01.01.1990

Strahlenopfer in Kasachstan

Kinder mit zu vielen Fingern oder zu vielen Zehen, mit Darm- oder Nierenkrebs: Opfer sowjetischer Atombombenversuche. Dem ersten H-Bomben-Test 1953 wurden Menschen sogar bewußt ausgesetzt. Der dänische Journalist Thomas Heurlin gelangte kürzlich in unmittelbare Nähe des Versuchsgeländes. Aus seinem Bericht:
Anfang August 1953 kamen die Soldaten in unser Dorf. Ein Offizier sagte uns, alle Einwohner und das Vieh werden evakuiert, mit Ausnahme von 40 Personen, darunter auch ich. Wir mußten bleiben."
Das berichtet Tugai Rakjembjew, 59, der - linksseitig gelähmt - die letzten 30 Jahre meist im Bett verbracht hat: in einem primitiven Holzhaus des Dorfs Karaul, 100 Kilometer entfernt vom wichtigsten sowjetischen Wasserstoffbomben-Testgelände bei Semipalatinsk in Kasachstan, einer mittelasiatischen Sowjetrepublik.
Rakjembjew kennt inzwischen die Ursachen seiner Krankheit: Zwangsweise war er als Versuchskaninchen der Strahlung der ersten sowjetischen H-Bombe ausgesetzt worden. Er ist einer der wenigen Überlebenden.
"Wir wurden zurückgelassen, ohne im entferntesten zu ahnen, was passieren würde. Am nächsten Morgen sahen wir einen heftigen Blitz, der eine viel stärkere Leuchtkraft als die Sonne hatte. Der Horizont färbte sich rot, eine große dunkle pilzförmige Wolke war zu sehen. Wenig später wehte uns eine Staubwolke entgegen. Nach einer Stunde kamen die Soldaten zurück. Sie trugen Gasmasken und eine besondere Schutzkleidung. Sie * Oben: am 6. August 1989 mit Plakaten "Wir wollen leben", "Testgelände" (r.); sie erreichten einen Test-Stopp bis 31. Dezember 1989; unten: fotografiert von einem zur Ausbildung in die UdSSR abkommandierten Ungarn. Der Stabsoffizier erlitt später eine unbekannte Krankheit, derentwegen er sich 1966 das Leben nahm. befahlen uns, in Autos zu steigen, und fuhren mit uns davon", erzählt Rakjembjew.
"Unsere Autos hielten vor einem Militärlager. Man rief unsere Namen auf und untersuchte uns mit einem Dosimeter. Schließlich befahlen sie uns, 200 Gramm Wodka zu trinken."
Die 40 Dörfler blieben ahnungslos, die Soldaten brachten sie für 18 Tage auf eine Hunderte von Kilometern entfernte Sowchose, nach ihrer Rückkehr entnahmen ihnen Militärärzte Blutproben.
Zu den 40 Dorfbewohnern, die das Militär für den Atomversuch ausgewählt hatte, gehörte auch Talrat Selambekow, heute 64. Er erzählt, 1954 sei er zusammen mit 7 der 40 Testpersonen in die nächste Stadt, nach Semipalatinsk, gebracht und 45 Tage lang in einem geheimen medizinischen Institut beobachtet worden, das den Namen "Dispensarium Nummer 4" trug:
"Der Leiter des Dispensariums erklärte, sie untersuchten uns zum Nutzen der Wissenschaft und zum Wohle der kommenden Generationen. Wir wagten nicht zu protestieren, die Dinge lagen damals eben anders. Unsere Frauen fürchteten sogar, man habe uns abgeholt, um uns zu erschießen. Sie schickten eine Delegation zum Parteikomitee und fragten nach, was mit uns geschehen sei."
Nach den Angaben von Rakjembjew und Selambekow leben nur noch 7 der 40 Personen, die an den Versuchen teilnehmen mußten. Die meisten starben vor ihrem 50. Lebensjahr an Leukämie, Lymphdrüsen-, Haut- und anderen Krebsarten oder an verschiedenen Herzkrankheiten.
