04.09.1989

Ich bekenne mich

Mein Elternhaus war noch geprägt vom Lebensstil der kleinen Leute im München der Prinzregentenzeit. Wir wohnten in der Schellingstraße 49, in einem Hinterhof in einfachsten Verhältnissen. Die Wohnung bestand aus einer Wohnküche, einem Schlafzimmer für die Eltern und den jüngeren Sproß, also mich, und einer kleinen Kammer für meine Schwester. Die Toilette lag außerhalb der Wohnung auf dem Gang, dort gab es auch fließendes Wasser. Einen Garten hatte das Haus nicht, im Hof war eine Schlosserei.
Erster Weltkrieg, Revolution, Sturz der Monarchie - diese Erfahrungen haben die politische Atmosphäre in meinem Elternhaus während der zwanziger und dreißiger Jahre gefügt. Mein Elternhaus war durch und durch politisch und insofern gewiß nicht typisch für das Leben in einem kleinen Handwerkerhaus. 1919 war mein Vater Gründungsmitglied der Bayerischen Volkspartei gewesen*, der er bis zu der von den Nazis erzwungenen Auflösung treu blieb. Auch meine Schwester Maria war politisch engagiert und vertrat lupenrein die gleiche Gesinnung wie die ganze Familie, ohne einen Millimeter von der Bahn abzuweichen.
Zum anderen herrschte bei uns eine starke katholische Religiosität, die heute in dieser Form nicht mehr verständlich wäre. Sie ist gewachsen aus dem Denken in der fränkischen Diaspora, die in einer dauernden Konfrontation mit den geistigen Nachfahren Martin Luthers und Gustav Adolfs stand und die meinen Vater prägte. Der Name Martin Luther durfte bei uns zu Hause nicht fallen. Daß ich aus einer militant katholischen Familie stamme, schlug bei mir immer wieder durch.
Zum dritten waren meine Eltern Verehrer des bayerischen Königshauses. Schon über den "Verrat" der Wittelsbacher zugunsten von Bismarcks Reichsgründung waren sie innerlich voller Ressentiments. Der Großvater mütterlicherseits war als Berufssoldat königlich-bayerischer Schwerer Reiter gewesen. Als solcher kämpfte er 1866 in der Schlacht von Kissingen gegen die Preußen, und noch mehr als 50 Jahre später hat er seinem Enkel mit Verbitterung erzählt, daß es in der bayerischen Armee Verräter gegeben habe. 1870/71 stand er wieder im Feld, und auch hierüber erzählte er mir, als ich ihn 1922 auf seinem kleinen Bauernhof in Niederbayern besuchte: "Woaßt Bua, d'Franzosen san schlimm, aber schlimmer san d'Preißen." Meine Eltern haben ähnlich gedacht.
Gewiß liegt darin eine gehörige Portion Ironie. Aber das bayerische Urgefühl, mit dem ich aufgewachsen bin und das ich in mir habe, läßt mich - und wohl die Bayern überhaupt - mit der Vergangenheit leichter fertig werden als vielleicht manche andere. Ich bringe zum Beispiel beim besten Willen keinen generellen Schuldkomplex zustande, obwohl ich die falschen Weichenstellungen, die furchtbaren Untaten und Verbrechen des Dritten Reiches klar sehe. Wohl war ich entsetzt und betroffen über die Irrwege der deutschen Geschichte und ihre schrecklichen Folgen, gipfelnd in Auschwitz. Aber die Vorstellung einer Kollektivschuld kann ich nicht übernehmen.
Diese Sicht der Dinge war es auch, die mich vor der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag lange vor meiner Zeit als Ministerpräsident einen Satz sagen ließ, der berühmt wurde und jahrelang die Runde gemacht hat. Es ging damals um die Auseinandersetzung über die Ostpolitik, um das Festhalten an der Einheit Deutschlands, und ich prägte den Satz: "Wir Bayern müssen bereit sein, wenn die Geschichte es fordert, notfalls die letzten Preußen zu werden!"
Mein Vater nahm die Weimarer Republik innerlich als Ergebnis einer unvermeidlichen Entwicklung, aus der man das Beste machen müsse. Bezeichnend für ihn waren die beiden Hauptreden auf dem Katholikentag von 1922 in München, an dem er teilgenommen hatte und von dem er mir später immer wieder berichtete. Michael Kardinal Faulhaber, der Erzbischof von München und Freising, hatte am 27. August, dem Eröffnungstag, in seiner Predigt auf dem Königsplatz davon gesprochen, daß dieser Staat, die Weimarer Republik also, durch Meineid und Hochverrat zustande gekommen sei. Am Schlußtag, drei Tage später, sprach der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer als Präsident des Katholikentages. Er brachte Korrekturen an Faulhabers Sicht der Dinge an: Nicht Meineid und Hochverrat hätten diesen Staat geschaffen, sondern der alte Staat habe sich überlebt. Es sei gewesen wie in der Natur, wenn der Herbst komme und der Sturm in die Bäume fahre, dann fielen die Blätter.
Faulhaber sitzt unten, blickt voller Zorn, packt seinen Kardinalshut und will gehen. Der Eklat scheint unvermeidbar. Was macht Adenauer? Er hört mitten in der Rede auf und sagt ohne jeden Zusammenhang, daß man nun Eminenz um den oberhirtlichen Segen bitte. Daraufhin hat der Kardinal seinen Hut wieder hingeworfen und voller Wut seinen Segen heruntergedonnert. Mit schneller List hatte Adenauer den Eklat am letzten Tag vermieden.
