04.12.1989

Wir können jeden erledigen

Alfred Herrhausen, Westdeutschlands mächtigster Manager, galt als "der am besten geschützte Mann" des Landes. Daß der Großbankier dennoch einem RAF-Attentat zum Opfer fallen konnte, beweist nach Ansicht von Experten, daß die Täter "erstklassige Professionals" sind und das polizeiliche Vorbeugekonzept "total versagt" hat.

So ein Bombenattentat hatte es in Westdeutschland noch nie gegeben. Das schwere Fahrzeug rollte auf eine elektronische Falle zu, der am Straßenrand deponierte Sprengsatz explodierte, der prominente Insasse war sofort tot. In der Nähe des Tatorts fanden Fahnder ein Bekennerschreiben der Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF).

Der Anschlag geschah am 9. Juli 1986 um 7.28 Uhr, Opfer waren der Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und sein Chauffeur. Knapp dreieinhalb Jahre später, am 30. November 1989 um 8.34 Uhr, schnappte die tödliche Sprengstoff-Falle ein zweites Mal zu.

Zu diesem Zeitpunkt glitt der gepanzerte Mercedes 500 von Alfred Herrhausen, 59, mit Tempo 50 durch den engen, von Kastanien gesäumten Seedammweg im Kurviertel von Bad Homburg. Der Chef der Deutschen Bank, der nur ein paar hundert Meter entfernt wohnte, wollte zu seinem Arbeitsplatz im 30. Stock der Frankfurter Unternehmenszentrale.

Die Dienstfahrt endete vor dem Freizeitbad "Taunus-Therme". Im selben Moment, als der Mercedes an einem abgestellten Fahrrad der Marke "Globus 2000" vorbeifuhr, detonierte Sprengstoff. Die Explosion war im 500 Meter entfernten Kaiserin-Friedrich-Gymnasium noch gut zu hören, wo der Herrhausen-Tochter Anna, 12, gerade eine Lektion in Sozialkunde erteilt wurde.

Der 2,8 Tonnen schwere gepanzerte Wagen wurde herumgewirbelt und zerschmettert. Herrhausens Bewacher, vier Spezialisten vom bankeigenen Sicherheitsdienst, die mit einem Auto vorneweg und einem zweiten Wagen hinterhergefahren waren, stürzten mit gezückten Waffen und Feuerlöschern zum Fahrzeugwrack.

Blutüberströmt wankte Herrhausen-Fahrer Jakob Nix, 62, aus dem zerstörten Mercedes, auf der mit Rauhreif bedeckten Straße brach er zusammen. Für den Bankier, der auf dem rechten Rücksitz gesessen hatte, kam jede Hilfe zu spät - er lag tot in den Trümmern, in die der Feuerball das Fahrzeug verwandelt hatte.

Der Dienstwagen war durch eine Lichtschranke gerollt, die links und rechts am Fahrbahnrand, in Straßenbegrenzungspfählen, installiert und unmittelbar zuvor aus einem 100 Meter entfernten Gebüsch per Drahtverbindung aktiviert worden war. Durch die Unterbrechung des Lichtkontakts wurde eine auf dem Fahrrad angebrachte 50-Kilo-Bombe gezündet. Unter dem blauen Schaltkasten der Mordmaschine fanden Fahnder ein weißes DIN-A5-Blatt mit dem Emblem der RAF, dem fünfzackigen Stern mit Kalaschnikow.

Zugeschlagen hatte, nach gut einjähriger Ruhe, "mit Sicherheit" (Bundesanwaltschaft) jene Terrororganisation, die seit 1974, gemeinsam mit den westdeutschen "Revolutionären Zellen" und der französischen "Action directe" (AD), mindestens 20 Attentate auf Wirtschaftsführer und Politiker, Beamte und Diplomaten, Richter und Militärs verübt hat, 13 davon mit tödlichem Ausgang (siehe Schaubild Seiten 16/17).

Das bislang letzte Opfer war ein Mann, der, nicht nur in der Weltsicht der Terroristen, noch mehr Einfluß (Herrhausen: "Andere Leute nennen es Macht") verkörperte als sämtliche RAF-Zielpersonen zuvor. Als Chef der größten privaten Geschäftsbank Deutschlands kontrollierte er all die Wirtschaftsgiganten, an denen sein Konzern beteiligt ist - von der Allianz Holding (10 Prozent) bis zur Daimler-Benz AG (28 Prozent Beteiligung).

Seit Jahren hatten Westdeutschlands Staatsschützer den Bankchef zur kleinen Gruppe der Hochgefährdeten gezählt. Seit Herrhausen den Zusammenschluß von Daimler-Benz und MBB zum größten Rüstungskomplex der Republik forcierte, war er vollends zur Schlüsselfigur des "Militärisch-Industriellen Komplexes" geworden, dem RAF und AD schon Anfang 1985 gemeinsam den Krieg erklärt hatten.

Ein Attentat auf den Kapitalismus - das sollte der Mord wohl aus der Perspektive der Täter sein; ein Anschlag auf jenes verhaßte System, das Unterdrückung, Ausbeutung und Kriege über die Menschheit bringt.

Daß Männer vom Kaliber Herrhausens, eines langjährigen Vertrauten des jetzigen wie des vorigen Kanzlers, mächtiger seien als jeder Regierungschef - in dieser Einschätzung müssen sich die RAF-Ideologen bestärkt gefühlt haben, als Politiker aller Parteien des Mordopfers in Superlativen gedachten.

Als "markantester und profiliertester Sprecher nicht nur der Wirtschaft, sondern der Bundesrepublik" sei der Bankier weltweit geschätzt worden, würdigte Innenminister Wolfgang Schäuble den Verstorbenen. Helmut Kohl betrauerte einen "treuen Weggenossen und guten Kameraden und Freund". Kohls sozialdemokratischer Vorgänger Helmut Schmidt kommentierte, "völlig verquere mörderische Quatschköpfe" hätten einen "hervorragenden Kerl" umgebracht, der stets "auch politischen Weitblick" bewiesen habe. Der Schock über die Bluttat nahm gesamtdeutsche Dimensionen an. Einfache DDR-Bürger, die sich nach der Pleite des SED-Sozialismus mehr denn je den Lebensstandard der Bonner Bananen-Republik herbeiwünschen, hatten in dem Ermordeten einen "Hoffnungsträger" gesehen, wie CDU-Generalsekretär Volker Rühe von drüben erfuhr.

