31.07.1989

„Sie fragte sogar: Warum gerade ich?“

Was bei der Gladbecker Geiselaffäre alles schieflief (VI): Der einkalkulierte Tod der Silke Bischoff
Mit weit aufgerissenen Augen, so als wolle sie nicht glauben, was um sie herum vorgeht, starrt Silke Bischoff aus dem silbergrauen BMW in die Menschenmenge - auf Mikrophone, in Kameras und in sensationsgierige Gesichter. Im Wagen hält ihr Geiselnehmer Dieter Degowski, der sie auf der Rückbank in die Ecke drückt, seinen geladenen Revolver an den Hals, den gekrümmten Finger am Abzug.
Fasziniert erleben Hunderte von Schaulustigen in der Kölner Innenstadt mit, wie das blonde Mädchen hilflos die Bedrohungen des Gewaltverbrechers ertragen muß. Mitleidlos strecken ihr Rundfunk- und Fernsehreporter Mikrophone vor die Nase, wollen aus ihr rausquetschen, was sie in diesen Minuten höchster Todesangst empfindet.
Selbst Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner, der am Steuer des Fluchtfahrzeugs sitzt und hinter heruntergelassener Scheibe Reporterfragen beantwortet, spürt Silkes Entsetzen, hat "das Gefühl, daß sie irgend etwas Schreckliches wittert". Denn "sie fragte sogar", erinnert sich der Kidnapper, "warum gerade ich?"
Silke Bischoff hat Angst, daß es ihr ergehen könnte wie dem Schüler Emanuele de Giorgi am Vorabend in Bremen. Den hatte Degowski erschossen, nachdem die Rösner-Freundin Marion Löblich an der Raststätte Grundbergsee von der Polizei wider alle Vernunft überwältigt worden war. In einem Interview beschwört Silke die Polizei, "nicht wieder dazwischenzufunken". Die Geisel fürchtet, daß sonst "noch mal so was passiert, daß jemand umgebracht wird".
Auch Silkes Freundin, die robustere Ines Voitle, fühlt sich "eingesperrt wie in einem Käfig: Wir konnten den Wagen nicht bewegen, wir konnten die Türen nicht aufmachen, wir konnten nicht raus". In ihrer "panischen Angst" will sie "nur weg von diesem Platz, weg von den ganzen Leuten". Und inständig hofft auch sie, daß "nicht jetzt die Polizei zuschlägt".
Doch genau das hat sich der ehrgeizige Einsatzleiter Armin Mätzler, 59, fest vorgenommen. Der kleine Sachse will seinem Innenminister Herbert Schnoor beweisen, daß der zu Recht Vertrauen in ihn setzt. Er schickt zwei Späher zum Tatort in die Breite Straße.
Seinen Stabschef, den Kriminaloberrat Rolf Behrendt, 39, ernennt Mätzler zum Chef der Verfolgertruppe. Er vertraut ihm die Befehlsgewalt vor Ort an, unterstellt ihm damit auch das Spezialeinsatzkommando (SEK), das Hauptkommissar Alfred Schürmann, 37, anführt.
Wie ein neugieriger Passant mischt sich Behrendt unter die Schaulustigen. Schürmann tarnt sich als Pressephotograph. Unter dem Vorwand, eine Aufnahme von Tätern und Opfern machen zu wollen, steckt der SEK-Chef seinen Kopf durchs Fenster. Was er sieht, meldet er der Einsatzleitung im Polizeipräsidium am Waidmarkt: "Beide Täter hatten die Waffe in der Hand, Finger am Abzug, die Hähne waren vorgespannt."
Obwohl die Situation für die Geiseln lebensbedrohlich ist, will Mätzler unbedingt zuschlagen. Der Kripochef findet es einfach unerträglich, daß in seinem Revier die Geiselnahme zur Volksbelustigung ausartet und der Eindruck entsteht, die Polizei sehe dem Treiben hilflos zu.
Mitten in der Kölner City, vor den Augen von Hunderten von Passanten und Journalisten, soll ein Kölner Kommando einen "überraschend vorgetragenen Zugriff" (Mätzler) inszenieren. Polizisten in Zivil, so der Plan, sollen die Journalisten und Neugierigen, die das Fluchtauto umlagern, nach und nach unauffällig abdrängen, damit Nahkampfspezialisten an den Wagen rankommen.
Handschriftlich notiert Mätzlers Stellvertreter in der Einsatzleitung, Polizeidirektor Winrich Granitzka, 46, im Einsatztagebuch auf den Seiten 102 und 102 a, daß die Aktion, "sobald es möglich erscheint", gestartet werden soll, selbst dann, "wenn Schußwaffen eingesetzt werden müssen und dabei Menschen zu Schaden kommen".
Mit der zurückhaltenden "nordrheinwestfälischen Linie" (Schnoor) ist es endgültig vorbei: Rösner und Degowski sollen erschossen werden. Doch so deutlich soll es nicht im Einsatzbuch stehen. Den begonnenen Satz "Der Tod muß dabei . . ." streicht Polizeidirektor Granitzka weg und ersetzt ihn durch die verharmlosende und beschönigende offizielle Sprachregelung: "Finaler Rettungsschuß eingeschlossen."
Weil er ein schnelles Ende will, kalkuliert Einsatzleiter Mätzler sogar den Tod von Silke Bischoff und Ines Voitle ein. Auf Nachfrage der überraschten Beamten vor Ort stellt Mätzler klar, daß ein "Lebensrisiko für die Geiseln letztlich hinzunehmen" sei.
Doch die Beamten, legt Mätzler fest, sollen "auf jeden Fall vermeiden", daß Passanten bei dem Einsatz verletzt oder getötet werden. Das jedoch ist aus vielerlei Gründen bei einem derartigen Kommando-Unternehmen mitten im Menschenpulk nur schwer zu garantieren.
Lebensgefahr besteht für Unbeteiligte und Geiseln selbst dann, wenn es den Beamten gelingen sollte, beide Täter gleichzeitig zu treffen. Denn die Standardmunition aller SEK-Einheiten, die 9-Millimeter-Vollmantelpatrone, hat die tückische Eigenschaft, sogenannte weiche Ziele, etwa menschliche Körper, mühelos zu durchdringen. Wegen der hohen Durchschlagskraft können mit einer einzigen Kugel mehrere Personen getroffen werden.
Die Schüsse auf Rösner und Degowski müssen deshalb so präzise gesetzt sein, daß die Kugeln entweder im Körper der Täter steckenbleiben oder aber bei einem Durchschlag keinen Unbeteiligten gefährden - eine Aufgabe für Kunstschützen.
