30.01.1989

„Ihr Pech, daß sie kein Gorilla sein konnte“

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über den Mythos um die ermordete Affenforscherin Dian Fossey
Die Stadt ist voll von unfreundlichen Geschichten über Dian Fossey", schrieb US-Botschafter Frank Crigler im September 1978 aus Kigali an Dian Fossey in Karisoke. Wenn es wahr sei, daß sie, Mrs. Fossey, bisweilen gefangene Wilderer nackt ausziehe und deren Genitalien mit Brennesseln peitsche oder ihnen Urin in die Arme injiziere, um sie zu strafen, dann werde ihm seine Freundschaft zu ihr schwer werden.
Dian Fossey hat diese Drohung mit Fassung ertragen. Sie hatte nicht viele Freunde, und sie wollte auch keine. Ihr lag nichts an Beziehungen zu Vertretern der Spezies Mensch. Ihre Freunde waren die Gorillas im "Parc des Volcans" rings um ihre Forschungsstation Karisoke unterhalb der Uirunga-Vulkane in Ruanda.
Den Fluchtpunkt ihrer Sehnsüchte hat Dian Fossey so definiert: "Ich hatte den tiefempfundenen Wunsch, gemeinsam mit wilden Tieren in einer Welt zu leben, die von den Menschen noch nicht kaputtgemacht worden war. Ich wollte die Zeit nach rückwärts überspringen." Deshalb warf sie 1966 in Amerika spontan alles hin und zog nach Zentralafrika.
Dian Fossey gelang es, gegen heftigen Widerstand aus Regierungskreisen in der Hauptstadt Kigali und in der Provinzmetropole Ruhengeri eine mächtige Sympathisantenfront für die gefährdeten Berggorillas zu errichten. Sie baute in 3000 Meter Höhe einen Stützpunkt und stellte eine Truppe von Askaris zusammen, die die Wilderei unter Kontrolle brachte.
Dian Fossey wurde in der Nacht vom 26. auf den 27. Dezember 1985, kurz vor ihrem 54. Geburtstag, in Karisoke am Südhang des Visoke-Vulkans umgebracht. Ihr Tod hat das schon zu ihren Lebzeiten charismatisch überhöhte Fossey-Bild bis zur Unkenntlichkeit verkitscht.
In der Fossey-Biographie, die dem kanadischen Tierschriftsteller Farley Mowat aus der Feder troff, figurierte sie als eine Art heilige Johanna der Regenwälder, die "wegen ihres selbstlosen Engagements für eine bedrohte Tierart ermordet wurde"*. Der amerikanische Spielfilm über Dian Fossey mit der strengen, schönen Ostküsten-Asthenikerin Sigourney Weaver in der Hauptrolle (siehe Seite 142), der diese Woche in den bundesdeutschen Kinos anläuft, zeigt Dian zwar distanzierter, gleichwohl apotheotisch verklärt: als Märtyrerweib, wechselweise in Khaki und in Seide, das aus Enttäuschung über das perfide Menschengeschlecht ihr Leben dem besseren Teil der Schöpfung widmet und dabei zugrunde geht.
Die Ruander kannten sie besser. Für die Leute in Kinigi unten am Berg war sie schlicht eine Hexe. Die "Nyiramacibili", das häßliche Frauenzimmer, so sagen sie, habe Affen wie Menschen und Menschen wie Affen behandelt. Dafür habe sie mit ihrem Leben bezahlen müssen.
Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Aber soviel ist klar: Wayne McGuire, der junge Zoologe aus Oklahoma, der knapp ein Jahr nach der Tat in Abwesenheit als Mörder zum Tode verurteilt wurde, war es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.
27. Dezember 1985, kurz nach sechs Uhr früh: Fünf Schwarze stürmen schreiend in Wayne McGuires Hütte unten am Bach, der das Terrain von Karisoke nach Osten hin gegen den Regenwald abgrenzt. McGuire kann nicht viel Kisuaheli. Er versteht nur soviel: "Dian kufa, Dian kufa." Dian ist tot.
McGuire springt schlaftrunken auf. Er zieht sich seine Long Johns über und stürmt hinüber zu Dians Quartier, dem Mausoleum, wie sie es selbst nannte.
Dian liegt zwischen zerwühltem Bettzeug und umgekippten Möbeln mit weit geöffneten Augen am Boden. Neben ihr eine ihrer automatischen Pistolen, ein gefülltes Magazin und eine Panga, ein Hackmesser, wie es die Afrikaner zum Zuckerrohrschneiden benutzen.
