DER SPIEGEL



Frauen

Stationen der Lust

In westdeutschen Städten erforschen Historikerinnen die Frauengeschichte - von der Hexenverbrennung bis zu den "Müttern des Grundgesetzes".

Da, bei ,Bratwurst-Glöckle', das war vor 200 Jahren der Eingang für Dienstmädchen", sagt Stadtführerin Marianne Koerner, 32. Zehn Geschichtsstudentinnen blicken etwas ratlos auf die Preistafel für Rostbratwürste, während die Historikerin von schwangeren Dienstmädchen und schwängernden Hausherren erzählt.

Für die Exkursion quer durch Göttingen muß das Wurstlokal herhalten, weil "die meisten Orte des Erinnerns", so Koerner, "männliche Orte sind". Die Wissenschaftlerin zählt zu einer wachsenden Zahl von Frauen, die sich, bundesweit, darangemacht haben, die lokale Frauengeschichte zu erforschen.

"Auf die Spur gekommen" heißt Marianne Koerners gerade erschienenes Buch über Frauenhistorie in ihrer Heimatstadt. Das Werk, weiß sie, liegt "voll im Trend": Ob in Bonn oder Freiburg, Osnabrück oder Hamburg - vielerorts wollen Historikerinnen und Frauen aus Stadtteilgruppen, darunter auch Feministinnen, wissen, wie es einstmals ihren Geschlechtsgenossinnen ergangen ist. Die Forschungsobjekte reichen von der Ära der Hexenverbrennung bis zu den weithin vergessenen "Müttern des Grundgesetzes" (siehe Kasten Seite 70).

Im Schwarzwald stöberten die Historikerinnen Carolina Brauckmann und Sully Roecken in lokalen Archiven beispielsweise das Geständnis der Catharina Memmingerin auf, die unter Folterungen aussagte, des Nachts in einem Bottich "ein Wetter" gekocht zu haben, um "den Reben was Schaden zuzufügen". Am 25. Oktober 1603 wurde sie als Hexe verbrannt.

In Hamburg-Ottensen entdeckte eine Frauengruppe in den Altonaer Nachrichten, Jahrgang 1895, den Bericht über einen Prozeß, in dem gut hundert Hamburgerinnen "auf je 15 Mark Geldstrafe event. 3 Tage Haft" verurteilt worden waren. Sie hatten einem Verein angehört, in dem über politische Themen gesprochen wurde - was Frauen nach preußischem Recht strikt verboten war.

Zum Forschungsgegenstand wird mehr und mehr auch die Geschichte der Frauen an den deutschen Hochschulen. Lange Zeit hatten pseudowissenschaftliche Männerlehren wie die vom "psychologischen Schwachsinn des Weibes" dazu beigetragen, Frauen von den Bildungsstätten fernzuhalten. An der Universität Freiburg beispielsweise, gegründet 1457, wurden sie erst 1899 zum Studium zugelassen - auch ein Thema für örtliche Geschichtsforscherinnen.

Erst den "Müttern des Grundgesetzes" gelang es 1949, die volle Gleichstellung von Mann und Frau in der Verfassung der neuen Bonner Republik zu verankern - Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes ("Männer und Frauen sind gleichberechtigt") ist vor allem der Sozialdemokratin Elisabeth Selbert zu verdanken.

Den vergessenen Kampf der Genossin Selbert haben Bonner Geschichtsstudentinnen nachgezeichnet, die unter Leitung von Annette Kuhn, Inhaberin des einzigen westdeutschen Lehrstuhls für Frauengeschichte, ein einschlägiges Bonn-Buch verfaßt haben.

Mit früheren Elaboraten der Frauenbewegung haben die meisten Werke, die jetzt entstehen, nur wenig gemein. "Anfangs", sagt die Göttingerin Koerner, "waren die Arbeiten eher von Wunschdenken als von wissenschaftlicher Genauigkeit geprägt." Mehr als der verklärte Rückblick auf die Heldinnen der Frauenbewegung gelte nun die nüchterne Bestandsaufnahme des Frauenalltags vor Ort.

"Am Anfang der Frauenbewegung haben wir ja nur nach der Powerfrau geguckt und uns mit Revolutionärinnen wie Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin beschäftigt", erzählt die Hamburger Historikerin Rita Bake, 37, "doch das sind Ausnahmefrauen, aus solchen Lebensläufen ist nichts abzuleiten." Nun soll vor allem das Leben von "Normalfrauen" rekonstruiert werden. Keine einfache Aufgabe: Jahrhundertelang schien die Alltagswelt von Nonnen und Dienstmädchen, Bäuerinnen und Hausfrauen den Historiographen - überwiegend Männern - wenig berichtenswert. Die Quellenlage ist dünn bis hoffnungslos.

Oft lassen sich die Lebensumstände der "Normalfrau von einst" nur mit Hilfe von Berichten über "Abweichlerinnen" erschließen - über Frauen also, die aktenkundig wurden, weil sie gegen die gesellschaftlichen Normen verstießen. "Da gilt es dann, Polizeiakten oder Gerichtsprotokolle, allesamt von Männern abgefaßt, gegen den Strich zu bürsten", sagt die Göttingerin Koerner.