Nur zögernd, fast widerwillig, lassen die Gaffer die Kripobeamten in Zivil zum Fluchtauto vor. Verärgert fragen Journalisten und Neugierige einige Beamte nach Namen und Ausweis, erhöhen die Gefahr, daß die Täter auf die Aktion aufmerksam werden und eine Kurzschlußhandlung begehen.
Verfolgungschef Behrendt befürchtet gar, die unter Dauerstreß stehenden Geiselnehmer könnten schon "irgendeine Schattenbewegung als Angriff fehldeuten" und blindlings in die Menge schießen. Einen Blitz-Zugriff in der Einkaufsstraße hält Behrendt deshalb für unmöglich: "Ich denke, dort hätte es fünf, sechs oder noch mehr Tote geben können."
Die Hektik rund um den Wagen macht Rösner so nervös, daß er "fast jeden Moment ausgeflippt wäre". Wenn die Polizei in dieser Situation zugegriffen hätte, offenbart er später, "hätte ich wild um mich geschossen. Ich hätte versucht, möglichst viele Passanten zu erschießen".
Auch sein Komplice Degowski, der im Fond die Geiseln Silke Bischoff und Ines Voitle bedroht, wirkt gehetzt, unberechenbar. "Der hinten drin fängt langsam an auszuticken", funkt ein Beamter des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) in die Einsatzleitung.
Doch die Meute der Gaffer und berufsmäßigen Voyeure rückt ständig näher, ohne Empfinden für die tödliche Bedrohung. Andere Neugierige, die von der Sensation gehört haben, drängen nach. Als "unverständlich und unheimlich" schildert der Rettungsmediziner Clemens Schreckenberger, der 200 Meter vom Fluchtauto entfernt mit seinem Notarztwagen in Bereitschaft steht, die schon krankhafte Schaulust.
Schreckenberger beobachtet, wie Passanten mit allen möglichen Tricks versuchen, sich an den Polizeiabsperrungen vorbeizuschmuggeln. Mit der Ausrede, dringend zum Kartenvorverkauf ins Opernhaus zu müssen, überreden dreiste Passanten die Polizei, sie doch bitte durchzulassen. Der Arzt sieht, daß die Neugierigen kurz darauf einen Haken schlagen und in dem Pulk am Tatort verschwinden. Andere, spurtstark, springen über die Absperrgitter und flitzen einfach an den Schutzleuten vorbei.
Vorn am Fluchtwagen kriechen die Aufdringlichsten fast durch die Fenster in das Auto hinein. Selbst wenn Rösner mit seinem geladenen Colt Government drohend herumfuchtelt, weicht kaum einer der Schaulustigen zurück.
Regelrecht durchkämpfen muß sich eine Ärztin, die Marion Löblichs Schußwunde am rechten Oberschenkel behandeln soll. In den Planspielen der Polizei wird Rösners Freundin, die seit ihrer vorübergehenden Festnahme in Bremen keine Waffe mehr besitzt, mittlerweile als "vertretbares Risiko" eingestuft.
Nach ihrem spektakulären Auftritt bei der Buskaperung, als sie die Geiseln mit der Waffe bedrohte, hat die Gangsterbraut nach reichlichem Tabletten- und Alkoholkonsum mehr und mehr abgebaut. Auf den Ablauf der Ereignisse nimmt Marion Löblich keinerlei Einfluß mehr. "Von ihr kamen auch keine Vorschläge, wie die Sache zu Ende gehen könnte", erinnert sich Rösner, "sie ließ alles über sich ergehen."
Ihre Abhängigkeit von Rösner geht so weit, daß sie ihm, falls er keinen Ausweg mehr sehen sollte, die Entscheidung auch über ihr Leben überläßt. "Ich soll sie erschießen, wenn dat so weit kommt", erklärt Rösner einem Kölner Reporter und zeigt mit der Pistole auf seine Freundin. Die nickt ergeben: "Ja, auf jeden Fall."
Besonders nah an das Fluchtfahrzeug herangedrängelt hat sich ein Mann mit Brille und Bürstenhaarschnitt, der nervös eine Zigarette nach der anderen raucht. Es ist Udo Röbel, 39, stellvertretender Chefredakteur des Kölner "Express". Er begnügt sich nicht damit, was in diesem Fall schon problematisch genug ist, journalistisch die Nase vorn zu haben. Der ehrgeizige Journalist überschreitet die Grenze zwischen Informieren und Agieren, will nicht nur beobachten und beschreiben, sondern den Gang der Ereignisse mitbestimmen.
"Er machte dann auch den Macker und jagte auch die Leute weg", erinnert sich Rösner an den Reporter, der ihn anbiedernd gefragt habe, ob er ihm einen "bestimmten Anwalt" besorgen solle. "Nee, da gibt's keinen Anwalt", schlägt Rösner das Angebot aus, "da gibt's nur Tote hier."
Röbel, der sich als Vermittler anbietet, gibt nicht auf. Er macht Rösner einen Vorschlag, auf den man wohl nur in der Domstadt Köln kommen kann. Röbel versucht Rösner zu überreden, die Geiseln Silke und Ines gegen den Essener Bischof Franz Hengsbach auszutauschen, den an Rhein und Ruhr fast jeder kennt. Überraschenderweise läßt sich Rösner darauf ein.
Als Reporter erfahren, daß der Bischof gerade in Bad Wörishofen kurt, schlagen sie die Kölner Weihbischöfe Hubert Luthe und Walter Jansen als Ersatzgeiseln vor. Damit ist Rösner einverstanden - unter einer Bedingung: Vor einem Austausch will er Photos der Gottesmänner vorgelegt bekommen, damit ihm nicht falsche Geistliche ins Auto gesetzt werden.
Genau das aber hat die Polizei vor. Einsatzleiter Mätzler gibt den Befehl, zwei SEK-Beamte "in geistliche Robe zu stecken und Zugriff durchzuführen".
Der Trick ist nicht neu, gehört in der alten Bischofsstadt sozusagen zum Repertoire der Polizei. Kostümiert mit Soutane und Birett, haben Kölner Kripobeamte schon des öfteren Rechtsbrecher überwältigt. Für solche Himmelfahrtskommandos hängt in manchem Spind im Polizeipräsidium eigens ein schwarzes Gewand.