Das Magazin gehört zu einer anderen Pistole. Dian war gewöhnlich flink im Ziehen. Aber als der Mörder sich auf sie warf, muß sie versehentlich nach der falschen Munition gegriffen haben.
Vielleicht war es der Schock. Es kann aber auch sein, daß sie unter dem Einfluß ihres Standard-Schlafcocktails stand: zwei, drei Beruhigungspillen und ein Wasserglas voll Whisky. Das würde auch erklären, warum sie nicht gehört hat, wie der Mörder ein Loch in die Wand ihrer Hütte hackte.
McGuire beugt sich zitternd über den reglosen Körper. Er macht einen hilflosen Wiederbelebungsversuch. Im fahlen Licht des herandämmernden Morgens, so sagt er später, habe er zunächst an eine Herzattacke geglaubt. Erst aus der Nähe habe er dann die tödliche Wunde bemerkt, die diagonal über das Gesicht der Toten lief. Ein Hieb mit der Panga hatte Dian den Schädel gespalten.
Gegen zwei Uhr mittags trifft Staatsanwalt Mathias Bushishi aus der Provinzhauptstadt Ruhengeri mit großem Gefolge von Polizisten und Soldaten ein. Er läßt Fingerabdrücke von der Panga nehmen, die inzwischen durch mindestens zwei Dutzend Hände gewandert ist, und betrachtet eine Fußspur, die von der Hütte aus in den Wald führt - allerdings ohne sie weiter zu verfolgen. Philippe Bertrand, der Arzt aus Ruhengeri, darf die Leiche erst untersuchen, nachdem die Uniformierten sie einer nach dem anderen ausführlich betätschelt haben.
Monsieur Bushishi hat auch schon eine Theorie: Mademoiselle Fossey, so führt er aus, sei Wissenschaftlerin gewesen. Ihr Mörder müsse hinter ihren wissenschaftlichen Arbeiten hergewesen sein. In den nächsten Tagen läßt er alle Schwarzen in Karisoke, die lesen und schreiben können, als potentielle Komplicen verhaften, außerdem mehrere ehemalige Bedienstete der Forschungsstation, von denen es heißt, sie seien im Zorn aus dem Dienst geschieden.
Die Verhafteten werden fürchterlich verprügelt, die meisten nach ein paar Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt. Es sei eine schreckliche Justizwillkür gewesen, schreibt der Reporter der "Washington Post" aus Nairobi.
Doch niemand beschwert sich. Im Innern Schwarzafrikas hat die Obrigkeit den Status einer Naturgewalt. Sturm, Buschfeuer und staatliche Willkür muß man erdulden. Dagegen kann man nichts machen. Drei Verdächtige kommen erst nach sieben Monaten frei. Einer von ihnen stirbt später an den Folgen der Folter, mit deren Hilfe Staatsanwalt Bushishi versucht hat, die Wahrheitsfindung zu forcieren. Zum Schluß ist nur noch Emmanuel Rwerekana, einer von Dian Fosseys ehemaligen Fährtensuchern, in Haft.
Anfang Februar wird Wayne McGuire zum erstenmal vernommen. Ein Wachtposten, so heißt es, habe ihn dabei ertappt, wie er versuchte, in Dians verschlossene Hütte einzudringen. Plötzlich liegt auch ein Gutachten vor, in dem bescheinigt wird, daß in der Faust der Toten ein Büschel "amerikanische Haare" gefunden worden sei.
Da McGuire am Mordtag der einzige Mzungu (kisuaheli für "weißer Mann") im Camp war, so heißt es, komme nach der Beweislage außer ihm kein anderer als Täter in Frage. Beweis? McGuires Anwalt, Michael Mayock, kann nachweisen, daß die Haare scharfe Schnittkanten haben, daß das Opfer sie seinem Mörder also schwerlich ausgerissen haben kann.
Aber Wayne McGuire fügt sich als Mörder gut ins politische Kalkül der Regierung in Kigali: Ein gewöhnlicher Mord darf es nicht gewesen sein. Das würde den Gorilla-Tourismus gefährden, der Ruanda fast zehn Millionen Dollar im Jahr einbringt, rund die Hälfte der Einnahmen aus dem Fremdenverkehr. Und daß die Theorie von einem politisch inspirierten Mordkomplott nicht stimmen darf, die an der Bar des "Hotel des Mille Collines" in Kigali noch heute favorisiert wird, versteht sich von selbst. Ein schwarzer Bonze als Mörder der weltweit gefeierten weißen Heroine würde Ruandas hochsensible Beziehungen zu den USA gefährden.