Rakjembjew bezieht eine Rente von 112 Rubel (weniger als 350 Mark) im Monat. "Ich sitze seit 30 Jahren in diesem Haus. Meine Existenz ist sinnlos, für meine Familie wie für die Allgemeinheit nur eine Belastung", sagt er.
Sein Bericht ist nur eine der zahllosen menschlichen Tragödien unter den Einwohnern in der Umgebung der riesigen Atomtestanlage in Kasachstan. Furcht vor Repressalien und das isolierte Leben in der verlassenen Steppe haben die Dorfbewohner vier Jahrzehnte lang daran gehindert, über die Folgen von fast 500 Atomexplosionen in diesem Gebiet (161 davon über der Erde) öffentlich zu sprechen.
Ausländer haben zu der Region Semipalatinsk keinen Zugang. Visa werden nur in Sonderfällen erteilt. Seit dem Abkommen von 1963 mit den USA und Großbritannien über das Verbot von Atomtests in der Atmosphäre hat die Sowjetunion Atomversuche nur noch unter der Erde angestellt. Glasnost läßt jetzt die Dorfbewohner wagen, über ihre Qualen zu sprechen. Im Februar 1989 mußten die Behörden eine örtliche Bürgerbewegung gegen die Atomtests genehmigen.
Die meisten älteren Leute in den Dörfern haben ihre eigene tragische Geschichte über die Rauchpilze in den frühen Tagen der nuklearen Militärtechnologie zu erzählen. Jetzt sind die Behörden gezwungen, diese Berichte ernst zu nehmen. Auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Semipalatinsk, an der jüngst medizinische Fachleute aus der gesamten Sowjetunion teilnahmen, wurden die Behauptungen der Dorfbewohner bestätigt, daß die Zahl der Krebserkrankungen hier höher liege als andernorts.
Die Konferenz verurteilte auch in scharfem Ton die heimliche Forschungstätigkeit des Dispensariums Nummer 4 und nannte dessen Tätigkeit eine "Verletzung der grundlegenden humanitären Prinzipien des Mitgefühls und der medizinischen Ethik".
Während der ganzen 40 Jahre der Atomversuche im Gebiet von Semipalatinsk untersuchte das sowjetische Gesundheitsministerium regelmäßig und insgeheim eine besonders ausgewählte Gruppe von Anwohnern des Testgeländes. Manche blieben Monate im Dispensarium Nummer 4, das Lawrentij Berija gegründet hatte, Stalins berüchtigter Geheimpolizeichef (der über das gesamte Atomprogramm die Aufsicht führte; er wurde bald nach Stalins Tod hingerichtet). 1954 unterstellte man die Geheimklinik dem Gesundheitsministerium.
In dem Dorf Sarschal, nur 28 Kilometer von der Detonationsstelle der Atombomben entfernt, praktiziert seit 21 Jahren die Ärztin Nagias Zenbajewa. Sie erfuhr weder den Grund noch den Zweck dieser Untersuchungen:
"Ich kann lediglich bestätigen, daß die meisten der 243 Personen, die während der letzten Jahrzehnte im Dispensarium Nummer 4 untersucht wurden, inzwischen tot sind. Die meisten starben an Krebs, einige an Herzkrankheiten, und andere begingen Selbstmord."
Auch die in Semipalatinsk tätigen Ärzte erregen sich über die Arbeit des Dispensariums: "Wir wissen, daß man jahrelang medizinische Untersuchungen an verstrahlten Personen vorgenommen hat, aber wir wissen nichts über die Ergebnisse", sagt Marija Schangelowa.
Für sie als Humanmedizinerin sei es schwierig, Kollegen zu verurteilen, erklärt sie. "Aber diese medizinisch geschulten Doktoren untersuchen die Menschen nur, sie behandeln sie nicht. Geheime medizinische Statistiken und geschlossene medizinische Institutionen sind ein Verbrechen."