Und Rösner selbst bringt mit seiner Publicitysucht Einsatzleiter Mätzler auf eine weitere Überrumpelungsidee. Getarnt als Reporter, Kameramann und Toningenieur, soll sich ein Nahkämpferteam unter Führung von SEK-Chef Schürmann an die Täter heranpirschen. Die SEK-Männer sollen allerdings keine Fragen stellen, sondern schießen.
Doch noch bevor Mätzler seine Leute als Presseprofis und Priester verkleiden kann, wird den Tätern mulmig. Rösner rechnet "mit einer Stürmung" und gibt das Kommando zur Weiterfahrt: "Nix wie weg hier."
Bevor er Gas geben kann, tritt ein Mann mit hellem T-Shirt an den BMW heran: "Hans-Jürgen, du hast mit uns in Gladbeck gesprochen, ich bin von der Polizei. Willst du noch mit uns sprechen?"
Der Fragesteller ist Kriminalhauptkommissar Manfred Doerks, der als Polizei-Unterhändler in Gladbeck immer wieder vergebens versucht hat, Rösner und Degowski zur Aufgabe zu überreden. Etwas plump und leutselig, wie in seinen Telephongesprächen mit den Bankräubern zwei Tage zuvor, bemüht sich der Kripomann auch jetzt wieder, das Vertrauen Rösners zu gewinnen.
"Du willst doch Forderungen haben. Wir können dir was bieten, wenn du willst", versucht Doerks den Geiselnehmer zu ködern. "Ich sach dir dat nur", biedert sich der Beamte an, "weil wir relativ gut miteinander gesprochen haben."
Mit der Doerks-Mission will Einsatzleiter Mätzler Zeit schinden, hofft, doch noch eine Gelegenheit zum Zugriff zu finden. Mätzler hat sich geschworen, die Täter auf keinen Fall mehr aus der Kölner City entkommen zu lassen, die Geiselnahme unbedingt innerhalb der Stadt zu beenden.
Aber Rösner läßt sich nicht aufhalten. Mit den Worten "Bist du von der Kripo? Dann hau ab!" scheucht er den Verhandlungsführer Doerks vom Fluchtwagen weg.
Doch einfach losfahren kann Rösner nicht. Die Zuschauer machen keinerlei Anstalten, auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Selbst als Rösner seine schwere Pistole bedrohlich wie eine kleine Flak aus dem Fenster hält, bleiben die Schaulustigen unbeirrt stehen. Erst als der Geiselnehmer mit wutverzerrtem Gesicht aus dem Wagen springt und, seine Waffe mit beiden Händen im Anschlag, die Neugierigen anbrüllt ("Weg da, aber schnell!"), öffnet sich eine Gasse.
Im letzten Moment zwängt sich ein fünfter Fahrgast in den BMW. "Express"-Reporter Udo Röbel hat sich den Geiselnehmern als Lotse angedient - die wohl fragwürdigste Journalisten-Initiative während der gesamten Geiselnahme. Laut Staatsanwaltschaft macht sich Röbel damit zum Handlanger der Verbrecher. Unter Aktenzeichen 32 Js 353/88 leiten die Ermittler ein Strafverfahren ein: Röbel wird der Beihilfe zur Geiselnahme verdächtigt.
Wenn im Fluchtwagen mehr Platz gewesen wäre, hätten sich womöglich noch weitere Journalisten als Mitfahrer aufgedrängt. "Mehrere haben versucht, sich als Geiseln aufzuschwatzen", berichtet Ines Voitle, "die wollten wirklich alle mit."
Röbel stellt seine umstrittene Aktion als puren Samariterdienst dar. Er sei nur eingestiegen, "um die Situation zu entschärfen". Geiselnehmer Rösner sagt später bei seiner Vernehmung, er selbst habe den Journalisten zum Einsteigen ermuntert: "Da ich mich in Köln nicht auskannte, bat ich den Reporter Röbel, ob er nicht mitfahren könnte, um uns zur Autobahn zu leiten."
Tatsächlich wittert Röbel, in seinen Arbeitsmethoden nicht eben der Feinste der Branche, eine exklusive Story. Kaum im Wagen, zückt er seine Visitenkarte, bietet "irgendeine Geldsumme" (Rösner) für ein Interview. Sobald die Täter die Polizei abgehängt haben, schlägt Röbel vor, sollen sie Kontakt zu ihm aufnehmen. Rösner: "Wenn ich in Sicherheit bin, sollte ich mich telephonisch bei ihm melden."
Gerade erst ist der silbergraue BMW mit dem holländischen Kennzeichen im Schrittempo aus der Fußgängerzone herausgerollt, gibt Rösner schon Vollgas. Und mit den Tätern starten Taxen, Privatfahrzeuge und Polizeiautos im Konvoi, die alle das Fluchtauto durch die Innenstadt verfolgen.
Obwohl Einsatzleiter Mätzler angeordnet hat, daß die Täter "Köln nicht verlassen" dürfen, schlagen die Sonderkommandos nicht zu. Die Überrumpelungsspezialisten halten sich selbst dann zurück, wenn Rösner brav an einer roten Ampel stoppt. Dieses Versäumnis lastet die Polizei der Presse an, durch die sie jede Zugriffsgelegenheit verpfuscht sieht.
Nach Darstellung der Fahnder rasen Journalisten rücksichtslos über gesperrte Kreuzungen, reagieren nicht auf Anhalte-Signale mit der roten Kelle. "Selbst Drohungen mit der Dienstwaffe blieben wirkungslos", heißt es im Einsatzprotokoll. "Was die Presse hier inszeniert", klagt ein Beamter über Funk der Einsatzleitung, "ist unvorstellbar."
Außerdem hat die Polizei genug mit eigenen Unzulänglichkeiten zu tun. So wird die Verfolgertruppe von MEK-Beamten angeführt, die sich in Köln gar nicht auskennen.
Wie desorientiert die Polizisten sind, ergibt sich aus einer Standortmeldung. "Wir sind jetzt oben auf dieser Brücke, wo die Gondeln mit dran langgehen", heißt es um 12.49 Uhr in einem Funkspruch - gemeint ist die Zoobrücke, die in luftiger Höhe von einer Seilbahn gekreuzt wird.
Daß die Täter wieder Richtung Autobahn unterwegs sind, ist für Innenminister Herbert Schnoor "eine außerordentliche Enttäuschung". Der Sozialdemokrat, soeben von einer Goodwilltour zu den freigelassenen Geiseln in Holland zurück, hatte fest damit gerechnet, daß die Polizei in Köln erfolgreich eingreifen würde. In seinem Amtszimmer im Düsseldorfer Innenministerium ruft Schnoor seinen persönlichen Referenten und den Pressesprecher zur Krisensitzung. Gemeinsam wird überlegt, wie die zahlreichen Journalisten bedient werden können, die Schnoor unbequeme Fragen zu seiner Rolle im Geiseldrama stellen wollen.
