04.12.1989

ZigarettenNorm runter

Gesundheitsschutz oder Dirigismus? Die Brüsseler EG verbietet kräftige Zigaretten.
Im Entwicklungslabor des Hamburger Zigarettenkonzerns Reemtsma geht es seit einigen Tagen hektisch zu. Die Tabakexperten prüfen lange Tabellen mit den Schadstoffwerten ihrer Rohware, testen neue Tabakmischungen und suchen nach veränderten Produktionsformen.
Der Eifer dient nur einem Ziel: So schnell wie möglich sollen die krebsfördernden Kondensate und der für starke Raucher gefährliche Teeranteil in Reemtsma-Marken wie "Roth-Händle" oder "Reval", "West Strong" oder "Astor" verringert werden.
Der Anstoß für den Sondereinsatz kam von außen. Von 1993 an, so verkündete der EG-Ministerrat Mitte November in Brüssel, dürfen die Hersteller in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft nur noch Marken mit einem Höchstwert von 15 Milligramm Teer pro Zigarette verkaufen. Bis 1998 soll der krebsfördernde Schadstoff schließlich auf 12 Milligramm gedrückt werden.
Nicht nur etliche Reemtsma-Marken liegen mehr oder minder deutlich über der neuen Norm. Konkurrent BAT etwa muß die Rezeptur für seine erst kürzlich mit viel Werbeaufwand eingeführte "Lucky Strike" ebenso ändern wie für die "Benson & Hedges", die "Prince Denmark" oder die filterlose "Gauloise". Die "Camel" von Reynolds in Köln und die "Lux" der Bremer Firma Brinkmann haben ebenfalls höhere Kondensatwerte, als Brüssel erlauben will.
Der Eingriff in die Produktion trifft die ohnehin angeschlagene Branche hart. Für Gesundheitsexperten gilt der Beschluß des EG-Ministerrats denn auch als Durchbruch im Kampf gegen die Zigarettensucht.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben in den zwölf Ländern der Europäischen Gemeinschaft täglich mehr als 1200 Menschen an Krankheiten, die durch das Rauchen verursacht werden. Mit dem EG-Programm "Europa gegen den Krebs", zu dem auch die neue Kondensatnorm gehört, soll die Zahl der Krebstoten bis zum Jahr 2000 um 15 Prozent gesenkt werden.
Vehement aber vergebens wehrte sich die Tabaklobby gegen die EG-Beschlüsse. Für die Gesundheit der Raucher sei Brüssel nicht zuständig, sagte Günther Wille, Chef der deutschen Philip Morris ("Marlboro") und Vorsitzender des Verbandes der deutschen Cigarettenindustrie. Wille sieht seine Branche als "Testfeld für Euro-Bürokraten".
Die werden noch weiter testen. In den nächsten Monaten will die EG-Kommission ein weitgehendes Werbeverbot für Zigaretten beim Ministerrat durchsetzen. Auf den Packungen sollen dann auch deutlich sichtbare Warnhinweise wie "Rauchen verursacht Krebs" oder "Rauchen tötet" gedruckt werden.
"Hier geht es nicht um vernünftige Harmonisierung von Verordnungen auf europäischer Ebene", klagt Zigarettenmann Wille, "sondern um politischen Dirigismus gegen den Willen von selbständig handelnden Verbrauchern."
Willes Branche hatte lange Zeit auf jene EG-Regierungen gesetzt, die Einwände gegen die Kondensat-Regelung hatten. Die EG habe kein Recht, meinte etwa Londons Premier Margaret Thatcher, britischen Staatsbürgern Gesundheitsgesetze zu verordnen. Und Bonns Gesundheitsministerin Ursula Lehr argumentierte, in der Bundesrepublik sei das Angebot leichter Zigaretten ohnehin so groß wie in keinem anderen Land der Welt.
Doch auf der Novembersitzung des EG-Ministerrats in Brüssel zählten solche Argumente nicht mehr. Einmütig sprach sich die Runde für die neue Kondensatnorm aus. Nur die Griechen, die den Teer-Erlaß per Veto zu blockieren drohten, setzten für ihr Land eine Sonderregelung durch. Dort müssen die Schadstoffwerte in den Zigaretten erst im Jahre 2006 auf Europa-Standard gedrückt werden.
Härter noch als die deutschen Raucher von kräftigen Marken wie "Roth-Händle" trifft die EG-Regelung die Franzosen. Jeder dritte Nikotinfreund greift dort noch zu den filterlosen Schwarzen vom Schlage "Gauloises" oder "Gitanes". Die liegen mit bis zu 44 Milligramm Kondensat pro Glimmstengel weit über der Brüsseler Euronorm.
Vergebens hoffte die Tabaklobby in Paris auf Beistand durch Staatspräsident Francois Mitterrand. Doch der Ex-Raucher ("Gauloise") lehnte ab. "Wenn man die zweite Zigarette nicht will", riet Mitterrand öffentlich zur totalen Enthaltsamkeit, "nimmt man besser die erste nicht."
Eilig versucht die staatliche Tabak-Monopolgesellschaft Seita nun ihre empörte Kundschaft zu besänftigen, die das Ende der Schwarzen gekommen sah. "Gauloises" und "Gitanes" würden natürlich auch nach 1992 weiterproduziert und verkauft.
Doch die ganze Wahrheit ist das nicht. Denn der Teergehalt kann nur durch Beimischung hellerer Tabaksorten und durch wirkungsvolle Filter gesenkt werden.
Die kräftigen Sorten aus deutscher Produktion, ohnehin viel leichter als das Franzosen-Kraut, sollen ihren Geschmack behalten. Mit neuen Mischungen und Zusätzen wollen die Hersteller fehlende Teeranteile ausgleichen.
Unverbesserlichen Konsumenten starken Tobaks wird auch nach 1992 trotz aller EG-Bemühungen der Stoff nicht ausgehen. Sie müßten sich ihre Lullen nur selbst drehen, wie es jeder zweite Raucher etwa in den Niederlanden schon jetzt macht.
Den dafür nötigen Schnittabak, in jedem Supermarkt erhältlich, haben Brüssels Bürokraten in ihrer Kondensatnorm schlichtweg vergessen. f

DER SPIEGEL 49/1989
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