04.12.1989

TerroristenGrüß Gott, Herr Inspektor

Unglaubliche Ermittlungspannen bei der Wiener Polizei bringt der Opec-Prozeß in Köln ans Licht.
Oben auf der Gangway gab sich die Terroristin ganz wie beim Abschied nach einem Staatsbesuch.
Vor ihrem Abflug aus der Bundesrepublik drehte sich Gabriele Kröcher-Tiedemann noch einmal um - ein Lächeln für die Kameras, diskrete Siegerpose für die Genossen im Untergrund. Dann hob die Boeing vom Airport Rhein-Main in Richtung Aden im Südjemen ab.
An Bord saßen fünf Terroristen, die von den Entführern des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz aus bundesdeutschen Haftanstalten gerade freigepreßt worden waren. Der Berliner Ex-Bürgermeister und Pastor Heinrich Albertz begleitete im März 1975 als Vermittler die spektakuläre Austauschaktion.
Mehr als 14 Jahre später hat der große Auftritt nun sein Nachspiel. Die Fernsehbilder vom Abflug in Frankfurt wurden in den Amtsräumen der Wiener Polizei einer Gruppe von zwölf vorwiegend österreichischen Männern und Frauen vorgeführt. "Die riefen wie im Chor: * Am 3. März 1975 in Frankfurt, mit Pastor Albertz. Das ist sie", sagte Hofrat Werner Liebhart, Abteilungsleiter bei der Wiener Bundespolizeidirektion, Ende letzten Monats vor dem Kölner Schwurgericht als Zeuge aus.
Gabriele Tiedemann - von ihrem Ehemann, dem Terroristen Norbert Kröcher, inzwischen geschieden - steht seit zwei Wochen in Köln vor Gericht. Die Anklage wirft ihr Doppelmord vor.
Am 21. Dezember 1975, nur neun Monate nach der Freipressung durch die Lorenz-Entführer, soll sie, unter dem Decknamen "Nada", als Mitglied eines internationalen Terroristenkommandos beim Überfall auf die Konferenz der Opec-Erdölminister in Wien dabeigewesen sein. Sie habe, so die Anklage, selbst zwei Menschen mit Schüssen aus nächster Nähe getötet: den österreichischen Kriminalbeamten Anton Tichler, 60, und den irakischen Leibwächter Al-Khafazi.
Der Anschlag war die bislang spektakulärste Terroraktion in Europa: drei Tote, mehrere Verletzte, elf ausländische Minister als Geiseln per Flugzeug nach Afrika entführt. Anführer des Kommandos war der Venezolaner Ilich RamIrez Sanchez, genannt "Carlos", der als internationaler Topterrorist über Jahre hinweg für Schlagzeilen sorgte.
Auch der Frankfurter Hans-Joachim Klein war in Wien dabei. Durch einen Bauchschuß war er bei dem Anschlag selbst lebensgefährlich verletzt und - nach einer Notoperation in Wien - mit seinen Komplizen und den Geiseln nach Algier ausgeflogen worden. Klein, über Brutalität und Unmoral der bewaffneten Kämpfer entsetzt, wurde zum ersten prominenten Aussteiger und erteilte dem Terrorismus eine radikale Absage (SPIEGEL 32/1978).
In Köln steht er weder als Mitangeklagter noch als Zeuge zur Verfügung. Mit Frau und Kind hält er sich verborgen. Auch "Carlos" ist seit Jahren abgetaucht oder gar schon tot. Einige Sicherheitsexperten vermuten, er sei von arabischen Mitwissern ermordet worden.
"Warum haben Sie denn die Zeugen nicht einzeln vor das Fernsehgerät gesetzt?" will Bruno Terhorst, der Kölner Schwurgerichtsvorsitzende, vom Wiener Hofrat über die Video-Vorführung wissen. "Das wäre doch wohl besser gewesen." Die Frage macht das Dilemma der Kölner Richter deutlich. Denn als Beweismittel gegen die Angeklagte könnte eine Wiedererkennung durch Tatzeugen allenfalls dann verwertbar sein, wenn es dabei um persönliche, unmittelbare und unbeeinflußte Wahrnehmungen gegangen und auch anderes Bildmaterial zur Auswahl vorgeführt worden wäre.
