27.02.1989

Der Künstler und sein Frauenopfer

Sigrid Löffler über Klaus Theweleits „Buch der Könige“
Vor zwölf Jahren erregte der Freiburger Germanist Klaus Theweleit mit einer Arbeit über "Männerphantasien" Aufsehen. Auch mit seinem neuen Werk provosiert er: Die Produktion von Kunst, so seine These, basiert auf Menschenopfern, vor allem der Künstlerfrauen. Hinter Theweleits Kritik an unvollkommenen Zweierbeziehungen wird so etwas wie eine Utopie des Paares sichtbar - Grund für den SPIEGEL, das umfangreiche Werk doppelt besprechen zu lassen: von einer Frau und einem Mann, der Wiener Kritkerin Sigrid Löffler und dem SPD- Politiker Volker Hauff.
Gottfried Benn - ein Mörder? Der Pastorensohn, Arzt und Dichter, der Büchnerpreisträger von 1951 - ein Frauenmörder?
Was ein zünftiger Germanist ist, der beantwortet eine solche Zumutung mit Zorn. "Benn als Mörder, das mußt Du selber auf Deine Kappe nehmen", schrieb der zünftige Freiburger Germanist Uwe Pörksen an den Freiburger Schriftsteller Klaus Theweleit, der naturgemäß kein zünftiger Germanist hat werden können oder auch nur wollen. "Wenn ich Dein Freund wäre, würde ich Dir raten, übergib das Ganze dem Orkus." Dann bemäkelte Pörksen noch die "fliegenbeinschwache Beweisführung" und rauschte ab, zum Gastsemester nach Mexiko-Stadt.
Theweleit blieb da. Er hat das Ganze nicht dem Orkus, sondern dem Verleger KD Wolff und dem Verlag Stroemfeld/ Roter Stern übergeben, der vor zwölf Jahren schon seine "Männerphantasien" publiziert hatte. Und das ist gut so. Denn genau davon handelt ja sein "Buch der Könige" mit dem Untertitel "Orpheus (und) Eurydike" (das "und" ist durchgestrichen) - von Theweleits Beobachtung nämlich, daß es in der Kunstproduktion nicht die Bücher (allgemeiner: die Werke der Künstler) sind, um so häufiger aber die Frauen der Künstler (die Ehefrauen, Freundinnen, Geliebten, Musen), die dem Orkus (dem Hades, dem Jenseits, dem Totenreich, der Unterwelt) übergeben werden.
In Theweleits Terminologie: Produktion im Patriarchat - und dazu gehört auch Kunstproduktion - beruht auf Menschenopfern, ist vorzugsweise im Frauenopfer fundiert. Im Fundament von Gedichten, Opern, Kunstwerken eben, sind nicht bloß symbolisch, sondern ganz leibhaftig, Frauenkörper eingearbeitet. Die Frau wurde getötet, mindestens aber ihr Tod in Kauf genommen, damit das Kunstwerk entstehen konnte.
Weswegen der Autor, der da in Freiburg, über zehn Jahre hinweg, geruhsam lesend, sammelnd und exzerpierend, seine Text- und Bildmaterialien zusammengetragen und dann ohne Eile entfaltet hat, sein "Buch der Könige" einen "Kriminalroman" nennt, einen "Fallbericht", und sich selber einen "Geschichtsdetektiv". Er geht allerlei literarischen Hinweisen von Frauenopfern nach, sucht nach den Spuren der Körper in den Biographien und in den Werken und wird fündig: Sein "Buch der Könige" ist eine Fallsammlung von Frauentötungen.
Als Folie für seine kriminalistische Schnüffelarbeit im Kunstrevier benützt Theweleit den Mythos von Orpheus und Eurydike, also des prototypischen Paares "Künstler und Künstlerfrau". Orpheus, der Apollo-Sohn, übt die apollinische Kunst des Gesanges und des Leierspiels. Er ist der Weltverwandler - der, dessen Kunst die Bäume belaubt, die Steine bewegt, die wilden Tiere besänftigt, also die Affekte bändigt und das Wilde bezwingt, sogar die wilden Mächte der Unterwelt. Und Eurydike ist die Geliebte, die, von der Schlange in den Fuß gebissen, Orpheus in den Tod vorangeht. Aus der Liebesbeziehung, die Orpheus zum Singen brachte, ist eine Todesbeziehung geworden.
Orpheus ist auch ein Hades-Fahrer, einer der mythischen Jenseitsreisenden. Er steigt ins Totenreich hinab, um den Mächten der Unterwelt die Geliebte durch Gesang, also durch Kunst, abzuschmeicheln, was auch gelingt.