Für Ost-Berliner Intellektuelle hingegen war Herrhausen, dessen Name in Bonner Regierungsrunden in letzter Zeit laut Deutscher Presseagentur (dpa) "stets zuerst" gefallen war, wenn es "um die hochfliegenden Pläne der deutschen Wirtschaft in Osteuropa ging", zur Negativfigur geworden: Herrhausen stand, aus dieser Perspektive betrachtet, für die Absicht des westdeutschen Kapitals, die DDR als eine Art Konsumkolonie zu vereinnahmen.

Entsetzen löste bei Bonner Spitzenpolitikern und bei Topmanagern, die selber zu Dutzenden auf den Listen potentieller RAF-Opfer stehen, nicht nur die Hinterhältigkeit des Bad Homburger High-Tech-Anschlages aus. Hinzu kam, wieder einmal, die furchteinflößende Einsicht, daß es, wie Innenminister Wolfgang Schäuble einräumte, "einen hundertprozentigen Schutz nicht gibt" (siehe SPIEGEL-Interview Seite 20).

Dabei hatte es, bis unmittelbar vor dem Attentat, für viele Westdeutsche den Anschein gehabt, als seien zumindest notorische RAF-Zielpersonen wie Herrhausen eher als noch vor etlichen Jahren gegen terroristische Mordanschläge gefeit. Immerhin

* galt der Chef der Deutschen Bank als "der am besten geschützte Mann der Bundesrepublik" (so der Abteilungspräsident im Bundeskriminalamt, Wolfgang Steinke); er war nahezu rund um die Uhr von gut geschulten und bewaffneten Body-guards bewacht,

* hat die Bundesrepublik seit Anfang der siebziger Jahre Dutzende von Sicherheitsbestimmungen erlassen oder verschärft und kürzlich erst eine spezielle Kronzeugenregelung für Terroraussteiger eingeführt,

*haben Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern mit Multi-Millionen-Aufwand eine der weltweit größten elektronischen Datensammlungen über Terroristen und deren Unterstützer-Szene aufgebaut,

*hat die Polizei viele Jahre Zeit gehabt, V-Männer zu schulen und ausgefeilte Konzepte für den Personenschutz wie auch für die Sofort-Fahndung nach Attentaten zu entwickeln.

Daß Terroristen trotz alledem einen Anschlag ausgerechnet auf Herrhausen wagten, mußten Polizeistrategen als Provokation empfinden. "Es sieht so aus", urteilte Ermittler Steinke in der Nacht nach der Tat, "als wollten die uns beweisen: Wir können, wenn wir wollen, uns ausnahmslos jeden herausgreifen und erledigen."

Der Beweis gelang, obwohl die Tat nicht unerwartet kam: Noch letzten Monat hatten Bonner Spitzen-Staatsschützer die Behörden auf eine "mögliche Gefährdung" hingewiesen. Anlaß zu der Warnung war ein Hinweis gewesen, der besagte, daß neue Bluttaten nicht auszuschließen seien.

Diese Schlußfolgerung hatten RAF-Experten beim Bundeskriminalamt (BKA) wie beim Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz aus einem vier Wochen alten Brief gezogen. Absender war der Wortführer der über 30 RAF-Gefangenen, Helmut Pohl, 40, der im hessischen Schwalmstadt einsitzt.

Die Knast-Post, ein schwer lesbarer Text in Kleinschreibung und typisch verquastem Terroristen-Deutsch, ist eine Analyse der Situation, in der sich die RAF-Anhänger drinnen und draußen nach dem Abbruch des Hungerstreiks im Mai dieses Jahres befinden. Pohls Fazit: "Wir sind mit unserem Projekt", der Forderung nach Zusammenlegung, "nicht weitergekommen." Schlußfolgerung: "Wir müssen uns auf eine neue Phase des Kampfes orientieren."

Nach "den Erfahrungen" mit diesem Staat bleibe nur eins: "den Mechanismus, nach dem das ganze funktioniert", zu treffen.

Ein vorgezogener Bekennerbrief? Der hannoversche Verfassungsschutzchef Joachim Bautsch sah in dem Brief geradezu eine "Handlungsanweisung" nach draußen - "Motto: Nun könnt Ihr."

Für diese Deutung spricht, daß es schon einmal der ehemalige Germanistikstudent Helmut Pohl gewesen war, der mit einer neuen Strategie und neuen Parolen die zur Resignation neigenden Betonköpfe zur neuen Sammlung gerufen hatte. Das war 1984, als viele über das Ende der Terrortruppe spekulierten.

Seit 1982, als die Köpfe der "zweiten Generation" der ehemaligen Baader-Meinhof-Truppe, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt, verhaftet wurden, war es still geworden um die RAF. "Irgendwie", glaubte der damalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Heribert Hellenbroich, "sind die Zeiten der RAF vorbei."

Daß in Wahrheit die Ära der dritten RAF-Generation angebrochen war, wurde den Ermittlern klar, als sie am 2. Juli 1984 die Tür zu einer Wohnung im Frankfurter Stadtteil Bornheim aufbrachen. Da stießen sie auf die Handschrift von Helmut Pohl.

Der Mann hatte in einem "Aktionspapier" nach Ansicht der Bundesanwaltschaft die "planerische Umsetzung" einer ganz neuen Terrorstrategie skizziert: Aufbau einer "antiimperialistischen Front", multinational geführte "Offensiven" gegen die "Dreh- und Angelpunkte des imperialistischen Zentrums".

