27.02.1989

FUSSBALLMit der Hälfte verdorben

Pierre Littbarski soll als CDU-Wahlmann bei der Bundespräsidentenwahl mitwirken und damit seine Popularität für den heraufziehenden NRW-Wahlkampf einsetzen.
Der politische Auftrag ereilte den Kölner Pierre Littbarski unmittelbar nach dem Schlußpfiff des Bundesligaspiels gegen Uerdingen. Bernhard Worms, Oppositionsführer im nordrhein-westfälischen Landtag, trug dem seit Jahren als aufrechten Sympathisanten ausgewiesenen Kicker eine symbolische Rolle in der CDU an: Der Profi solle am 23. Mai als christdemokratischer Wahlmann den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wiederwählen.
Littbarski, 28, nach eigenem Bekunden ein "unpolitischer Mensch", tat, was er auf dem Rasen in unübersichtlichen Situationen zu tun pflegt: Er begann zu dribbeln. "Vielleicht" werde er mitmachen, erklärte der Kölner Kapitän, bat sich vor allem aber "Stillschweigen" aus. Der Wunsch erwies sich als naiv: "Littis" geheime Politmission war schon 24 Stunden später öffentlich - die CDU hatte die Verpflichtung des prominenten Mitspielers bekanntgegeben.
Der CDU-Delegierte Littbarski, der noch nicht einmal eruiert hatte, "ob die Wahl auch geheim ist", fühlt sich "ziemlich überrumpelt". Vor allem aber stört den Rechtsfüßler, daß seine politische Gesinnung jetzt wieder einmal diskutiert wird. Der Profi Littbarski hat längst erkannt, daß nicht nur Parteifreunde Eintritt und damit sein Gehalt zahlen: "Daß das rauskam, ist nicht gut für mich, es sind ja auch noch andere im Stadion."
Littbarskis Befürchtungen sind typisch. Die Cracks unter den bundesdeutschen Sportlern sind inzwischen in ein Geflecht von Werbung, Sponsoren und Nebengeschäften eingebunden, so daß politische Neutralität geboten ist, um den reibungslosen Geschäftsgang zu gewährleisten. So verteidigte Eike Immel, Ex-Nationaltorwart und CDU-Wahlhelfer in Stuttgart, bei einer Fernsehdiskussion im Süddeutschen Rundfunk mit schon absurder Zähigkeit sein Unentschieden in der Frage, ob die geplante "Friedensstaffette" der Sportler von Paris nach Moskau eine sinnvolle Aktion sei.
Noch zu Bundesliga-Zeiten schickte der jetzt in Rom tätige Torjäger Rudi Völler der SPD-nahen "Aktionskonferenz Sport und Frieden" mit "besten sportlichen Grüßen" seine Wünsche "für wirkliche Abrüstungsschritte". Doch selbst auftreten mochte Völler bei der Konferenz nicht.
Als die Manager Uli Hoeneß und Willi Lemke die fußballerische Dauerfehde zwischen Bayern München und Werder Bremen schließlich gar zum gesellschaftlichen Klassenkampf Schwarz gegen Rot hochstilisiert hatten, beendete die Angst um die Kundschaft den Streit zwischen dem bayrischen CSU-Sympathisanten und dem ehemaligen SPD-Landesgeschäftsführer Lemke. Jeder, erkannte Hoeneß, habe es "mit einer Hälfte seines Publikums verdorben".
Die politische Leisetreterei ist vergleichsweise neu. Zu Zeiten der Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt engagierten sich zahlreiche Sportler öffentlich für die SPD. Noch 1982 fuhren in Hamburg die HSV-Profis Manfred Kaltz, Jimmy Hartwig und Uli Stein CDU-Wähler an die Urnen, 1980 ließ sich in München Karl-Heinz Rummenigge wie vor ihm schon Franz Beckenbauer, Sepp Maier oder Gerd Müller von der CSU vereinnahmen, trat Berti Vogts für die CDU an.
Die politische Ödnis der achtziger Jahre brachte die Wende. Schwach konturierte Politiker wie Helmut Kohl oder Hans-Jochen Vogel ließen die kernigen Sportler kalt. Überdies verlangten die Sponsoren des Sports, die sich wie Kraken ausdehnten, nach Neutralität. Paul Breitner maulte 1983: "Politische Aktivitäten werden unterdrückt."
