht, soll die Strafart die gleiche sein, welches Verbrechens sie sich auch immer schuldig gemacht hat; der Verurteilte soll enthauptet werden; dies geschieht mit Hilfe einer einfachen Mechanik.
Ist dies nun ein "Nullpunkt der Marter", wie Michel Foucault meint? Man sah es damals vielleicht so. Fragt sich, was schöner ist, der individuelle Tod durch den Scharfrichter, der bis zu viermal danebenhaut, wie 1766 bei dem zu Unrecht hingerichteten Gouverneur Französisch-Indiens, Thomas Arthur Lally-Tollendal, oder der ebenmäßige, gleichmacherische Tod, gestört allenfalls durch die raschen Handgriffe der Gehilfen des Henkers. 21 Girondisten wurden 1793 binnen 26 Minuten hingerichtet; das galt als eine Rekordzeit.
Die Verurteilten standen mit dem Rücken zum Schafott. Manch ein Delinquent menschelte noch unter sich, bekam einen Kübel oder ein Gläschen Branntwein. Für Sadismus war keine Zeit und kaum Gelegenheit. Jener Bürger, der den abgeschlagenen Kopf der Charlotte de Corday "ohrfeigte", wurde sogleich ins Gefängnis abgeführt. Der - erbliche - Beruf des Henkers erfuhr eine Aufwertung. Zusammen mit Juden und Schauspielern wurde der Henker von 1790 an wählbar, in der Theorie Gesetzgeber.
Waren früher der König und der Scharfrichter unstrittige Figuren, so war nun fraglich, ob die Guillotine dem Volk bekömmlich sei. Anscheinend hat sie den Terror beschleunigt, und damit auch sein Ende; so etwas nennt man "wertneutral".
Zu Anfang hieß sie nach ihrem Konstrukteur, dem Chirurgen Antoine Louis, "Louison" oder "Louisette". Aber Guillotine klingt besser, und der Doktor hatte ja tatsächlich eine Maschine vorgeschlagen, die "in einem Augenblick" das Haupt von den Schultern trennt. Er war ein Menschenfreund. Als Abgeordneter des "Tiers etat", des Dritten Standes, hatte er schon in Versailles praktischen Sinn bewiesen, als es galt, für diesen einen Tagungsort zu finden, den dortigen "Jeu de Paume".
Aber ein einziger Satz, gesprochen vor der Nationalversammlung, wird ihm lebenslang anhaften: "Die Maschine wirkt wie der Blitz, der Kopf rollt, das Blut sprudelt, der Mensch ist nicht mehr."
Konnte er voraussehen, daß das "Wörterbuch der Französischen Revolution" der Herrschaft Robespierres anno 1987 anlasten wird, binnen zehn Monaten revolutionären Schreckens 16 594 Menschen guillotiniert zu haben? Daß die Herrschaft Robespierres im Buch der Rekorde des politischen Mordes darum einen recht hohen Rang beanspruchen könne? Konnte er ahnen, daß er selbst mit knapper Not den 9. Thermidor, den Tag, an dem Robespierres Herrschaft beendet wurde, überleben würde? Jedenfalls hatte er 1794 genug von der Politik und widmete sich vornehmlich der Propagierung des Impfens. An seinem Grab wird man ihm 1814 nachrufen:
Wieder einmal findet man bestätigt, wie schwer es ist, den Menschen Gutes zu tun, ohne daß für einen selbst manche Unannehmlichkeiten damit verbunden sind.
Sowenig die französische Nation dem Napoleon übelnimmt, daß er Hekatomben von Menschenopfern zu verantworten hat, sosehr wird sie den Robespierre wegen dieser Blutherrschaft verabscheuen. Man tut in Frankreich so, als hätte er allein den Schrecken institutionalisiert und aufrechterhalten.
Er hat ihn auf die Spitze getrieben, das ist wahr. Er war genau ein Jahr, vom 27. Juli 1793 bis zum 27. Juli 1794, Mitglied des Wohlfahrtsausschusses gewesen, des höchsten Vollzugsorgans also, und in diesem Ausschuß sicher das wichtigste Mitglied. Der ebenso gescheite wie windige Bertrand Barere, die Wetterfahne des Konvents, wird 1841 auf dem Totenbett über Robespierre den recht überzeugenden Ausspruch tun:
Robespierre . . . war ein makelloser Mann, ein wahrer Republikaner. Seine Empfindlichkeit, sein Jähzorn, sein ungerechter Argwohn gegen seine Kollegen waren sein Verderben. Das war ein großes Unglück . . .
Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860) hat es im Jahre 1805 auf die treffende Formel gebracht, die Revolution samt Schreckensherrschaft, samt Guillotine sei ein gefräßiges Ungeheuer gewesen, welches "hungrig sich selbst verschlang, bis es im Würgen ermattete".
Der Terror muß nicht als Reaktion auf die Bedrohung im Inneren und von außen gerechtfertigt werden, das tut die marxistische Schule. Aber er muß auch nicht angeklagt werden, wie Francois Furet das versucht. Gruppenverhalten läßt sich oft - nicht immer! - ohne die leiseste Rechtfertigung erklären.
Nicht Robespierres Gegner waren die Guillotine und das Guillotinieren leid. Das Volk von Paris war des immer gleichen Schauspiels müde, haßte den Blutgeruch und nahm dem Konvent die Blutmaschine aus den blutigen Händen.
