29.05.1989

Emigrant im Wartesaal der Literatur

SPIEGEL-Redakteur Rainer Weber über Otto Mainzers monumentalen Roman „Prometheus“
Er sei, sagt der Schriftsteller und Philosoph Otto Mainzer, "eigentlich ein Religionsstifter", und er scheut sich auch nicht, sein Lebenswerk in einem Atemzug mit dem Schopenhauers oder Nietzsches zu nennen. Propheten, Missionare und Visionäre sprechen so.
Wer aber, wie Mainzer, auch ein Gerechter ist und Ungerechtigkeit als persönliche Kränkung fühlen muß, der spricht auch so: "Was hätte die Welt gewonnen, wenn diese verdammten Schweine", und Klar-Verlegernamen folgen, "mich gedruckt hätten, ohne mich verstümmeln zu wollen - was hätte ich da geschrieben . . ." Otto Mainzer sagt das in seiner New Yorker Wohnung unweit des Central Park, in der die Kultur der USA nicht vorkommt und in der die Titel der Bücher an eine andere Zeit erinnern. Mainzer, Sohn eines jüdischen Frankfurter Weißwarenhändlers, ist Emigrant.
Seit eineinhalb Jahren leidet er an einer Gelenkentzündung. Seine Hände wärmt er mit wollenen Fingerhandschuhen. Gegen Krückstöcke sträubt er sich. Sein Gang ist mühsam, aber noch immer schreibt er, was er, neben allen anderen schriftstellerischen Tätigkeiten, ein Leben lang geschrieben hat: ein erotisches Tagebuch. Ein anderes Tagebuch hat er aufgegeben - aus Zeitmangel. Mainzer ist 85. Am Donnerstag dieser Woche erscheint sein Roman "Prometheus", ein Werk von 700 Seiten und der Beginn der literarischen Karriere eines Mannes am Lebensabend*.
Es ist ein Buch, dessen Manuskript jahrzehntelang durch den Literaturbetrieb und die Verlage geisterte, das stets das Zeug zu einem Bestseller hatte, hoch gelobt wurde und dennoch nie erschien. "Zu normalen Zeiten", räsonnierte etwa die "Zeit", "wäre ,Prometheus' ein literarisches Ereignis gewesen", sie bescheinigte dem Autor "heiligen Zorn", "zärtliche Vernunft" und die "geschliffene Feder der großen Moralisten in der Tradition Montaignes, Lessings, Nietzsches". Überschrieben war die Eloge mit einem flehentlichen "Warten auf Prometheus".
Das Plädoyer von 1985 für den Emigranten im Wartesaal der Literaturgeschichte ist nicht das einzige seiner Art. Eine potentielle Einschlagswucht wie einst bei dem nur an der Oberfläche der sexuellen "Befreiung" denkenden Oswalt Kolle vermutete etwa der Autor und Lektor Hans Christian Meiser in Mainzers Theorien, als er den Verfasser im Vorjahr ausführlich in einem Manifest "Die wilden 80jährigen" würdigte.
1939 schlugen Thomas Mann und Lion Feuchtwanger mit anderen Großmoguln der Exil"American Guild for German Cultural Freedom" den eben fertiggestellten ersten Teil des "Prometheus" zur Publikation in acht Sprachen vor - ein unter den Bedingungen der Exilliteratur sensationeller Vorschlag. Doch der Krieg verhinderte das Projekt, und Mainzer-Förderer Stefan Zweig sollte mit seiner an den Lyriker Mainzer gericheten Vermutung recht behalten: "In einer anderen Zeit hätte ein solches Buch Ihrer ganzen Produktion mit einem Ruck den Weg freigestoßen."
Gemeint ist der idealistisch vermessene wie intellektuell faszinierende Versuch, eine systematische Theorie der Erotik zu entwerfen und die Utopie dazu gleich mitzuliefern. Der Versuch trägt den Titel "Die sexuelle Zwangswirtschaft. Ein erotisches Manifest" erschien aktualisiert und mit einem halben Jahrhundert Verspätung, im Aids-Zeitalter, erst im Parabel-, dann im Goldmann-Verlag und elaboriert mit geduldiger Monomanie Mainzers These, daß die Verknüpfung des Eros mit ehelichem Versorgungsdenken die Hauptschuld trage an so ziemlich jedem Übel der Welt. Es hätte, sagen Experten, die intellektuelle Diskussion seinerzeit so befruchten können wie Wilhelm Reichs "Massenpsychologie des Faschismus".
Mainzers Anliegen ist eine ausgefeilte Theorie der sexuellen Korruption, deren sinnfälligster Ausdruck die Ehe ist - Paradebeispiel für die Erbsünde des Verrats an der Liebe. Wo Liebe, so Mainzers Theorie, zum Kaufpreis für ökonomische Versorgung und damit zur Ware wird, da sind die seit Freud bekannten Resultate unvermeidbar - Frust und Unlust, Genußunfähigkeit und Aggression, Triebunterdrückung und Regression. Unbeeindruckt vom Machbaren durchdenkt Mainzer in seinem Manifest die gesellschaftlichen und historischen Implikationen dieses Urverrats an der Liebe, je scheinbar wahnwitziger, desto intellektuell fesselnder.
"Die sexuelle Zwangswirtschaft" scheut sich nicht davor, auch den Antisemitismus zur Geschlechtskrankheit zu erklären. Mainzer stellt systematisch geschlossene Überlegungen zu einer Wirtschaftsordnung an, die ohne eine vom Sex-Frust herrührende Raffgier der Konsumenten auskommen muß sowie über, teilweise furchterregender Teil der Utopie, elternunabhängige Kinderaufzucht und Eugenik.