Wie weit gespannt die Pläne der dritten Terrorgeneration waren, wurde im Januar 1985 deutlich. Da verkündeten, in großspurigen Texten, die an Pariser Nachrichtenagenturen verteilt wurden, deutsche und französische Terroristen den Zusammenschluß zu einer "Kommunistischen Guerilla in Westeuropa", einer Art Terror-EG.

Was sich die Gewalttäter unter der angekündigten "Einheit der Revolution" so vorstellten, schien beängstigend gut zu klappen. Schon wenige Tage nach der Pariser Deklaration folgten Taten.

Am 25. Januar 1985 erschossen Terroristen den General Rene Audran vor seinem Haus in La Celle-Saint-Cloude bei Paris. Der Bekennerbrief an die Pariser dpa-Vertretung war im Zeichen der neuen Zusammenarbeit der RAF mit der Terrororganisation AD in französisch und deutsch verfaßt.

Dann ging es Schlag auf Schlag, im Wechsel in Deutschland und in Frankreich:

* Am 1. Februar 1985 wurde der Vorstandsvorsitzende der "Motoren- und Turbinen-Union", Ernst Zimmermann, in seinem Haus in Gauting bei München von einem RAF-Kommando erschossen.

* Am 8. August 1985 tötete ein gemeinsames Kommando von RAF und AD bei einem Sprengstoffanschlag auf die U.S. Air Base am Frankfurter Flughafen zwei Amerikaner.

* Am 9. Juli 1986 brachte eine Bombe den Siemens-Manager Beckurts um; wenige Stunden später platzte eine Bombe in der Zentrale der Pariser Polizei.

* Am 10. Oktober 1986 erschoß ein RAF-Kommando den AA-Diplomaten Gerold von Braunmühl in der Nähe seines Hauses in Bonn.

* Am 17. November 1986 wurde in Paris der Chef des Autokonzerns Renault, Georges Besse, auf offener Straße exekutiert.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit endete erst mit der Verhaftung der führenden AD-Leute im Januar 1987. Doch weiterhin funktioniert nach Ansicht der Ermittler der Kontakt mit den in Belgien operierenden "Cellules Communistes Combattantes" (CCC), den portugiesischen "Forcas populares 25 de abril" und der griechischen "Revolutionären Gruppe Internationale Solidarität Christos Kasimis"; Staatsschützer halten überdies Verbindungen zur spanischen "Grapo" für möglich.

Beleg dafür könnte ein fehlgeschlagener Anschlag auf den US-Stützpunkt Rota nahe der spanischen Stadt Cadiz sein. Dort versuchte im letzten Jahr ein dreiköpfiger Terrortrupp, vor dem Kasernengelände ein sprengstoffpräpariertes Motorrad abzustellen. Als die Bombe zu früh explodierte, wurde die Polizei alarmiert - die Täter entkamen.

Die Auswertung der Spuren ergab, daß ein Kommandomitglied möglicherweise die RAF-Frau Andrea Klump war. Die Aktion könnte die Generalprobe für den Anschlag auf Herrhausen gewesen sein - hier ein Motorrad, in Bad Homburg ein Fahrrad als Bombenträger.

Auch deutsch-italienische Zusammenarbeit der RAF mit den Roten Brigaden hat womöglich der Vorbereitung des Herrhausen-Attentats gedient. So fanden italienische Fahnder im Juni 1988 in einer konspirativen Wohnung der Roten Brigaden in Mailand einen Brief von der RAF. Darin erkundigten sich die Deutschen nach den "Erfahrungen" der Italiener mit der "Zerstörung von Panzerungen" und fragten, ob der geplante "Versuch" schon gelaufen sei. Falls nicht, wolle die RAF "alle notwendigen Informationen haben, um den Versuch machen zu können".

Die Deutsche Bank tauchte erstmals in einem "Tatbekenntnis" (Polizeijargon) vor fast vier Jahren auf, eher beiläufig. Einen Sprengstoffanschlag auf die Wuppertaler Niederlassung von Daimler-Benz begründeten unbekannte Täter mit dem Hinweis, der Konzern sei "beherrscht" durch "Direktbeteiligung der Deutschen Bank".

Schon damals sah die RAF die Geld-Wirtschaft und ihre Repräsentanten in engem Verbund mit der Rüstungsindustrie. Dieser "Verein", hieß es beispielsweise in der RAF-Untergrundschrift "Zusammen kämpfen", werde "finanziert von den deutschen Großbanken".

Mit einer Drei-Stufen-Strategie ("Destabilisierung - Zerrüttung - Zerschlagung") zielt die RAF nicht auf eine "materielle Vernichtung des imperialen Systems", sondern auf eine "zunehmende Einengung des Handlungsspielraumes", auch mittels Mord.

In die Enge will die RAF das verhaßte System mit einer viergliedrigen Organisationsstruktur treiben, wie sie von Angehörigen der dritten Generation erfunden worden ist:

* "Guerillas" nennen sich die Untergrund-Mitglieder der Kommandoebene, die Morde begehen.

* "Militante" oder "Widerstand" werden kleine Kader genannt, die zumeist in der Legalität leben und für gelegentliche Sprengstoffanschläge gut sind.

* "Legale Unterstützer" und "Agitatoren" sorgen für Kommunikation und Logistik.

*Die "Gefangenen der RAF" tragen per Hungerstreik zur Mobilisierung neuer Anhänger bei.

Drei regionale Schwerpunkte der Kommandoebene wollen die Fahnder ausgemacht haben:

*eine Baden-Württemberg-Gruppe, zu der das Ehepaar Barbara Meyer, 33, und Horst Meyer, 33, gehört, das zu den Gründern der dritten Generation zählt; zu der Clique wird auch Christoph Seidler, 31, gerechnet;

* eine Rhein-Main-Gruppe, unter anderem mit Andrea Klump, 32, Birgit Hogefeld, 33, und Wolfgang Grams, 36;

* eine Hamburg-Gruppe, Mitglieder: Sabine Callsen, 28, Sigrid Sternebeck, 40, und Henning Beer, 31.

