01.01.1990

Bonn/ParisSplitter im Körper

Frankreichs Staatspräsident Mitterrand tritt für die Existenz zweier deutscher Staaten ein. Das Verhältnis Bonn-Paris ist auf dem Tiefpunkt.
Im Staatsratsgebäude am Ost-Berliner Marx-Engels-Platz klirrten die Gläser - Staatspräsident Francois Mitterrand,73, ließ auf einem Festbankett aus Anlaß seiner Visite die DDR-Spitze sowie "Universalgenies" aus "Ihrem" Land hochleben: "Bach, Händel, Luther, Nietzsche, Leibniz, Lessing" - für Mitterrand offenbar allesamt geistiger Alleinbesitz der DDR.
Die Heimat der Geistesgrößen resultiert für den Franzosen aus politischen Fakten. Mitterrand in seiner Tischrede am 20. Dezember zu dem amtierenden Staatsratsvorsitzenden Manfred Gerlach und dem Ministerpräsidenten Hans Modrow: "Sie können auf die Solidarität Frankreichs mit der Deutschen Demokratischen Republik rechnen", denn - mit Betonung - es gebe "diese beiden deutschen Staaten".
Tags darauf trichterte Frankreichs Staatspräsident auch der DDR-Jugend seine These von der Zweistaatlichkeit Deutschlands ein. Im knüppelvollen Hörsaal 19 der Karl-Marx-Universität in Leipzig belehrte der Sozialist rund tausend Studenten, von denen er gar einige zu sich auf die Bühne gewinkt hatte: Zwar gehe die deutsche Einheit "zunächst die Deutschen an". Aber: Zwei deutsche Staaten hätten ihre "souveräne Existenz", und "auch ihre Nachbarn" müßten über deren "Stabilität wachen". Frenetischer Beifall - der Franzose war als Anti-Wiedervereiniger akzeptiert.
Verbindlich im Ton, hart in der Sache ließ der mit einem großen Troß von Ministern und Industriellen angereiste Mitterrand bei seinem dreitägigen Staatsbesuch in der DDR - der ersten Visite eines Oberhauptes der drei westlichen Siegermächte im zweiten Deutschland - keinen Zweifel daran, daß er die Entstehung eines "Vierten Reiches" (Liberation) im Herzen Europas nicht so einfach hinnehmen will.
Als politischer Taktiker ist Mitterrand kaum zu übertreffen. Nicht zufällig stellte der Autor einer Biographie über ihn den Wahlspruch des Kardinals Mazarin (1602 bis 1661) voran, der die europäische Vormachtstellung Frankreichs begründete: "Ich verschleiere, ich weiche aus, ich besänftige, so gut ich kann; aber wenn es erforderlich wird, zeige ich, wozu ich fähig bin."
Der Unterstützung der USA, der UdSSR und der Briten gegen einen einheitlichen deutschen Nationalstaat hat Mitterrand sich versichert. Dazu der in Paris lebende US-Kolumnist Jim Hoagland: Französische "Arglist", sowjetische "Drohungen" sowie anglo-amerikanischer "Legitimismus" sollten gemeinsam deutsche Wiedervereiniger abblocken.
Planmäßig baut Sozialist Mitterrand Frankreich als politischen Stimmführer im Europa-Chor auf, Widerpart zu Bonn mit seinen für die Oststaaten attraktiven "Taschen voller Kredite" (Le Monde). Auf das von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochene "Augenmaß" in der Deutschlandpolitik möchte Mitterrand sich jedenfalls nicht verlassen.
Ein neuer deutscher Nationalismus, behauptet er, würde den von ihm bewunderten sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow "destabilisieren". Überdies könne Kohls hartnäckige Weigerung, die Oder-Neiße-Linie ausdrücklich als endgültig anzuerkennen, eine Kettenreaktion von Gebietsansprüchen in Europa auslösen. Woran er dabei denkt, zählte Mitterrand in einem Interview im französischen Fernsehen am 10. Dezember auf: Pommern, Schlesien, Masuren, dann "das Stückchen Ostpreußen, das russisch geworden ist", ferner das zwischen Ungarn und Rumänien umstrittene Siebenbürgen - schließlich die sowjetische Moldaurepublik.