Liebhart hebt die Achseln. Ein blasses "Ja" leitet über zum Eingeständnis, daß im Wiener Polizeipräsidium geschlampt worden ist. Für die Kassette mit dem deutschen Filmmaterial sei, berichtet Liebhart, nur ein einziges Abspielgerät aufzutreiben gewesen. Es habe kurzfristig vom österreichischen Fernsehen ausgeborgt und auch schnell wieder zurückgegeben werden müssen, "denn das Gerät war dort immer im Einsatz". Da langte halt die Zeit nicht für die wohl gebotene kriminalistische Sorgfalt.
Die kuriosen Begleitumstände jener Kinovorstellung im Wiener Polizeipräsidium sind nur ein Detail aus der ganzen Fülle von Belegen über einen unglaublichen Dilettantismus der österreichischen Ermittlungsbehörden. In der neueren europäischen Kriminalgeschichte ist kein Fall eines vergleichbar großen, sich über 22 Stunden erstreckenden und vor den Augen von über 100 Zeugen ablaufenden Verbrechens bekannt, in dem die Ermittlungen derart schlampig geführt und nahezu alle üblichen Maßnahmen der Spurensicherung außer acht gelassen wurden.
"Wer auf der Alm mit der Axt auf die Magd losgeht", so ein Wiener Polizeiexperte, "auf den wird ein viel größerer kriminalistischer Aufwand losgelassen als hier, wo in der Hauptstadt jemand eine ganze Konferenz entführt und drei Leute totschießt. Das ist doch eine Schande."
Die ersten Zeugen aus dem Wiener Polizeiapparat, die nach Köln angereist waren, wirkten auf viele Prozeßbeteiligte denn auch wie Figuren aus einer Nestroy-Posse.
Polizeiinspektor Hermann Caesar von der Wiener Bundespolizeidirektion stand damals als einziger Posten vor dem Eingang des Opec-Konferenzgebäudes - "aber nur die Zu- und Abfahrt hatte ich zu regeln". Gegen Mittag "kamen fünf Personen an mir vorbei, vier Männer und eine Frau. Die Herrschaften haben freundlich gegrüßt, ich glaube, sie haben Grüß Gott gesagt oder Guten Tag, Herr Inspektor".
Die freundlichen Herrschaften waren "Carlos" und seine Komplizen. Wenige Minuten später gab es die ersten beiden Toten. Beschreiben konnte Caesar die Täter schon damals nicht: "Ich hatte keinen Auftrag, die Leute zu kontrollieren. Das ist ja auch so schnell gegangen."
Hofrat Liebhart, damals noch Oberpolizeirat, saß derweil daheim vor dem Fernsehschirm: "Ich habe mir das Skirennen angesehen, es war der goldene Sonntag." Liebhart hatte später als Einsatzleiter "alle Maßnahmen zu koordinieren. Mein Auftrag: Ruhe bewahren, niemand sollte in den Sperrkreis rein".
Oberrat Heinz Jürgen Mastalier, dritter Zeuge in Köln, war damals als Jurist bei der Wiener Kripo tätig: "Meine Aufgabe war die Kommissionierung der Leichen." Schwurgerichtsvorsitzender Terhorst, ein Lächeln zuckt um seine Lippen, will das genauer wissen. Resultat der Nachfrage: Für die Untersuchung mehrerer Leichen muß in Wien zuerst mal eine Kommission gebildet werden. Vorher geht keine Ermittlung los.
Die Tatkraft aller Wiener Einsatzbeamten schien, so das Ergebnis der ersten Zeugenbefragungen in Köln, mit dem Abfassen ständig neuer Berichte an die jeweils vorgesetzten Beamten erschöpft. Konferenzen gab es im Polizeipräsidium, von wo die Oberbeamten wiederum an das Innenministerium berichteten, wo es abermals Konferenzen gab und neue Berichte angefertigt wurden.