Immer noch aktiv ist außerdem die "Terror-Oma" (Bild am Sonntag) Inge Viett, 45. Sie hält sich vermutlich im Ausland auf.

Nach diesen schlimmen zehn wird nun auch wegen des Mordes an Herrhausen gefahndet - wie seit Jahren schon wegen zahlreicher anderer Terroranschläge.

Von vielen Fahndern waren die Anführer der dritten Generation lange Zeit nicht ganz für voll genommen worden. "Die sind so feige", sagte noch 1985 ein hochrangiger BKA-Mann, "daß es reicht, sich einen Personenschutz zuzulegen, dann kann einem nichts mehr passieren - dann trauen die sich nicht."

Richtig war an dieser Einschätzung nur, daß die Kommandotrupps der dritten Generation stets die eigene Sicherheit als oberstes Gebot ansahen. "Die gehen", sagt noch heute ein Experte beim BKA, "keinerlei Risiko ein." Ebendarum hat die Polizei auch noch nie einen gekriegt: Kein führender Kopf der dritten Generation ist jemals den Fahndern ins Netz gegangen.

Der einzige Achtungserfolg, den die Terroristen-Jäger trotz immer schärferer Gesetze seit 1982 erzielt haben, beruht auf einem Zufall: 1986 entdeckte im Rüsselsheimer Cafe "Dolomiti" ein aufmerksamer Eis-Esser die Terroristin Eva Haule-Frimpong. "Unser Geschäft", räumt BKA-Chef Heinrich Boge ein, "ist schwieriger geworden" - eine glatte Untertreibung.

In keinem Bereich der Kriminalitätsbekämpfung ist das Verhältnis von Aufwand und Erfolg so ungünstig, in keiner anderen Sparte lassen sich gesicherte Erkenntnisse über Tathergang und Täter so schwer in aussichtsreiche Fahndungsstrategien umsetzen.

Die moderne RAF, urteilen Analytiker im Bundeskriminalamt, erstelle vor ihren Anschlägen mittlerweile "regelrechte Risikoanalysen" und betreibe erfolgreich Gegenobservation. So wissen die Behörden, daß sogenannte Scanner inzwischen zum Handwerkszeug der Terroristen gehören. Mit diesen Sendersuchlauf-Geräten ist es der RAF mehrmals gelungen, Gespräche von Fahndern mitzuhören.

Fingerabdrücke hinterlassen die RAF-Täter von heute kaum noch. Schon als Terroristen im November 1984 ein Waffengeschäft im pfälzischen Maxdorf überfielen und einer der Täter über den Ladentisch flankte, fand sich zum Erstaunen der Ermittler kein Abdruck der nackten Hand auf der Glasplatte.

Mit Wundspray, bekam die Kripo später heraus, verschmieren sich die Terrortäter die Hände.

Der Coup von Maxdorf war im übrigen so ertragreich, daß die Versorgung mit Waffen aller Art bis heute gesichert ist; auch die Vorräte an Profi-Sprengstoff, in Steinbrüchen erbeutet, sind laut BKA beträchtlich.

Die Autos der modernen Terroristen sind unauffällig. Anfang der siebziger Jahre noch umfaßte der Fahrzeugpark der Rotarmisten ausgefallene italienische Sportwagen der Marke Iso Rivolta oder Karossen wie den auberginefarbenen Porsche Targa, mit denen Andreas Baader durch die Republik flitzte.

Heute bevorzugt die RAF gebrauchte Fahrzeuge der unteren Mittelklasse, die im Verkehrsgewühl verschwinden. Die Mörder des Bonner Diplomaten von Braunmühl fuhren einen Opel Kadett. Ähnlich bescheiden, in einem Wochen zuvor gemieteten Lancia, entfernten sich die Mörder Herrhausens vom Tatort.

Mit alltäglichen Legenden quartieren sich die RAF-Leute unauffällig in biederen Wohngegenden ein. Nach einem Ehekrach, so eine beliebte Version, hätten sie sofort aus einer gemeinsamen Wohnung ausziehen müssen. Der Untergrund, in dem die Top-Terroristen leben, nimmt sich manchmal richtig spießig aus. Allenfalls an Kleinigkeiten können Fahnder in solchen Wohnungen erkennen, daß dort Terroristen hausen.

Eine bestimmte Sorte von Garderobenhaken im Flur beispielsweise galt den Ermittlern jahrelang als RAFtypisch. "An der Klobrille", so erzählt ein BKA-Experte, seien noch am ehesten "identifizierbare Spuren der Terroristen" nachzuweisen gewesen.

Mit drei verschiedenen Methoden haben Fahnder in letzter Zeit versucht, Leute aus der RAF-Führung zum Überlaufen zu motivieren:

* Aussteigern winken enorme Belohnungen; im Fall Herrhausen sind bereits vier Millionen Mark ausgelobt;

* die umstrittene Kronzeugenregelung im Strafgesetz erlaubt es der Justiz, Abspringer, die ihre RAF-Freunde ausliefern, straffrei zu stellen;

* "kleine goldene Brücken" hat der Verfassungsschutz den Terroristen offeriert: Jeder, der Hilfe beim Ausstieg brauche, könne sich vertraulich melden.

Doch der in Köln eigens für reuige Terroristen eingerichtete Telefonanschluß 0221-511395 ist bisher stumm geblieben. Die RAF hat bis heute nicht angerufen.

Mittlerweile mußten die RAF-Verfolger erkennen, daß "selbst aufwendige Sicherheitsvorkehrungen" zum Schutz vor Anschlägen "nur relativ erfolgreich" (Generalbundesanwalt Kurt Rebmann) sind. Die Freunde aus dem Terrorlager der IRA und der Baskentruppe Eta hatten schon lange Killer-Techniken probiert, gegen die auch gepanzerte Wagen und Bodyguards nichts helfen. Das Rezept zur Konstruktion der Bombenfalle, die gegen Beckurts und Herrhausen eingesetzt wurde, stammt aus dem Arsenal der irischen Terroristen.