Sehr genau erinnere ich mich an den 30. Juni 1934, den Tag des "Röhm-Putsches". Während des Sportunterrichts am Nachmittag gab es plötzlich Alarm. Ich ging nach Hause. Die Gerüchte gaben nicht viel her, aber abends rückte die Reichswehr mit ein paar Mannschaftswagen in der Schellingstraße an und durchsuchte den Verlag des "Völkischen Beobachters" ganz in unserer Nähe. Von dem, was sich in der Nacht zwischen Bad Wiessee und München abspielte, und von den Erschießungen in Stadelheim erfuhren wir durch einen Hauptmann der Bayerischen Landespolizei, die seit dem 1. April 1933 Himmler unterstellt war und die es nur noch dem Namen nach gab. Er war der Sohn eines Soziologieprofessors an der Technischen Hochschule München. Am Morgen des 1. Juli erzählte er meinem Vater, den er seit langem kannte, im Laden, daß seine Einheit Exekutionen in Stadelheim habe durchführen müssen.
Die Vorgänge vom 30. Juni sowie Hitlers berüchtigte Rechtfertigungsrede wurden sehr unterschiedlich aufgenommen. Die einen waren der Ansicht, daß Hitler jetzt endgültig den Boden des Rechtsstaates verlassen und sein wahres Gesicht gezeigt habe, in dem Mord auf Führerbefehl von nun an eine Frage der Staatsräson sei. Die anderen glaubten seinen Beteuerungen und meinten, jetzt sei die revolutionäre Phase abgeschlossen, wo gehobelt werde, fielen nun einmal Späne. Nicht zu unterschätzen ist die Stimmung, die die Reichswehr gemacht hat. Die Reichswehr war die Komplizin der Morde vom 30. Juni, sie hat sie gedeckt, sie hat sie mit Champagner gefeiert. Da man sich als Sieger fühlte, hat man sogar den Mord an zwei Generalen hingenommen und wagte es nicht einmal, ihnen in Uniform das letzte Geleit zu geben, weil Hitler dies verboten hatte.
Die ambivalente Haltung der Bevölkerung war nicht verwunderlich: Wer auf die Morde an Schleicher, Bredow und anderen sah, den schauderte es; wer auf die Morde innerhalb der SA-Führung schaute, der glaubte, jetzt sei die gewalttätige Phase der Machtergreifung beendet. Bei uns zu Hause hielt man, obwohl man Hitler schon vorher das Schlimmste zugetraut hatte, von diesem Tag an in Deutschland alles für möglich. Der brutale Machtwille der Nazis hatte sich blutig offenbart. Schon im Februar 1933 war das Konzentrationslager Dachau eingerichtet worden. Dieser Name war mit Grauen verbunden, auch wenn man nichts Genaueres wußte, als daß dort Freiheit und Menschenwürde, Recht und Menschlichkeit endeten. Wenn es hieß, einer kommt nach Dachau, wurden alle blaß.
Einer meiner Lehrer, der Altphilologe Franz Dirlmeier, bietet ein anschauliches Beispiel dafür, wie sorgsam man sein Urteil wägen muß, wenn man die Zeit des Dritten Reiches aus dem sicheren Abstand von Jahrzehnten bewertet. Dirlmeier war Gauführer des NS-Dozenten-Bundes, hat in dieser Funktion jedoch vielen geholfen, die mit den Nazis ihre Schwierigkeit hatten.
So wurde ich mehrmals bei ihm angeschwärzt, und mehrmals hat er mich gewarnt; ich würde nicht zum Examen zugelassen werden und riskierte Schlimmeres, falls ich nicht endlich meinen Mund hielte. Besonders angelastet wurde mir, daß ich in keiner Parteiorganisation Mitglied war. Dirlmeier riet mir, in das NSKK, das Nationalsozialistische Kraftfahrer-Korps, einzutreten - dies würde es ihm erleichtern, mir zu helfen, andernfalls könne er mich nicht länger halten. So bin ich in das NSKK eingetreten, gleichzeitig mit meinem ehemaligen Schulkameraden Asböck und mit Anton Fingerle, dem späteren Stadtschulrat von München. Unser Trio hieß "die katholische Mafia".
Im NSKK waren im Gegensatz zur SS, wo es von eifernden Scharfmachern wimmelte, biedere Handelsleute, Prokuristen, Diplomingenieure, Architekten, Handwerker vertreten; ein Hafnermeister aus der Theresienstraße war unser Sturmführer. Über das NSKK hieß es abfällig "Nur Säufer, keine Kämpfer". Man zahlte einen kleinen Monatsbeitrag, und alle zwei Wochen war "Sturmabend"; dabei ging es um die Verlesung irgendwelcher Organisationsinterna oder um die Vorbereitung der nächsten Geländefahrt.
