24.04.1989

HOMOSEXUELLEEndlich erwacht

Erstmals darf in der DDR ein Tabu-Thema veröffentlicht werden: Im Berliner Aufbau-Verlag erscheint in dieser Woche ein Buch, in dem sich Schwule zu ihrem Leben äußern.
Das Leben des Arbeiters Erich, Jahrgang 1900, war alles andere als ein langer, ruhiger Fluß. Seine späte Kindheit verbrachte er im Waisenhaus, das erste Geld verdiente er mit dem Verkauf von Zeitungen. Erich wählte, wie die meisten im Berliner Proletarier-Viertel Prenzlauer Berg, kommunistisch. Bis die Nazis an die Macht kamen, hatte er sich "nichts zuschulden kommen lassen". Sein einziger Makel: Er war homosexuell.
Am 5. Juli 1935 holte ihn die Gestapo ab; es ging zum Verhör, anschließend in eine ausgediente Militärarrestanstalt. Mit Erich und seinesgleichen machten sie kurzen Prozeß - Endstation Sachsenhausen, der "Hundertfünfundsiebziger-Block".
In der KZ-Hierarchie waren Homosexuelle "von allem, was die Nazis im Keller zusammengepfercht hatten", das Letzte, erinnert er sich. Doch der Häftling überlebte, und anders als manche seiner Leidensgenossen war er "politisch genügend gebildet", um zu wissen, daß eine Wiederholung des "Spuks" unter den "neuen Verhältnissen ausgeschlossen war". Für den schwulen DDR-Bürger Erich lief es nach dem Krieg zwar "auch nicht ohne Konflikte, aber leben war nicht mehr lebensgefährlich".
"Heroische Geschichten lassen sich von uns nicht erzählen", gibt er zu Protokoll. Gemeinsam mit 13 anderen liegt seine Vita in dieser Woche als Buch vor - eine erstmalige Auseinandersetzung mit dem Homosexuellen-Alltag in der DDR. Es sind keine Zeugnisse des Aufbäumens oder einer politischen Widerstandsarbeit. Die Anthologie "Ganz normal anders" gewährt in erster Linie authentische Einblicke, wie die schwulen Außenseiter des Sozialismus mit ihrer Zerrissenheit umgehen.
Bedeutsam für die Betroffenen ist, daß die Sammlung nicht nur bei Luchterhand (West), sondern zeitgleich im Aufbau-Verlag (Ost) erscheint. Herausgeber Jürgen Lemke, ein 45jähriger Dozent für Marktarbeit an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, glaubt, daß "nun auch die DDR aus dem Schlaf erwacht"*.
Mehr als 30 Interviews führte Lemke seit 1981 mit Freunden und Bekannten; bis 1984 hätte er gleichwohl "nie daran geglaubt, daß das veröffentlicht wird". Jetzt druckt Aufbau das bisherige Tabu-Thema in einer Startauflage von 30 000 (geplant war ursprünglich sogar das Doppelte), während Luchterhand gerade 5000 Exemplare auf den Markt bringt.
Juristisch war die DDR der Bundesrepublik immer voraus. Zuletzt wurde Ende vergangenen Jahres die Streichung des Paragraphen 151 beschlossen, der homosexuelle Handlungen mit Minderjährigen unter Strafe stellte. Für den Maler J.A.W. war schon 1968 die Legalisierung der Erwachsenen-Homosexualität - ein Jahr früher als im anderen Deutschland - "eine wirkliche Befreiung".
Die gesellschaftliche Praxis indessen hinkt der Gesetzgebung hinterher, auch wenn inzwischen rund 20 schwule Initiativgruppen, zwei davon in Zusammenarbeit mit Kulturhäusern der Parteijugend FDJ, an die Öffentlichkeit drängen. Herausgeber Lemke hat beobachtet, "daß in dieser Hinsicht auch unsere Politiker noch kleinbürgerlich sind". Wenn es nun aber vermutlich endlich soweit sei - "dann holla!"