Auf diese Weise entstehen Bücher mit Titeln wie "Zierlich und zerbrechlich" (über Düsseldorf), "Dienen lerne beizeiten das Weib" (über Osnabrück) oder "Liebe war ja auch dabei" (über Bottrop). Mancher dieser Bände, angereichert mit Tips zum Pökeln oder Ratschlägen gegen Frostbeulen, mit Kriegserlebnissen und Familienerinnerungen, bietet ein "abenteuerliches, nachdenklich machendes Panorama" der Frauengeschichte, wie die Westdeutsche Allgemeine das Bottrop-Buch rezensierte.

Wie sehr Männersicht heute noch vielfach die lokale Geschichtsdarstellung bestimmt, zeigten den Frauengeschichtlerinnen die offiziellen Hamburger Feiern zum 800. Hafengeburtstag. Aus Protest gegen den in der Hansestadt weithin kultivierten "Mythos Männerwelt Hafen" haben sie zwei Bücher herausgegeben: "Frauen im Hamburger Hafen" und " . . . nicht nur Galionsfigur" sollen Ahnungslose, denen bei diesem Thema immer nur Seemannsbräute einfallen, über die Geschichte der Hafenarbeiterinnen aufklären.

Ein "Frauenarbeitskreis Wandbild" nutzte die Hafenjubelfeier, um die rund 1000 Quadratmeter große Außenfassade eines alten Speichers mit Szenen aus der Geschichte Hamburger Hafenarbeiterinnen zu bemalen. Das monumentale Werk, gekrönt von einer kämpferisch dreinblickenden Schweißerin, erinnerte Spötter an den Sozialistischen Realismus. Die Hamburger "Heldin der Arbeit", mäkelte die alternative Tageszeitung, könnte "auch die Wand eines Volkseigenen Betriebs in der DDR schmücken".

Auf jegliche Heroisierung verzichtet hingegen eine derzeit laufende Ausstellung "1789 - speichern & spenden", die den Hamburger Alltag während der Französischen Revolution zum Thema hat*. Die Historikerin Bake zeigt die Hanseatinnen von einst nicht nur als Opfer, sondern eher als "Fordernde", als Frauen "mit Wünschen und Begierden". * Im Bardowick-Speicher, Deichstraße 27, bis zum 10. Dezember.

Daher präsentiert die Ausstellung neben Gewürzsäcken und Anstandsbüchern auch "Stationen der Lust": Eine Drehbühne läßt auf Knopfdruck nacheinander ein Ehebett, altertümliche Präservative aus Lämmerdarm und einen monströsen Gebärstuhl an den Besuchern vorbeirotieren.

Männer reagieren, beobachtete die Historikerin Bake, zuweilen "geschockt" auf die bizarren Exponate. Ältere Frauen "lachen immer", wenn sie das Kant-Wort lesen, daß "die Frau dem Mann zur Unterhaltung, der Mann der Frau zur Erhaltung" zu dienen habe.

Rita Bake weiß, warum: "Die Besucherinnen erkennen in solchen Sätzen aus dem 18. Jahrhundert ihre eigene Ehe wieder." f
*KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Frauenhistorie vor Ort *

Bonn: Arbeitsgemeinschaft Frauengeschichte (Hg.): "Bonner Frauengeschichte. Ein Stadtrundgang". Universität Bonn; 72 Seiten; 7,80 Mark.

Bottrop: Angelika Königsfeld: "Liebe war ja auch dabei". Henselowsky-Verlag, Essen; 128 Seiten; 24,80 Mark.

Düsseldorf: Frauenkommunikation e.V. (Hg.): "Zierlich und zerbrechlich. Zur Geschichte der Frauenarbeit am Beispiel Düsseldorf". Volksblatt Verlag, Köln; 316 Seiten; 24,80 Mark.

Freiburg: Carolina Brauckmann/ Sully Roecken: "Margaretha Jedefrau". Kore Verlag, Freiburg; 492 Seiten; 42 Mark.

Göttingen: Marianne Koerner: "Auf die Spur gekommen. Frauengeschichte in Göttingen". Calenberg Press, Neustadt; 184 Seiten; 14,80 Mark.

Hamburg: Rita Bake / Jutta Dalladas-Djemali / Martina Gedai / Birgit Kiupel: "Frauen im Hamburger Hafen". Christians Verlag, Hamburg; 164 Seiten; 19,80 Mark.

Frauenarbeitskreis "Wandbild/ Frauenarbeit im Hamburger Hafen" / Museum der Arbeit (Hg.): " . . . nicht nur Galionsfigur. Frauen berichten von ihrer Arbeit im Hamburger Hafen". Ergebnisse Verlag, Hamburg; 180 Seiten; 35 Mark.

Frauen-Geschichtsgruppe des Stadtteilarchivs Ottensen e.V.: "Aufgeweckt. Frauenalltag in vier Jahrhunderten". Ergebnisse Verlag; 224 Seiten; 26 Mark.

Osnabrück: Birgit Panke-Kochinke: "Dienen lerne beizeiten das Weib". Centaurus Verlag, Pfaffenweiler; 180 Seiten; 28 Mark.


DER SPIEGEL 45/1989
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