24.04.1989

USADeutsche Verteidigung

Der Iran-Contra-Prozeß gegen Oliver North demontierte den schneidigen Oberstleutnant - und beschädigte die Glaubwürdigkeit von Präsident Bush.
Der Prozeß des Jahres gehörte zu den Washingtoner Touristenattraktionen - ein Geheimtip der Hotelpförtner für Gäste, die Weißes Haus, Capitol und Präsidentendenkmäler bereits abgehakt hatten: Ollie North live.
Jeden Morgen, zwei Monate lang, bildeten sich Schlangen von Besuchern vor dem Bezirksgericht der US-Hauptstadt, die den Helden des Iran-Contra-Skandals sehen wollten.
Doch der Star erfüllte die Erwartungen nicht. Das war nicht mehr jener Oliver North, der vor zwei Jahren nach dem Auffliegen der Affäre den US-Parlamentariern Feigheit vor dem Feind vorgeworfen hatte; nicht mehr der Kreuzzügler, vor dessen Fernsehpopularität selbst Senatoren gezittert hatten.
Der ehemals mächtigste Oberstleutnant der Welt, der mit Bibel, Kuchen und Schlüssel nach Teheran geflogen war, um heimlich Waffen gegen Geiseln zu tauschen, beschrieb seine Rolle im Weißen Haus nunmehr als die eines "Bauern in einem Schachspiel von Riesen".
North, der sich früher zur Wahrung des Nachruhms seiner Chefs in jedes Schwert stürzen wollte, entdeckte zu seiner Entlastung, was in Washington derzeit "deutsche Verteidigung" genannt wird - Befehlsnotstand: "Man hat mich glauben gemacht, daß alles, was ich getan habe, auf Veranlassung des Präsidenten geschah."
Im Prozeß sah das wenig heldenhaft aus: Alle waren schuld, nur er nicht. Wenn es sein mußte, bezichtigte er sogar seine treue Sekretärin Fawn Hall der Falschaussage. Immerhin addieren sich die Höchststrafen für die zwölf Anklagepunkte auf 60 Jahre Haft - wozu da noch den Gentleman spielen?
Das Kreuzverhör durch den Anklagevertreter John Keker vervollständigte die Demontage des Oliver North: Dem Superpatrioten versuchte Keker nachzuweisen, er habe seine Finger nicht aus der ihm anvertrauten Kriegskasse für die nicaraguanischen Contras halten können.
Kekers Aufforderung, die Herkunft von 8038 Dollar zu erklären, mit denen sich North einen Gebrauchtwagen gekauft hatte, machte den Angeklagten zur Witzfigur. Mit todernstem Gesicht berichtete er von einer Geldkassette, die, im Boden seines Kleiderschranks verankert, das "Familienvermögen" geborgen habe. Der Inhalt sei aus der Erstattungssumme einer Unfallversicherung gekommen und aus dem angehäuften Kleingeld, das North jedes Wochenende aus seinen Hosentaschen dort deponiert habe. Innerhalb von Tagen wurde "Ollies Blechbox" zum Hit für Talkmaster und Fernsehkomiker.
Verteidiger Brendan Sullivan versuchte die Jury zu überzeugen, daß die ganze Anklage von Grund auf unfair sei. Denn der Prozeß deckte auf, daß Präsident Ronald Reagan und seine wichtigsten Kabinettsmitglieder über Einzelheiten der geheimen Waffenverkäufe an den Iran und über die am Kongreß vorbei geleistete Hilfe an die nicaraguanischen Rebellen mehr wußten, als alle Untersuchungen zuvor gezeigt hatten.
Die wirklich Schuldigen, so machte Sullivan im Verhandlungsverlauf deutlich, verbrächten ihren Ruhestand in Kalifornien, regierten im Weißen Haus oder hätten, wie etwa der zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilte ehemalige Sicherheitsberater Robert McFarlane, bereits ihren Deal mit der Justiz gemacht. Sullivan: "Wo ist denn der Unterschied zwischen dem, was der Präsident getan hat, und dem, was Oliver North getan hat?"
Und ob Reagan-Nachfolger George Bush, der bislang stets behauptet hatte, als Vizepräsident seinerzeit "außen vor" gewesen zu sein, wirklich die ganze Wahrheit gesagt hat, erscheint zumindest zweifelhaft. Neue Dokumente legen nahe, er habe den Dank der Reagan-Regierung für die Contra-Unterstützung durch Honduras "nicht nur durch Worte" ausgedrückt. Erst nach dem North-Urteil will Bush zu dieser rechtlich unklaren Danksagung Stellung nehmen.
Ende voriger Woche, als die zwölf Geschworenen ihre Beratungen über das Urteil aufnahmen, schien das Verdikt völlig unsicher. Sullivan befürchtete, daß er die Hauptanklagepunkte nicht entkräften konnte; Keker mußte den Eindruck zerstreuen, mit North stehe lediglich ein Sündenbock vor Gericht.
So griffen beide zu abenteuerlichen Vergleichen, um die Jury von Schuld oder Unschuld des Angeklagten zu überzeugen. Keker schilderte North als "gewohnheitsmäßigen Lügner", der sich die Taktik eines Adolf Hitler angeeignet habe. Sullivan bediente sich eines Bibelzitats, um seinem bedrängten Mandanten messianische Züge zu verleihen: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Das ist Ollie North."

DER SPIEGEL 17/1989
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