Anlaß zu allergrößter Sorge sahen Bonner Sicherheitspolitiker, als im Februar dieses Jahres die Knastabteilung der RAF zu ihrem zehnten Hungerstreik ansetzte, um die "Zusammenlegung der Gefangenen aus RAF und Widerstand" zu erzwingen: Dem Konzept der RAF entspricht es, daß Hungerstreiks (RAF-Text: "der Angriff der Gefangenen") mit Terroraktivitäten draußen kombiniert werden. So war es auch 1984/85 gewesen, als der letzte große Hungerstreik mit dem Zimmermann-Mord endete.

Doch diesmal geschah nichts. Die Gefangenen brachen im Mai ihre Aktion nach unbestimmten Kompromißangeboten aus den SPD-regierten Ländern ab. Manchem schien es schon, als habe mit den Gefangenen die ganze RAF kapituliert.

Noch im Juli dieses Jahres hielt der Hamburger Verfassungsschützer Christian Lochte "den Ausstieg" von RAF-Leuten aus dem Terrorismus für "nunmehr möglich". Desolat wie noch nie, urteilte Lochtes hessischer Kollege Günther Scheicher, sei der Zustand der RAF, es gehe mit ihr nun wohl zu Ende.

Selbst der beharrlichste Warner vor der Terrorgefahr, Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, erwartete eine Ruhepause. Die RAF befinde sich "im Prozeß der ideologischen und strategischen Umorientierung", erklärte er im Sommer; folglich seien "mehr Strategien im internationalen Bereich als Anschlags* Darunter ein Blatt Papier mit RAF-Emblem. aktionen im nationalen Bereich zu erwarten".

Aus dem Knast überliefert wurden milde Töne von Eva Haule-Frimpong ("Es gibt viel zu lernen und zu begreifen") und auch von Karl-Heinz Dellwo ("Wir führen keine Endkämpfe"). "Unklar" sei, sinnierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, warum sich der "intellektuelle Kopf" der RAF, Helmut Pohl, nicht äußere.

Das Oberhaupt der dritten RAF-Generation, so heißt es in einem amtlichen Vermerk aus dieser Zeit, habe "erstmals die Beamten" im Gefängnis "in freundlichem Ton gegrüßt". Doch schon wenige Tage später verließ der Pohl-Brief die Haftanstalt Schwalmstadt.

Nach dem Bad Homburger Attentat blieb eine sofort angeordnete Ringfahndung mit Personenkontrollen erfolglos. Immerhin aber wurde bereits am Donnerstag abend im Frankfurter Stadtteil Bonames der Fluchtwagen entdeckt, den die Attentäter zum "Doublettenfahrzeug" umgerüstet hatten: Kennzeichen und äußere Merkmale wie etwa kleine Beschädigungen oder Aufkleber wurden einem regulär in Frankfurt zugelassenen Lancia angeglichen.

Augenzeugen hatten kurz vor und nach dem Attentat zwei Jogger bemerkt, die sich auffällig verhielten. Einer war angeblich um die 30 Jahre alt, 1,85 Meter groß und trug einen blauen Anorak mit blauer Trainingshose. Der andere, deutlich kleiner, kräftig und mit dichtem schwarzen Haar, soll mit einem beigefarbenen Jogging-Anzug bekleidet gewesen sein. Beide trugen Kopfhörer - für die Bundesanwaltschaft ein Indiz, daß die Jogger sich per Funk über die Zündung der Bombe verständigt haben könnten.

Auch Helmut Eberhardt, dem Hausmeister der Taunus-Therme, war unmittelbar vor der Detonation ein blaugekleideter Jogger aufgefallen, der "aus dem Kurpark zur Parkplatzeinfahrt" gerannt, dort stehengeblieben und plötzlich wieder hastig "zurück an mir vorbei" gelaufen sei.

Nach dem Attentat erinnerte sich der Hausmeister, daß er diesen Mann auch schon am Vorabend und, mehrfach, "so vor einem Monat" gesehen hatte. Auf Lichtbildern von RAF-Mitgliedern glaubte Eberhardt - wie auch andere Augenzeugen - den Jogger wiederzuerkennen.

Als tatverdächtig gilt nun Christoph Seidler, 31, laut BKA beteiligt an den Mordanschlägen auf Zimmermann, Beckurts und den Bonner Finanz-Staatssekretär Hans Tietmeyer. Seidler wird von den Wiesbadener Kriminalisten auch eine "Rolle an der Front" bei Attentaten auf die Nato-Schule in Oberammergau (1984) und den US-Militärflughafen in Frankfurt (1985) zugeschrieben.

Zweiter Mann am Tatort, mutmaßen BKA-Insider, könnte Henning Beer, 31, gewesen sein, Bruder des 1980 tödlich verunglückten RAF-Mitglieds Wolfgang Beer, nach dem die Herrhausen-Aktion ("Kommando Wolfgang Beer") benannt wurde. Henning Beer soll bei den Attentaten auf den US-Flughafen in Ramstein sowie auf US-General Kroesen in Heidelberg mitgemischt haben.

Womöglich in Bad Homburg dabei war auch Horst Meyer, ein gelernter Starkstromelektriker, der als Spezialist für Zündvorrichtungen gilt und auch beim Bombenanschlag auf Beckurts beteiligt gewesen sein soll.

Wer immer die jüngste Bombe gebaut und plaziert hat - bei der Vorbereitung des Herrhausen-Attentats waren, so BKA-Steinke, "erstklassige Profis am Werk", die zeigen wollten, daß "sämtliche Sicherungsmaßnahmen" für sie "wirklich kein Hindernis" waren.

Offenbar in aller Ruhe hatten sie die gegen Siemens-Manager Beckurts 1986 erprobte Anschlagmethode verfeinert - obgleich das BKA damals eigens ein Vorbeugungsprogramm entwickelt hatte, das Attentate ebendieses Typs verhindern helfen sollte. Kürzel des neuen Fahndungskonzepts: K 106, Hauptziel: Observation und Aufklärung an Häusern und Fahrtstrecken von gefährdeten Personen, um eventuelle Anschlagsvorbereitungen frühzeitig zu erkennen.