Um nicht in die peinliche Lage zu kommen, uns ideologische Vorträge anhören zu müssen, haben meine Freunde und ich beschlossen, den Posten des "weltanschaulichen Referenten" mit einem aus unserer Mitte zu besetzen. Ich bin es dann geworden, und dies hat man mir später immer wieder vorgehalten. Dabei hatten meine gelegentlichen Vorträge mit allen möglichen historischen Themen zu tun, nur nichts mit den Nazis und ihrer Ideologie. Wäre ein anderer an meinem Platz gewesen, hätten wir uns die ganze nationalsozialistische und antisemitische Pseudophilosophie anhören müssen. Diese "verkehrte Welt" des Totalitarismus wird von Leuten, die diese Zeit nie kennengelernt haben, oftmals nicht begriffen.
Ein Beispiel aus den Kriegsjahren: 1942 wurde im Beurteilungsbogen für Offiziere eine neue Rubrik eingeführt, "Weltanschauung", in der es um die "nationalsozialistische Haltung" des Betreffenden ging. Ich habe die Personalpapiere in meiner Abteilung geführt, und als wir gegen Ende des Krieges auszusieben begannen, habe ich bei jedem überzeugten Nazi geschrieben: Ist weltanschaulich noch so wenig gefestigt, daß weitere Frontbewährung dringend notwendig ist. Bei denen, von denen man wußte, daß sie gegen Hitlers Herrschaft waren, schrieb ich: Ist so bewährt und ein so glühendes Vorbild, daß er in der Heimat unentbehrlich ist. So haben wir die Truppe "gesäubert". Wenn dies hinterher jemand zu lesen bekam, mußte er zu völlig falschen Schlüssen gelangen - der größte Nazi hatte auf einmal einen Persil-Schein.
Ich hatte mir schon als Kind und dann auch während meiner Schulzeit selten etwas gefallen lassen. Aufrecht durchschritt ich auch die Jahre meines Studiums. Ohne daß es mir vielleicht bewußt war, ging es in diesen Jahren wohl darum, die eigene Identität zu wahren gegenüber jedem Angriff und Druck. Es war die Auflehnung der Kreatur gegen eine Ordnung, die mir zutiefst zuwider war. Die Frage, ob ich mir mit ein wenig mehr Selbstbeherrschung die riskanten Konfrontationen ersparen könnte, hat sich mir nicht gestellt. Mein Verhalten war impulsiv und eruptiv, da war keinerlei Filter vorgeschaltet. Wenn man heute die Wahrheit sagt über jemanden, dann kann dieser höchstens beleidigt sein; damals war die Wahrheit, war jedes offene Wort lebensgefährlich.
Was für einen Menschen gilt, daß man ihn weder eindeutig einordnen noch in seine verschiedenen Komponenten zerlegen kann, gilt auch für Parteien. Eine Partei wie die CSU kann nach meiner Analyse nicht mit einem einzigen Begriff beschrieben werden. Man faßt die CSU nicht mit Worten wie christlich-sozial, konservativ, liberal oder national. Wir sind ebensogut eine liberal-konservative Partei auf christlich-sozialer Grundlage wie eine christlich-soziale Partei mit liberalem Hintergrund, die auch konservativ ist. Es ist unmöglich, ein so kompliziertes Phänomen wie die CSU auf einen einfachen Nenner zu bringen, und gerade das macht die Stärke unserer Partei aus. Eine Partei, die einfach einzuordnen und zu beschreiben ist, hat keine Mehrheitschance.
Vermutlich gehört es zu den ungeschriebenen und vielen gar nicht bewußten Geheimnissen meiner Wahlerfolge, daß die verschiedenen Seiten, die das heutige Bayern und die CSU bestimmen, in mir integriert sind - mit allen Widersprüchen und Rissen. Ich bin eine Identifikationsfigur für viele und auch für Gegensätzliches. Das geht, auf Bayern bezogen, schon bei der Geographie an. Ich bin Franke und Altbayer zugleich, mein Vater stammte aus Franken, meine Mutter aus Altbayern. Vom Elternhaus her bin ich ein strenger Katholik, aber durch ein fast freidenkerisches Gymnasium und durch sechs Jahre Militär, bei dem Konfessionsfragen überhaupt keine Rolle spielten, bin ich ein liberaler Katholik geworden.
Auf der einen Seite bin ich ein überzeugter, seine Heimat liebender und in ihr verwurzelter Bayer, auf der anderen Seite war und bin ich ein Gegner jedes separatistischen Denkens, einer, der nach dem furchtbaren Erlebnis des Zweiten Weltkrieges bewußt und unerschütterlich in der nationalen Verantwortung für ganz Deutschland steht. Diese Haltung bestimmt mein Handeln sowohl in der Deutschlandpolitik als auch in der Verteidigungspolitik, und zwar weit über Bayern und auch über Deutschland hinaus.
Um von mir einmal in der dritten Person zu sprechen: Strauß, der im öffentlichen Urteil als der große Polarisator erscheint, ist in Wirklichkeit - nicht nur was seine Partei angeht, aber vor allem für seine Partei - der große Integrator, der alle Strömungen und Flügel in sich zusammenfaßt und Gegensätze zum Ausgleich zu bringen weiß. Man lügt sich nicht etwas in die Tasche, wenn man feststellt, daß die CSU keine Flügel hat. Es gibt zwar Ärger und Krach und Streit mit Zukurzgekommenen, aber Flügel, wie sie anderen Parteien Kopfzerbrechen bereiten, kennen wir nicht oder, wenn ich an die Auseinandersetzungen in den Anfangszeiten unserer Partei denke, nicht mehr. Die CSU genießt freilich auch den Vorteil, daß sie eine natürliche Tendenz zur Flügelbildung auffangen kann durch eine starke regionale Ausprägung.