Die einzige Bedingung: das Blickverbot. Den Unterirdischen darf nicht ins Antlitz geschaut werden. Orpheus bricht das Tabu. Sein Blick zurück verurteilt Eurydike endgültig zum Tode.
Orpheus und Eurydike: das erste Künstlerpaar - er der Überlebende, sie das Opfer. Er verwandelt Schmerz in Kunst. Sie schweigt und stirbt. Es gibt gute Gründe, das "und" zwischen ihnen in Frage zu stellen.
Aber die Geschichte geht noch weiter. Seine Unterweltfahrt hat den Orpheus gezeichnet - als einen Mann der Dunkelheit und des Jenseitswissens. Ein dionysischer Schatten liegt fortan auf seiner apollinischen Kunst: Dunkel sind die orphischen Gesänge und Mysterien. Die dionysischen Weiber, die Mänaden, heißt es, hätten den Sänger zerrissen. Sein Haupt, an die Leier genagelt und in den Fluß geworfen, sang schwimmend weiter, die Leier tönte fort.
Das Modell des orphischen Mythos vor Augen - der Künstler und die Frau als Liebespaar, der Künstler und seine Leier, sein Medium, als Produktionspaar -, durchstreift Theweleit die Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte, immer auf der Suche nach dem problematischen Paar, dem Künstler und seiner "Liebestodfrau". Dabei stößt er auf Gottfried Benn, Bert Brecht und Knut Hamsun, Claudio Monteverdi, Ezra Pound, Dante, Kafka und Timothy Leary, unter anderen. Er stellt fest: Sie alle, mit Ausnahme Kafkas, denn der ist ein Sonderfall, haben tote Frauen als Opfer in den Fundamenten ihrer Arbeit liegen.
Der Dr. Gottfried Benn beispielsweise. Der erwartet, gemeinsam mit seiner Ehefrau und Sekretärin Herta, das Kriegsende 1945 in Berlin. Er möchte sein Werk und seine kränkelnde Frau vor der heranrückenden Roten Armee in Sicherheit bringen. In dieser Reihenfolge. Erst wird das Werk - ein Konvolut unveröffentlichter, aber von Herta sauber abgetippter Manuskripte - an den Freund und Vertrauten Oelze abgeschickt (und kommt sicher durch das Kriegsende). Dann wird die Frau nach Neuhaus an der Elbe evakuiert. Benn selbst bleibt in Berlin. Nach drei Monaten Einsamkeit und Angst vor russischen Soldaten spritzt sich Herta Benn im Juli 1945 eine tödliche Dosis Morphium.
Auf den Verlust seiner Frau reagiert Benn mit Schuldgefühlen und dann mit Kunst - mit dem großen Gedicht "Orpheus' Tod". Theweleit liest dieses Gedicht biographisch: Hier liquidiert ein Künstler die Geschichte des Todes seiner Frau, indem er aus einem Tod ein Stück Kunst macht - Eurydike wird geopfert, damit Orpheus singen kann. Theweleit meint, daß in der mythologischen Verkleidung des Gedichts "verborgen der Tod von Benns Frau als eine Art Mord die ästhetische Produktion neu begründet".
Herta Benns Tod "als eine Art Mord" ist in ein Gedicht übersetzt. Theweleit bleibt behutsam. Er unterstellt nichts; er stellt nur die Frage:
Gibt es hier lauter unglückliche Umstände, verursacht durch die Wirren des zu Ende gehenden Krieges; oder ist dieser Ablauf Resultat einer zumindest in Teilen bewußten Handlungsweise zwischen den beiden, Gottfried und Herta Benn, auf dem Hintergrund des Gedankens oder der Ahnung, daß der Künstler dieses Paars - Orpheus - seine geliebte Eurydike wenn nicht opfern so doch ihren möglichen Tod in Kauf nehmen darf, wo es darum geht, günstige Ausgangslagen für die weitere Kunstproduktion zu sichern oder zu bewahren. Daß also auch sie, Eurydike, dies weiß und bis zu einem gewissen Grade als ihr Schicksal akzeptiert; daß sie ein Stück des Todes, den sie in Neuhaus stirbt, schon in der Beziehung vorher gestorben wäre.
Daß Theweleit selber nicht an unglückliche Zufälle, sondern an bewußt herbeigeführten oder zumindest in Kauf genommenen Tod glaubt, legt er durch die Art der Fragestellung immerhin nahe. Sein unverwandter Blick gilt den Gewaltverhältnissen, die, wie überall, so auch in der Kunst herrschen. Und das keineswegs so fliegenschwach, wie Uwe Pörksen meinte.