Keiner von den Terroristen der Robespierre-Fuhre am 10. Thermidor des Jahres II (28. Juli 1794) hat sich beklagt; der 39jährige Philippe Le Bas, bescheiden, im Ursprung gemäßigt, seinem Meister bis in den Tod ergeben, hatte sich am Vortag erfolgreich in den Kopf geschossen und so den Tischler Duplay um seinen einzigen Schwiegersohn gebracht. Er war mehr Soldat als Politiker, und ehrenwerte, vielleicht um den Verstand gebrachte Leute waren sie ja alle.
Die komplizierte Persönlichkeit des Maximilien de Robespierre, dieses konsequentesten aller Schreckensmänner, kann durch seine Vergangenheit ein wenig belichtet werden.
1783, im Alter von 25 Jahren, beteiligt er sich an einem Wettbewerb der Akademie von Metz, die einen Preis für die beste Abhandlung über die sogenannte Ehrenstrafe ausgesetzt hatte. Robespierre wird Zweiter, mit einer für ihn bezeichnenden Argumentation: Es gehe in erster Linie um die Gleichheit des Strafmaßes für alle, ungeachtet ihrer Herkunft. Man wird dieses Gleichheitsprinzip auch heute noch akzeptieren.
Doch dann stellt sich heraus, daß er nicht die großen Leute zu den kleinen hinunterziehen, sondern vielmehr die kleinen zu den großen emporheben will. Jegliche Ehrenstrafe muß fallen, indem alle, ohne Unterschied der Herkunft, einer sonderbaren Ehrenstrafe zugeführt werden: einer, die keine Strafe mehr ist, sondern nahezu eine Ehrung.
Wie das? Wir haben ja das Beil. Das Rad und der Galgen sind ehrenrührig für die Familie. Hingegen, das Beil ist "beinahe" ein Adelstitel für die Nachkommen. Denn das Beil war bis dahin Privileg der Vornehmen gewesen. Deshalb muß man diese Art der Bestrafung auf alle schuldig gewordenen Bürger ausweiten. Conclusio:
Führen wir, anstelle einer Strafe, die der unvermeidlichen Schande einer Hinrichtung obendrein einen ehrenrührigen Charakter verleiht, eine Strafart ein, die man allgemein als gewissermaßen glanzvoll ansieht und nie als entehrend für die Familie empfinden würde.
Wer diese Argumentation "tricky" findet, möge sich erinnern, daß der Aufklärer Denis Diderot dazu rät, Menschenversuche in den Strafvollzug einzuführen. Wer sie überlebt, ist frei.
Noch 1791, immer halber Pazifist, wird Robespierre leidenschaftlich für Strafmilderung plädieren. An eine Abschaffung der Todesstrafe, wie sie theoretisch 1754 unter der Zarin Elisabeth für Rußland dekretiert worden war, konnte man in Frankreich vor wie lange Zeit nach 1789 nicht einmal denken.
Auf diesem Humus gedieh die Idee der Guillotine. Erst 1792 hatte Doktor Louis seine Maschine fertig. Ein Dieb, der einem Privatmann mehrere Stockschläge versetzt und ihm 800 Livres in Assignaten geraubt hatte, wurde am 25. April 1792 guillotiniert, auf der Place de Greve, bekleidet mit einem roten Hemd. Es war die Zeit, als der Telegraph erfunden, die Sorbonne geschlossen wurde und man alle religiösen Orden abschaffte.
Die erste "politische" Hinrichtung am 21. August 1792 machte diesen Makel einer ordinären Hinrichtung wett. 1797 wurden Verurteilte schon wieder erschossen, das Gleichheitsprinzip bei der Bestrafung hatte also nur fünf Jahre gedauert. Der gute Doktor Guillotin verteilte vor Entsetzen Todespillen an seine Freunde, damit keiner von ihnen der ihm zugeschriebenen Maschine anheimfiele. Und 1830, als das Bürgertum sein revolutionäres Ziel unter dem Bürgerkönig erreicht zu haben schien, wurde die Guillotine mehr und mehr an den Rand gedrängt, obschon nicht gänzlich aus dem Verkehr gezogen. Frankreich schaffte die Todesstrafe erst 1981 ab.
So war das Tableau beschaffen, auf dem Robespierre und Saint-Just, und sie nicht mal als erste, die Guillotine zum Instrument des kollektiven Schreckens auserkoren. Schon während der Diskussion um die Exekution des Königs, im Dezember 1792, sagt Robespierre: "Es gibt eine sakrale Instanz, die nicht des Anwaltstandes bedarf."
Das Volk selbst soll die sakrale Aura zugeteilt bekommen, die ihm von den Königen geraubt und über Jahrhunderte hinweg vorenthalten worden war. (Es ist viel Robespierrismus in unserer Demokratie, mehr jedenfalls, als wir annehmen.) Der König als Mensch ist sterblich, hatte der Prediger Bossuet gesagt, der König als Nachfahre des Heiligen Ludwig aber ist so unsterblich wie das Königtum selbst.
Diese sakrale Übertragung konnte laut Saint-Just nur durch einen Bluttransfer bewerkstelligt werden. Die Guillotine ist "heilig" (so der Jakobiner Jacques-Rene Hebert), ist der Inbegriff der Gerechtigkeit sogar noch für den "zu Unrecht" Verurteilten, für das unschuldige Blut. Sie ist ein kollektives Ereignis.