Ich war Soldat vom ersten bis zum letzten Tag. Ich kenne den Krieg. Deshalb will ich den Frieden. Das ist meine persönliche Konsequenz aus dem Zweiten Weltkrieg, der Europa an den Rand des Untergangs und die Deutschen in die größte Katastrophe ihrer Geschichte geführt hat. Von Anfang an habe ich im Abfall der deutschen Politik von den Grundnormen des christlichen Sittengesetzes die Ursünde gesehen, aus der alles Unheil erwuchs, das eine verbrecherische und verblendete deutsche Politik über die Völker Europas und nicht zuletzt über das deutsche Volk selbst gebracht hat. Auch als Soldat konnte ich nicht aus meiner Haut, ließ nicht ab von meinen freimütigen Bemerkungen, mit denen ich mir schon als Schüler und Student Ärger eingehandelt hatte, machte auch in Uniform aus meinem Herzen keine Mördergrube. Im Dezember 1939 äußerte ich mich auf Munitionswache in einem einsamen Eifeldorf gegenüber meinen Kameraden über den Ernst der Lage: daß ich den Krieg für verloren hielte, daß Hitler, Göring, Goebbels und Himmler Kriegsverbrecher seien, daß ich die Steigerung "dumm, saudumm, kriegsfreiwillig" nur allzu richtig fände.
Es kam, wie es kommen mußte. Als ich von einem Kurzurlaub aus München zurückkehrte, wurde ich zum Batterieoffizier befohlen. Das Verhör sollte fünf Stunden dauern. Pedantisch genau hatte ein Denunziant die defätistischen Äußerungen des Kanoniers Strauß notiert und Meldung gemacht. Der Krach begann schon damit, daß ich nicht im Stahlhelm auftrat, sondern mit dem "Schiffchen". Vernehmender Offizier war Oberleutnant Helmut Münzing, der Batteriechef; zugegen waren außerdem Leutnant Stengel, ein ehemaliger Schulkamerad, und Leutnant Rohmader, Reserveoffizier und im Zivilberuf Regierungsrat im Bayerischen Kultusministerium.
Ich fühlte, daß es mir an den Kragen gehen sollte, und bot alles auf, was mir an Dialektik zu Gebote stand, um die Vorwürfe zu entkräften. Einen Teil der Beschuldigungen bestritt ich, anderes führte ich auf Verwechslungen zurück. Dumm, saudumm, kriegsfreiwillig - das sei historisch zu verstehen. 1914 seien zwei Millionen Kriegsfreiwillige, die besten der Nation, sinnlos verheizt worden. 1917 hätten diese Reserven vor allem bei den Offizieren gefehlt, und dies sei einer der wesentlichen Gründe für die Niederlage gewesen. Folglich sei es nicht nur dumm oder saudumm, sondern geradezu verbrecherisch gewesen, 1914 so viele Kriegsfreiwillige einzuziehen. Daß Hitler und Göring, Goebbels und Himmler Kriegsverbrecher seien, behaupte die Feindpropaganda, ebenso wie sie ständig behaupte, daß der Krieg für Deutschland verloren sei - ich hätte doch nur zitiert.
Hartnäckig weigerte ich mich, den aufgrund der Denunziation erstellten Tatbericht zu unterschreiben. Zeugen wurden vernommen. Der eine hatte geschlafen, der andere nichts gehört, der dritte genau das Gegenteil von dem verstanden, was mir vorgeworfen wurde. Meine Einlassungen konnten nicht widerlegt werden. Also wurde ein neuer Tatbericht verfaßt, den ich dann unterschrieb.
Am nächsten Morgen wurde ich zum Batteriechef befohlen, der mir eröffnete: "Strauß, Sie haben wirklich Glück. Der Kommandeur hat den Tatbericht gegen Sie zerrissen."
Einen der Teilnehmer jenes für mich bedrohlichen Verhörs in der Eifel traf ich viele Jahre später in meiner Zeit als Bundesverteidigungsminister wieder. Bei einem Besuch im Wehrbereichskommando VI stellte mir General Reichelt die Offiziere seines Stabes vor, nannte Namen und Rang, auch einen abwesenden Major Münzing. "Helmut Münzing?" frage ich.
Es war eine unglaublich komische Szene: Da bin ich als Verteidigungsminister dagestanden, und der Major Münzing hat gefehlt. Als er hörte, daß alle Offiziere dem Minister vorgestellt werden sollen, hat er es vorgezogen, nicht dabeizusein.
An meine Generation und damit auch an mich wird immer wieder die Frage gerichtet, was wir von den Verbrechen des Nationalsozialismus gehört haben und was wir eventuell wußten von Massenmorden, Konzentrationslagern und anderen Greueln. Man läuft heute Gefahr, verlacht, verhöhnt, verspottet zu werden, aber es bleibt dennoch wahr, wenn ich sage, daß ich von Auschwitz und anderen Vernichtungslagern keine Ahnung hatte. Den Namen Auschwitz hörte ich 1945 zum ersten Mal. Ich wußte von Dachau und wußte, daß Dachau ein KZ war, in dem Verbrechen begangen wurden. Mehr wußte ich nicht.
