Westdeutschlands Beamte sind besser als ihr Ruf. Statt sich stur und autoritär an geltende Richtlinien und Gesetze zu halten, sind die staatlichen Dienstleister an Post-, Bahn- und anderen Amtsschaltern "ziemlich einfallsreiche Interpreten" ihrer Vorschriften. Zu dieser Einschätzung gelangte der Münchner Soziologe Gerd Günter Voß im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojektes über die Arbeit in der öffentlichen Verwaltung. Um seine Kunden "schnell und effizient" zu bedienen, mißachte der Beamte hinter der Scheibe "häufiger, als man denkt", eindeutige Paragraphenlagen und finde "Tricks" und "Hintertüren". Die Chancen, daß derlei "innovative" Leistungen zu Regelverhalten werden, fand Voß, seien allerdings gering. Denn die "Erneuerer bürokratischer Vorgänge" achten darauf, daß ihr Verhalten nicht bekannt wird. Als Ursachen nennt Voß: Angst vor Disziplinarmaßnahmen und gesteigerte Leistungserwartung der Kunden.
DER SPIEGEL 21/1989
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