Frau Schangelowa ist in dem Dorf Karaul geboren und aufgewachsen. Sie bestätigt, daß Rakjembjew und 39 weitere Versuchskaninchen während der Detonation der sowjetischen H-Bombe 1953 zurückgelassen wurden.
Die Zeugen leben noch, zum Beispiel das Mitglied der Kasachischen Akademie der Wissenschaften, S. B. Balmuchanow, stellvertretender Leiter des Instituts für Onkologie und Strahlungsforschung in Alma-Ata, der Hauptstadt der Kasachischen Sowjetrepublik. Man habe Leute in Karaul während der ersten Atombombenexplosion zum Bleiben gezwungen, erklärte er, und in dem Dorf Kainar sei es ebenso gewesen: "In Kainar mußten 16 Menschen zurückbleiben, während die restlichen Dorfbewohner für die Zeit des Atombombentests evakuiert wurden."
Von 1953 bis 1958 erforschte er selbst die gesundheitlichen Folgen des Atomversuchsprogramms bei Semipalatinsk, im Auftrag der Kasachischen Akademie der Wissenschaften. Die Zentralbehörden in Moskau ließen das Forschungsprogramm einstellen. Die ersten Ergebnisse waren strittig. Balmuchanows Forschungsmaterial wurde beschlagnahmt und als Staatsgeheimnis eingestuft.
Heute sind viele Ärzte im Gebiet von Semipalatinsk bereit, offen über die Folgen der Versuche zu sprechen. Mediziner eines Kinderkrankenhauses sagten aus, sie behandelten ungewöhnlich viele Patienten, die unter Schäden von Geburt an leiden.
"Vor drei Tagen wurde ein neugeborenes Kind mit Nierenkrebs eingeliefert. Kürzlich kamen zwei Kinder aus der Gegend am Testgelände zu uns, beide mit Darmkrebs, nur eines überlebte. Wir hatten keine andere Wahl als die Operation", berichtet ein Arzt. Als Ursache der großen Zahl von pränatalen Schäden am Ort nennt er die Atomversuche:
"Ich habe elf Jahre praktische Erfahrungen als Mediziner. Sieben Jahre lang arbeitete ich in einem anderen Teil von Kasachstan, dort gab es angeborene Defekte selten, aber hier sehen wir sehr viele. Herzschäden und mißgestaltete Gliedmaßen sind weit verbreitet. Oft haben Kinder zu viele Finger oder Zehen. Kein Zweifel, daß die Strahlung dabei eine wesentliche Rolle spielt."
In den letzten Monaten richtete sich heftige Kritik gegen das Gesundheitsministerium, es halte Informationen über die Katastrophe von Tschernobyl aus dem Jahre 1986 zurück. Da überrascht es niemanden, daß sich das Ministerium trotz zahlreicher Anfragen bislang weigert, über seine geheimen Forschungen an Strahlenopfern im Gebiet von Semipalatinsk Auskunft zu geben.
Der Chefarzt des Dispensariums Nummer 4 namens Gussew lehnte ein Interview ab. Generalleutnant Iljenko, der verantwortliche Offizier auf dem Testgelände, dementierte ärgerlich, daß Zivilisten während der Atomtests in den frühen fünfziger Jahren zurückgelassen worden seien: "Das sind Behauptungen von Extremisten und Provokateuren. Von Anfang an wurde alles getan, um die örtliche Bevölkerung zu schützen." Nur Tiere seien zu solchen Experimenten benutzt worden.
Aber die Regierungszeitung Iswestija enthüllte im Oktober, während einer militärischen Übung im Südural sei 1954 absichtlich eine Atombombe gezündet worden. Todesfälle, langfristige Krankheiten seien in Kauf genommen worden - diese Versuchskaninchen waren Soldaten.
Von Heurlin, Thomas

DER SPIEGEL 1/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.