Die Hauptverhandlung im Verfahren der Republik Ruanda gegen Wayne McGuire und seinen angeblichen Komplicen Emmanuel Rwerekana findet am 4. Dezember 1986 im Bezirksgericht von Ruhengeri statt. Die Verhandlung währt nur knapp eine Stunde. Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift und hält sein Plädoyer. Dann wird die Sitzung vertagt. Keine Zeugenvernehmung, keine weiteren Plädoyers.
Am 11. Dezember werden die Urteile verkündet: beide schuldig. Doch das Erschießungskommando braucht nicht anzutreten. Emmanuel Rwerekana hat nach Mitteilung des Gerichts wenige Wochen zuvor im Gefängnis Selbstmord begangen. McGuire ist am 2. August mit einer Maschine der Air France nach Paris abgereist, nachdem ihm die Behörden mehrfach zu verstehen gegeben hatten, es werde nun wirklich ernst werden, wenn er nicht bald verschwinde.
Selbst wenn Staatsanwalt Bushishi ihn ernstlich gesucht hätte, wäre der Mörder kaum zu finden gewesen. Denn das Opfer hatte zu viele Feinde.
Allerdings, in einem Punkt sind sich auch ihre Feinde einig: Dian Fossey hat sich um den Tierschutz in Zentralafrika verdient gemacht. Ohne ihr ständiges Katastrophengetrommel wären die Berggorillas heute vielleicht ausgestorben. Umstritten ist bloß, ob die Rettung der Gorillas das Produkt echter Tierliebe war oder ein Nebenprodukt ihrer aus Haß auf die Zivilisation und auf die eigene Art beflügelten Flucht vor sich selbst.
Ihre Aufzeichnungen lassen wenig Zweifel, daß Dian Fossey zu den Silverbacks, den Rottenführern der Gorilla-Familien in ihrem Revier, eine Gemütsbeziehung kultivierte, die über den Rahmen bürgerlicher Tierliebe weit hinausreichte. Die Europäer in Kigali rissen über sie süffige Witze. Sie erzählten sich, Dian trage sich mit dem Gedanken, beim Papst um Erlaubnis für eine Hochzeit mit ihrem Lieblingsgorilla Digit nachzusuchen. Und war dies Gerücht nur deshalb absurd, weil sie nicht besonders fromm war?
Man muß kein Tierfreund sein, um die erotische Faszination unter der Haut zu spüren, die die "gentle giants", die sanften Riesen mit den pelzverbrämten schwarzen Lackgesichtern, verströmen. Die Nähe ihrer gewaltigen Körper fühlen, sagt Fossey-Darstellerin Sigourney Weaver, das heiße die Ewigkeit spüren.
Unter Dian Fosseys Matronat war die Forschungsstation Karisoke eine knorrige kolonialistische Festung, in der das Gesetz des Dschungels das Zusammenleben von weißen Herren und schwarzen Knechten bestimmte. Die Europäer in Kigali nannten sie Queen Kong oder Joan Wayne. Und das sagt eigentlich alles über ihr zerrüttetes Verhältnis zur neueren afrikanischen Realität.
Nirgendwo in ganz Afrika steht Tierschutz in so krasser und so direkter Konkurrenz zu den Interessen der Menschen wie in Ruanda. Das Land der tausend grünen Hügel war (und ist) der am dichtesten bevölkerte Staat des Kontinents: Über 200 Menschen pro Quadratkilometer Landfläche, praktisch jeder Hektar kultivierbarer Fläche ist bebaut. Trotzdem sind mehr als zehn Prozent des Landes für wilde Tiere reserviert.
Das Park-Terrain erstreckt sich zu jeweils etwa einem Drittel über die Territorien von Ruanda, Uganda und ZaIre (früher Kongo). Doch Dian und ihre schwarzen Askaris nahmen nie irgendwelche Rücksichten auf die Grenzen, die ihren Park durchschnitten.
Bei einem illegalen Besuch im kongolesischen Rumangabo wurde Dian 1967 festgenommen. Es war während der sogenannten Kongo-Wirren, als schwarze Rebellenbanden und weiße Söldnerhorden mordend und marodierend das Land durchstreiften. Aus Dian Fosseys sonst sehr penibel geführten Tagebüchern geht nicht so genau hervor, was sie in der Haft erlebte, ob sie gefoltert oder vergewaltigt wurde. Aber ihr ehemaliger Liebhaber, der Tierphotograph Bob Campbell aus Nairobi, meint, es müsse ein Erlebnis gewesen sein, das ihr Menschenbild veränderte.
