22.05.1989

GESTORBENHermann Höcherl

Hermann Höcherl, 77. Er war die bayrische Prachtausgabe eines Politikers: unter ihm die Parteiräson, über ihm nur Gott - wenn es sein mußte, verstörte der kugelige CSU-Abgeordnete Freund und Feind. So erschien er als einziger Unionsmann zu Willy Brandts privater Friedensnobelpreisfeier, eine Geste, die ihn bei den Sozis in den Rang einer Kultfigur erhob. Und selbst vor dem schier übermächtigen Franz Josef Strauß, den er distanziert "mein oberster Kriegsherr" nannte, reckte er stets seine 165 Zentimeter hoch, furchtlos, widerborstig, dickschädelig. Geschadet hat dem "Raubritter von Brennberg" (Höcherl über Höcherl) seine Zivilcourage nicht: Unter Adenauer wurde er Innenminister, 1965 wechselte er, bis zum Ende der Großen Koalition, ins Agrarministerium. Er habe seine Prinzipien immer so hoch gehalten, daß er bequem unter ihnen hindurch schlüpfen könne, gab der passionierte Altbayer als Lebensmaxime aus. Daran hielt er sich auch, wenn er mit Nuschel-Stimme ans Rednerpult trat. Als Höcherl etwa während der SPIEGEL-Affäre die Verhaftung von Conrad Ahlers in Spanien mit der schon klassischen Formulierung "etwas außerhalb der Legalität" charakterisierte, bewies er geradezu diplomatisches Fingerspitzengefühl. Die Bemerkung war verniedlichend genug, um den Zorn der Regierungsgegner auf sich zu ziehen - was ihm als Loyalitätsbeweis für das eigene Lager reichte. Gleichzeitig war der Satz eindeutig: Illegal ist illegal. Seine Liebe zur Sentenz trug den kleinwüchsigen Zwei-Zentner-Mann allerdings schon mal über das Ziel hinaus; die Rechtfertigung des Abhörskandals 1963, Verfassungsschützer könnten "nicht ständig das Grundgesetz unter dem Arm tragen", führte beinahe zu seinem Rücktritt. Doch Höcherl überstand die Affäre, erst 1976 kehrte der unehelich geborene Kleinbauernsohn, dem eine Tante das Jurastudium finanziert hatte, in seinen alten Beruf als Anwalt zurück. Lange hielt er es in seinem Oberpfälzer Nest nicht aus: Immer wieder folgte der notorische Verhandler und Versöhner dem Ruf zum Schlichter in festgefahrenen Tarifkonflikten und einigte die zerstrittenen Parteien. Hermann Höcherl starb am vergangenen Donnerstag in Regensburg an einer Knochenerkrankung.

DER SPIEGEL 21/1989
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