Seit die Kunst sich von der Theologie zu emanzipieren und ihren eigenen Anspruch als seelenproduzierende Kraft anzumelden begann, so Theweleits Arbeitshypothese, haben Künstler ihre Liebesbeziehungen zu Frauen für sich instrumentalisiert.
Die jeweiligen Eurydiken funktionierten, solange sie lebten, gern als "mediale Frauen", worunter Theweleit Sängerinnen, Schauspielerinnen, Sekretärinnen etc. versteht, also Frauen, die ihre Orpheuse ans jeweilige künstlerische Medium ankoppeln konnten, ihre Kompositionen sangen, ihre Dramen darstellten, ihre Gedichte ins reine schrieben.
Waren sie tot, so wurden die Eurydiken erst recht zum Kommunikationsmedium - nämlich Jenseitskontakt für den überlebenden Künstler, Verbindung zum "Geschichtenspeicher", wo das tote Wissen angesammelt ist, das über die geliebte Tote wiederbelebt werden konnte. Über die Tote wurde mit dem "Jenseitsspeicher", dem "Gefühlsspeicher" kommuniziert, an den der Überlebende sich ankoppeln und den er für sein Werk anzapfen konnte.
Immer aber geht's um Abzapfungs- und Auszehrungsprozesse (den Begriff "Ausbeutung" vermeidet Theweleit). Der Künstler - ein vampirischer, ja kannibalischer Typ, der sich die Lebenssubstanz anderer einverleibt und sie einspeist in sein Werk, der andere opfert und sich selber anschließt an den "Macht-Pol", den "Überlebens-Pol", der sich selbst vermehrt auf Kosten der Verminderung anderer.
Elias Canetti, Erich Fromm, Alice Miller mögen da Denkbeihilfe geleistet haben, wie überhaupt für Theweleit der Baum der Erkenntnis voller Lesefrüchte hängt. Und natürlich verweist das "Buch der Könige" zurück auf die "Männerphantasien" des Jahres 1977, auf Theweleits berühmte Doktorarbeit (siehe SPIEGEL 52/1977), die ihm zwar zu keiner germanistischen Karriere, dafür aber zum Renommee eines linken Querdenkers verhalf, der sich aus Psychoanalyse und Literatur, insbesondere Freikorps-Literatur, seine besondere Faschismus-Theorie zurechtzapfte.
Dort hat Theweleit den Begriff des Nicht-zu-Ende-Geborenen eingeführt. Die (präfaschistischen) Freikorps-Männer waren für ihn unfertige, ungenügend belebte Körper, die über die Modellierung durchs Militär zu Ende geboren zu werden suchten. Der Faschismus war der Endpunkt der jahrhundertelangen männlichen Gefühlspanzerung gegen die Frau, also gegen die Angstlust am Zerfließen, Entgrenzen und Auflösen.
Wo sich der soldatische Mann gegen seine Ichverlustängste militärisch panzerte (und so stabilisierte), versucht sich der Künstler über Kunst- und Liebesbeziehung zu Ende zu gebären. Meint Theweleit. Statt der Abpanzerung die Verkabelung. Seinem feministisch geschärften Blick auf das Geschlechterverhältnis ist er treu geblieben. Einerseits. Seine Begrifflichkeit, andererseits, ist vom Zerfließen bedroht.
Man merkt's nicht gleich, weil das "Buch der Könige" darauf angelegt ist, den Leser zu überwältigen und zu überfluten. Theweleits Erzählstrom reißt mit, er wälzt, in epischer Breite, gewaltige Materialien daher, führt Literarisches, Biographisches und Autobiographisches mit sich, ufert in Illustrationsfluten aus, verströmt sich in Exkursen und assoziativen Nebenarmen. Der Strom trägt, der Leser schwimmt. Doch sind die Wort- und Bildfluten verrauscht, hat's auch den theoretischen Überbau mit weggeschwemmt. Der Leser sitzt begrifflich auf dem trockenen.
Da hilft nur die nächste Flut. Bald soll sie erscheinen. Drei weitere Theweleitsche Hochwasser sind angekündigt - drei Fortsetzungsbände zum "Buch der Könige", voraussichtlich 2000 Seiten.
Und was wird der Strom mit sich tragen? Theweleit verspricht: "Mehr zur erzählenden Psychoanalyse des Nicht-zu-Ende-Geborenen: Narziß, die Räusche, das Rauschen".
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Klaus Theweleit: "Buch der Könige - Orpheus (und) Eurydike", Band 1 Stroemfeld/Roter Stern Basel und Frankfurt 1232 Seiten 38 Mark
Von Löffler, Sigrid

DER SPIEGEL 9/1989
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