Der Minister lehnt bis auf ein kurzes Rundfunkinterview jegliche Stellungnahme ab. Er beruft sich auf einen "Erklärungsnotstand": Jedes Wort in Rundfunk und Fernsehen, befürchtet Schnoor, könnte "von den Tätern mitgehört" werden und ihnen Aufschluß über das Polizeikonzept geben.
Im Kölner Polizeipräsidium am Waidmarkt hat sich der Frust über das Entwischen der Täter in bitterbösen Kompetenzstreitigkeiten entladen. Einsatzleiter Mätzler, bekannt für schnelle und einsame Entscheidungen, will sich von niemandem dreinreden lassen. Dem zuständigen Staatsanwalt Karl Utermann, der als erfahrener und abwägender Fahnder gilt, bleibt der Zutritt zum Lagezentrum verwehrt. Auf Utermanns Protest wird eine fadenscheinige Begründung nachgereicht: Der Lageraum sei "zu voll". Später darf wenigstens sein Abteilungsleiter dabei sein.
Auch von der Beratergruppe des Düsseldorfer Landeskriminalamtes, die für ihre überlegten Einschätzungen bekannt ist, will sich Mätzler nichts sagen lassen. Obwohl ein Erlaß vorschreibt, daß die Spezialisten bei Kapitalverbrechen "den Polizeiführer bei praktisch allen Fragen des Einsatzes" unterstützen sollen, weist Mätzler einem LKA-Mann die Tür.
In einer geheimen Einsatzkritik beklagen die LKA-Experten, daß "nach Übernahme der Einsatzleitung durch Köln" eine Beratung "nicht mehr möglich" gewesen sei - das Wörtchen "nicht" haben die Kritiker unterstrichen.
Der selbstherrlich agierende Einsatzleiter schiebt einen Düsseldorfer Kollegen, der seit Beginn des Geiselkrimis mit zum Führungsstab gehört, mit rüden Worten in ein Nebenzimmer ab: "Ich brauche keinen Berater, das stört nur, es sind ohnehin zuviel Leute im Führungsraum."
Dabei hätte Mätzler gerade in diesen Mittagsstunden des 18. August 1988 Beratung dringend nötig. Weil er sich fest vorgenommen hat, die Geiselfahrt in eigener Regie zu beenden, gerät er mit jedem Kilometer, den sich das Fluchtfahrzeug von Köln entfernt, in größeren Zugzwang. Aber der Kripochef läßt niemand in die Einsatzleitung, der seinen Tatendrang zügeln könnte.
Den Fluchtwagen, der um 13.05 Uhr das Autobahnkreuz Köln-Ost erreicht und von Rösner auf die A 3 Richtung Frankfurt gesteuert wird, verfolgt noch immer eine Kolonne von Journalistenautos und Polizeifahrzeugen. Auf Weisung von Degowski ("Scheuch die Affen weg") versucht Reporter Röbel mit hektischen Handzeichen, aufdringliche Photographen auf Abstand zu halten.
Silke Bischoff zittert am ganzen Körper. Seit sechs Stunden hält ihr Degowski nahezu ununterbrochen seinen schweren Revolver an den Hals. Jeden Augenblick muß das Mädchen mit einem tödlichen Schuß rechnen. Röbel glaubt, daß Silke die Tortur "noch maximal drei Stunden durchhält".
Der Reporter appelliert an Degowskis Mitgefühl. Er bittet den Geiselnehmer, der total erschöpft ist und mit gehetztem Blick auf sein Opfer starrt, den Lauf seiner Waffe von Silke "doch ein bißchen weiter herunterzunehmen". Degowski läßt sich nicht erweichen, kanzelt Röbel gereizt ab: "Halt die Schnauze."
Um den lästigen Fragesteller wieder loszuwerden, verläßt Rösner, nur 25 Kilometer hinter Köln, an der Raststätte Siegburg die Autobahn. Bevor er sich mit Handschlag von dem Journalisten verabschiedet und ihm "Alles Gute" wünscht, gibt er ihm noch eine Botschaft an die Fahnder mit auf den Weg: "Mach den Bullen klar, daß sie uns in Ruhe lassen sollen."
Aber daran denkt in der Einsatzleitung niemand. In Köln hat Mätzler den Befehl gegeben, die Geiselnahme "unter Schußwaffeneinsatz" zu beenden, "nach Möglichkeit an einer Stelle, wo Außenstehende nicht gefährdet werden können".
Um freies Schußfeld zu bekommen, nutzt die Polizei den Stopp an der Raststätte, um abzusperren. Mit quietschenden Reifen und eingeschalteter Warnblinkanlage bleiben drei Polizeiautos auf den Fahrbahnen und der Standspur stehen, machen die Autobahn dicht. Per Funk erhält das Sondereinsatzkommando den Befehl: "Zugriff versuchen!"
Aber der Aufenthalt ist zu kurz. Die Täter machen keine lange Pause, sie lassen lediglich den BMW auftanken. Mit der Waffe in der Hand begleitet Rösner die Geiseln zur Toilette. Um 13.18 Uhr, nach genau acht Minuten, lenkt Rösner das Fluchtfahrzeug wieder auf die Autobahn.
Jetzt, da die spektakulärste Geiselnahme der bundesdeutschen Kriminalgeschichte schon zweieinhalb Tage währt, läuft der Countdown zum gewaltsamen Finale. Endgültig hat der Kölner Einsatzleiter Armin Mätzler beschlossen, daß Rösner und Degowski die Autobahn nicht mehr verlassen dürfen, die Irrfahrt in jedem Fall auf der A 3 gestoppt werden muß.
Rückendeckung findet Mätzler im Düsseldorfer Innenministerium. Polizei-Inspekteur Heinz Stork, oberster Schutzpolizist des Landes, hat eindringlich nahegelegt, mit dem dreisten Gangsterstück "möglichst bald" Schluß zu machen. Minister Schnoor war schon beim Stopp in der Breiten Straße der Ansicht, "die Geiselnahme müßte eigentlich in Köln beendet werden - jetzt".
Doch die Zeit läuft Einsatzleiter Mätzler davon. In flotter Fahrt rollt der silbergraue BMW nach Süden, nach 20 Kilometern wird die nordrhein-westfälische Landesgrenze erreicht sein. Und damit droht Schnoors Polizei - zum drittenmal nach Bremen und Holland - die Befehlsgewalt zu verlieren, diesmal an das angrenzende Rheinland-Pfalz.
