01.01.1990

Vom Volkskörper abgespalten

SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek über das "Museum für Deutsche Geschichte" in Berlin-Ost

Hoch oben über der Spree, in einem Mansardenbüro des alten Zeughauses, sitzt Dr. Kurt Wernicke und macht seinem Herzen Luft. "Diese lächerliche Tränennummer mit der Mauer - ein Witz. Als ob sich die Berliner Familien vorm Mauerbau dauernd besucht hätten!" Kurt Wernicke ist ein Gemütsmensch. Aber er läßt sich nicht für dumm verkaufen.

Neben den Tintenklecksen auf der geblümten Tapete hängen Wimpel vom Seglerclub Köpenick. Wernicke ist Vereinsvorsitzender, Skatspieler und seit 33 Jahren verheiratet - "absolut untypisch für die DDR". Er ist ein Familientyp. Außerdem ist er "Stellvertreter des Generaldirektors" im Museum für Deutsche Geschichte.

Er starrt in den trüben Winterhimmel und schüttelt seinen grauen Krauskopf. Die neuen Zeiten! Jetzt hat man unten im Erdgeschoß den größten Teil seiner Ausstellung "Sozialistisches Vaterland DDR" dichtgemacht. Man hat ihm, von einem Tag auf den anderen, den Teppich unter den Füßen weggezogen. Vor drei Monaten noch, zur Jubelfeier der Staatsgründung, mußte man Journalisten, Schulklassen und Betriebsbelegschaften da förmlich reinprügeln. Aber seit die Ausstellung geschlossen ist, hängen sie an den Schlüssellöchern.

Wernicke genießt das irritierende Interesse und revanchiert sich mit bitterem Witz. Seine Leistung wird zum zweiten Mal verkannt. Früher war seine Ausstellung eine kaum beachtete museale Pflichtveranstaltung. Jetzt plötzlich ist sie eine mit ideologischer Lüsternheit beäugte politische Sauerei.

Dabei ist sie ein Musterbeispiel didaktisch klarer Gliederung. In vier Etappen hatte Wernicke den Sieg des Sozialismus in der DDR geschildert. Geschichte, das weiß er als Historiker, ist ein Konzept. Auch der Sozialismus ist eines. Konzepte sind auch die Wunschvorstellungen alter Kämpfer, verdienter Parteibonzen und ihrer Ehefrauen. Wernickes Aufgabe bestand darin, all diese Konzepte zur Deckung zu bringen. Er löste sie mit Bravour und erhielt dafür 1974 das "Banner der Arbeit". Selten war eines härter verdient.

Wernicke, der 1947 als 16jähriger aus Protest gegen das "korrumpierte" Elternhaus in die SED eintrat, kam in den fünfziger Jahren ans Museum, machte "viel Bauernkrieg und Reformation", bis er sich, in den sechziger Jahren "langsam der Gegenwart annäherte". Denn er war nie "nur Historiker, sondern immer auch Zeitzeuge".

Diese Doppelausbildung läßt ihn einen unbestechlichen Blick auf deutsche Geschichte werfen. Klar, daß die DDR souverän bleiben muß. "Vom deutschen Volkskörper haben sich doch immer wieder Teile abgespalten. Schauen Sie sich die Holländer oder die Schweizer an. Das ist ganz natürlich." Auch die Fluchtwelle in den Vorwochen der Revolution kommentiert er aus der historischen Adlerperspektive. "Das ist ganz einfach die Gegenbewegung zur Ost-Migration im Feudalismus. Seit dem Industriezeitalter gibt es die West-Migration." Begrüßungsgeld und Shopping auf dem Ku'damm - Randerscheinungen einer stinknormalen Völkerwanderung.

Immerhin haben sie ihm den Prospekt gelassen, sagt er, als er mit uns, den West-Besuchern, in einem klapprigen Fahrstuhl hinabfährt in den Ausstellungstrakt. "Det war schließlich teuer, det Ding, vierfarbig, Hochglanz." Bevor die Geschichte, die immer die Geschichte von Siegern ist, umgeschrieben und neu diktiert wird, wird die alte, unterlegene weiterverkauft. "Alles andere wäre Verschwendung von Volkseigentum."

Teil eins der Ausstellung ist unstrittig und daher dem breiten Publikum zugänglich. Er schildert die "antifaschistisch-demokratische Umwälzung" nach 1945. Erster Eindruck: Kurt Wernicke liebt die Schautafel. Er ist ein Virtuose der großformatigen Fotos und Texte. Er verabscheut den "Aktivismus moderner Museumspädagogen", die mit Rauminstallationen und Musik arbeiten. "Wer spielen will, soll in die Spielhalle gehen", knurrt er. Die wenigen Schaustücke sind um so sorgfältiger ausgewählt.

Da ist die aus einem Stahlhelm geformte Schöpfkelle, da ist der Mantel aus Igelit, einem Kunststoff, der bei Minustemperaturen einfach brach - alles Dinge, nach "denen sich mancher im schlampigen Sozialstaat der achtziger Jahre wieder zurücksehnt", und Wernicke wirft einen mißmutigen Blick auf ein paar Wohlstandsjugendliche, die im trüben Dämmerlicht der Halle die Vitrinen betatschen.

