31.07.1989

FUSSBALLMic und Mac

Mit möglichst vielen Toren will sich die Bundesliga aus ihrer Misere schießen. Doch die Neueinkäufe lassen daran zweifeln.
Stolz trägt der Mann die Nummer 10 des Spielmachers auf dem Rücken. Den Ball eng am Fuß, tänzelt er grinsend an der Außenlinie entlang. Dann allerdings, als ein energischer Manndecker zur Beingrätsche ansetzen will, produziert der dunkelhäutige Techniker vor Schreck einen Fehlpaß.
Das Mißgeschick wird dem Brasilianer Leonardo Manzi, 20, großmütig nachgesehen. Ehrfurchtsvoll reichen die versammelten Fans des FC St. Pauli dem neuen Star Papier und Filzstift zum Autogramm. Manzi, der dem Bundesligateam in der kommenden Saison zu spielerischem Glanz verhelfen soll, kommt schließlich vom legendären Pele-Klub FC Santos.
Daß der vermeintliche Wunderstürmer bei einem Testspiel schon nach 45 Minuten mit Zehenkrämpfen aufgeben mußte, kann die Vereinsführung nicht irritieren. Klubarzt Peter Benckendorff diagnostiziert lapidar, der kleine Pele vom Kiez habe "ein paar Probleme mit den Füßen": "Der Junge bekommt erst mal Schuhe mit Einlagen."
Der zum Knüller hochgejubelte Transfer des empfindlichen Südamerikaners ist symptomatisch für das Dilemma der bundesdeutschen Eliteklubs. Immer seltener treffen die Hauptdarsteller der attraktionsarmen Liga ins Tor des Gegners - letzte Saison registrierte die verdrossene Anhängerschaft mit durchschnittlich 2,78 Treffern pro Spiel die magerste Ausbeute seit Bestehen der Bundesliga. Zudem sind mit Jürgen Klinsmann und Thomas Allofs die letzten einheimischen Angriffskünstler ins Ausland abgewandert. Hektisch observieren die Vereinsvertreter deshalb den internationalen Stürmermarkt.
Für den ehemaligen Münchner Goalgetter Dieter Hoeneß, 36, ist das eine ziemlich vergebliche Suche. Derzeit fehle den Führungskräften in den finanzschwachen Klubs schlicht die Statur - "da müssen Leute mit Betriebswirtschaftsstudium sitzen" -, um entsprechend einzukaufen. Erst wenn die aus der Not geborene Halbherzigkeit weiche, werde der deutsche Profifußball, im Vergleich etwa zu Italien oder Spanien, wieder konkurrenzfähig sein.
So wirkt die Umtriebigkeit der Vereinsbosse, ihrer abgeschlafften Bundesliga frisches Blut zuzuführen, mitunter nur noch skurril. Eintracht Frankfurt zum Beispiel setzt seit Wochen auf die undurchsichtigen Kontakte seines Präsidenten Matthias Ohms zur Sowjet-Union. Der Devisenmakler gibt vor, dank seiner "geschäftlichen Verbindungen" vor dem Vertragsabschluß mit Igor Belanow, 28, einem abgetakelten Nationalspieler von Dynamo Kiew, zu stehen.
Offenkundig sind die Hessen davon noch weit entfernt. Ohms stützt seinen Optimismus auf "gemeinsame Abende beim Bier mit Direktoren russischer Banken". Und jene wiederum, so die simple Folgerung, säßen ja "auch schon mal mit Sportgenossen zusammen".
Zu einem Possenspiel steigerte sich desgleichen das Bemühen des VfB Stuttgart um einen Nachfolger für seinen blonden Überflieger Jürgen Klinsmann, der inzwischen bei Inter Mailand unter Vertrag steht.
Um dabei nicht "mit der Stange im Nebel zu stochern" (Präsident Mayer-Vorfelder), griffen die Schwaben schon frühzeitig zu und verpflichteten zum Preis von 1,6 Millionen Mark Harald Kohr, einen biederen Torschützen aus Kaiserslautern. Anschließend verschwand Cheftrainer Arie Haan zum Urlaub in die Karibik, wo er 14 Tage lang nicht erreichbar war.
Unterdessen trat Stuttgart vom gerade unterschriebenen Vertrag wieder zurück - der Sturmtank aus der Pfalz hatte eine Knieverletzung erlitten; die Geschäftsgrundlage sei somit entfallen.
Aus den Ferien zurückgekehrt, vernahm der Trainer die veränderte Sachlage aus dem Munde eines Taxifahrers. Kohr, so erfuhr der verblüffte Holländer, kämpfe mittlerweile vor Gericht um seinen Arbeitsplatz, statt dessen sei der Kollege Demir Hotic vom Nachbarklub Stuttgarter Kickers engagiert worden.