Zwar sind die Kölner berechtigt, die einmal begonnene Verfolgung auch in einem anderen Bundesland fortzusetzen. Wenn Rösner und Degowski allerdings wieder in eine Stadt fahren, etwa nach Koblenz oder nach Mainz, müssen die Nordrhein-Westfalen damit rechnen, daß die Einsatzleitung auf die rheinland-pfälzische Polizeiführung übergeht. Dann bliebe an Innenminister Schnoor der Makel haften, seine Polizei sei unfähig, mit den Gewaltverbrechern fertig zu werden.
Daß die nahende Landesgrenze entscheidend für das Kommando zum Schlußangriff war, dementiert Innenminister Schnoor nach wie vor. Auch Einsatzleiter Mätzler bestreitet, daß er den Befehl erhalten habe, vor der Grenze zuzuschlagen. Wenn ihm "solches angetragen worden wäre", empört sich Mätzler über den Verdacht, hätte er eine solche Order "wahrscheinlich zurückgewiesen".
Den Beteuerungen aus Düsseldorf und Köln steht jedoch die schriftliche Aussage eines leitenden rheinland-pfälzischen Polizeibeamten entgegen. In seinem "Verlaufsbericht" betreffend "Polizeieinsatz Geiselnahme" gibt der Chef der Polizeiautobahnstation Montabaur, Polizeihauptkommissar Werner Maxeiner, eine ganz andere Darstellung: "Vor Ort war zu erfahren, daß der Leiter der Zugriffsgruppe vom MdI** Nordrhein-Westfalen die Vorgabe hatte, die Geiselnahme in NRW noch zu beenden."
Die Information hat Maxeiner aus "einer ersten Unterhaltung am Geschehensort" mit Beamten aus Köln und Bonn, denen er nach dem blutigen Finale auf der Autobahn bei Bad Honnef kollegiale Unterstützung anbot. Auch im Kreuzverhör vor dem nordrhein-westfälischen Untersuchungsausschuß, wo SPD-Abgeordnete diese für Schnoor so belastende Aussage kritisch hinterfragen, bleibt der Beamte bei seiner Einschätzung, daß noch unbedingt in Nordrhein-Westfalen eingegriffen werden sollte.
Ein weiteres Indiz, daß die Landesgrenze womöglich die Demarkationslinie des Ehrgeizes war, liefert ein zweiter rheinlandpfälzischer Polizeibeamter, der Koblenzer Kriminaldirektor Heinz Schröder. Er berichtet, daß die zuständigen Behörden in Mainz und Koblenz kaum noch Lagemeldungen aus Nordrhein-Westfalen über den Fluchtverlauf bekommen hätten - ganz so, als ob es für die Kölner Einsatzleitung längst beschlossene Sache gewesen sei, Rösner und Degowski nicht bis Rheinland-Pfalz durchfahren zu lassen.
Schon kurz nach dem Start der Täter in Köln stellte Polizeiführer Schröder ein "Abreißen der Information" fest. Und von Rösners Abfahrt in Siegburg erfahren Schröders Polizisten nicht von den nordrhein-westfälischen Kollegen, sondern per Telephon von einem Tankwart der Autobahnraststätte.
Wenn der mit 200 Stundenkilometern dahinrasende BMW noch vor der Landesgrenze aufgehalten werden soll, bleibt den Fahndern nur eine besonders gefährliche Zugriffsvariante: die "Festnahme aus der Bewegung durch Rammen" (Polizeijargon), im Klartext: Attacke während der Fahrt.
Einen solchen Ramm-Angriff, von den SEK-Männern verniedlichend "Anlegen" genannt, führen die Sonderkommandos mit einer schweren Speziallimousine, die im Frontbereich gepanzert ist. Glücken kann die Aktion allerdings nur, wenn beim Crash exakt die Fahrertür des Fluchtautos getroffen wird. Damit soll der Wagen fahruntüchtig und der Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner am Steuer kampfunfähig gemacht werden.
Zudem soll der Aufprall auch die Komplicen Dieter Degowski und Marion Löblich derart schocken, daß die Elitepolizisten die Täter überrumpeln und die Geiseln befreien können.
Neben dem Rammfahrzeug erfordert das Angriffskonzept noch drei weitere Wagen. Um zu verhindern, daß sich die Beamten bei einem etwaigen Schußwechsel selbst in die Quere kommen, muß jeder Wagen eine bestimmte Position einhalten: Zwei Autos legen an der Fahrerseite an, das dritte Fahrzeug sichert die Heckpartie des Täterautos ab. Im Idealfall bilden alle vier Limousinen eine L-Formation.
Das Kölner Spezialkommando hat diese Variante schon durchgespielt, aber noch nie im Ernstfall erprobt. Entsprechend geschockt reagiert der Führer des Zugriffskommandos, SEK-Chef Alfred Schürmann, als er von Mätzlers Stabschef Rolf Behrendt den Angriffsbefehl erhält.
Eindringlich warnt Hauptkommissar Schürmann vor dem ungeheuren Risiko. Bei "unglücklichem Verlauf" der Aktion, befürchtet der Kommando-Führer, könnten die Geiseln "getötet werden". Doch Behrendt bleibt hart. Der Einsatz sei auch "unter diesen Umständen zu versuchen".
Schürmann muß noch einen weiteren Unsicherheitsfaktor mit einkalkulieren: Seine Männer haben schon einen harten Tag hinter sich, sind seit über 15 Stunden im Dienst. Der Volksauflauf in der Kölner Innenstadt, bei dem sie mehrfach vergebens versucht haben, Rösner und Degowski zu überwältigen, hat sie zusätzlich zermürbt.
Womöglich würde Schürmann seiner erschöpften Truppe den riskanten Ramm-Einsatz ersparen, wenn der SEK-Chef wüßte, daß an höchster Stelle erwogen wird, die Elitetruppe GSG 9 des Bundesgrenzschutzes einzusetzen. Um 13.15 Uhr regt das Düsseldorfer Innenministerium bei der Kölner Einsatzleitung eine "Überprüfung" an, ob SEK-Leute "gegen frische GSG-9-Kräfte ausgetauscht" werden sollen.