Jene Bretonen, die dem Kommissar der Republik erklärt hatten, man möge sie doch ja schnell guillotinieren, damit sie desto schneller nach drei Tagen auferstehen könnten, sie sind nach Ansicht des Camille Desmoulins der Guillotine nicht würdig. Sie ist angesichts der Machenschaften der Feinde des Volkes aufgrund ihrer moralischen Dignität zum Inbegriff der Gerechtigkeit geworden. Niklas Luhmanns rätselhaftes Wort (anläßlich der Verleihung des Hegel-Preises 1988), es sei die vordringlichste Aufgabe der Ethik, vor Moral zu warnen, findet hier seinen Schlüssel.
Die Revolution hat alle Moralbegriffe durcheinandergebracht. Wie soll man sich entscheiden, wenn das, was früher als unangefochtenes Recht Gültigkeit besaß, in das Gegensatzpaar "moralisch" und "nützlich" zerhauen worden ist? Wenn der Girondist Jerome Petion, der Bürgermeister von Paris, die furchtbaren "Septembermorde" in den Gefängnissen des Jahres 1792 für "moralisch abscheulich" und gleichzeitig für "politisch nützlich" erklärt? (Er wird sich 1794 in Saint-Magne an der Gironde das Leben nehmen.) Antoine Thibaudeau, einer der eifrigsten Verfolger nach dem Sturz Robespierres, schreibt gleichwohl:
Nichts war von einem System weiter entfernt als die Schreckensherrschaft. Ihr Fortschritt fand trotz ihrer Schnelligkeit nur gradweise statt. Man wurde nach und nach in sie hineingezogen, folgte ihr, ohne zu wissen, wohin, und ging ständig weiter, weil man sich nicht mehr zurückwagte und keine Möglichkeit sah, aus ihr herauszukommen.
Je nach Standpunkt kann man die maximal 24 000 Opfer der Schreckensherrschaft für gerechtfertigt oder für unentschuldbar halten. Aber man kann nicht, wie der sozialistische Geschichtsschreiber Louis Blanc, behaupten, sie habe "der Revolution das Kreuz gebrochen". Die Mechanismen der Schreckensherrschaft sind nahezu maschinell wie die Maschine selbst. Sie erlauben kaum noch ein Moralisieren.
"Mein Kopf läßt noch, wenn er vom Rumpf getrennt ist, seine sterbenden Augen auf Dir ruhen!" schreibt Camille Desmoulins in seinem letzten Brief aus dem Gefängnis an seine Frau Lucile. Die Guillotine nährte den damals noch diskutierten Gedanken, daß der vom Rumpf getrennte Kopf bis zu 15 Minuten bei Bewußtsein bleibe, seiner eigenen Hinrichtung also beiwohnen und nachblicken könne.
Andererseits macht der Schrecken die Menschen unempfindlich "wie ein zu starker Likör" - dies die Worte Saint-Justs. Es war die Unberechenbarkeit des Schreckens, die schrecklich und abstumpfend zugleich wirkte. Man wird nicht behaupten können, daß die revolutionäre Justiz je einen gerechten Prozeß ermöglicht hätte. Aber die summarischen Urteile häuften sich, je rascher die Schreckensherrschaft ihrem eigenen Paroxysmus zustrebte. Zum Schluß genügte, und da war Robespierre an der Spitze, der Verdacht, verdächtig zu sein. Ob er gegensteuern wollte? Es gibt dafür Indizien, doch sie sind schwach und vage.
Wer wurde nicht alles unter dem Gejohle der Menge zur Hinrichtung gebracht, ohne daß Robespierre und Saint-Just ihren Segen gegeben hätten? Da war der Abenteurer Friedrich Freiherr von der Trenck, den Friedrich der Große neun Jahre in Ketten gehalten und der in Magdeburg angeblich mit seinem Blut eine philosophische Abhandlung in eine Bibel, die "Blutbibel", geschrieben hatte. Dem 67jährigen mag man verräterische Beziehungen zum Ausland, speziell nach Wien, wo schon sein Vetter, der "Pandur", nicht gutgetan hatte, wohl zutrauen; geköpft 1794.
Hingerichtet wurde der 16jährige Sohn der Gräfin von Maille, die auf den Antillen recht vermögend war. Er hatte im Gefängnis Saint-Lazare einem Wärter einen Hering "voller Würmer" an den Kopf geworfen. Das reichte. Er erschien vor dem Tribunal, aber nicht mit seiner Mutter, sondern infolge einer Namensverwechslung mit der Bürgerin Maiyet.
Auch sie wurde auf der Stelle verurteilt und gleichen Tages hingerichtet. Am übernächsten Tag, dem 9. Thermidor, erschien die Mutter und ehemalige Gräfin selbst vor Gericht. Sie erlitt oder simulierte einen Nervenzusammenbruch.
War sie schwanger? Die Verhandlung wurde ausgesetzt, bis zum nächsten Tag. Da aber wurde nicht mehr verhandelt. Am 10. Thermidor nämlich wurde Robespierre hingerichtet, der gewiß vom jungen Maille nichts gewußt hat.
Er war mit den unsystematischen Hinrichtungen, wie sie etwa in Lyon von Fouche und in Nantes von Carrier veranstaltet wurden, nicht einverstanden; nicht einverstanden mit den "Volksgerichten", die sich während der Septembermorde 1792 in den Gefängnissen von eigenen Gnaden installiert hatten. Er kannte die Greuel des Bürgerkrieges in der Vendee nur vom Hörensagen, aber er kannte sie.
Man sieht ihn jetzt des öfteren mit seiner dänischen Dogge Brount die Wälder von Ville-d'Avray durchstreifen. Er pilgert zum Grab Rousseaus in Ermenonville, steht vor dem nach antiken Mustern gemeißelten Sarkophag auf der kleinen Insel. Er befindet sich, wie er einem Brief anvertraut, in einem "Zustand von Überdruß und Niedergeschlagenheit, in den mich meine peinlichen Beschäftigungen versetzen".
