23.01.1989

KANADAHeiße Hunde

Neue Runde im Kampf zwischen Englisch undFranzösisch: Englische Schilder sind nur drinnen erlaubt.
Ein Molotowcocktail zertrümmerte die Schaufensterscheibe und setzte einen Teil der Ladeneinrichtung in Brand: Michel Simard, Inhaber des Sportartikelgeschäfts "Ski Michel" in Ste. Anne de Beaupre in der kanadischen Provinz Quebec, wurde bestraft, weil er gegen ein obskures Gesetz verstoßen hatte.
Simard hatte es gewagt, in dem auch von US-Amerikanern gern besuchten Skiort mit englisch beschrifteten Schildern darauf hinzuweisen, daß er Skier verleihe und Schlittschuhe schleife. Öffentlich sichtbare kommerzielle Schilder aber, so bestimmt es das Quebecer Gesetz Nr. 101, sind in der Provinz nur auf französisch zulässig.
Der Kaufmann hätte gewarnt sein müssen: Schon zuvor war sein Laden Ziel von Angriffen und Farbschmierereien gewesen. Nach dem Brandanschlag fügte sich Simard: An und in seinem Laden ist nichts Englisches mehr zu lesen.
In Kanadas größter Provinz mit 6,5 Millionen Einwohnern, von denen 83 Prozent Französisch als Muttersprache angeben, ist der seit vielen Jahren schwelende Sprachenstreit wieder ausgebrochen.
Eingeläutet hatte die jüngste Runde im Kampf ums rechte Idiom der Oberste Gerichtshof Kanadas in der Bundeshauptstadt Ottawa.
Einstimmig verurteilten die hohen Richter Mitte Dezember als verfassungswidrig, was Quebecs Nationalisten 1977 zum Schutz frankophoner Kultur ersonnen hatten: Eine Rechtsvorschrift, die Englisches auf Geschäftsplakaten verbiete, verletze das Grundrecht der Ausdrucksfreiheit. Das Gericht: "Es kann keine freie Meinungsäußerung geben, wenn man nicht die Sprache seiner Wahl benutzen darf."
Das durch Richterspruch teilweise aufgehobene Sprachedikt war das Werk der Separatisten, die Quebec von 1976 bis 1985 regierten. Ihre Partei, der Parti Quebecois, wollte die Provinz vom riesigen Rest Anglo-Kanadas lostrennen. Und war dieses Utopia schon nicht zu verwirklichen, so ließ sich zumindest Quebecs angeblich bedrohtes frankophones Kulturerbe per Sprachengesetz retten.
Erst 1969 war für ganz Kanada Französisch als zweite offizielle Landessprache eingeführt worden; den Streit zwischen Frankokanadiern - nur knapp 25 Prozent - und "Anglos" konnte das aber nicht beenden. Quebec ging sogar noch einen Schritt weiter rückwärts: In seinen Grenzen gibt es nur eine Staatssprache - Französisch.
Für alle verbindlich vorgeschrieben wurde der Gebrauch des Französischen am Arbeitsplatz, in Schulen und Gerichten, auf Straßen- und Verkehrsschildern. Statt "Stop" gebietet "Arret" Quebecs Autofahrern Halt. Selbst für private Firmenschilder wurde Englisch tabu.
Für die Einhaltung der reinen Wortlehre sorgte eine Sprachenpolizei. Rund 10 000 Fälle linguistischer Sünden untersuchten die Sprachenschnüffler in den vergangenen elf Jahren. Dem Besitzer eines englischsprachigen Wochenblättchens etwa drohte eine Strafe von 50 Dollar, weil er im Bürofenster auf einer Karte "Merry Christmas" gewünscht hatte.
Ein Imbiß-Unternehmer fiel den Inspektoren auf, weil er seine Würstchen als "New Canada Hot Dogs" anbot. Der Gastronom verteidigte sich, selbst eingefleischte Frankokanadier kämen nicht auf die Idee, bei ihm auf Französisch "chiens chauds", heiße Hunde, zu bestellen.
Trotz der amtlichen Schnüffelei gelang es etlichen Firmen in Quebec, ihre zweisprachigen Geschäftsschilder beizubehalten. Der Montrealer Schreibwarenhändler Allan Singer aber beharrte darauf, seine Firmenfassade nur englisch zu beschriften. Gegen die Order, die Englisch-Schilder gegen französische zu ersetzen, ging er 1978 vor Gericht.
Andere Unternehmer schlossen sich an, so der Schuhhändler Morton Brownstein. "Brown's Shoes" akzeptierte zwar das Französisch-Gebot, wollte aber auf sein Englisch nicht ganz verzichten.
Singer stieß bei den Richtern auf kein Verständnis für seine englische Einsprachigkeit. Denn es gebe "eine dringende und begründete Besorgnis" um den Erhalt des Französischen in der Provinz Quebec, ungeachtet garantierter Ausdrucksfreiheit. Der Schuhhändler hingegen fand Verbündete in den Rechtsprechern der letzten Instanz: Englisch müsse zugelassen werden, wenn und solange Französisch auf Schildern und Anzeigentafeln "dominierend dargestellt" sei.
Quebecs Nationalisten sind empört. Provinzpremier Robert Bourassa, der 1985 die Separatisten in der Regierung abgelöst hatte, legte deshalb in der Nationalversammlung "loi 178" als Kompromiß vor: Fortan seien wie gehabt alle englischen Geschäftsaufschriften "draußen" verboten, "drinnen" dürfe jedoch Englisches erscheinen, sofern - siehe Urteil - Französisch "deutlich dominierend" sei. "Eine Farce" sei das, fand der Abgeordnete Claude Filion vom Parti Quebecois.
Unklar zumindest ist das Gesetz. So dürfen Schilder, die drinnen angebracht, aber von draußen zu sehen sind, weiterhin nur auf Französisch beschriftet werden. Ungeklärt bleibt die Frage, ob eine Menü-Auswahl auf einer Wandtafel ein Schild sei (nur Französisch) oder eine Speisekarte (Englisch erlaubt).
Und wie steht es mit Läden in Einkaufspassagen? Die Geschäfte sind eindeutig "drinnen", in der Passage nämlich, im Sinne des neuen Gesetzes gleichwohl draußen vor der Tür. Der für Sprache zuständige Minister Guy Rivard tat sich besonders schwer mit der Erklärung, woran denn auf Binnenschildern die Dominanz des Französischen gemessen werden soll. "Es ist nicht die Größe der Buchstaben", erklärte Rivard, es sei auch nicht die Farbe oder ob es links oder rechts vom Englischen stehe, "es ist alles das zusammengenommen".
Der Kompromiß nach all den Dekreten, Klagen und Urteilen stellt aber weder Quebecs frankophone noch die Anglo-Bevölkerung zufrieden: In der überfüllten Paul-Sauve-Sportarena von Montreal demonstrierten 12 000 Menschen gegen die Unterminierung der reinen Frankophonie.
Den angelsächsischen Kanadiern wiederum ist ihre englische Schild-Enklave nicht groß genug; drei englischsprachige Minister verließen aus Protest die Provinzregierung von Quebec.

DER SPIEGEL 4/1989
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