Beim deutschen Einmarsch in Lemberg wurde ich jedoch Zeuge eines doppelten Kriegsverbrechens, eines Kriegsverbrechens der Russen und eines Kriegsverbrechens der SS, das in der Hauptsache von ukrainischer Miliz ausgeführt wurde. Ende Juni hatten sich Teile der Bevölkerung von Lemberg gegen die Russen erhoben, woraufhin die russische Geheimpolizei GPU eine große Säuberungsaktion durchführte. Sie hat noch ermordet, was sie ermorden konnte. Ich fahre mit dem Batterieoffizier Leutnant Wenck nach Lemberg hinein, ich am Steuer, Wenck, im Frankreichfeldzug mit dem EK 1 ausgezeichnet, neben mir. Brandgeruch und Leichengestank liegen über der Stadt.
Vor einem Gefängnis oder einer Kaserne bemerken wir einen ungeheuren Auflauf. Die Russen haben Hunderte von Gefangenen auf bestialische Weise umgebracht. Tot oder halbtot haben sie ihre Opfer in die Kasematten geworfen, mit Benzin übergossen und angezündet. Als wir dazustoßen, werden gerade die ersten Leichen herausgeholt - bis zur Unkenntlichkeit verbranntes menschliches Fleisch. Die Toten werden auf dem Hof in Reihen gelegt, die Angehörigen werden hereingelassen, um ihre Angehörigen zu identifizieren. Die Szenen sind unbeschreiblich. Immer wieder tritt aus den Wolken eines bestialischen Gestanks eine Polin, eine Ukrainerin auf mich zu, packt mich, weint und schreit, zeigt Fotografien von Mann oder Sohn. Auf einmal sehe ich, wie neben mir Leutnant Wenck umfällt, ein tapferer und kriegserfahrener Offizier. Ich habe ihn aufgehoben und weggetragen.
Wenige Tage später - wir liegen noch in der gleichen Stellung, neben uns ein größeres Waldstück - krachen ununterbrochen Feuerstöße aus einer Maschinenpistole. Wir machen uns auf, wollen sehen, was los ist im Wald. Hinter den Bäumen eine Szene des Schreckens: Zusammengetriebene Juden, kommunistische Funktionäre, unschuldige Menschen mußten mit dem Spaten eine Grube ausheben, vielleicht 50 Meter in der Länge und 2 in der Breite. Die Gefangenen standen da zu vielen Hunderten, vielleicht auch Tausenden - die Erschießungen erstreckten sich über mehrere Tage. Sie mußten sich hinknien vor der Grube, dann ging ein junger SS-Mann, vielleicht 18 Jahre und sternhagelblau, mit der Maschinenpistole von Kopf zu Kopf, drückte ab, die Toten fielen in die Grube. War eine Lage voll, wurde Erde darauf geworfen, das Morden ging weiter.
Ein ukrainischer Bauer, der das Geschehen beobachtet hatte und dabei entdeckt worden war, wurde gleich mit erschossen, damit es keinen Zeugen gab. Zum Batteriechef, Oberleutnant Jakob, dem ich später in Frankreich als Kommandeur einer Flakabteilung wieder begegnet bin, sagte ich an diesem Abend: "Lieber als auf die russischen Flugzeuge tät' ich auf die SS-Bande schießen." Seine Antwort: "Strauß, ich auch."
Von da an hielt ich alles, was zu hören war, auch für möglich. Das ging bei mir so weit, daß ich Katyn, wo die Russen über 4000 polnische Kriegsgefangene erschossen, zunächst für ein Naziverbrechen hielt. Die SS-Einsatzgruppen haben die polnischen Offiziere ermordet und schieben das jetzt, typisch Goebbelsscher Propagandaschwindel, den Russen in die Schuhe - davon war ich 1943 überzeugt. Erst nach dem Krieg, als das ganze Ausmaß der Nazigreuel bekannt wurde, erkannte ich, daß meine Vermutung falsch, daß Katyn tatsächlich ein russisches Verbrechen war.
Während meiner Zeit in Altenstadt - am 1. Juni 1944 erhielt ich meine Beförderung zum Oberleutnant - wurde ich mehrfach abkommandiert, so nach Dänemark, zur Heimatluftverteidigung nach Mülheim an der Ruhr, kurz vor der Invasion nach Frankreich. Die Flakschule in Altenstadt war eine Einrichtung der Luftwaffe. Das Heer, zu dem ich gehörte, hatte dort eine selbständige Lehrgangsgruppe, in der ich zusätzlich zu meiner Tätigkeit als Ausbildungsoffizier auch die Aufgaben des Abteilungsadjutanten und Chefs der Stabsbatterie übernahm. Überdies wurde ich für einige Monate noch mit der Wahrnehmung der Funktion eines "Offiziers für wehrgeistige Führung" betraut. Noch Jahrzehnte später wurde von politischen Gegnern auf der linken Seite immer wieder der freilich völlig untaugliche Versuch unternommen, mich deswegen als Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie zu diffamieren. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Gerade weil meine eindeutig kritische Einstellung gegenüber dem Hitler-Regime bekannt war, wurde ich in Altenstadt von meinem Kommandeur, Hauptmann Willy Schnieber, bedrängt, diese Aufgabe zu übernehmen: "Strauß, das machen Sie! Wir wollen nicht jemanden kriegen, der nicht zu uns paßt. Wir wollen keinen Weltanschauungsheini."