Bereits in der Nacht zum Donnerstag hatte Innenminister Schnoor das Angebot des Bundesinnenministeriums angenommen, seine Polizei durch die Anti-Terror-Truppe zu verstärken. Die Grenzschützer, anfangs nur als Reserve im Münsterland kaserniert, haben 19 Nahkämpfer geschickt. Sie fahren im 3-Minuten-Abstand hinter den Geiselnehmern her.
Außerdem sind weitere 24 GSG-9-Beamte in St. Augustin bei Bonn in erhöhter Alarmbereitschaft. Mit drei Bell-Hubschraubern können sie blitzschnell herangeflogen werden.
Doch SEK-Chef Schürmann erfährt gar nicht, daß die Spezialtruppe zur Ablösung bereitsteht. Sein direkter Vorgesetzter, der "Abschnittsleiter Verfolgung" Behrendt, verschweigt ihm schlicht die Einsatzbereitschaft der Grenzschützer.
Weshalb er die wichtige Information nicht weitergeleitet hat, kann Behrendt Tage später nicht überzeugend begründen, er erklärt sein Verhalten mit einem Formfehler der Grenzschützer: Die GSG 9 habe ihre Einsatzbereitschaft "noch nicht angemeldet". Es bleibt der Verdacht, daß Behrendt sein Wissen für sich behält, weil er verhindern will, daß die Elitetruppe des Bundes seinem Sonderkommando im letzten Moment noch zuvorkommt.
Unter den Eliteeinheiten von Bund und Ländern gibt es von jeher Eifersüchteleien und Konkurrenz. Wenn die beiden Spezialtruppen aufeinandertreffen, ob bei gemeinsamen Übungen oder bei internationalen Wettbewerben, geht es vorranging darum, sich gegenseitig auszustechen.
Bei einem internationalen Vergleichswettkampf der Anti-Terror-Einheiten in Österreich etwa schaffte das Kölner SEK gerade mal Mittelmaß. Unter 29 Mannschaften belegten die Männer nur Rang 16 - hinter Österreichern, Spaniern und Chinesen. Was den rheinischen Spezialisten jedoch wichtig war: Beim beidhändigen Schießen - liegend unter einem VW-Bus, von einer schwankenden Seilbrücke oder vom obersten Tritt einer 29stufigen Leiter - ballerten sich die SEK-Männer auf Platz 5. Die Konkurrenten von der GSG 9 dagegen landeten hinter ihnen auf Platz 7. "Mir war bei solchen Wettkämpfen die Placierung eigentlich egal", berichtet ein früheres SEK-Mitglied, "Hauptsache war nur, vor der GSG 9 zu liegen."
Das treffsichere Kölner SEK, das in Österreich so erfolgreich geschossen hat, fährt an jenem 18. August 1988 unter Führung von SEK-Chef Schürmann im Abstand von wenigen hundert Metern auf der abgesperrten Autobahn hinter Rösner und Degoswki her.
Die 15 SEK-Beamten, die in Opel-, Mercedes- und BMW-Limousinen sitzen, gelten nicht als Draufgänger. Es sind vielmehr hochtrainierte Männer, die in Rechtskunde und Psychologie genauso fit sein sollen wie in asiatischen Kampfsportarten. Ausbildungsziel der Beamten, die zwischen 26 und 39 Jahre alt sind, ist "hohe Streßstabilität" und "hohe körperliche Ausdauer".
Rösner und Degowski ahnen nicht, daß die Überrumpelungsspezialisten dichtauf folgen. Weil die Autobahn vor und hinter ihnen leer ist, fühlen sich die Geiselnehmer sicher. Bei Kilometer 30 hält Rösner auf dem Seitenstreifen an, legt lässig ("Mir ist heiß") seinen verschwitzten Blaumann ab. Auch Degowski steigt aus, stellt sich an die Büsche.
Doch als habe sie eine Vorahnung, mahnt Marion Löblich ihren Freund zur Weiterfahrt: "Komm rein, du stehst wie auf dem Präsentierteller." Rösner fährt wieder los, bringt den BMW auf Touren.
Ausgerechnet jetzt, fünf Minuten vor dem Finale, glauben die Täter, die Polizei habe tatsächlich vorübergehend die Verfolgung eingestellt. Marion Löblich macht kleine Witzchen, Rösner lacht, drückt ihr die Hand.
Selbst Degowski, der aus Angst vor den Fahndern stundenlang seinen Revolver an Silke Bischoffs Hals gehalten hat, wird lockerer. Schon "an der nächsten Ausfahrt", sichert er den beiden Mädchen zu, "seid ihr dann ja frei".
Das Versprechen kommt den Geiseln, nach 18 Stunden Gefangenschaft, wie eine Erlösung vor. "Da machte unser Herz richtig einen Sprung", schildert Ines Voitle die Reaktion, "juhu, endlich raus." Mit Dosenbier stoßen Täter und Opfer auf ein gutes Ende an.
Rösner wird durch einen weißen Geländewagen irritiert, der auf der leeren Autobahn hinter ihm auftaucht. Im Jeep sitzt der Siegburger Pressephotograph Holger Arndt, 37, der sich auf der Jagd nach den Bildern seines Lebens an allen Polizeisperren vorbeigemogelt hat.
Rösner drosselt das Tempo. Er fährt noch über eine Bergkuppe und läßt das Fahrzeug kurz vor Kilometerstein 38,0 ausrollen. Die Autobahn vor ihm ist leicht abschüssig, paßt sich in einer weiten Kurve der Landschaft an. Rechts neben der Fahrbahn ist eine mit Bäumen bewachsene Böschung, dahinter freies Feld.
Um den Jeep vorbeizulassen, hält Rösner auf dem Standstreifen an, schaltet den Motor aus. Mit einem Fernglas späht der Geiselnehmer zum Geländewagen, der in etwa 100 Metern Entfernung gleichfalls anhält. Es ist 13.38 Uhr.
Genau auf diesen Moment haben die Fahnder gewartet.
Auf das Kommando "Zugriff durchführen, Fahrzeug nicht mehr anfahren lassen" jagt SEK-Chef Schürmann mit den Wagen seines Rammtrupps über die Bergkuppe. In Angriffsformation rasen die schweren Limousinen mit rund 100 Stundenkilometern auf den silbergrauen BMW zu.
Ausgerechnet in diesem Augenblick jedoch fährt Rösner wieder los. Ohne in den Rückspiegel zu gucken, lenkt er den Wagen von der Standspur in Richtung Fahrbahn. "Auf einmal hörte ich Gebrüll, so eine Art Indianergeschrei. Dann knallte uns, wumm, ein Wagen von hinten in die Seite rein", schildert Ines Voitle die entscheidenden Sekunden der Attacke, "die kamen an wie die Bekloppten, das hörte sich für mich so an, als wären es andere Gangster."