Als sich Kohl im gleichen Jahr zur Wahl stellte, waren viele Helfer von einst plötzlich "aus terminlichen Gründen" nicht abkömmlich. Rummenigge etwa erkannte, er sei "Sportler und kein Politiker".
Die Sportler behielten für sich, was in einer Repräsentativumfrage unter den Bundesligaprofis das Kölner "Institut für Empirische Psychologie" vorher ermittelt hatte: 60,7 Prozent waren für die Union, 33,3 Prozent neigten der SPD zu. Eine Majorität von 40,2 Prozent hielt Franz Josef Strauß seinerzeit für den "fähigsten Politiker in Deutschland".
Das konservative Weltbild der meisten Sportler ist mit den ihnen eingebleuten Werten wie Leistung, Erfolg, Anerkennung gewachsen. Oft aus bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen stammend, genießen die Sportler Geld, Bekanntheit und den sozialen Aufstieg besonders intensiv. Kein Wunder, daß schon ein Hauch von Sozialismus als Experiment gilt, das den frisch gewonnenen Lebensstandard gefährden könnte.
Die Umrisse des typischen deutschen Fußball-Profis ermittelte die "Sport-Illustrierte", als sie 1986 vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko von allen Nationalspielern ausgefüllte Fragebögen auswertete: Der deutsche Starfußballer fährt Mercedes, hört Musik von Elton John, Bruce Springsteen und Peter Maffay, mag Schauspieler wie Clint Eastwood, Robert Redford und Paul Newman und auf dem Tisch Sauerbraten oder Seezunge. Er wünscht sich Gesundheit, Frieden und Erfolg, und seine Traumfrau ist stets die eigene, "zur Not Bo Derek", wie es Bayern-Libero Klaus Augenthaler formulierte.
Politisch schlägt sich derart viel Vernunft in allseitig abgesichertem Pluralismus nieder: Deutschlands jüngster Fußball-Darling, Jürgen Klinsmann vom VfB Stuttgart, mag den CDU-Landesvater Lothar Späth "als Mensch", tendiert aber "persönlich eher zur SPD".
Rund um den Schwaben Späth sammelt sich neuerdings, offenkundig unbeirrt von vermeintlichen Neutralitätszwängen, wieder eine Sportmannschaft. So hat Wilfried Hurst, Vorsitzender des "Freundeskreises der CDU-Sportler" in Baden-Württemberg, wie er sagt, ein "g'mähts Wiesle" vorgefunden, als er auf die Suche nach Wahlhelfern für den ausgewiesenen Sportler-Freund ging. Die Fußballprofis Eike Immel und Günther Schäfer, die Trainer Jörg Berger und Jürgen Sundermann, der Eiskunstläufer Heiko Fischer wie die Sprinterin Heidi-Elke Gaugel, auch die Tennisprofis Carl-Uwe Steeb und Damir Keretic sagten ihre Hilfe zu. Und um Deutschlands wirkliche Nummer eins einzufangen, mußte nur die CDU-Kreisgeschäftsstelle Heidelberg bestätigen, daß "ich keinen Blödsinn verzapfe" (Hurst), dann war auch der größte Coup perfekt: Boris Becker, dessen Vater CDU-Stadtrat in Leimen ist, zeichnet für Lothar Späth.
Auch Pierre Littbarski hat einen väterlichen Ratgeber für seinen CDU-Wahldienst. In Köln empfahl Klubchef Dietmar Artzinger-Bolten, selbst CDU-Stadtrat, seinem Kapitän, in einer "solchen Ausnahmesituation" wie der Weizsäcker-Wahl dabeizusein. Daß Littbarski damit natürlich auch seine Popularität für den bevorstehenden NRW-Wahlkampf zwischen Johannes Rau und Norbert Blüm einsetzt, verschweigt der Dribbler.
Littbarski, auf dem Spielfeld vom Rechtsaußen zum Mittelfeldstrategen gereift und privat vom Bewunderer des "ZDF Magazins" mit Gerhard Löwenthal zum Konsumenten von Franz Alts "Report" mutiert, hat nur noch sein soziales Gewissen zu beruhigen, ehe er zur Wahl schreitet: "Ich will nicht, daß ich irgendeinem kleinen CDU-Mann die Reise nach Bonn wegnehme." #

DER SPIEGEL 9/1989
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