Wenn, überspitzt gesagt, "Die sexuelle Zwangswirtschaft" Mainzers "Kapital" ist, dann ist der dickleibige "Prometheus" seine Propagandaschrift für die Lesemassen. Das 700-Seiten-Epos packt sämtliche Thesen der "Sexuellen Zwangswirtschaft" in eine üppige Romanhandlung, bietet eine schonungslose Schilderung des deutschen Literaturbetriebs im Pariser Exil und eine moralisch-satirische Abrechnung mit der Dekadenz Berlins. Außerdem enthält "Prometheus" einen packend geschriebenen populärwissenschaftlichen Roman der Psychoanalyse. Für die Seelenkunde hätte er bewirken können, was "Götter, Gräber und Gelehrte" Jahre später für die Archäologie geschafft hat.
"Prometheus" ist die lebhaft, oft kolportagehaft erzählte Trilogie eines großen, dreifachen Scheiterns. Radikal der Aufklär-Idee der reinen, von ökonomischen und Paarpolitischen Interessen freien Liebe verhaftet, scheitert der Berliner Psychoanalytiker Helmut Brand beim Versuch einer radikalen Erneuerung der Freudschen Theorie. Obendrein muß der erotische Idealist die Geliebte verlassen, weil sie ihn durch ein Kind fesseln wollte.
Als Dichter scheitert er an einem Bühnendrama, das Mainzers Buch den Titel gegeben hat und den Kampf des Titanen Prometheus um die Erschaffung eines reinen, zärtlichen, rationalen Menschengeschlechts zeigen soll - ein Kampf, für den ihn die unlustvoll saufende und lustvoll allenfalls intrigierende Götter- und Göttinnen-Clique an einen Felsen des Kaukasus schmiedet.
In der französischen Emigration schließlich scheitert Brand mit dem Versuch, die Theorie der reinen Liebe an den (Verleger-)Mann zu bringen. Mainzer: "Brand ist, was ich geworden wäre, wäre ich Psychoanalytiker geworden."
Mainzer ist aber Jurist geworden, auch das zur Unzeit, kurz vor der Machtübernahme durch die Nazis. "Aus erotischen Gründen" ging er ins (damals) kosmopolitische Berlin. Um Zeit fürs Schreiben zu gewinnen, lebte er von juristischer Teilzeitarbeit als Tutor. Im französischen Exil entstand ein schmaler Gedichtband "Der zärtliche Vorstoß" (der unter dem Pseudonym Peter Grund publiziert wurde), im amerikanischen schlug Mainzer sich mit Jobs durch. 1941, am Tag des japanischen Überfalls auf Pearl Harbor, trat er eine Stelle als Graphologe in den Diensten eines Chicagoer Versandhandels an: Er sollte anhand von Unterschriften herausfinden, ob Bestellungen in betrügerischer Absicht aufgegeben wurden.
Der Gewinn aus diesem Job und eine später von der Bundesrepublik erfochtene Rente wegen erlittener seelischer Unbill in der Verfolgung legten den Grundstein für Mainzers Broterwerb, der "mit wissenschaftlicher Gründlichkeit" erlernten Börsenspekulation. Mit seiner Lebensgefährtin ist Mainzer ("Wir haben uns eheliche Papiere geben lassen") übrigens einen "Freundschaftsvertrag" eingegangen, der die sexuelle Zwangswirtschaftsehe aufhebt. Das Paar hat keine Kinder.
Wie jeder Gerechte fühlt Mainzer sich zu persönlicher Radikalität verpflichtet, notfalls auf eigene und auf Kosten anderer. So brüsk, wie Mainzer seit eh und je die Kürzung seines "Prometheus" um die Theorie, also dessen Reduzierung auf einen Liebes- und Sittenroman verweigert hat, so brüsk rechnet er mit Mitmenschen ab.
Die Fürsten der deutschen Exilantenszene in Paris reduziert Mainzer in kaum verschlüsselter Form auf "Emigrationsgewinnler", nicht einmal die Propagandisten des heldenhaften proletarischen Kampfs um Spanien kommen ungeschoren weg: "Genossen! begann er mit hoher, weinerlich klingender Stimme, die an einen Kastraten erinnerte" - so schildert Mainzer etwa den Auftritt eines zum Agitprop-Aktivisten heruntergekommenen Dichters. Gelegentlich, wenn vom "Abfall" der zur reinen Paar/ Partnerbeziehung erkorenen Frauen von Mainzer-Brand die Rede ist, kippt Prophet Mainzer denn auch um in die Selbstgerechtigkeit des Verkünders der reinen Lehre.
Mag sein, daß dergleichen absolut gesetzte moralische Imperative so wenig zeitgemäß sind wie Mainzers prä-feministische Textpassagen, da Männer auf Frauen-Rückseiten allergnädigst "Guitarre spielen, Kuchen backen, Trommelwirbel schlagen" können. Mit einiger Sicherheit aber dürfte Mainzers "Prometheus", dieser so schwergewichtige wie leicht konsumierbare Versuch über den schwärmerischen Idealismus, das vorerst letzte Zeugnis einer ausgestorbenen Art sein, für die - im Zeitalter des Mißtrauens gegen monokausale, geschlossene Denksysteme - vielleicht dennoch Bedarf besteht. #
Von Rainer Weber

DER SPIEGEL 22/1989
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