Wenn man den ehemaligen Parlamentsrat Sellier anstelle seines Sohnes verurteilt, den 17jährigen Saint-Pern anstelle seines Vaters, einen Jean-Dominique Morin anstelle des Louis-Clerc Morin: er ist im einzelnen wohl nicht im Bilde.
Da gibt es zwei Herzoginnen de Biron im Gefängnis. Eine steht nur auf der Liste. Fouquier-Tinville, der Ankläger, läßt beide vorführen und hinrichten. Weiß Robespierre das alles nicht? Er muß es wissen. Aber noch regiert er nicht allein. Der Sicherheitsausschuß, der mit dem Wohlfahrtsausschuß konkurriert, erfindet eine "Verschwörung des Auslands". Mehr Todeskarren werden benötigt.
Der Wohlfahrtsausschuß, dem Robespierre als Spitzenmann angehört, revanchiert sich, indem er eine "Verschwörung in den Gefängnissen" erfindet. Wieder mehr Todeskarren. Robespierre selbst rettet den Pariser Bürgermeister Jean Nicolas Pache, der sich mit den Hebertisten eingelassen hatte, vor der Guillotine, in einem Anflug von Dankbarkeit. Er stirbt 1823.
Die Ausschüsse kämpfen gegeneinander. Jean-Pierre Amar vom Sicherheitsausschuß erreicht die Verhaftung von 73 Konventsmitgliedern, die gegen die Ausschaltung der Gironde protestiert hatten. Robespierre sorgt dafür, daß sie nicht vor Gericht kommen. Amar nun wieder sucht ihm den Rang abzulaufen, indem er gerade diese Gefangenen im Magdalenen-Stift aufsucht.
"Fängt man Ihre Korrespondenz ab?" fragt er. "Verweigert man Ihnen Kaffee, Limonaden, Schokolade und Obst? Behandelt man Sie nicht nach Ihrem Rang?" Der empörte Volksvertreter erfährt, daß die Deputierten gewöhnliches Essen bekommen. "Das ist ein entsetzliches Verbrechen", ruft er, "liebe Kollegen, nennen Sie uns genau diejenigen, welche die Volksvertretung dermaßen herabwürdigen." Die Revolution ist nicht ohne Komik.
So sammeln beide Faktionen ihre Truppen. Der Dichter Andre Marie de Chenier, ein erklärter Feind der Jakobiner, wird am 7. März 1794 verhaftet. Man sperrt ihn in das Gefängnis Grande-Force und guillotiniert ihn drei Tage vor Robespierre.
Warum hat er diesen nicht überlebt? Nun, in den Gefängnissen sitzen auch die "moutons", die Spitzel. Einer, der Graf Ferrieres-Sauvebeuf, hat ihn beim Sicherheitsausschuß denunziert. Cheniers Geliebte, Madame de Bonneuil, eine erwiesene Feindin der Republik, trifft im Juli 1793 im Gefängnis Sainte-Pelagie ein und überlebt. Unter dem Namen "Camille" hat sie der Dichter verewigt.
Chenier kritzelt, auf den Karren wartend, sein letztes Gedicht:
Sterben mit vollem Köcher, unvermögend, Sie zu durchbohren, zu zertreten, durch den Schlamm zu schleifen, Die Henkersknechte, die Gesetzeschmierer . . .
Aber noch auf den Stufen der Conciergerie wird auch er, ähnlich wie Saint-Just, sagen: "Und doch war hier etwas."
Der adelige Spitzel, der "mouton", schreibt an den Sicherheitsausschuß:
Ich habe die Verläßlichkeit meiner Person bewiesen, und da ich meine aristokratische Herkunft durch revolutionäre Haltung ausgelöscht habe, hoffe ich, daß sie mir nicht länger zum Vorwurf gemacht wird, denn es gibt viele gute Bürger meiner ehemaligen Kaste, die sich als Mitglieder des Konvents und des Wohlfahrtsausschusses in den Dienst der Republik gestellt haben . . .
Der 80jährige Abbe de Fenelon, ein Großneffe des "Telemaque"-Verfassers, hat in Paris eine Hilfsorganisation für die Waisenkinder aus Savoyen gestiftet. Er wird zum Tode verurteilt. Die ganze Kindertruppe erscheint im Konvent, der sich vielleicht erweichen ließe. Jacques Billaud-Varenne, im Wohlfahrtsausschuß Feind von Robespierre, kanzelt die Deputierten mit den Worten ab: "Seid Ihr selbst Kinder?" Der Abbe muß aufs Schafott.
Da war der Fall des vielleicht bedeutendsten Chemikers des 18. Jahrhunderts, Antoine Laurent Lavoisier. Er bat um 14 Tage Aufschub, damit er ein Experiment beenden könne. Antwort des Gerichtspräsidenten Jean-Baptiste Coffinhal, 31 Jahre alt (guillotiniert am 6. August 1794): "Die Republik braucht weder Gelehrte noch Chemiker."
Begeistert hatte Lavoisier 1789 bei den Generalständen in Versailles mitgemacht. Nur war da eine Kleinigkeit, die alle Verdienste zudeckte: Er gehörte seit 1779 als Generalsteuerpächter zu den meistgehaßten Personen des alten Regimes. Jene 27 seiner Kollegen, die nicht geflohen waren, wurden am selben Tag wie er guillotiniert.