Als Diplomat ist Mitterrand klarsichtig genug, als Franzose zu sehr von Staatssinn geprägt, als daß er sich dem nationa* Am 21. Dezember 1989 in der Leipziger Karl-Marx-Universität. len Einheitswillen der Deutschen offen entgegenstemmen würde. So gab der Pariser Wahlmonarch schon früh, als die Mauer brach, die Parole aus: "Ich habe keine Angst vor der Wiedervereinigung." Zwei von drei Franzosen stehen seither - grob gerechnet - einer deutschen Einigung positiv gegenüber.
Doch genauso früh und parallel dazu begann der Pariser Stratege das Vereinigungsstreben der Deutschen einzugrenzen: Beim Straßburger EG-Gipfel Anfang Dezember legte er Bundeskanzler Kohl auf die europäische Wirtschafts- und Währungsunion fest. Er mobilisierte mit den anderen Siegern des Zweiten Weltkriegs die Vier-Mächte-Verantwortung für Berlin. Und er forderte - unisono mit Gorbatschow - eine neue, die Unverrückbarkeit der Grenzen garantierende Konferenz der 35 KSZE-Staaten, "Helsinki 2". Sie soll schon dieses Jahr stattfinden - in Paris natürlich.
Um die westdeutsche Wirtschaftsoffensive in Osteuropa auszugleichen, hatte Frankreichs Staatschef eine eigene Ostpolitik forciert: Seit November 1988 besuchte er die UdSSR, die Tschechoslowakei, Bulgarien und Polen, in diesem Januar ist Ungarn dran. Stets brachte Mitterrand - an Geld fehlt es halt - wohlklingende Botschaften vom "republikanischen Erbe" der Französischen Revolution mit.
Als "Revolution der Freiheit" sieht Mitterrand, wie er in Ost-Berlin sagte, auch den Umsturz in der DDR.
Aber er will einen Fuß in der deutschdeutschen Tür behalten - gleichberechtigt mit den Supermächten. Am 6. Dezember verständigte er sich in Kiew mit Michail Gorbatschow - geradezu liebevoll drehte der ihm am Flughafen die falsch herum aufgesetzte Pelz-Tschapka zurecht - auf die Formel von den "zwei souveränen deutschen Staaten".
In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem "Mann von Format" (Mitterrand über Gorbatschow) beschwor der Franzose eine alte Waffenbrüderschaft: "Rußland und Frankreich haben durch die Jahrhunderte als ausgleichende Kraft in schweren Augenblicken der Geschichte gedient." Liberation sah schon eine neue "Achse Paris-Moskau" anstelle des "zerbrechlich gewordenen deutsch-französischen Verhältnisses" entstehen.
Zehn Tage später vereinbarte Mitterrand unter Palmen auf dem französischen Teil der Karibikinsel Saint-Martin mit US-Präsident Bush, jede Art von deutscher Einheit nach Kräften hinauszuzögern - nach außen bestritten sie die Absprache. Seite an Seite mit Bush unterstrich der Franzose wiederum, daß es "zwei deutsche Staaten" gebe. Zum Bonner Kanzler ging er auf Distanz: "Herr Kohl ist ein deutscher Patriot, aber zwangsläufig hat er Reflexe, die ich nicht teile."
Atmosphärisch läuft längst nichts mehr zwischen Paris und Bonn, Frost kündigt sich an für das Treffen zwischen Mitterrand und Kohl am Donnerstag in Frankreich. Reumütig gestehen hohe Pariser Diplomaten heute ein, wie falsch es war, daß Mitterrand seine Westdeutschland-Politik ausschließlich auf die Person Kohls konzentriert hatte.
Der französische Schriftsteller Laurent Dispot, der Mitterrand in die DDR begleitete: "Seit Jahren hat der Sozialist Mitterrand die deutschen Sozialdemo* Am 19. Dezember 1989 in Dresden. kraten völlig vernachlässigt, eine Katastrophe."