Chargen und Schranzen gerieten in Hochform. Doch beim harten Handwerk polizeilicher Ermittlungsarbeit geschah so gut wie nichts während des Tag und Nacht andauernden Dramas, und auch nicht danach.
Ungezählte Geschoßhülsen und Einschußstellen fanden sich am Tatort. Der Versuch, sie bestimmten Waffen zuzuordnen, wurde in Wien gar nicht erst unternommen. "Die Geschoßteile konnten hier nicht exakt bestimmt werden", wollte Zeuge Mastalier den Kölner Richtern weismachen. Beamte und Opec-Angestellte sollen sie als Souvenir eingesteckt haben.
Die Täter waren mit der Straßenbahn gekommen. Doch Tramfahrer oder Schaffner, die als Zeugen hätten wichtig sein können, wurden gar nicht erst gesucht. "Carlos" soll die Nacht vor dem Überfall im Wiener "Hilton"-Hotel geschlafen haben. "Wir haben die Anmeldezettel kontrolliert", berichtet Liebhart, "aber ob ,Carlos' dabei war, da waren die Ergebnisse gleich Null." Sollte der Terrorist am Ende gar unter falschem Namen abgestiegen sein?
Oberrat Mastalier, nach eigener Aussage damals mit der Kontrolle der Tatort-Untersuchungen beauftragt, ließ alles geschehen, was zur Spurenvernichtung taugte. Große Blutlachen habe er zwar gesehen, aber zu Blutgruppenuntersuchungen sah der Oberbeamte "keine Veranlassung".
Als die Täter mit ihren Geiseln am nächsten Tag das Gebäude verließen, betrachteten die Wiener Polizeibeamten die Verbrecher nur mit Ferngläsern. Liebhart: "Natürlich wollten wir beim Rausgehen der Gruppe auch Aufnahmen machen. Aber wir mußten die Beamten zurückziehen." Kameras mit leistungsstarken Teleobjektiven zählten offenbar nicht zum technischen Standard der Hauptstadt-Polizei.
Zum Flughafen waren Täter und Geiseln mit einem Autobus transportiert worden. Gerichtsvorsitzender Terhorst: "Ist denn der Bus anschließend auf Fingerabdruckspuren behandelt worden?" Liebhart: "Ich glaube, nein."
Allmählich wird den Kölner Prozeßbeteiligten deutlich, warum fast alle Nachfragen und Ermittlungen der deutschen Strafverfolger seit Jahren von Österreich boykottiert werden. Zunächst sollten überhaupt keine Zeugen nach Köln reisen dürfen, zwingen kann sie die deutsche Justiz dazu ohnehin nicht. Inzwischen schreibt der Vorsitzende jeden einzelnen persönlich an. Einige kommen, andere haben abgesagt, der Rest ist Schweigen.
Eine Frage des Vorsitzenden Richters an den damaligen Einsatzleiter Liebhart gibt womöglich Aufschluß über die wahren Hintergründe eines derart auffälligen Polizeiversagens ausgerechnet bei einem so spektakulären Verbrechensfall. Terhorst: "Es gab doch Informationen, wonach ein Opec-Staat selbst an dem Anschlag beteiligt war, die Idee dazu und auch die Waffen geliefert haben soll?" Liebhart weicht aus: "Sie führen mich auf einen sehr gefährlichen Pfad, Herr Vorsitzender."
Sicherheitsexperten vermuten heute, daß Libyen nicht nur der Drahtzieher des Wiener Opec-Überfalls war, sondern daß der Staatschef des nordafrikanischen Landes, Muammar el-Gaddafi, anschließend die Alpenrepublik auch unter Druck gesetzt hat, die Aufklärung aller Tatumstände dieser Terroraktion zu verhindern.
Gabriele Tiedemann kann in Ruhe abwarten, ob in dem verfahrenen Verfahren überhaupt noch verwertbare Indizien zutage kommen. Auf die Frage, ob sie zur Wahrheitsfindung etwas beitragen und aussagen wolle, antwortet sie: "Erst einmal nicht." f

DER SPIEGEL 49/1989
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