DER SPIEGEL



Kriminalität

Deal mit Cadillac

Die Firma Imhausen, wegen Giftgasgeschäften mit Libyen in Verruf, hat große Mengen einer Chemo-Droge illegal in den Handel gebracht.

Als die Rauschgiftfahnder vor dem kleinen Blumenladen nahe der Amsterdamer "Oude Kerk" auftauchten, war bereits geschlossen. Dreimal klingelten die Beamten, ahnungslos öffnete der Besitzer die Tür.

Vorbei an tropischem Krüppelgewächs und gelben Freesien stürmte der Trupp der Amsterdamer Gemeindepolizei im Beisein eines Beamten vom Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) in den Keller, den der Hauseigner vor Monaten an Interessenten vermietet hatte. In dem Lagerraum wurden die Beamten fündig: In graubraunen Kartons steckten weiße Plastikflaschen, verschlossen mit Aluminiumfolie und schwarzen Deckeln.

Luftdicht verpackt fanden sich in den Behältern 900 000 weiße Tabletten, fertig zum Verkauf: Trips mit dem synthetisch hergestellten Drogenstoff Methylendioxymethamphetamin (MDMA), in der Rauschgiftszene unter dem Namen "Ecstasy" und "XTC", "Cadillac" und "Adam" bekannt; Schwarzmarktwert: rund 30 Millionen Mark.

Den Fahndern war der in Europa bisher größte Schlag gegen den Handel mit synthetischem Rauschgift, sogenannten Designerdrogen, gelungen. Sie fanden ihre Befürchtungen bestätigt: Bisher kamen die Chemo-Trips nur aus kleinen Labor-Klitschen und Hinterhof-Destillen; nun aber zeigte sich, daß hochspezialisierte Unternehmen in das international wachsende Geschäft wissentlich oder unwissentlich verwickelt sind.

Den Amsterdamer Stoff hatten sich zwei Amerikaner bestellt, die nach Ansicht der Ermittler als Strohmänner von Großhändlern fungierten. Die Produktion hatte ein deutsches Unternehmen aus der Pharma-Branche besorgt: die Imhausen Chemie GmbH im badischen Lahr, wegen mutmaßlicher Beteiligung an Planung und Bau einer Giftgasfabrik im libyschen Rabita seit acht Monaten international in Verruf (SPIEGEL 3/1989). Eine kleine Firma im oberbayerischen Traunreut preßte die Substanz in Tablettenform.

Seit Aufdeckung der Drogenaffäre im Februar sitzt der US-Bürger Morris Key in Texas mit Unterbrechung in Haft; der amerikanische Rechtsanwalt C. F. Sandy Pufahl wurde in Lahr verhaftet. Auch ein Prokurist der Firma Imhausen wurde festgesetzt, auf Beschluß des Oberlandesgerichts Karlsruhe aber nach drei Monaten wieder freigelassen. Der Chefchemiker des Betriebs blieb auf freiem Fuß. Geschäftsführer Hans-Joachim Renner versuchte sich das Leben zu nehmen - er schluckte hochgiftigen Orchideen-Dünger. Seither ist er krank und noch nicht vernehmungsfähig.

Nur der damalige Imhausen-Boß Jürgen ("Hippi") Hippenstiel, 48, der seit vier Monaten wegen des Rabita-Geschäfts in Untersuchungshaft sitzt, scheint diesmal aus dem Schneider. Hippenstiel, als er erfuhr, daß sich sein Unternehmen auch in der Drogenproduktion betätigt hat: "Eine furchtbare Angelegenheit".

Der Stoff, den sein Unternehmen geliefert hat, ist seit dem 1. August 1986 in Deutschland ein "nicht verkehrsfähiges" Betäubungsmittel und Rauschgiften wie Heroin oder Kokain gleichgestellt. Wer es unerlaubt produziert oder damit Handel treibt, riskiert Freiheitsstrafe bis zu vier, in schweren Fällen bis zu 15 Jahren.

Das zentnerweise in Amsterdam gebunkerte MDMA ist eine deutsche Erfindung. Schon 1914 meldete das Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck den Stoff als "synthetische Variante des Öls der Sassafras-Staude" zum Patent an, es sollte in der Medizin unter anderem als Appetitzügler eingesetzt werden. In die Produktion aber ging das Medikament nicht.

Erst ein halbes Jahrhundert später entdeckten amerikanische Psychiater die Wirkung der Substanz: Sie öffne die "Seele des Patienten", so die Mediziner, und verhelfe ihm während des Rausches zu "gesteigerter Selbsterkenntnis". Auch die Drogendealer mischten bald mit: Sie nahmen MDMA, das die halluzinogenen Eigenschaften des LSD mit den stimulierenden Wirkungen des Kokains verbindet, in ihr Angebot auf.

In der Bundesrepublik tauchte die Droge in geringen Mengen 1983 auf. Seit vier Jahren gilt sie, zusammen mit anderen synthetischen Substanzen, als populäres Rauschmittel neben Kokain und Heroin.

Bisher lief das Geschäft vor allem über viele Kleinproduzenten. Der Texaner Morris Key aus Dallas und sein Freund Pufahl suchten in der Bundesrepublik, dem Land der Pharmazie und Chemie, den großen Deal. Ihr Auftrag nach Erkenntnissen der Ermittler: Sie sollten eine Firma finden, die in großem Stil die pharmazeutische Spezialität Piperonylmethylketon (PMK) produzieren kann.

Dieser Stoff ist wegen seines Aromas früher in der Parfüm-Herstellung, nie aber in der Medizin verwendet worden. Er taugt heute nur noch zu einem Zweck, was der promovierte Chemiker Key gewußt haben muß: PMK ist ein Grundstoff, aus dem verschiedene synthetische Drogen, unter anderem MDMA, hergestellt werden können.