Das Rammfahrzeug, ein taubenblauer, schwerer Daimler-Benz, knallt dem BMW an der linken Seite auf die Hinterachse. Krachend schiebt sich der Mercedes am Fluchtwagen entlang nach vorn, bleibt mit gebrochenem Radlager fünf Meter vom Täterfahrzeug entfernt liegen.
Die Aktion ist danebengegangen. In der Hektik haben Schürmanns SEK-Leute vergessen, eines ihrer wichtigsten Hilfsmittel einzupacken: Die Fernsteuerung für den Zündunterbrecher, mit dem der Motor des BMW per Knopfdruck blockiert werden kann.
Nur weil der Minisender in der Etappe liegengeblieben ist, konnte Rösner von der Standspur aus starten, wird der Flucht-BMW vom Rammfahrzeug nicht - wie geplant - an der Fahrertür, sondern nur an der Hintertür erwischt. Folge: Fahrer Rösner ist unverletzt, Degowski noch nicht einmal geschockt.
Noch während die anderen SEK-Fahrzeuge abbremsen, eröffnet Degowski prompt das Feuer. Vorbei an Silke Bischoff, die sich angstvoll hinter den Fahrersitz kauert, schießt er mit seinem Revolver durch die Scheibe des linken Seitenfensters - und durchkreuzt damit den nächsten Schritt des SEK-Kommandos.
Statt sofort aus ihren Limousinen zu springen, um die Geiseln aus den Fängen der Verbrecher befreien zu können, müssen die Polizisten erst selbst in Deckung gehen, trauen sich nicht sofort an den Wagen ran. Länger als eine Minute bleiben die Geiseln im Wagen den Tätern ausgeliefert.
Die hochgelobten Überrumpelungsspezialisten werden auch ihrem Ruf als Scharfschützen-Elite nicht gerecht. In der Aufregung feuern einige unkontrolliert drauflos. Glas splittert, Querschläger jaulen. Ein SEK-Mann aus dem Opel Senator feuert zweimal in den Türrahmen seines Einsatzwagens. Sein Kollege hinterm Steuer schießt sechsmal durch die eigene dicke Windschutzscheibe.
Aus der Deckung hinter dem Heck eines SEK-Mercedes knallt der Beamte eine ganze Breitseite auf das Fluchtfahrzeug. Zwei Projektile bleiben im linken Vorderreifen stecken, zwei schlagen in die hintere Tür ein. Eine Kugel zertrümmert erst die Rückleuchte, durchschlägt die Kofferraumklappe, bleibt schließlich in einem Bündel erpreßter Geldscheine stecken.
Und dann, als hätten sie nicht schon längst den Überblick verloren, nehmen sich die SEK-Angreifer auch teilweise selbst die Sicht. Um die Täter zu irritieren, werden zwei Blitzblendgranaten geworfen. Doch nach lautem Knall und grellem Licht brennen die Granaten ab wie Nebelkerzen. Fünf, sechs Sekunden lang verschwindet die Vorderseite des BMW hinter einer meterhohen Rauchwolke.
Im Fluchtauto hat Degowski die Trommel seines Revolvers leergeschossen. Der Geiselnehmer ist zusammengesackt, hängt, wie tot, mit einem Kreislaufkollaps zwischen Silke und Ines auf der Rückbank.
Rösner versucht verzweifelt, noch einmal das Fluchtauto zu starten. Mit Händen und Füßen probiert er, das Gaspedal herunterzudrücken. Der Motor heult auf, aber der Wagen bewegt sich keinen Meter mehr.
"Bullen, Scheißbullen", brüllt Rösner. Und der SEK-Mann Christian Uhlig will sogar die Drohung hören: "Ich bring sie um." Doch in Richtung Polizei gibt Rösner keinen einzigen Schuß ab.
Ines Voitle schreit plötzlich auf. Sie fühlt "einen Schmerz im Rücken". Der Splitter einer Polizeikugel, die durch die Heckscheibe gefeuert wurde, hat sie verletzt.
Marion Löblich rutscht vom Beifahrersitz, sucht auf dem Fußboden Deckung vor den Polizeikugeln. Ines Voitle glaubt zu hören, wie sie Rösner ein folgenschweres Kommando gibt. "Sie hat gesagt, er sollte Silke mit dem Kopf nach vorne ziehen und ihr die Pistole an den Kopf halten" - Rösner tut, was sie sagt.
Verzweifelt fleht Silke Bischoff um ihr Leben. Sie schreit immer wieder "Nein, nein, nicht, nein, bitte nicht!" Ihrer Freundin Ines ruft sie zu: "Spring raus, geh raus, geh raus!"
Ines Voitle versucht zu fliehen, "aber da kam die Löblich hoch und meinte, ich soll sitzenbleiben". Doch als Silke ihr immer lauter zuruft, sie solle weglaufen, "da konnte ich es nicht mehr aushalten und bin einfach rausgesprungen".
SEK-Mann Christian Plumhoff, der sich auf der rechten Seite an den BMW heranrobbt, sieht eine "weibliche, blonde, hellbekleidete Person" aus dem Auto stürzen und direkt "auf mich zustolpern". Plumhoff: "Diese fiel kurz vor mir bäuchlings in den Graben."
Plumhoffs Kollegen schießen immer noch. Rösner streckt sich quer über beide Vordersitze, legt seinen Kopf auf Marion Löblichs Knie. Der Polizeibeamte Helmut Moersch, der sich bei dem Angriff "auf den vorderen Bereich des Täterfahrzeugs speziell konzentriert", sieht während des Schußwechsels, wie Rösner "mit der rechten Hand, mit einer Pistole bewaffnet, nach hinten zwischen die beiden Vordersitze hindurch zielt". Auch ein Kollege beobachtet, wie die Mündung von Rösners Pistole "nach hinten in das Fahrzeug zeigt".
Der Fluchtwagen wird regelrecht zerschossen. Elf Schüsse gehen in die linke Vordertür, sieben in die linke Hintertür. Fünf Kugeln treffen die Karosserie hinten links, je drei landen im Heck und im Kofferraumdeckel, zwei im linken Vorderreifen.
Treffer finden sich auch im Dach, in einer Kopfstütze und im rechten Außenspiegel. Alles in allem prallen 37 Kugeln in den Wagen, Treffer durchs Glas nicht mitgerechnet.