Von jenen Tagen im Juli 1967 an hat Dian Fossey die Eingeborenen gehaßt, ganz besonders die Batwa-Pygmäen, die in dem Gebiet um die Virungas leben. Am liebsten, so sagt Kelly Stewart, die Tochter des Hollywood-Schauspielers James Stewart, die Dian vier Jahre lang assistierte, habe sie die Batwa als "zitternde, quäkende Angstpakete (gehabt), die sich in Lumpen und mit umschäumtem Mund vor ihr am Boden wälzten". Die Batwa leben seit Jahrhunderten von der Jagd. Sie haben nie verstanden, warum im unabhängigen Ruanda die Jagd verboten ist, während sie in der ehemaligen Kolonie Ruanda Urundi erlaubt war.
Die Ruander akzeptieren das Jagdverbot nur aus Gründen der Staatsräson. Tierschutz gilt in Afrika allgemein als typischer Mzungu-Spleen. Die großen Tierparks sind alle noch von den Kolonialisten gegründet worden. Sie haben die Unabhängigkeit nur überlebt, weil sie Devisen bringen.
Daß undomestizierte Tiere über den Rahmen ihres Nährwertes und neuerdings noch ihres Wertes als Touristenattraktion hinaus einen Nutzen haben sollen, ist für die meisten Afrikaner eine ziemlich schrullige Vorstellung. Im Kisuaheli, der Lingua franca Ostafrikas, gibt es nur eine gemeinsame Vokabel für Fleisch und Tier: nyamu.
Obwohl der ruandische Teil des Parc des Volcans ausreichen würde, um Nahrungsmittel für ein paar hunderttausend Ruander anzubauen, fand sich die Regierung in Kigali mit der Existenz des Reservats ab. Unter einer Bedingung: Es sollte wenigstens für den Tourismus genutzt werden.
Aber Dian wollte das nicht. Ihr Privatparadies eine Zirkusmanege für eine große Affenshow? Nur über ihre Leiche. Sie drohte, das Camp niederzubrennen, wenn die staatliche Fremdenverkehrsbehörde versuchen sollte, es zu übernehmen. Wer sich unautorisiert ihrem Camp nähere, der solle sich vor ihrer Automatic in acht nehmen. Das war wörtlich gemeint. Eine nicht angemeldete Gruppe von niederländischen Reisenden mußte im Kugelhagel den Rückzug antreten. Einem ihr unsympathischen Besucher aus Großbritannien ließ sie zum Lunch einen Suppenteller mit Affenkot auftischen.
Unter den Touristen standen in Dians Wertvorstellung nur noch die Batwa. Die krummbeinigen, grauhäutigen Liliputaner aus dem Umfeld um Karisoke waren für sie der allerletzte Dreck.
Die Batwa waren die Hauptverantwortlichen für die Dezimierung der Gorilla-Populationen, die die belgische Kolonialverwaltung unter Naturschutz gestellt hatte. Ein original King Kong ohne Schußlöcher im Pelz und mit intaktem Skelett brachte Anfang der siebziger Jahre zwischen einer Viertelmillion und einer halben Million US-Dollar.
Die Wilderer bekamen davon ein oder zwei Promille. Das war immer noch eine enorme Summe in einem Land mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von kaum hundert Dollar. Die Folge: Von den rund 600 Gorillas, die 1960 im Park gezählt wurden, lebte zwölf Jahre später nur noch knapp die Hälfte.
Dian Fossey hat den unheilvollen Trend gebrochen. Sie hat mit ihren frenetischen Kampagnen, mit ihren schrillen Appellen an das Weltgewissen, mit ihren Artikeln und Vortragsreisen das öffentliche Bewußtsein lockergeklopft, das die Gorillas zum Überleben brauchten.
Spätestens seit Anfang der achtziger Jahre ist die Spezies der Gorilla gorilla beringei nicht mehr vom Aussterben bedroht. Die Bestände sind seitdem um über 50 Prozent gestiegen. An den Osthängen der Virungas leben heute wieder mindestens 20 Familien mit ungefähr je einem Dutzend Tieren.
Die Batwa haben die Gorilla-Jagd aufgegeben, wenn auch eher aus Einsicht in ökonomische denn in ökologische Zwänge. Gorilla-Trophäen sind so gut wie wertlos, einfach weil sie nicht mehr zu verkaufen sind. Die Batwa wildern heute nur noch Antilopen und Kleingetier für die eigenen Fleischtöpfe.