"Det is Erich", sagt er und deutet auf ein Honecker-Foto, "bevor er die Tippse Margot kennengelernt hat." In einem "Weiheraum" zur Staatsgründung ist das erste Arbeitszimmer von Wilhelm Pieck ausgestellt, und jedesmal bringt dieser Raum Wernickes Blut in Wallung. An der Wand hängen Schautafeln, die von der Urgesellschaft über die Bauernkriege im Zeitraffer revolutionäre DDR-Geschichte darstellen und schließlich in Piecks Arbeitszimmer münden sollen. "Der Grafiker war aber der Meinung, er müsse die Dinger in Leserichtung hängen. Und nun läuft die ganze Chose weg von Pieck. Nun hamwer den Quatsch."

Vor uns die weißen Wände der "Geschlossenen". Wie aus dem Boden geschossen steht Fräulein Irrgang bei uns. Fräulein Irrgang, die tatsächlich so heißt, ist seit Mai Museumsführerin. Sie lächelt still durch ihre Schmetterlingsbrille und klimpert mit dem Schlüssel. Wernicke schließt auf und sagt grimmig: "Nun haben Sie ja, was Sie wollen."

Hier, in der "sozialistischen Etappe des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus", trennen sich die Wege von Dr. Wernicke und seinen Besuchern aus dem Westen. Während diese die ersten Vopo-Uniformen, Bajonettgewehre und die schwülstigen Treuebekenntnisse ihrer Träger studieren, erklärt Wernicke in ihrem Rücken, ein wenig hastig und verlegen, Details eines Modells der Hochofenanlage des VEB Eisenhüttenkombinats Ost. Und während er das Nähwirkverfahren Malimo erläutert, das "von der Mafia der volkseigenen Maschinenhersteller boykottiert wurde, obwohl es wesentlich rationeller war", stehen die West-Besucher vor der Gruselvitrine des 17. Juni und schauen auf Totschläger und Messer und Flugblatt-Bomben, die einen "faschistischen Putschversuch" des Westens belegen sollen.

Und doch gehört beides auf anrührende Weise zusammen: Wernickes patriotische Kommentare zum kargen wirtschaftlichen Fortschritt der DDR und die optischen Schauerstücke der Propaganda-Arbeit. In all der schmalen Verbissenheit, das wird schlagartig deutlich, hatte der kleinere deutsche Staat nie auch nur den Hauch einer Chance, den Kalten Krieg zu gewinnen.

Natürlich ist es idiotisch, diesen Ausstellungsteil zu schließen, denn die Propaganda-Wirklichkeit gehört ebenso zur DDR-Geschichte wie die Bild-Zeitung zu den Aufbaujahren der Bundesrepublik. All das soll nun in einem "gereinigten" Geschichtsbild fehlen?

Zügig schreitet Dr. Wernicke zu den letzten beiden Abschnitten voran, zum "umfassenden Aufbau des Sozialismus" und zur "Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft". Keine aufgepflanzten Bajonette mehr - zum historischen Signet wird das "Sandmännchen" in seinem Plastikhubschrauber, das über Lizenzen auch den Weg in die Kinderstuben des westlichen Klassenfeindes fand. Friedlicher Konsumkrempel füllt die Vitrinen, die Trainingsanzüge von Gaby Seyfert und Wolfgang Nordwig stehen stramm, und das "Hand-Rühr- und Mixgerät RG 3" des VEB Elektrogerätewerks Suhl trägt "wesentlich zur Ausstattung der DDR-Haushalte mit elektrischen Haushaltsgeräten bei". In einer Doppelvitrine liegen rechts ein paar Bücher von Anna Seghers und Hermann Kant, und links, "viel wichtiger: das erste Farbfernsehgerät, noch ohne UHF-Konverter".

Ganz offenbar langweilt sich Dr. Wernicke in diesem Ausstellungsteil. Erst vor der durchschossenen Panzerplatte eines DDR-Schnellbootes, das vor Haiphong lag, gerät Dr. Wernicke wieder in Fahrt. Minutiös beschreibt der passionierte Segler die navigatorischen Manöver - "der Ami kam von dort" - und schildert das Schicksal der russischen und polnischen Beiboote, die ins Verderben fuhren, "weil sie keine deutsche Disziplin hatten".

Am Ende unserer Zeitreise durchs "Sozialistische Vaterland DDR", die auch eine Reise durch Jugend und Mannesalter des Dr. Wernicke war, steht Fräulein Irrgang bereit, um den Schlüssel entgegenzunehmen. Mit deutscher Sorgfalt wird Kurt Wernickes Sicht auf die Welt und der größte Teil seines aktiven Lebens wieder verschlossen. Für immer - ein Konzept ist erledigt.

Auch Kurt Wernicke ist am Ende einer Reise angelangt. Er hatte immer wieder nervös auf die Uhr geschaut und zur Eile gedrängt. Er hat einen weiteren Termin - draußen wartet bereits ein Besucher. Ein jüngerer Mann mit Schnauzbart und freundlichem Lächeln, der dem "lieben Kurt" die Hand drückt. Der Mann war mal sein Vorgänger, sagt Wernicke. Und wird nun möglicherweise sein Nachfolger. f


DER SPIEGEL 1/1990
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