Daß sich die Amerikaner in der Bundesrepublik umtaten, hat nicht nur mit dem weltweit guten Ruf der Chemie- und Pillenbranche zu tun. In kaum einem anderen Land dürfen die Grundstoffe für Rauschgifte ohne gesetzliche Beschränkung hergestellt werden: Die Bundesregierung hat sich bisher, mit Rücksicht auf die starke Pharma-Lobby, nicht dazu durchgerungen, die Basissubstanzen in die Drogenliste des Betäubungsmittelgesetzes aufzunehmen.

Wer beispielsweise LSD produzieren will, braucht den Stoff Ergotamintartrat, der auch gegen Migräne hilft. Zur Gewinnung von Kokain ist Äthyläther notwendig. Phenylaceton dient legal zur Herstellung von Arzneimitteln, illegal zum Kochen der synthetischen Droge Amphetamin ("Speed"). Essigsäureanhydrid, das bei der Herstellung von Zigarettenfiltern, Sulfonamiden oder Folien gebraucht wird, verwandelt Mohn in das Rauschgift Heroin.

Wenn solches Zeug irgendwo auf der Welt konfisziert wird, führen die Spuren meist nach Deutschland. Bereits 1982 hielt der Internationale Ausschuß für Suchtgiftkontrolle, eine Uno-Behörde, fest, "90 Prozent aller beschlagnahmten Essigsäureanhydrid-Mengen" kämen aus der Bundesrepublik. Mehrfach schon blitzte das BKA mit dem Vorschlag ab, den Handel mit solchen Chemikalien zu kontrollieren.

Chemiker Key will, unterstützt von Jurist Pufahl, deshalb auch ganz offen vorgegangen sein. Bei der deutschen Chemiker-Gesellschaft in Frankfurt habe er, so seine Aussage, nachgefragt, welche bundesdeutschen Firmen den Drogengrundstoff PMK produzieren. Dabei sei der Name Imhausen gefallen.

Die Produktion des Drogengrundstoffes PMK lief bei Imhausen schon 1986 an. Nicht der US-Markt wurde beliefert, sondern das Unternehmen Unipharm, das seinen Sitz nahe Guatemala-Stadt in Mittelamerika hat. Key und Pufahl wiesen dem badischen Unternehmen guatemaltekische Dokumente vor, wonach aus dem PMK lediglich ein Appetitzügler namens Novatrin hergestellt werden sollte. Das Medikament, das nach Angaben von Medizinern "zur Entkrampfung des Verdauungstraktes", aber auch in der Augenheilkunde eingesetzt wird, ist in den USA und in Frankreich auf dem Markt, nicht aber in der Bundesrepublik.

Die Lahrer Chemiker wollen diesen Angaben vertraut haben. In Wahrheit aber, das wissen die Experten, taugt PMK gar nicht zur Herstellung des Mittels. "Eins ist sicher", sagt der Tübinger Pharmazie-Professor Karl-Artur Kovar, "aus PMK kann niemals Novatrin hergestellt werden."

Imhausen lieferte trotzdem. Im Spätsommer letzten Jahres begannen die beiden Amerikaner sogar, das Geschäft auszubauen: Nun orderten sie statt der Vorläufersubstanz PMK gleich die fertige Droge MDMA - exakt 169,9 Kilogramm in Pulverform.

Daß damit in großem Stil ein synthetisches Rauschmittel produziert wurde, will keiner der Lahrer Pharma-Experten gewußt haben. Es sei ihnen voriges Jahr, redet sich das Unternehmen heraus, gar nicht bekannt gewesen, daß "MDMA neuerdings in die Betäubungsmittelliste aufgenommen worden war".

Doch die Ausrede trägt nicht weit. Die unerlaubte Produktion von MDMA war nicht erst neuerdings, sondern schon zwei Jahre zuvor unter Strafe gestellt worden. Verdacht ist bei Imhausen angeblich auch dann nicht aufgekommen, als Pufahl im September 1988 das Pulver eigenhändig in Empfang nahm und in seinem Mercedes verstaute. Der Anwalt chauffierte den Stoff persönlich zum Pillen-Presser nach Traunreut.

Obschon die Behälter bei Imhausen etikettiert worden waren, kamen sie dort blanko an. Als der zuständige Apotheker den Stoff mit Hilfe der üblichen Analyse des Schmelzpunkts identifizieren wollte, wurde er stutzig: Der Wert lag bei einer ganz anderen Temperatur als auf einem mitgelieferten Zertifikat angegeben.

Nach Rückfrage bei Imhausen wurde ein weiteres Testat nachgereicht, außerdem Spezialliteratur. Die Traunreuter seien deshalb "in vollem Umfang über die chemische Zusammensetzung des Stoffs unterrichtet" gewesen, sagt der Freiburger Rechtsanwalt Ferdinand Gillmeister, der den beschuldigten Imhausen-Prokuristen vertritt.

Auch der Traunreuter Experte will nicht erkannt haben, daß die Lahrer Substanz reines MDMA war: Er preßte sie zu 1,3 Millionen Tabletten. Knapp 400 000 "Ecstasy"-Trips sind bereits auf dem Schwarzmarkt gelandet; der Hinweis auf den großen Rest im Amsterdamer Versteck kam von Pufahl selbst, der sich entlasten wollte.

Nun ist das BKA den Hintermännern der Drogenaffäre auf der Spur, zwei Beamte der Abteilung Rauschgift waren in den USA unterwegs. Der ermittelnde Offenburger Staatsanwalt Gerhard Vallendor: "Namen kennen wir bereits." f


DER SPIEGEL 36/1989
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