04.12.1989

Dagmar nach drüben

Die elektronische Mauer zwischen Ost und West ist weitgehend geschleift - das Fernsehen fungiert mehr und mehr als deutsch-deutsches Forum.
Beim ersten Mal, da tat's noch weh. Da hatte Abteilungschef Wolfgang Herger, 54, vom Zentralkomitee der SED der attraktiven Fernsehansagerin Birgit Witte, 38, zur eigentlich unerlaubten West-Reise verholfen - und die DDR-Bürgerin blieb im Februar einfach hüben. "Scheiße", schrie da der Genosse drüben.
Beim zweiten Mal ist das passe. Da kam, Mitte November, der Starsprecherin Angelika Unterlauf, 42, von der Ost-Berliner "Aktuellen Kamera" die Idee: "Ich lese die Nachrichten bei euch." Drei Tage später machte der "tolle Plan" Schlagzeilen: "Ost und West tauschen Sprecher aus - Dagmar Berghoff ins DDR-Fernsehen", titelte Bild am Sonntag am 19. November.
Buchstäblich über Nacht, nach der von Sprecherin Unterlauf verlesenen Meldung über die Grenzöffnung der DDR, hatte sich auch die deutsche Medienwelt verändert. Im Westen griff Henning Röhl, 46, Chef der "ARD-Aktuell"-Redaktion, die Austausch-Idee auf, am Dienstag letzter Woche kam Chefredakteur Klaus Schickhelm von der "Aktuellen Kamera" mit seinem Bonner Korrespondenten Lutz Renner zum Palaver mit der Truppe von "Tagesschau" und "Tagesthemen" nach Hamburg. Die "Aktuelle Kamera" berichtete am selben Tag, mit einem aus Hamburg übernommenen Beitrag, von der Begegnung.
Daß Perestroika auch im DDR-Fernsehen Einzug gehalten hat (siehe Seite 62), verrät nicht nur das Ost-Programm, aus dem demonstrativ schon Ende Oktober Agitationssendungen wie Sudel-Edes "Schwarzer Kanal" getilgt wurden. Auch im West-Fernsehen schlägt sich der Wandel nieder: Unerwartete Kooperationsbereitschaft der gewendeten TV-Bürokraten in Ost-Berlin hat eine Vielzahl deutsch-deutscher Sondersendungen ermöglicht.
Fernsehjournalisten aus Ost und West drücken sich gegenseitig die Mikrofone in die Hand. Ein hessischer TV-Berichterstatter ließ einen DDR-Grenzsoldaten kurzerhand von einem Uniformierten des Bundesgrenzschutzes interviewen - beide rangen nach Worten über gemeinsame Bürden durch den Anprall der Reisewelle. Die "elektronische Mauer", befand die Frankfurter Rundschau, sei nun geschleift.
In den West-Programmen wurden die Sendeabläufe fast täglich umgeworfen, Brennpunkte, Sonderbeiträge, verlängerte Informationssendungen eingerückt. Nur die Zentralen der privaten Fernsehprogramme spielten zumeist hilflos die Rolle des Pausenclowns - mit kläglicher Routine in den Nachrichten* Im "Tagesschau"-Studio mit Röhl, Renner, "Tagesthemen"-Moderatorin Sabine Christiansen, Schickhelm, Röhl-Stellvertreter Engelkes. sendungen und unbeirrbarer Vorliebe für Unterhaltungsklimbim.
"Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten", resümierte die konservative Welt, "haben insgesamt beste Arbeit geleistet." Daß auch die etablierten Medien des Westens eingesponnen sind in einen bürokratischen Kokon, zeigte sich nur am 4. November, als sie die dreistündige Live-Zuschaltung der Massenkundgebung von 500 000 Ost-Berlinern auf dem Alexanderplatz versäumten. Danach glänzten ARD und ZDF mit spektakulären Extrasendungen.
Kein Tag verging ohne Ost-West-Begegnungen vor Fernsehkameras und Radiomikrofonen. Das ZDF zeigte Leipzig live, eine "Stadt im Umbruch", mit Systemkritik und Demo-Aufrufen. Bei "Journalisten fragen - Politiker antworten" machte der Ost-Liberale Manfred Gerlach seine Reue öffentlich: "Ich bekenne mich schuldig."
Sorgsam gepflegte Feindbilder begannen sich im Scheinwerferlicht aufzulösen. Die ARD spielte einen Beitrag des DDR-Fernsehens, eigens für die West-Kollegen gedreht, über die Volksarmee ein. "Monitor" sendete letzte Woche zwei Berichte aus Ost- und West-Kasernen - aufgenommen von einer WDR-Reporterin in Leipzig und einer DDR-Kollegin in Gellendorf bei Münster.
Nach den Gefühlsausbrüchen der ersten Wiedersehenstage wurde im Fernsehen dann auch Trennendes sichtbar. In einer bislang beispiellosen Begegnungssendung auf Nord 3 mit Schulklassen aus Wismar und Lübeck war Moderator Joachim Wagner von der geradezu "staatsmännischen Sprache" der Jugendlichen irritiert. Kritik einer DDR-Schülerin am Fach Staatsbürgerkunde wurde zudem vom Fachlehrer gedeckelt. Danach guckten sich die Wismarer, bevor sie antworteten, erst mal nach den Reaktionen der anderen um, wie eine Schülerin gestand, denn "das ist uns anerzogen worden".
Erschreckend wirkte, am selben Abend in der Sendung "Unterm Funkturm" aus Berlin, das anmaßende Gehabe des stellvertretenden Welt-Chefredakteurs Enno von Loewenstern, der die Wiedervereinigung der Bundesrepublik mit "Mitteldeutschland" auf "nächstes Frühjahr" terminierte. Für die deutschen Ost-Gebiete stellte der deutschnationale Balte Grenzgespräche in Aussicht, bei denen "wir das eines Tages endgültig mit den Polen regeln", den "richtigen Polen", wenn die bis dahin die Vertreibung von 1945 bis 1947 als "Verbrechen" anerkannt hätten.
Der anwesende SED-Mann Manfred Pohl, Vize-Chef der "Aktuellen Kamera", fragte konsterniert, wer denn wohl "der richtige Deutsche hier am Tisch ist". Loewenstern: Es gebe keinen Anlaß zu "Persilscheinen" für SED-Leute, allerdings "Deutsche sind sie schon".

DER SPIEGEL 49/1989
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