Lavoisier hatte den Bau einer Mauer um Paris gefordert und durchgesetzt, um die Hinterziehung der Stadtsteuern einzugrenzen. Man nannte sie die "Steuereinnehmer-Mauer" ("Die Mauer, die Paris einmauert, läßt Paris murren").
Der Untersuchungsausschuß der Gewerbe-Akademie hatte einen Bericht über Lavoisier und seine Arbeiten beantragt. Dieses Gutachten lag den Richtern vor und kam zu folgendem Schluß:
Der vorliegende Bericht ist so reich an bedeutenden Tatsachen, daß man daran zweifeln könnte, sie seien alle das Werk eines einzelnen Mannes . . . Der Bürger Lavoisier gehört zu den Männern, deren Arbeiten zum Fortschritt der Wissenschaften, deren Grenzen sie erweiterten, und zum Ruhm der Nation am meisten beigetragen haben.
Der Abschiedsbrief, den Lavoisier an seine Frau schrieb, scheint über Umwege angekommen zu sein. Der Chemiker war auch ein Philosoph. In dem Brief findet sich der Satz: "Es ist anzunehmen, daß die Ereignisse, in die ich verstrickt bin, mir die Unannehmlichkeiten des Alterns ersparen." Er werde sein Leben als kerngesunder Mann beenden. Das besorgte die Guillotine am 8. Mai 1794.
Der Marquis de Condorcet, ein bedeutender Mathematiker und Philosoph, der als einer der ersten das Wahlrecht für die Frauen propagierte, stimmte im allgemeinen mit den Girondisten, so auch, als es im Konvent um den Kopf des Königs ging. Man wollte Zeit gewinnen. Am Todestag der Gironde, dem 2. Juni 1793, konnte er noch rechtzeitig entfliehen und sich einige Zeit versteckt halten. Erkannt wurde er daran, daß er ein Werk von Horaz bei sich trug und im Gasthaus auf die Frage, wie viele Spiegeleier er haben wolle, mit "zwölf" antwortete. In der Zelle vergiftete er sich, 50 Jahre alt.
Zumindest was seine eigene Selbsteinschätzung anlangte, war Jean Sylvain Bailly, Astronom und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, auf dem besten Wege, ein französischer Benjamin Franklin zu werden. Der König hatte ihn geschätzt.
1789 Vorsitzender des Dritten Standes und Erster Präsident der Nationalversammlung, war er es, nicht Mirabeau, der dem Abgesandten des Königs namens des Dritten Standes entgegentrat und ihm mitteilte, die Nationalversammlung könne keine Befehle entgegennehmen. Als Bürgermeister von Paris empfing er am 17. Juli 1789 den herbeizitierten König am Stadttor mit den ein wenig unverschämten Worten: "Das Volk hat sich seinen König zurückerobert." Er brachte ihn dazu, sich statt der (königlich) weißen die blauweißrote Kokarde an den Hut zu stecken.
Nach der recht unmotivierten Schießerei der Nationalgarde auf dem Marsfeld am 17. Juli 1791 - 30 bis 50 Tote - trat er ab, obwohl er nichts damit zu tun hatte. Er lebte in Nantes und flüchtete sich vor dem Bürgerkrieg am 5. September 1793 zu seinem Kollegen, dem später weltberühmten Mathematiker und Astronomen Pierre Simon Laplace, nach Melun, wo er verhaftet wurde. (Laplace wird 1805 die revolutionäre Zeitrechnung abschaffen.)
Für Bailly veranstaltet man eine Zeremonial-Hinrichtung. Die Guillotine wurde eigens zum Marsfeld, dem "Schauplatz des Verbrechens vom 17. Juli", gekarrt, und der Mob durfte ihn über zwei Stunden lang mißhandeln - eine gerade unter diesem Regime ungewöhnliche Veranstaltung. Bailly, kein Held, kein Schurke, wurde 57 Jahre alt.
Lucile Desmoulins, die Frau des Camille, war mit dem aus England stammenden General Arthur Dillon eng befreundet. Obwohl ohne Zweifel Royalist, gelang es seinen Freunden, namentlich Robespierres Mitschüler Camille Desmoulins, ihm zweimal aus dem Gefängnis in die aktive Armee zurückzuhelfen. Er wurde am selben Tag wie Lucile geköpft, neun Tage nach seinem Freund Danton. Er wurde 43 Jahre alt und rief auf dem Schafott: "Es lebe der König!"
Mit den Dantonisten geriet auch Friedrich von Salm-Kyrburg in Verdacht. Seine Grafschaft Salm wurde von den Franzosen erobert, später annektiert und ging noch später wieder verloren. Er schrieb dem Konvent unter dem 19. Dezember 1792:
Ich ging zu den Menschen, die ich einmal meine Untertanen genannt habe und jetzt meine Mitbürger, meine Freunde, meine Kinder nenne, um ihre Knechtschaft und Hörigkeit, die lehnsherrlichen Rechte über ihr Hab und Gut - mit einem Wort, alle barbarischen Reste der Feudalherrschaft abzuschaffen.
Kyrburg, dreieinhalb Monate nach Danton geköpft, war befreundet, und mehr als das, mit der polnischen Prinzessin Lubomirska, die darauf beharrte, als Ausländerin alle Polen zu empfangen.
Diese "Polen" waren nun aber keine, sondern feindliche Agenten und Spione. Zwei Monate verbrachte sie im Gefängnis Petite-Force, dann behauptete sie, schwanger zu sein, und gelangte so in das Hospiz des Tribunals, das man im ehemaligen Bischofssitz nahe Notre-Dame eingerichtet hatte.