Vor Jahren schon habe ich mich, wieder einmal rufmörderischen Angriffen ausgesetzt, zu meiner Zeit in Schongau geäußert. Zusammenfassend urteilte ich über meine Tätigkeit als "Offizier für wehrgeistige Führung", "daß ich nicht nur nicht nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet, sondern verhindert habe, daß ein anderer entsprechende Vorträge hielt, daß gegenüber der Truppe nationalsozialistische Hetzpropaganda getrieben wurde und dabei die offizielle Endsieg-Propaganda, die ich für verbrecherisch gehalten habe, noch zusätzlich in unseren Einheiten verbreitet wurde".
Im Juli 1943 kam Heinrich Lades nach Schongau, der später für die CSU erfolgreicher Oberbürgermeister von Erlangen werden sollte. Schnell faßte er Vertrauen zu mir: "Herr Strauß, so wie wir uns unterhalten, sind Sie doch der Meinung, daß der Krieg nicht gewonnen werden kann?"
Was bei einem anderen durchaus eine Fangfrage hätte sein können, war bei Lades ein offenes und ehrliches Wort gegenüber einem Kameraden, den er richtig einschätzte. Von Lades erfuhr ich damals, im Februar 1944, von der Militäropposition gegen Hitler. Er berichtete mir, daß es in Berlin wie im gesamten Reichsgebiet und vor allem an der Front einen Kreis von Offizieren gebe, der ein organisatorisches Netz zur Vorbereitung eines Staatsstreiches aufgebaut habe. Das Militär sollte die Macht übernehmen, eine Übergangsregierung bilden. Das Stichwort "Walküre I" bedeutete demnach: Attentat durchgeführt, "Walküre II": Zuschlagen auf regionaler und lokaler Ebene.
Auf mich wäre, so das Resultat der Gespräche mit Lades, die Aufgabe zugekommen, in unserem Garnisonsbereich "reinen Tisch zu machen", was nicht Erschießen, sondern Festnahme eifernder Nazis meinte. Lades, mit dem ich bis heute befreundet bin, hat sich gegen Kriegsende der "Freiheitsaktion Bayern" angeschlossen, wurde deswegen zum Tode verurteilt, konnte aber nicht mehr gefaßt und hingerichtet werden.
Eingeweiht in die Pläne der Militäropposition war auch ein Major Grüneberg, Dozent der Volkswirtschaft aus Norddeutschland, der vom "Tatkreis" kam. Grüneberg sprach mich im Februar 1944 an; er wisse, wie ich denke, deshalb lade er mich zu einem vertraulichen Treffen mit einigen Offizieren ein, an dem auch der Kommandeur der Flakschule, Oberst Günther Kretschmann, teilnehme. Wir treffen uns, der Raum ist völlig abgedunkelt und abgedichtet, die Ordonnanzen sind weggeschickt. Der Gast, den Major Grüneberg angekündigt hatte, erscheint. Es ist Hans Zehrer, der führende Kopf des "Tatkreises", später Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und ein enger Freund des Verlegers Axel Springer, ein Mann, dessen Lebensinhalt, mit allen Träumen und Risiken, Deutschland war.
Zehrer entwickelte eine umfassende Darstellung der Kriegslage, aus der sich, was mir nicht neu war, die Niederlage als unabwendbar ergab. Er berichtete von Plänen, durch einen Staatsstreich die Fortsetzung des Krieges und den sinnlosen Tod von Hunderttausenden zu verhindern. Zehrers Analyse stieß in diesem kleinen Kreis von Eingeweihten selbstverständlich auf keinen Widerspruch.
Zu meiner Prägung haben sechs Jahre Dienst in der Wehrmacht, davon mehrere Jahre Fronterlebnis, wesentlich beigetragen. Sie haben mein Verhältnis zu den außerbayerischen Deutschen verändert, haben bei der Formierung der Persönlichkeit und im Kameradschaftsgefühl gegenüber anderen deutschen Stämmen eine wesentliche Rolle gespielt. Das verpflichtende Bewußtsein, für das Ganze einstehen zu müssen, drang unauslöschlich in mich ein. Der Preis für diese Erfahrung ist natürlich überhaupt nicht nennbar. Wenn es denn schon unvermeidlich war, so kann ich nur sagen, daß ich dieser Zeit viel verdanke an Persönlichkeitsbildung, Führungsbefähigung und Bereitschaft zum Risiko. Sicherlich war es ein hohes und bitteres Lehrgeld, und wenn man mich gefragt hätte, ob ich bereit sei, diese Lehrzeit in Kauf zu nehmen, um meine Persönlichkeit zu formen und zu finden, hätte ich nein gesagt - aber ich bin nicht gefragt worden.
Hier drängt sich eine Überlegung im historischen Irrealis auf. Das Deutsche Reich hätte den Zweiten Weltkrieg unter Umständen gewinnen können. Hitler dachte anfangs daran, durch unbegrenzte Aufrüstung ein politisches Erpressungspotential zur Durchsetzung seiner Ziele zu schaffen. Er hoffte den Vorsprung der deutschen Rüstung in politische Münze umsetzen zu können, indem er England mit Hilfe einer überlegenen deutschen Luftwaffe und Frankreich mit einer modernen Panzerwaffe vor vollendete Tatsachen stellte. Hätte Hitler - ein schauriger und furchtbarer Gedanke - 1938/39 die Atombombe zur Verfügung gestanden, so hätte dieser Plan durchaus aufgehen können.