Die meisten Projektile bleiben jedoch in der Karosserie stecken. Die Wucht der Geschosse wird nicht allein durch das knapp einen Millimeter dicke Blech abgebremst, sondern vor allem durch die technischen Einbauten, die für schwere Limousinen Standard sind: durch die Elektromotoren der Fensterheber oder die Verstrebungen der Zentralverriegelung.
Insgesamt werden in den drei Minuten des Polizeiangriffs 62 Schüsse auf die Geiselnehmer abgegeben - nur einer trifft.
Rösner spürt einen Druck in der Leistengegend, "als wenn ein Vogel flatternd durch meinen Körper fliegt". Eine Kugel aus der Sig-Sauer-Dienstpistole eines SEK-Beamten hat die linke hintere Tür durchschlagen und Rösner in den linken Oberschenkel getroffen. Von dort bohrt sich das Projektil bis zur unteren rechten Beckenseite.
Polizist Uhlig sieht, wie Rösner getroffen wird, "sich plötzlich streckt". Auf der Rückbank kommt Degowski, der mit dem Kopf auf Silke Bischoffs Knie gerutscht ist, wieder zu Bewußtsein. Er will "Blutgeschmack im Mund" gespürt und "bei der Silke Zuckungen" wahrgenommen haben.
Die SEK-Männer stellen das Feuer ein, rufen: "Polizei - Waffen raus - Geiseln raus." Rösner wirft seinen Colt Government aus dem geöffneten Fenster der Fahrertür. "Ich hatte plötzlich ein Gefühl, daß ich jetzt nur noch auf den Tod wartete", beschreibt der Geiselnehmer den Moment seiner Kapitulation. "Die innerliche Anspannung und der Haß auf die Polizei waren plötzlich total weg."
Seiner Freundin und Komplicin Löblich rät Rösner zur Aufgabe. "Marion heb die Hände, es hat keinen Zweck mehr." Sekunden später sieht der SEK-Mann Christian Uhlig, wie "eine zweite Waffe, ein Revolver" aus dem Wagen fliegt - wer geworfen hat, kann Uhlig nicht erkennen.
Erst jetzt, da die Täter aufgegeben haben, stürzen SEK-Männer zum Fluchtwagen. "Die Türen wurden aufgerissen, es war eine furchtbare Schreierei", erinnert sich Marion Löblich.
Jeweils zwei, drei Mann packen Rösner und Degowski, zerren beide aus dem Auto und werfen sie bäuchlings auf die Fahrbahn, drücken ihnen das Gesicht auf den Asphalt. Handschellen klicken.
Als der SEK-Beamte Moersch die hintere linke Tür des BMW 735i öffnet, gleitet ihm Silke Bischoff entgegen. Ihre Augen sind geschlossen, sie blutet. Ein 9-Millimeter-Geschoß aus Rösners Pistole hat das blonde Mädchen getroffen, während sie schutzsuchend ihre Arme vor der Brust kreuzte.
Die Kugel hat die Armbanduhr zerfetzt, das linke Handgelenk durchschlagen, ist in den Brustkorb eingedrungen, hat Herz und Lunge getroffen und ist erst im Rücken, wenige Millimeter unter der Haut, steckengeblieben.
Rösner bestreitet bis heute, bewußt "einen gezielten Schuß nach hinten" auf Silke Bischoff abgegeben zu haben. Der Geiselnehmer behauptet, er wisse ganz genau, daß er schon allein für die Geiselnahme und seine Beteiligung am Tode des Italieners Emanuele de Giorgi eine lebenslange Haftstrafe zu erwarten habe, ein Geständnis folglich seine Lage nicht mehr verschlechtern könne. "Wenn ich mich erinnern würde, daß ich diesen Schuß abgegeben habe", erklärt Rösner in seiner polizeilichen Vernehmung, "würde ich es auch jetzt zugeben."
Womöglich ist der Schuß auf Silke Bischoff gefallen, als der Täter von der Polizeikugel getroffen wurde. Der Münchner Rechtsanwalt Rolf Bossi, der Dieter Degowski verteidigt, ist überzeugt, daß Rösner "nicht willentlich oder gar mit Tötungsvorsatz auf die Geisel Silke Bischoff geschossen hat". Der Anwalt vermutet, daß sich der tödliche Schuß "ungewollt" aus der Waffe löste, als sich Rösner nach dem Polizeitreffer "in der Schmerzreaktion aufbäumte".
Die schwerverletzte Silke wird vorsichtig neben den silbergrauen BMW gelegt. Zwei als Sanitäter ausgebildete SEK-Männer versuchen um 13.43 Uhr, mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben des Mädchens zu retten.
Erst um 13.55 Uhr, zwölf Minuten nach dem Zugriff, trifft ein Notarzt ein. Er muß aus dem acht Kilometer entfernten Städtchen Königswinter herbeigerufen werden. Und noch einmal zwei Minuten länger braucht der Rettungshubschrauber "Christoph 3", der den Kölner Unfallchirurgen Alex Lechleuthner einfliegt. Aus Siegen schwebt neun Minuten später auch noch "Christoph 25" mit weiteren Ärzten ein.
Unter Leitung von Chirurg Lechleuthner sichten die Ärzte die Verletzten. Allen Verwundeten malt Lechleuthner als Orientierungshilfe mit blauem Filzstift eine Nummer auf die Stirn. Die am Rücken leicht verletzte Ines Voitle bekommt die Nummer 1; Silke Bischoff, "ohne Bewußtsein, reanimationspflichtig", erhält die Nummer 2; Dieter Degowski, mit Handschellen gefesselt, kriegt die Nummer 3; Hans-Jürgen Rösner mit seiner Oberschenkelwunde bekommt die Nummer 4, Marion Löblich mit ihrer alten Schußverletzung die Nummer 5.
Kurz darauf, "nachdem alles Menschenmögliche versucht worden war" (Lechleuthner), treten die Mediziner zum Consilium auf der Asphaltpiste zusammen. In nüchterner Medizinersprache hält Lechleuthner im Protokoll fest, daß "die Reanimationsbemühungen bei der Patientin Nummer 2 eingestellt" wurden. Begründung: "Sie wies mit dem Leben nicht vereinbare Körperzerstörungen auf."
Dreißig Minuten nach dem Polizeieinsatz auf der Autobahn erhält Innenminister Schnoor in seinem Düsseldorfer Amtszimmer die Meldung über den Ausgang des Geiseldramas: Zugriff bei Kilometer 38 erfolgt. Täter festgenommen, eine Geisel verletzt, eine Geisel tot.
Ende
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 31/1989
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