Die Liebe kam in jenen Zeiten nicht zu kurz. Warum sollte der tödlich gefährdete General Beauharnais die ebenfalls gefährdete Delphine Custine nicht lieben, die dem General Custine und dessen Sohn bis zu beider Tod couragiert beigestanden hatte? Beauharnais führte mit der ebenfalls eingekerkerten Josephine nur eine Nenn- und Geld-Ehe.
Ein weiterer Liebhaber der Prinzessin Lubomirska, der Royalist Abbe de La Tremoille, erkaufte sich seine Überweisung aus der Grande-Force ins Hospiz. La Tremoille, ein schöner und ritterlicher Draufgänger alter Schule, drang in den Waschraum der Frauen vor, wo er mit der 26 Jahre alten Prinzessin angetroffen wurde.
Er wußte, was das für ihn bedeutete. Rosalie Lubomirska aber, die sich für schwanger ausgegeben hatte, zeigte keinerlei Anzeichen einer Schwangerschaft. Eine Freundin, Victoire Lescale, kam nieder. Jetzt mußten beide Frauen den Karren gemeinsam besteigen.
Das Schicksal der Bürgerin Lescale wurde von Alfred de Vigny in dem Roman "Stello" nachempfunden:
Es ist meine Pflicht, mein Kind auszutragen bis zum Tag seiner Geburt, der der Vorabend meines Todes sein wird. Nur deshalb läßt man mich auf dieser Erde. Nur dazu bin ich gut, ich bin nichts als die schützende Schale, die nach seiner Geburt zerbrochen wird, nichts weiter. Glauben Sie, man läßt mir nach seiner Geburt wenigstens ein paar Stunden, um es zu betrachten? Es wäre grausam, mich sogleich hinzurichten, nicht wahr? Wenn ich nur Zeit hätte, es schreien zu hören und es einen Tag lang zu herzen und zu küssen, ich glaube, dann würde ich ihnen vergeben, so sehr sehne ich mich nach diesem Moment.
Besonderes Pech hatte die Prinzessin Grimaldi, eine Vorfahrin unseres Fürsten Rainier in Monaco. Als Ausländerin war sie von den gegen die Emigranten gerichteten Gesetzen nicht betroffen. Monaco, de jure selbständig, hatte ein Bündnis mit Frankreich geschlossen.
Am 14. Februar 1793 wurde das Fürstentum auf Verlangen des Kommissars bei der Pyrenäen-Armee, Lazare Carnot, annektiert. Die Prinzessin, die sich in Rom mit Lord und Lady Hamilton und anderem hochmögenden Pack amüsierte, kehrte, obwohl nun französische Bürgerin, eiligst zurück, um ihr Vermögen zu retten und nicht auf die Liste der Emigranten gesetzt zu werden.
Unglücklicherweise, und auch unverständlicherweise, hatte ihr Mann sich ohne ihr Wissen den Aufständischen in der Vendee angeschlossen. Die Ehe scheint nicht übertrieben vertrauensvoll gewesen zu sein.
Die Prinzessin wurde im Winter 1793 auf '94 verhaftet und durchwanderte drei Gefängnisse, eines weniger schlimm als das andere, wohl nicht ohne Bestechungen. Nach ihrer Verurteilung erklärte sie, schwanger zu sein, aber warum? Sie schreibt:
Meine Kinder, hier habt Ihr mein Haar. Ich habe meinen Tod um einen Tag hinausgezögert, nicht etwa aus Furcht vor dem Tode, sondern weil ich Euch dieses traurige Andenken vermachen wollte. Ich wollte es nicht dem Henker überlassen und hatte kein anderes Mittel als dieses. So habe ich einen Tag länger in der schrecklichen Erwartung des Todes verbracht, doch bereue ich es nicht.
Sie weiß offensichtlich nichts von der Verschwörung gegen Robespierre. Der Karren, auf dem sie mit drei anderen Frauen, keine älter als 32 Jahre, zum Hinrichtungsort fährt, wird angehalten. Aber Hanriot, der General der Nationalgarde, sprengt herbei und mahnt zur Eile. Die schöne und junge Prinzessin stirbt als dritte.
So fängt der Brief an, den sie am Vortag dem öffentlichen Ankläger Fouquier-Tinville schrieb:
Bürger,
Hiermit teile ich Ihnen mit, daß ich nicht schwanger bin. Ich wollte es Ihnen persönlich sagen, aber da ich kaum darauf hoffen kann, Sie zu sehen, teile ich es Ihnen schriftlich mit.
Ich habe meinen Mund mit dieser Lüge nicht aus Furcht vor dem Tode beschmutzt, auch nicht, um ihm zu entgehen, sondern allein, um einen Tag zu gewinnen, damit ich mir selbst die Haare abschneiden kann, auf daß sie nicht in die Hände des Henkers geraten.
Man wird inzwischen gemerkt haben, daß während der ersten Hälfte der Schreckensherrschaft kaum treue Freunde des Konvents und der Jakobiner geköpft wurden, die "Kriminellen" lassen wir einmal beiseite.
Aber es hat auch kaum einer der Geköpften einen ordentlichen Prozeß gehabt. Den wenigsten ist das Delikt, um dessentwillen man sie umbrachte, bewiesen worden.
Und was das Strafmaß angeht, so muß man schon entweder die revolutionären Umstände verantwortlich machen oder den Gleichmut und die Resignation des Bürgers Beauharnais aufbringen, der zu meinen vorgibt, es sei besser, zehn Unschuldige zu köpfen, als einen Schuldigen laufenzulassen.