Frankreichs Staatspräsident bleibt nachhaltig verstimmt, weil Kohl ihn vor Bekanntgabe seines Zehn-Punkte-Katalogs zur deutschen Frage vom 28. November nicht konsultierte, ja nicht mal informierte. Nicht der Inhalt der Erklärung, der Vertrauensbruch durch Kohl hat ihn verletzt.
Irritiert hat ihn auch, wie Kohl durch seinen eilends angesetzten DDR-Besuch die Mitterrand-Visite in den Schatten stellte.
Mit einem verächtlichen Nein wies Mitterrand einen Journalisten in Ost-Berlin ab, der ihn gefragt hatte, ob er sich nicht mit Kohl und Modrow zur Mauer-Öffnung am Brandenburger Tor begeben wolle. Zweieinhalb Stunden vor dem Massenfest flog Mitterrand ab.
Daheim in Frankreich schlägt er schon seit längerem frostigere Töne gegenüber den Deutschen an. Die Bundesrepublik sei "ohne institutionellen Platz als politische Macht in Europa", bedeutete er ausgewählten französischen Journalisten im Elysee-Palast.
Landsleute, die sich seit Wochen in düsteren Überlegungen ergehen, welche wirtschaftliche Übermacht ein vereintes Deutschland erreichen werde, rüffelte er öffentlich: Frankreich mit seiner "so großen Geschichte" brauche "keine Minderwertigkeitskomplexe" zu haben.
Und ironisch erinnerte der Franzose daran, wer für die Teilungen in Europa verantwortlich sei: "Unsere deutschen Freunde müssen dem Umstand Rechnung tragen, daß es einen Weltkrieg gegeben hat."
Mit solchen Einwänden steht der Sozialist nicht allein da. In der Nationalversammlung forderte der rechte Abgeordnete Francois d'Aubert, die linke Regierung solle "nicht nur der Sowjetunion die Aufgabe zuschieben, die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern".
Öffentlich weist Mitterrand solche Ideen von sich: "Ich bremse nicht", erklärte er treuherzig in seiner Pressekonferenz in Ost-Berlin. Dennoch baute er - parallel zur Strecke Paris-Bonn - den zweiten Beziehungsstrang aus, der von Paris zu den Deutschen-Ost führt. Die Franzosen unterzeichneten in der DDR Wirtschafts-, Kultur- und Umweltschutzabkommen, vereinbarten Jugendaustausch und sicherten der DDR ein - nach Ost-Berlin - zweites Kulturinstitut zu, das in Leipzig stehen soll.
In der DDR erlebte der Franzose auch ein völlig neues Deutschen-Gefühl. Ihm gefiel, was der Chef der SED-PDS Gregor Gysi sagte, den er unprogrammgemäß fast eineinhalb Stunden lang empfing, während Bonns Kanzler den Kommunisten mied. Gysi: "Nie mehr darf von Deutschen auch nur die geringste Destabilisierung Europas ausgehen."
Tief beeindruckt zeigte sich Mitterrand auch von der stillen Würde der vieltausendköpfigen Menge, die ihm in Leipzig auf seinem Fußmarsch von der Nikolaikirche, Wiege der DDR-Revolte, zur Thomaskirche folgte.
Und seit langem nicht mehr, so schwor der Mitterrand-Stab, habe man den Chef "so glücklich und gelöst" erlebt wie unter den Leipziger Studenten. Dort wurde er wieder ganz zum "tonton" (Onkel) des linken Aufbruchs im Frankreich der frühen achtziger Jahre.
Von einer Studentin nach seinen Erfahrungen mit dem deutschen Faschismus befragt, erzählte Mitterrand bewegt von den "schlimmsten Grausamkeiten", die er in Kriegsgefangenschaft als 23jähriger Oberfeldwebel im Lager Rudolstadt bei Weimar miterlebt habe, und von seinem Untergrundkampf gegen die deutschen Besatzer in Frankreich.
Seither steckt ein deutscher Stachel in Mitterrands Leib - buchstäblich. Der Präsident habe, so bestätigte dessen persönlicher Arzt Dr. Claude Gubler dem SPIEGEL, "noch immer einen deutschen Granatsplitter im Körper".

DER SPIEGEL 1/1990
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