Und noch 1941 hätte Hitler theoretisch eine Chance gehabt. Hätte er sich damals - was er allerdings nicht konnte - mit Stalin dauerhaft verständigt über die Teilung der Welt, über Demarkationslinien und Interessensphären in Europa - in der Ostsee, auf dem Balkan, an den Dardanellen - und hätte er Rußland nicht angegriffen, dann wäre das deutsche Militärpotential nicht im Osten verschlissen worden.
Die alliierten Bomberverbände hätten nicht diese verheerenden Schäden anrichten können, weil der Ausbau der in der Planung befindlichen deutschen Tag- und Nachtjagd-Waffe konsequent vorangetrieben worden wäre. Die alliierte Luftoffensive wäre entweder von den Deutschen gestoppt oder wegen steigender Verluste von den Alliierten eingestellt worden. Die Amerikaner hatten ohnehin große psychologische Schwierigkeiten mit ihren Bomberbesatzungen, beispielsweise als beim Angriff auf die Kugellagerfabriken in Schweinfurt 55 Maschinen abgeschossen wurden.
Und was wäre wohl geschehen, wenn es gar zu einer gemeinsamen deutsch-russischen Kriegführung gekommen wäre und die Deutschen an einem für die Bomber der Alliierten nicht erreichbaren Ort wie Swerdlowsk oder wo auch immer nukleare Waffen und ballistische Raketen entwickelt hätten? Ob es Roosevelt dann gelungen wäre, die Amerikaner, denen er noch im Wahlkampf Nichteinmischung versprochen hatte, in den Krieg zu führen? All das ist nicht ohne weiteres zu beantworten, auf jeden Fall wäre die Entwicklung anders verlaufen. Zum Glück ist das eine historisch irreale Annahme - ein Alptraum!
Die Wege des Schicksals sind mitunter wunderbar. Bei der Militärregierung in Schongau war eine vorzügliche Dolmetscherin beschäftigt, eine Russin, Frau Apuchtin. Sie war nach der Oktoberrevolution nach Deutschland gekommen und hatte während des Krieges für die Wehrmacht in Jugoslawien gearbeitet. Ihr erster ziviler Chef 1945 war August Wilhelm Schmidt, ein Versicherungsfachmann, der die Geschäfte eines Generalsekretärs der CSU führte. Frau Apuchtin erzählte mir, daß es in München einen Kreis junger Leute gebe, der das beginnende demokratisch-politische Leben aktiv gestalten wolle; dies sei doch für mich eine Möglichkeit, mein politisches Engagement über den Schongauer Bereich hinaus auszuweiten. Eines Tages sagte Frau Apuchtin, daß Josef Müller mich bei der nächsten Sitzung seines Kreises erwarte.
So gewann ich im Frühjahr 1946 Anschluß an Dr. Josef Müller, den "Ochsensepp", und wurde Mitglied im sogenannten Gedon-Straßen-Kreis, benannt nach der Gedonstraße in München, wo die Wohnung von Josef Müller lag - im Haus Nummer 4, erster Stock links, wohnte er bis zu seinem Tod 1979. Während des Dritten Reiches war Josef Müller wiederholt verhaftet und ins Konzentrationslager gesperrt worden. Im September 1944 brachte man ihn für mehrere Monate ins Hausgefängnis der Gestapo-Zentrale in der berüchtigten Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Als enger Freund und Mitarbeiter von Admiral Canaris im Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht hatte Müller zwischen deutscher Opposition und in- und ausländischen Kirchenstellen vermittelt. Josef Müller kannte Tod und Teufel. Nach 1945 nutzte er seine unendlich vielen Verbindungen für den Wiederaufbau.
Seinen Namen hatte ich zum ersten Mal gehört im Zusammenhang mit internen Debatten der späteren CSU über Namen und Richtung der Partei. Ich hatte ein gutes persönliches, fast freundschaftliches Verhältnis zu einem älteren Geistlichen, dem Dekan Ott von Altenstadt bei Schongau, einer beeindruckenden Erscheinung. Man nannte ihn nur den "Bischof von Altenstadt". Der berichtete mir eines Tages, daß in München Vorbereitungen zur Gründung einer neuen Partei getroffen würden. Es gebe zwei Strömungen. Die einen wollten die Wiedergründung der Bayerischen Volkspartei unter einem anderen Namen, Bayerische Volksunion beispielsweise. Die Männer, die hierfür einträten, Alois Hundhammer und Fritz Schäffer, würden von der Mehrheit der katholischen Geistlichkeit unterstützt. Die anderen gruppierten sich um Josef Müller und den christlichen Arbeiterführer Adam Stegerwald; sie wollten zwar eine eigenständige bayerische, aber an den christlich-demokratischen Gesamtgedanken angelehnte Partei.
Ich fühlte mich, nach kurzfristiger Sympathie mit der ersten Gruppe, doch von der zweiten, der christlich-sozialen, angesprochen. Die verhängnisvolle Vergangenheit und sechs Jahre Krieg waren an mir nicht spurlos vorbeigegangen; es sollte Schluß sein mit dem Weimarer Parteiensystem, das so kläglich versagt hatte, es sollte eine andere parteipolitische Architektur entstehen, ein wirklicher Neuanfang gemacht werden.
