23.01.1989

Treuer Diddle

Mit einem flotten Dreiteiler über Computerhacker versucht der WDR die Langeweile des deutschen TV-Krimis zu crashen.
Sicher, Schimanski streckt immer wieder mal (trotz Duisburg) die nackte Männerbrust hervor. Und Saarbrückens Freßkommissar Palü tritt die Pedale seines Rennrads. Aber sonst hat in deutschen TV-Kommissariaten meistens der Amtsschimmel die Nase vorn: Bei Schimpfs "Altem" gibt's kaum Neues, und Tapperts "Derrick" dröselt einen Fall auf wie den anderen.
Aber nicht nur die Verfolger von der Polizei wittern mehlig-mürrisch auf ihrem Amtsgestühl vor sich hin. Auch die meisten TV-Verbrecher wurden inzwischen zu schalen Schurken: Die ewig fiesen Villenbesitzer, Fuhrunternehmer und schnieken Anwälte tun so einfallslos Böses, als hätten sie inzwischen eine pensionsberechtigte Festanstellung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.
Diese erstarrten Strukturen versucht ein WDR-Dreiteiler aufzubrechen, der diese Woche im Ersten zu sehen ist*.
"Bastard" heißt das raffinierte Spiel um Datennetze, Elitefahnder und Hackerunwesen, das sich der Münchner Drehbuchautor Manfred Purzer für die Bavaria ausgedacht hat.
Purzer, der unter anderem das Skript für Fassbinders "Lili Marleen" schrieb, krempelt mit seinem Hackerspiel die Hackordnung im deutschen TV-Krimi um. Hacker, man weiß es, sind so etwas wie die Leitfiguren der neuen Intelligenz: witzig, freakig, nur der einen Moral gehorchend, unbefugt anderer Leute Datenbänke zu knacken.
Paul (Peter Sattmann) und Felix (Christian Berkel) sind solche Datenmaniacs. Mit der Whiskyflasche hängen sie in endlosen "Vanilla"-Nächten - so nennt der Hacker die Zeit des Suchens nach dem elektronischen Paßwort - vor dem Schirm, bis sie orgiastisch auffahren. Dann flackert "Welcome", das System ist gecrasht, der Hirsch erlegt.
Die beiden aus dem Purzer-Spiel führen diese idealistische Phase des Hackertums medienwirksam vor. In den Uni-Computer eingedrungen, verpassen sie kichernd Professoren einen Stupiditätsabschlag oder eine IQ-Zulage.
Doch dann, Krimi muß sein, ist es aus mit dem unrasierten Whiskyglück der Datenräuber. Das Duo entzweit sich. Felix verstrickt sich im Datennetz der Verbrecherorganisation Datorg, wird deren Computerspezialist. Paul lebt mit einer spanischen Haushälterin auf einer Baleareninsel, bastelt Computerspiele für seinen Freund Felix, die der ihm aber nur deshalb abnimmt, damit Paul über Felix' verbrecherische Verwicklungen schweigt.
Bewegung kommt in diese Konstellation, als Felix, bedrängt von seinen verbrecherischen Arbeitgebern, Paul bittet zu verschwinden. Der denkt nicht daran, kehrt von seinem spanischen Eiland zurück und gerät nun hackend und hechelnd ins Räderwerk eines kriminellen Komplotts. Verwirrend und undurchsichtig geistert zwischen den Fronten die Felix-Freundin Lisa. Die guckt so unberechenbar, als hieße sie mit erstem Vornamen Mona, und flambiert Freund und Feind gleichermaßen. Gudrun Landgrebe - wer sonst? - spielt sie.
Das hochprozentige IQ-Ambiente, das die Computerei in das klassische Räuber-und-Gendarm-Metier bringt, fordert neue dramaturgische Lösungen, die Autor Purzer konsequent entwickelt.
Erstes Opfer der Informatikrevolution im TV-Krimi ist der (selten) gute alte deutsche Kommissar. Er verliert seine Stellung als Bärenführer durch die Handlung. Fränznick heißt er bei Purzer, was irgendwie nach Apparatschik klingt und so gemeint ist. Wenn ihm die Computerologen etwas verklickern wollen, legt er seine Züge in Falten und bittet: "Kann ich noch 'n Schluck Whisky haben?" - Heinz Reincke spielt das glaubhaft mit weißbärtiger Knittermiene. Der Autor überläßt ihm nur die polizeiliche Drecksarbeit wie die, eine Zielscheibe für die Verbrecher abzugeben.
Aufsteiger im neuen Fernsehpolizeidienst sind Durchblicker wie Dettmar Mushake (Hermann Lause) vom BKA, wo er als Undercover-Mann arbeitet und die Bösewichte mit tausend Tricks zu linken versucht. Die Einhaltung von Gesetzen ist für den computerkundigen Intelligenzpolizisten nur "crufty", komplizierter Blödsinn.
Auch das Schurkenmilieu wird im Zuge der Computerisierung noch deutlicher zweigeteilt. Der digitale Gangsterboß schreit nicht mehr, flüstert vielmehr seine Befehle, vermeidet jeden Körperkontakt und sagt's der Freundin mit Diamantenkolliers oder Ringen mit Zyankalikapsel für alle Fälle. Höchstens mal ein leichtes Schnauben entweicht beim Anlegen der Schmuckstücke seinen Nüstern, eine Lustandeutung. High-Tech-Verkehr macht halt vornehm. Unter solch einem Boß, den Ernst Jacobi genußvoll zelebriert, können sich die kleinen Gangster nur durch strikten Gehorsam behaupten.
Nachdem Autor Purzer seinen Drehbuchspeicher mit derlei Sozialkonflikten gefüttert hat, spulen gelegentlich verwirrende Handlungsfolgen ab. Es wird gelinkt, unterwandert, gegenseitig getäuscht - Krimischach.
Ständig suchen die Protagonisten Paßwörter für verschlossene Datenbanken. Einmal kommt die Erleuchtung beim Anblick des treuen und als Boten eingesetzten Köters Diddle, der, sinnig für einen Hund mit Hackerherrchen, vom Slangwort "diddle" seinen Namen hat, was, pfui, bescheißen bedeutet.
Ein anderes Mal stiefelt der gute Hacker Paul unter der Bewachung des tumben Gangsters Suschka - Diether Krebs gibt in dieser Rolle ein Sketch-up der Extraklasse - in eine Bibliothek und wird bei T. S. Eliot fündig, Eco! Der arme starke Gangster Suschka muß seine Rechtschreibschwächen offenbaren.
Regisseur Ulrich Stark hat in diesem Stück guter Fernsehunterhaltung mit kräftigen Effekten, einer Kaskade immer neuer Schauplätze (Türkisches Bad, alpines Schloß, Puff mit Polizei-Personal, Gangsterwolfschanze mit Schießstandidylle) und hinreichend Ironie herausgearbeitet, daß dem Computerfan die Welt jenseits des Schirms allenfalls einen Joke wert ist.
Mit solchen Ansichten stehen die Macher der Sendung nicht allein. Das BKA unterstützte, wie es im Begleitmaterial heißt, das Zustandekommen der Filmvorlage ausdrücklich. #
Hackerdarsteller Berkel, Sattmann: Hirsch erlegt
"Bastard"-Darstellerin Landgrebe* Flambiert Freund und Feind

DER SPIEGEL 4/1989
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