Es werden Leute unter dem Vorwurf der Emigration geköpft, die Frankreich nachweislich nicht eine Minute verlassen hatten. Aber was heißt in solchen Zeiten der Falschmünzerei "nachweislich"? Gefälscht wurde ja überall.
Wenn Generäle versagten, wurden sie entweder als Royalisten verdächtigt, oder sie waren es auch, oder sie wurden es.
Der reiche General und Herzog von Biron, aus Italien zurückgerufen, um den Aufstand in der Vendee zu bekämpfen, hatte sich wohl aus Gründen verdächtig gemacht. Eine seiner Freundinnen, die Herzogin von Fleury, meinte, er habe durch seine Passivität "aus der republikanischen Armee eine Truppe des feindlichen Heeres gemacht".
Während der sechs Monate im Gefängnis Sainte-Pelagie machte dieser "Frauenheld von europäischem Rang" den Damen häufig seine Aufwartung, allerdings stets "in Begleitung des sichersten Abschreckungsmittels vor etwaigen gewagten Unterfangen": Stets war Mademoiselle Raucourt, eine Schauspielerin der Comedie francaise, an seiner Seite. Sein letzter Brief gilt einer gewissen Bürgerin Laurent; geköpft wurde er am 31. Dezember 1793. Da er sehr reich war, wurde ihm in der Conciergerie, dem "Vorzimmer der Guillotine", wo die Verurteilten auf ihre Hinrichtung warteten, ein Henkersmahl mit Austern und Weißwein serviert.
Es wurde während der Schreckensherrschaft kaum ein General hingerichtet, der sich nicht recht verdächtig gemacht hatte, beispielsweise der Generalleutnant der Admiralität von Saint-Malo, Morin de Launay (1736 bis 1793), reich und ohne Zweifel mit Verschwörern im Bunde. Sogar der Kriegsminister von 1793, Pierre de Riel Graf von Beurnonville, gehörte dazu, den der desertierte General Dumouriez vor der Guillotine rettete, indem er ihn an die Österreicher "auslieferte".
Man kann nicht behaupten, daß es der Republik an Feinden gemangelt hätte. Robespierre, was immer man über ihn sagen mag, war ein Feind der Auswüchse von La Terreur, wurde aber trotzdem ihr mächtigster Schirmherr.
Die letzten Briefe der in der Conciergerie Versammelten erreichten die Empfänger nicht. Die meisten wurden dem Ankläger des Revolutionstribunals, Fouquier-Tinville, ausgeliefert, der sie ungeordnet in einen Kasten warf.
Die Briefe haben ein gewisses Schema. Man tröstet sich damit, bald im Himmel zu sein und seine Angehörigen dort wiederzusehen. An die Hölle scheint kaum einer einen Gedanken verschwendet zu haben.
Man legt den Briefen Haarlocken bei. Man beteuert seine Unschuld. Fast alle Briefe sind nach der neuen Zeitrechnung datiert, wohl in der Annahme, sonst würden sie gar nicht erst weitergeleitet.
Viele sind mit zittriger und fast unleserlicher Schrift geschrieben, weil man ja gewöhnt war, Briefe zu diktieren. Nicht wenige der Schreiber bitten akkurat darum, ihre Schulden zu begleichen, und legen Aufstellungen bei.
Manch einer stellt dem öffentlichen Ankläger wichtige Enthüllungen in Aussicht, wenn er noch einmal vorgeladen würde. Der Hauptmann Millin de Labrosse läßt ihm mitteilen, er sei im Besitz des Modells für ein "lenkbares Luftschiff ganz neuer Art". Dieser Hauptmann schlägt einen originellen Ton an:
Bürger Ankläger,
zugegeben, ich habe mich unvorsichtig verhalten und sogar zwei Briefe geschrieben, derer ich mich besser enthalten hätte. Dennoch habe ich nicht damit gerechnet, so unerbittlich von Ihrem Tribunal, Abteilung Egalite, behandelt zu werden.
Ob das wohl die rechte Art war, am Leben zu bleiben?
Die berühmte Marie Gouze, genannt Olympe de Gouges (1748 bis 1793), wurde als Verfasserin der "Erklärung der Frauenrechte" und als erste "Feministin" bekannt. Allerdings erklärte sie sich gegen die "eine und unteilbare Republik"*.
Die Gräfin Lamotte-La Guyomarais (1743 bis 1793) schrieb einer ihrer Töchter, "daß man nicht lange mit Assignaten und Groschen wirtschaften kann, wenn man die Bankiers nicht mehr auf seiner Seite hat . . ."
An ihre Rettung scheint diese notorische Royalistin nicht mehr geglaubt zu haben. Der Graf Poutet rät seiner Frau: "Widmen Sie sich mehr als bisher dem Innenleben, wozu Sie ja schon immer neigten." Der Bürger Collignon aus Metz empfiehlt der seinen, "so schnell wie möglich diese Welt des falschen Scheins zu verlassen". Auch er hofft wohl auf ein fröhliches Wiedersehen.
Es versteht sich dabei von selbst, daß die Verhältnisse in den rund 50 Pariser Gefängnissen höchst unterschiedlich waren. Leuten mit Geld ging es besser als Leuten ohne Geld. Hübsche Frauen hatten es besser als häßliche. In den Krankenhäusern waren die wohlhabendsten Verdächtigen untergebracht, teilweise auch, um weiterhin ihren Geschäften nachgehen zu können.
Zwei Finanziers aus Saint-Malo scheinen sich geweigert zu haben, für zwei Pässe in die Schweiz 300 000 Livres zu bezahlen, eine für sie keineswegs unerschwingliche Summe. Ihre Weigerung brachte ihnen den Tod.