Zeugen nämlich hatten ausgesagt, schon Tage vor dem Bombenanschlag auf Beckurts hätten sich am Tatort mehrere Personen mit "Vermessungsarbeiten" beschäftigt, und zwar "nicht sehr sachgerecht" - offenbar die Terroristen.

So etwas sollte nicht wieder vorkommen. An Wohnorten gefährdeter Personen soll seither die Polizei, so das Konzept 106, "unregelmäßig, aber dauerhaft" neuralgische Punkte überwachen und verdächtige Personen beobachten. Ein Bautrupp etwa, der in der Nähe eines gefährdeten Hauses oder an einem Straßen-Engpaß seine Arbeit aufnehme, sei unbedingt zu überprüfen.

Laut Konzept sollen "vertrauenswürdige Privatpersonen" wie etwa Förster oder Postbeamte in die vorbeugende Fahndung einbezogen werden, auch "regelmäßige Luftaufklärung" sei nützlich. Von oben, kalkulierten die BKA-Strategen, sei beispielsweise "das Erkennen von Grabungen" möglich.

Als eindrucksvoll erwies sich das Konzept nur auf dem Papier. In der Praxis fehlte es schlicht an Beamten, die Pläne umzusetzen. Örtliche Polizeiführer klagen seit langem über das "personalintensive Unterfangen", das "Hunderttausende von Überstunden" nach sich ziehe.

Erstmals erwies sich das Konzept 106 beim Attentat auf Staatssekretär Tietmeyer im September letzten Jahres als untauglich. Tietmeyer überlebte nur, weil eine Maschinenpistole Ladehemmung hatte.

Obwohl die Umgebung des als "gefährdet" eingestuften Beamten überwacht wurde, konnten Terroristen, die sich wie im Fall Beckurts als Meßtrupp tarnten, den Mordanschlag eine Woche lang vorbereiten. In der Nähe von Tietmeyers Haus hatten sie einen Trampelpfad angelegt und Gucklöcher in einen Busch geschnitten.

Ende letzter Woche, nach dem Mord an Herrhausen, war endgültig die Illusion dahin, durch das Fahndungsrezept könnten Terrortaten zuverlässig verhindert werden. "Das Konzept 106 hat total versagt", urteilt BKA-Abteilungspräsident Steinke.

Die Tatvorbereitungen in Bad Homburg hatten praktisch unter den Augen der Polizei stattgefunden, die - aus Unaufmerksamkeit, Überlastung oder Betriebsblindheit - diverse Alarmzeichen übersah.

Bereits Mitte Oktober, sechs Wochen vor der Tat, meißelten Terroristen, vermutlich als Bauarbeiter verkleidet, den Asphalt-Bürgersteig vor der Taunus-Therme auf und verlegten fachgerecht den zweiadrigen braunen Draht, mit dem letzten Donnerstag die Bombe gezündet wurde (siehe Schaubild Seite 18). Hinterher gossen sie die Rinne wieder zu und paßten die Fläche der Farbe des Asphalts an. Die Arbeiten erregten keinerlei Aufmerksamkeit, obgleich der Seedammweg für die Personenschützer von BKA und Deutscher Bank gerade an dieser Stelle als gefährliches "Nadelöhr" galt.

Herrhausens Dienstwagen mußte häufig den gefährlichen Punkt passieren. Zu dieser Fahrtroute gab es nur eine einzige Alternative, die ebenfalls tückische Ecken aufwies. Die Terroristen, berichtet Hessens Verfassungsschutzchef Scheicher, hätten genau gewußt: "Fährt er nicht heute hier vorbei, muß er den Weg morgen nehmen."

Die Panne war durch den begrenzten Personalbestand der Polizei programmiert. "Woher sollen wir die Leute nehmen?" fragte nach dem Anschlag ein Bad Homburger Polizeiführer. In den Hochtaunus-Gemeinden Bad Homburg, Königstein, Kronberg und Falkenstein, wo Wirtschaftsmanager und Bankbosse so dicht siedeln wie nirgendwo sonst in der Republik, seien die Beamten schon jetzt kurz davor, "am Umfang der Überwachungsarbeit zu ersticken".

Wegen akuten Personalmangels könne die Polizei "pro Schicht gerade zwei Leute" zur Objektsicherung abstellen. Die müßten, um überhaupt ihr Pensum zu schaffen, von einem gefährdeten Haus zum anderen rasen und zwischendurch noch schnell die Fahrtrouten exponierter Persönlichkeiten abfahren.

"Zeit für genaue Beobachtungen bleibt da nicht", klagt ein Streifenbeamter, der über das Fahndungskonzept 106 "nur noch lachen" kann: "Da soll ich überall aussteigen, ums Haus gehen, in die Fenster gucken und auch noch die Straße beobachten - unmöglich."

Um auszukundschaften, wo Herrhausen wohnte, genügte den Terroristen ein Blick ins Telefonbuch. Dort ist die Adresse des Ermordeten schon seit Jahren unter vollem Namen ausgedruckt: "Herrhausen Alfred Dr. Ellerhöhweg 18" - Telefonnummer 45170.

Die Herrhausen-Villa liegt nur wenige Meter von der Fahrbahn entfernt, Herrhausens Name prangt auf dem Türschild. Umgeben ist das Anwesen von einer niedrigen Mauer, über die jeder Passant in Herrhausens Arbeitszimmer wie in ein Aquarium gucken kann.

"Wenn sie mich erwischen wollen", verriet Herrhausen im vertrauten Kreis, "dann kriegen sie mich auch." Ein anderes Mal soll er Bewachungsvorkehrungen, die ihm übertrieben schienen, mit der Bemerkung abgewehrt haben: "Ich weiß nicht recht, was Angst ist."