In meiner Grundanalyse stimmte ich - obwohl er mir damals noch völlig unbekannt war - mit Konrad Adenauer überein, der ebenfalls die Meinung vertrat, daß das Parteiensystem der Weimarer Republik gescheitert war und nicht neu belebt oder wiederhergestellt werden könne. Das war auch meine felsenfeste Überzeugung. Darum war ich ein Anhänger des Mehrheitswahlrechtes, ohne damit allerdings durchzukommen, und ein Verfechter der Fünf-Prozent-Klausel, um wenigstens die gröbsten Auswüchse zu verhindern und eine verhängnisvolle Parteienzersplitterung weitgehend auszuschließen. An sich wollte ich ein Mehrheitswahlrecht nach englischem Vorbild, also Einerwahlkreise, in denen die relative Mehrheit der Stimmen entscheidet. Es ging mir um demokratisch funktionsfähige, große Parteien, und nur bei einem relativen Mehrheitswahlrecht haben Splitterparteien keinerlei Chancen, während sie bei der Fünf-Prozent-Klausel immerhin einige haben. Zweitens ging es mir um eine klare parlamentarische Verantwortungsteilung mit starken demokratischen Regierungen, die sich auf ausreichende Mehrheiten stützen können, ohne ständig zu lähmenden Koalitionsverhandlungen und -absprachen gezwungen zu sein.
Die Frage, ob ich meinen politischen Weg in München oder Bonn gehen sollte, stellte sich für mich nicht. Die Entwicklung war für mich so gelaufen, wie sie lief. Ich war durch Josef Müller sehr früh Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der CSU geworden, also des engsten Führungskreises der Partei, weil der "Ochsensepp" in mir offensichtlich ein politisches Talent entdeckt zu haben glaubte, sehr zum Mißvergnügen anderer, vor allem der Hundhammer-Riege. Ich hatte als Landrat weder Lust noch auch eine echte Chance, Mitglied des Bayerischen Landtags zu werden, wo vorläufig noch die alten Politiker aus der Zeit der Bayerischen Volkspartei den Ton angaben. Das war eine andere Generation, für die ich, im September 1945 gerade erst 30 Jahre alt geworden, noch zu jung war.
Zu meiner eigenen Überraschung kam ich im Februar 1948 in den Wirtschaftsrat der Bizone nach Frankfurt. Damit war ich bereits auf der Bonner Schiene, ohne es damals zu wissen, ohne es zu planen und ohne es ursprünglich zu wollen. Ich habe die Gelegenheit, als sie sich bot, beim Schopf ergriffen, zuerst nach Frankfurt, dann nach Bonn zu gehen.
Es war und ist meine Überzeugung, daß unsere Geschichte einen gewissen Verhängnischarakter hat, auch wenn dieser Meinung von manchen Historikern widersprochen wird. Ohne den Vertrag von Versailles und ohne Weltwirtschaftskrise wäre Hitler nicht an die Macht gekommen. Die Weltwirtschaftskrise mit ihrer Massenarbeitslosigkeit, die sich in Deutschland am allerstärksten auswirkte, hat Hitler jene Massen an Wählern zugeführt, ohne die er den Marsch zur Macht nie hätte antreten können. Das war die Zeit, die ich noch in Erinnerung habe, als an der Türe unserer sehr bescheidenen Wohnung in München die Zahl der bettelnden Menschen buchstäblich von Woche zu Woche stieg. Man gab ihnen, die nach jeder denkbaren Arbeit fragten, einen "Zweiring", ein Zweipfennigstück, oder ein Stück Brot, das dankbar angenommen wurde.
Der Unterschied zur Arbeitslosigkeit von heute könnte nicht augenfälliger sein. Heute sorgt sich der durchschnittliche Arbeitslose darum, ob er weiter sein Auto halten, ob er seine Mittelmeerreise oder seinen Skiurlaub finanzieren kann. In den dreißiger Jahren bedeutete Arbeitslosigkeit, ob man noch Brot hatte für den nächsten Tag. Diese Existenzangst erzeugte eine politische Radikalisierung, die den Kommunisten und den Nationalsozialisten Auftrieb gegeben hat.
Diese Situation hatten wir nach dem Krieg vor Augen: das Deutsche Reich zerschlagen und verstümmelt, in vier Zonen aufgeteilt, die in keiner Wirtschaftsverbindung mehr zueinander standen; das Transportwesen zerstört, der Produktionsapparat weitgehend vernichtet, die Handelsflotte versenkt oder beschlagnahmt; von den Weltmärkten abgeschnitten; das Restgebiet des Reiches mit Flüchtlingen überfüllt - das muß, so dachten wir, zu einer Arbeitslosigkeit mit ähnlichen politischen Wirkungen wie in den dreißiger Jahren führen. Wie die wirtschaftliche Not damals Hitler die Wähler in die Arme getrieben hatte, so fürchteten wir diesmal die Kommunisten als Gewinner einer unvermeidlichen Radikalisierung. Das war unser düsteres Zukunftsbild. *HINWEIS: Im nächsten Heft Adenauers raffinierte Finten - Die Eigenständigkeit der CSU - Der Kampf um den deutschen Wehrbeitrag - Adenauer bietet Strauß das Familienministerium an
Von Franz Josef Strauß

DER SPIEGEL 36/1989
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