Das Problem des falschen Geldes, der falschen Dokumente, des Wuchers und der Versteigerer machte vor den Gefängnissen nicht halt. Man vergißt immer wieder, daß die Revolution auch durch wirtschaftlichen Druck erledigt werden sollte. Kriminelle und nichtkriminelle Handlungen waren oft gar nicht voneinder zu unterscheiden.
Madame Roland, die Frau des Innenministers, versichert in ihren Memoiren, daß zwei Komplizen des abtrünnigen Generals Dumouriez für 30 000 Livres entlassen worden seien, mit denen sie den Abgeordneten und Danton-Freund Francois Chabot bestochen hätten (guillotiniert am 4. April 1794). Die Anhänger Dantons scheinen Verdächtigen nicht selten zur Emigration verholfen zu haben, was er selbst von sich gewiesen haben soll.
Nun gilt Madame Roland als sehr redselig. Ihr scheint ihr Reichtum im Gefängnis Sainte-Pelagie nicht viel geholfen zu haben. Ein Bediensteter: "In Gegenwart anderer nimmt sie all ihre Kräfte zusammen, aber allein in ihrem Zimmer, sitzt sie manchmal drei Stunden am Fenster und weint." Sie, die für den Gedanken der Gleichheit so heftig eingetreten war, machte sich keine Illusionen über ihre Lage. Anders als Shakespeares deutsche Übersetzer verstand sie den "Hamlet"-Monolog banal und richtig: "To be or not to be: That is the question. Sie wird, was mich betrifft, bald gelöst sein." Sie wurde gelöst, am 8. November 1793.
Nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, daß etliche Vertreter der Schreckensherrschaft das Rad noch schneller angetrieben haben, um Robespierre zu diskreditieren.
Bemerkenswert ist, daß zwischen dem Gründungsdatum des Revolutionstribunals am 10. März 1793 und dem Januar 1794 von den 1046 vorgeladenen Personen nur 381 zum Tode verurteilt worden sind. Damals wurden noch Zeugen geladen. Gegen 209 Angeklagte wurde das Verfahren eingestellt, 336 wurden freigesprochen. Dagegen wurden in der kurzen Zeit vom 8. Juni 1794 bis zum 30. Juli 1794 in Paris 1370 Todesurteile gefällt und vollstreckt.
Die Hauptperson war der öffentliche Ankläger Antoine Quentin Fouquier-Tinville, geboren 1747 und geköpft 1795. Den beiden Damen de Boufflers soll er die Guillotine erspart haben, indem er ihr Aktenstück immer wieder unter die anderen Faszikel schob.
Es ist möglich, daß er bestochen wurde, aber dafür gibt es keinerlei Beweise. Er war ein Organisationsgenie, leider mit vorauseilendem Gehorsam. In wichtigen Fällen erhielt er seine Befehle direkt vom Wohlfahrtsausschuß. "Nie habe ich blindlings die Anordnungen Robespierres oder Saint-Justs befolgt." Das "blindlings" spricht Bände.
Als Danton und seine Freunde vor Gericht kamen, wußte er sich gegen dessen Stentorstimme nicht durchzusetzen. Auch war er ihm und Desmoulins beruflich verpflichtet. Das Gesetz schrieb ihm vor, Zeugen anzuhören. Erst ein Dekret des Konvents befreite ihn, den Legalisten, von dieser Pflicht. Wenig später wird er weder Zeugen vernehmen noch den Angeklagten Gelegenheit geben, zu ihrer Anklageschrift Stellung zu nehmen.
Kummer wegen der strikten Befehle und Überarbeitung ließen ihn zu häufig an der Ausschankbar des Justizpalastes erscheinen. Er wußte bereits am Morgen, wie viele Hinrichtungskarren er am Nachmittag benötigen würde.
Man erwies ihm 1795 die Ehre eines 39 Tage währenden Prozesses. Den Brief an seine Frau könnte man von keinem der Briefe seiner Opfer unterscheiden: Hier sind die Haare, und seine Unschuld werde später an den Tag kommen.
Jedenfalls verzichtete er darauf, sich wie Charlotte de Corday und viele andere vor dem Tod noch auf einem Medaillon verewigen zu lassen. Er wußte vielleicht gar nicht einmal, daß ihm in dieser Welt Unsterblichkeit beschieden sein würde. Den Henkern an der Guillotine geschah nichts, sie waren nur Erfüllungsgehilfen gewesen.
Es ist nicht ganz leicht, sein Verhältnis zu Robespierre zu klären, der ihn kurz vor seinem eigenen Tod noch hatte absetzen wollen.
Anscheinend geriet Fouquier zwischen die Mühlsteine des Wohlfahrtsausschusses, des von diesem nicht direkt abhängigen Sicherheitsausschusses und des von dem "Triumvirat" Robespierre, Saint-Just und Couthon installierten Spezialausschusses. Wer hier wen noch alles umbringen lassen wollte, läßt sich heute nicht mehr feststellen.
Die Brüder Goncourt als Feuilletonisten hätten wohl Grund gehabt, Robespierre den "Premierminister" der Revolution zu nennen. Von ihrer höheren Warte aus ernannten sie aber einen anderen "Premierminister": die Guillotine.
Im nächsten Heft Berühmte Frauen der Revolution
Die Guillotine als Inbegriff der Gerechtigkeit
Der Schrecken macht die Menschen unempfindlich
Die Guillotine als "Premierminister"
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 4/1989
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