Sein Buch wirkt offenkundig als Signal, zumal es internationales Interesse erregt. Die englische Übersetzung ist bereits fertig, ein US-Verlag sowie eine französische Agentur besitzen Optionen auf eine Veröffentlichung, eine tschechische Fassung ist in Arbeit. Eine russische Ausgabe schließlich soll, im Vorfeld der Menschenrechtskonferenz 1991 in Moskau, auch den Brüdern weiter östlich Schützenhilfe sichern.
Lemke selbst ist seit Ende 1987 als Reisender in Sachen Aufklärung unterwegs und findet es "schon ganz angenehm, wenn die Räume voll sind". Unbeabsichtigt avancierte er durch Lesungen der Manuskripte, im Februar dieses Jahres auch im Hamburger Buchladen "Männerschwarm", und sein Engagement in einer Schwulen-AG zum Sprachrohr der an exponierten Persönlichkeiten armen Bewegung. "Wenn Sie das staatliche Soll von drei Kindern erfüllen", argumentiert der Dozent gern bei seinen Veranstaltungen, "kann es Ihnen passieren, daß ein Sohn schwul ist."
Während der Herausgeber die gesellschaftliche Offensive sucht, halten sich seine Interviewpartner eher zurück - und das aus gutem Grund. Der Kellner T. etwa, geboren 1963, warnt vor einer "Offenbarungstour": Denn "Fakt ist, kein Mensch bekennt sich im Betrieb dazu. Kastrieren müßte man die Sau, so wird doch geredet".
Was die Geißel Aids anbelangt, stellt der Herausgeber Lemke erleichtert fest, daß die DDR-Szene noch "lange nicht so durchseucht" ist wie die westdeutsche. Letzte Schätzungen für die Bundesrepublik sprechen nämlich von 30 000 bis 100 000 HIV-Infizierten, drüben gibt es offiziell erst 10 Aids-Tote und lediglich 60 Bürger, die das Virus in sich tragen. Die Zahl der Homosexuellen insgesamt dürfte in der DDR bei 800 000 liegen.
Nur am Rande schneidet das Buch "Ganz normal anders" den Problembereich an. Abgabetermin für die Manuskripte war allerdings auch schon Ende 1986, als die Seuche, aus DDR-Sicht, noch kaum ein Thema war. Lemke sieht zudem die Einbeziehung des Aids-Komplexes kritisch: "Sobald Homosexualität medizinisch angegangen wird, wird sie schnell in die Krankheitsecke gedrängt."
Das Coming-out der DDR-Schwulen beschränkt sich indessen nicht aufs Literarische: Häufiger als früher melden sich beim "Telephon des Vertrauens", einer Radioseelsorge, Anrufer mit homosexuellen oder lesbischen Problemen. In Zeitschriften erscheinen Kontaktanzeigen von Mann zu Mann. Die Defa dreht einen Dokumentarfilm über einen schwulen Lehrer.
Gewonnen ist deshalb noch nicht allzuviel. Der Außenhandelskaufmann Volker befürchtet, daß der Marsch in die Gleichberechtigung lang sein wird: "So wie wir unseren schwulen Rucksack schleppen", trügen die heterosexuellen Mitmenschen "die Jahrtausende alten Vorurteile in ihren Westentaschen".
Doch Jürgen Lemke zeigt sich entschlossen, neues Erkenntnismaterial nachzuschicken. Auch wenn die aus 60bis 80seitigen Textrohlingen gefilterten 14 Protokolle manchen älteren Homos schon stellenweise wie "Nestbeschmutzung" vorkommen, will er das nichtveröffentlichte Material für ein Theaterstück auswerten. Da sei, verspricht der Autor, "noch mehr DDR drin" - unter anderem die Geschichte eines Schwulen-Aktivisten, der wegen seiner Neigung nicht Theologe werden durfte.
Premiere ist voraussichtlich im Herbst, Ort der Aufführung das Ost-Berliner "Theater im Palast". #
Herausgeber Lemke Einblicke in die Zerrissenheit

DER SPIEGEL 17/1989
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