Solche Reaktionen sind bei hochgefährdeten Politikern und Spitzenmanagern nicht eben selten. "Der Mensch verdrängt lieber ein Risiko", weiß der Münchner Psychologe Georg Sieber, "als mit der Gefahr zu planen."

Die Sicherheitsvorschriften, so Sieber, würden schon bald nicht mehr so recht ernst genommen, auch wenn der Betroffene genau wisse, daß sein Name ganz oben auf der Liste steht - wie der Bankchef. "Herrhausen war die Zielperson Nummer eins, das ist sicher", urteilte, nach der Tat, der Mainzer Innenminister Rudi Geil (CDU).

Zur Zielscheibe von Haß und Aggression war Herrhausen nicht nur wegen der Rolle geworden, die er als Aufsichtsratschef von Daimler-Benz beim Aufbau des größten inländischen Rüstungskonzerns gespielt hat. Seine Bank ist obendrein der größte private westdeutsche Kreditgeber in der Dritten Welt; und er selber war mit seinem guten Draht zu Helmut Kohl der vermeintliche Beweis für die Einheit von Politik und Kapital in der Bundesrepublik.

Alfred Herrhausen tat alles, um den Anspruch zu unterstreichen, die Nummer eins der deutschen Wirtschaft zu sein. Er stand im Rampenlicht wie kein anderer Top-Manager. Allenfalls Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter genoß ähnlich hohes Ansehen bei Manager-Kollegen und in der Öffentlichkeit.

Daß er Macht anstrebte, hat Herrhausen - im Gegensatz zu vielen anderen aus seiner Kaste - nie verhehlt. Die Deutsche Bank, die zwölf Jahre lang von zwei Sprechern vertreten wurde, wollte er daher nach dem Abgang von Friedrich Wilhelm Christians ganz allein führen. Öffentlich sagte er: "Führung muß man auch wollen." Die Kollegen im Deutsche-Bank-Vorstand folgten ihm.

Als ranghöchster Angestellter der größten deutschen Bank war er nicht nur Vorgesetzter von mehr als 56 000 Beschäftigten in 30 Ländern, dirigierte er nicht nur einen Finanzkoloß, der in über 1600 Filialen 200 000 Firmen- und gut sechs Millionen Einzelkunden betreut. Als Sprecher der Deutschen Bank leitete Herrhausen ein Unternehmen, dessen wirtschaftliches Gewicht weit höher ist, als sich an Geschäftsvolumen (über 300 Milliarden Mark), Börsenwert (rund 28 Milliarden Mark) und ausgewiesenen Kapitalreserven (fast 14 Milliarden Mark) ablesen läßt.

Die Frankfurter Bank ist ungleich mehr als ein Kreditinstitut, das Einlagen hereinnimmt und Geld verleiht. Sie ist eine Art Schaltzentrale der deutschen Wirtschaft. Gegen den Willen der Deutschen Bank läuft fast nichts in Industrie und Handel.

Diese Stellung, in der kapitalistischen Welt ohne Beispiel, verdankt die Bank einem dichten Geflecht finanzieller und personeller Beziehungen zu Dutzenden deutscher Großunternehmen. So hält der Geldkonzern Aktienpakete vom Duisburger Handelshaus Klöckner, dem Frankfurter Baukonzern Philipp Holzmann und den Warenhaus-Gesellschaften Karstadt und Horten. Die Bank ist an Firmen wie der Mannheimer Südzucker, der Münchner Unternehmensberatung Roland Berger und den Wiesbadener Didier-Werken beteiligt.

Vor allem aber ist die Deutsche Bank der größte Aktionär des Auto- und Rüstungsriesen Daimler-Benz, der in den vergangenen Jahren den Elektrokonzern AEG sowie die Luft- und Raumfahrtunternehmen Dornier, MTU und MBB schluckte. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Daimler-Benz überwachte Herrhausen höchstselbst die Expansion des Stuttgarter Unternehmens zu einem Konglomerat, in dem neben Personen- und Lastwagen auch Waschmaschinen und Raketen, Nierensteinzertrümmerer und Flugzeuge hergestellt werden.

Es waren nicht nur das Sprecher-Amt bei der Deutschen Bank und der Aufsichtsratsvorsitz bei Daimler-Benz, die Herrhausen aus der deutschen Manager-Elite heraushoben. Es waren nicht nur die Aufsichtsratsmandate bei Großunternehmen wie Continental, Holzmann, Veba und der Lufthansa, die ihn zu einem scheinbar allgegenwärtigen Mann der Wirtschaft machten.

Der Bankchef fühlte sich gerade dann gefordert, wenn es nicht um Bilanzen oder Zinsmargen ging. Mit scharfem Intellekt, mit großer Beredsamkeit und erstaunlichem Sendungsbewußtsein ausgestattet, nahm Herrhausen in Vorträgen, Diskussionen und Interviews gern und häufig zu volks- oder weltwirtschaftlichen, zu politischen oder gar philosophischen Fragen Stellung.

Einiges von dem, was Herrhausen sagte und tat, fügt sich kaum in das schlichte linke Feindbild vom häßlichen Kapitalisten. So war er vor zwei Jahren der erste prominente Banker in den westlichen Industrieländern, der offen aussprach, daß die Schuldenkrise in der Dritten Welt ohne einen teilweisen Forderungsverzicht der westlichen Gläubigerbanken nicht zu lösen sei. Das war damals zwar auch den meisten anderen Bankchefs bereits klar, aber die hätten diese Erkenntnis gern noch einige Zeit für sich behalten.

Bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten konnte Herrhausen ebenso glänzend über die Gefahren "fehlerhaften Denkens" referieren wie über die "strategischen Überlegungen in einer Großbank". Ob die Steuerreform, die Macht der Banken, eine europäische Währungsunion oder der Umbruch im Osten zur Debatte standen: Herrhausen hatte zu allem etwas zu sagen, und er sagte es, im Gegensatz zu seinen ängstlich im Hintergrund agierenden Kollegen der Geld-Gilde, meist öffentlich.