Selbst Herbert Waas von Bayer Leverkusen, mit 1,2 Millionen Mark Jahresgehalt Spitzenverdiener der Liga, wurde zu "Geheimgesprächen" ins Schwabenland eingeflogen. Im Massageraum auf dem Klubgelände traf er dabei auf den ahnungslosen Stuttgarter Konkurrenten Fritz Walter, der prompt um seinen Stammplatz fürchtete. Aufgeregt fragte "Bild" anderntags: "Waas oder Walter?" Das Votum der Leser entschied eindeutig für Fritz Walter.
Im fernen Dänemark wurden die glücklosen Talentsucher schließlich doch noch fündig. Mit dem 22jährigen Peter Rasmussen handelten sie einen Zwei-Jahresvertrag (Ablösesumme: 1,3 Millionen Mark) aus, der die wenig schmeichelhafte Klausel enthielt, ihn zunächst noch auf seine Tauglichkeit testen zu dürfen.
Nach zwei Wochen Probetraining hatte selbst Präsident Mayer-Vorfelder erkannt, daß der Däne "leider nur ein guter Mittelfeldspieler" sei. Rasmussen durfte trotzdem bleiben, denn die Stuttgarter fanden jetzt tatsächlich auch noch einen echten Stürmer: Manfred Kastl von Bayer Leverkusen; Preis: 2 Millionen Mark.
In der gewohnt großartigen Manier legte derweilen Bayern München seine Fahndung an, um der Sturmflaute Herr zu werden. Der Meister schickte mit seinem Assistenztrainer Egon Coordes und dem Ex-Coach Pal Csernai gleich zwei Leute vom Fach auf Reisen. Eine geschlagene Woche nahm der Deutsche Meister in Rio de Janeiro den brasilianischen Nationalspieler Bebeto ins Visier und zog dann kleinlaut wieder ab. Der um sein Renommee fürchtende Ballkünstler hatte sich verbeten, zunächst nur zu einem Probetraining vorgeladen zu werden.
Anstelle Bebetos kicken neuerdings zwei in der Branche weitgehend unbekannte Größen für die Münchner: der Jugoslawe Radomir Mihailovic, 24, und der Schotte Alan McInally, 26. Bayern-Fans nennen die beiden der Einfachheit halber nur noch "Mic" und "Mac".
Trainer Jupp Heynckes preist den von Aston Villa erworbenen McInally, der seinen Klub immerhin 3,3 Millionen Mark kostete, als einen "richtigen Brechertypen"; Manager Uli Hoeneß staunt über die "sensationellen Werte" des kantigen Briten, Körpergröße 1,86 Meter. Mac, der schon nach wenigen Tagen Weißbier von Pils unterscheiden konnte, gilt als Freund der harten Schnitte. Seinem vormaligen Klub hatte er gedroht: "Entweder ich darf zu Bayern, oder ich streike" - das zeige, wunderte sich der eher brave Münchner Coach, "daß er eine Persönlichkeit ist".
Wesentlich feinfühliger hat sich der Jugoslawe Mihailovic an der Isar eingeführt. Schon, als er bei Dinamo Zagreb um seine Freigabe bangen mußte, habe Mic, laut Heynckes, "vor Angst fünf Kilo abgenommen". Nach den ersten müden Auftritten für die Bayern bekannte selbst der robuste Mac: "Es ist alles sehr anstrengend."
Der ehemalige Bayern-Erfolgstrainer Udo Lattek mag sich da bestätigt sehen. Für die ursprüngliche Absicht des Liga-Favoriten, eine "Operation Weltstar" zu unternehmen, so der Fußball-Guru, "bedeutet das die Bankrotterklärung".
Daß auch Ex-Meister Werder Bremen mit dem Neuseeländer Wynton Rufer, 26, nicht eben den großen Fang gemacht hat, glaubt die Lästerzunge Max Merkel zu wissen: Wenn der ein Star sein solle, krakeelte der Sport-Kolumnist in seiner üblichen Metaphern-Huberei, müsse er selber "fairerweise in einem Atemzug mit Hans Moser" genannt werden.
Tatsächlich fiel der Neueinkauf der Branche vor allem durch unkonventionelles Privatleben auf. Hartnäckig hält sich das Gerücht, wonach es Zeiten gab, in denen Rufer Marihuana ebenso mochte, wie er dem einheimischen Bier zusprach. Erst als ihn ein Heilsarmist bekehrte, entstand ein neuer Mensch. Jetzt überweist er zehn Prozent seines Gehalts an die Religionsgemeinschaft und verkündet bewegt: "Früher war mein Vorbild Pele, heute ist es Jesus."
Nur: Zum Bedauern von Manager Willi Lemke konnte Bremen seinen frommen Bomber lediglich ausleihen (Preis: 450 000 Schweizer Franken). Der ursprünglich geplante Kauf scheiterte an der zu hohen Ablösesumme - Rufer hatte verpennt, seinen Vertrag bei Grasshoppers Zürich beizeiten zu kündigen. #

DER SPIEGEL 31/1989
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