Kein Wunder, daß ein so glänzender Redner und Wirtschaftsanalytiker wie Herrhausen dem nicht gerade sprachbegabten und völlig wirtschaftsunkundigen Helmut Kohl imponierte. Ob es an der Börse krachte, ob in Bonn eine wirtschaftspolitische Entscheidung anstand - der Bundeskanzler rief bei seinem Duzfreund "Don Alfredo" an, um sich die ökonomischen Wettläufe erklären zu lassen und um Rat zu bitten.

Kennengelernt und angefreundet hatten sich der Politiker und der Banker schon, bevor Kohl 1976 als Oppositionschef in den Bundestag ging. Noch enger wurde das Verhältnis der beiden ungleichen Freunde, nachdem Herrhausen an die Spitze der Deutschen Bank gerückt war. Nun sprachen der politisch und der wirtschaftlich mächtigste Mann der Bundesrepublik von gleich zu gleich.

Das persönliche Verhältnis kühlte sich zwar bald ein wenig ab; so ließ Herrhausen empört Meldungen dementieren, er sei Kohls "Berater". Auf derselben politischen Wellenlänge wie der Kanzler befand sich der Banker allerdings, als er nach der Öffnung der Grenzen für DDR-Bürger freimütig bekannte, wie er sich nun die weitere Entwicklung wünsche. "Ich möchte gerne, daß die Bundesrepublik und die DDR wiedervereinigt werden", sagte er in einem SPIEGEL-Gespräch vor zwei Wochen, dem letzten großen Interview vor seinem Tod.

In der DDR wurde er mit diesem Spruch sogleich zum Schreckgespenst für Reformsozialisten, die einen Ausverkauf ihres Landes an die übermächtigen Kapitalisten fürchten. Am Montag dieser Woche wollte Herrhausen seine Wiedervereinigungsbekenntnisse vor internationalem Publikum wiederholen: in einem Vortrag mit dem Titel "Neue Horizonte in Europa", in New York.

Mit seiner Bank hätte Herrhausen gern eine Schlüsselrolle bei der künftigen wirtschaftlichen Kooperation des Westens mit den osteuropäischen Ländern übernommen. Die Machthaber im Kreml wußten dies zu würdigen.

Sie stellten den deutschen Unternehmer protokollarisch auf die Stufe eines Regierungsmitglieds, als es im Juni dieses Jahres zum Abschluß eines Vertrages über den Bau eines Hauses der Wirtschaft der Bundesrepublik in der sowjetischen Hauptstadt kam: Er unterzeichnete die Vertragsurkunde zusammen mit dem sowjetischen Vizepremier Iwan Silajew im Bonner Bundeskanzleramt.

Daß seine Bank in der Heimat schon seit langem fast uneinholbar vor allen anderen Geld-Häusern führte, reichte Herrhausen nicht. Er hatte sich vorgenommen, die größte Bank der drittstärksten Wirtschaftsmacht der Welt auch international auf einen ihr angemessenen Platz zu hieven.

Neben Japans Geld-Giganten nimmt sich die Deutsche Bank nämlich eher bescheiden aus. In der Weltrangliste der größten Finanzhäuser rangiert sie erst an 19. Stelle. Selbst in Europa erreicht sie nur den sechsten Platz; vor ihr liegen noch drei französische und zwei britische Institute.

"Wenn wir nicht über die Grenzen hinaus expandieren", gab Herrhausen in der Frankfurter Zentrale die Richtung an, "werden wir als mittlere Regionalbank enden."

Bei diesem Vormarsch ins Ausland entschied sich der Deutsche-Bank-Chef für eine weit kühnere und kostspieligere Strategie als jene, die seine Konkurrenten in der Bundesrepublik gewählt hatten. Während die anderen Banken sich begnügten, durch Kooperationsabkommen und Minderheitsbeteiligungen jenseits der Grenzen Fuß zu fassen, kaufte Herrhausen in den vergangenen drei Jahren gezielt in etlichen europäischen Ländern jeweils ein Bankhaus auf.

Die Deutsche Bank sicherte sich starke Stützpunkte in Italien und in Spanien. Sie schlug in Österreich, Portugal und den Niederlanden zu. Der weitaus größte Deal dieser Art gelang Herrhausen Anfang voriger Woche in London. Dort gab er am Montag bekannt, daß sein Haus zu einem Preis von fast 2,7 Milliarden Mark die englische Investmentbank Morgan Grenfell übernehmen wolle.

Es war die finanziell gewichtigste und strategisch bedeutendste Investitionsentscheidung der Deutschen Bank seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Morgan-Grenfell-Kauf werden die Frankfurter über einen starken Brückenkopf auf dem größten europäischen Finanzplatz verfügen. Durch diesen Erwerb werden sie zugleich in neue Dimensionen des internationalen Bankgeschäfts vorstoßen - in die Verwaltung großer ausländischer Aktien-Vermögen und in das besonders lukrative Beratungs-Busineß bei internationalen Firmenfusionen und Unternehmensaufkäufen.

Allseits wurde Herrhausen daher als der Stratege gefeiert, der drauf und dran ist, die erste wahrhaft europäische Bank zu schaffen. Und der Banker selbst war allerbester Stimmung, als er am Dienstag - einen Tag nach dem London-Coup - vor Führungskräften im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten" über das Thema "Was für ein Jahr!" sprach.

Das Jahr 1989 - das erste, in dem er von Beginn an allein an der Spitze der Bank stand - war aus Sicht Herrhausens ein herausragendes Jahr gewesen: der Sprung der Bank nach London, die Öffnung des Ostens, die Aussicht auf die erhoffte Wiedervereinigung.

"Ich bin ein Glückspilz", hatte der Erfolgsmanager einst gesagt. Das stimmte - bis letzten Donnerstag, 8.34 Uhr.

* Bei einem Benefiz-Ball in Bonn 1986; rechts: US-Botschafter Burt.

DER SPIEGEL 49/1989
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