Nur, Dian Fossey wollte die Wende nie wahrhaben. Sie brauchte die fortwährende Bedrohung für ihr Selbstverständnis als Fels im Kampf gegen das Böse. Bill Weber, einem ihrer Mitarbeiter, drohte sie mit Rausschmiß, weil er versuchte, sie davon zu überzeugen, daß die Bestände nicht mehr gefährdet seien. Weber: "Sie wollte die Gorillas partout sterben sehen."
Dian ließ weiterhin jeden Morgen ihre Wildhüter ausrücken, deren Gehälter sie aus dem von ihr gegründeten Gorilla-Hilfsfonds bezahlte. Meistens brachten die Askaris nur Fallen und Schlingen mit heim. Manchmal aber auch Wilderer.
Die Chefin hielt stets persönlich Gericht. Ihre Verhörmethoden hatten professionellen Schliff. Sie spuckte ihren Gefangenen ins Gesicht. Sie fesselte sie und stopfte ihnen Schlafmittel in den Rachen. Sie setzte sich furchterregende Masken auf und peitschte ihre Opfer aus. Einmal entführte sie ein Pygmäenkind, um den Vater zu disziplinieren. Auch die Urin-Injektionen hat sie nie bestritten.
Am schlimmsten soll Hatageka gelitten haben, Dians Erzfeind, der ihren Fängern ins Netz ging, als er dabei war, einen kleinen Buschbock zu enthäuten. Bei der Leibesvisitation fand Dian seine Sumu, einen Fetisch, den sich Afrikaner in die Kleider nähen, um sich gegen böse Geister zu schützen. Sie nahm ihm den Talisman weg und übergab ihn der Polizei. Hatageka war halb besinnungslos vor Angst. "Man konnte förmlich sehen, wie die Luft aus ihm herausging", notierte Dian strahlend in ihr Tagebuch.
Es gibt gute Gründe für die Vermutung, daß Dian Fosseys Erinnyen-Allüren stark kontraproduktiv waren. Die vier letzten Gorillas, die vor zehn Jahren im "Parc des Volcans" von Wilderern getötet wurden, stammten alle aus der "study group", einer Gorillafamilie, die Dian besonders ans Herz gewachsen war: Digit, Macho, Kweli, Onkel Bert.
Die Leute in Kinigi sagen, die Tötung der Gorillas sei die Strafe für die Grausamkeiten gewesen, die die Nyiramacibili den Batwa-Jägern angetan habe. Sie selbst sei nur das letzte Opfer in einer aufsteigenden Reihe von Racheakten gewesen. Sie waren sich darin im wesentlichen einig mit US-Botschafter Frank Crigler. Er schrieb anläßlich des Todes von Digit in einem Brief an Dian, man müsse annehmen, "daß es sich um eine gezielte Vendetta handelt".
Digit, ein majestätischer Prachtkerl von fast zwei Meter Größe, war das erste Opfer. Sein Porträt zierte die Plakate, die weltweit in den Reisebüros für den Besuch des Parc des Volcans warben: "Come and see me in Rwanda." Die Schlächter hatten ihm Kopf und Hände abgehackt und den verstümmelten Kadaver liegengelassen.
Dian war von Zorn und Trauer überwältigt. Sie scheuchte alle verfügbaren Kräfte in den Wald mit der Auflage, nicht ohne einen Schuldigen zurückzukommen. Und sie war nur mit Mühe davon abzubringen, das ganze Dorf in Brand zu setzen, in dem sie - freilich ohne jedes Indiz - die Täter vermutete.
Die Askaris brachten tatsächlich einen Verdächtigen heim ins Camp. Dian ließ ihn in ihrem Schlafzimmer an einen Deckenbalken binden und begann, ihn unter Zuhilfenahme von reichlich Whisky "sehr, sehr sorgfältig zu verhören", wie sie später schrieb. Als der Morgen graute, hatte der Gefangene alles gestanden, was Dian hören wollte.
Die Behörden in Kigali und Ruhengeri ließen sie gewähren, obwohl sie von Dian ständig und gröbstens beschimpft wurden, weil sie den Askaris das Recht vorenthielten, ertappte Wilderer auf der Stelle zu erschießen. Mehrere der weißen Mitarbeiter dagegen stiegen nacheinander aus dem Forschungsprojekt aus und reisten ab, weil sie Dians Brachialpädagogik nicht mehr aushielten.
Digits Tod warf Dian vollkommen aus der Bahn. Sie soff und rauchte noch mehr als vorher. Sie litt unter Schlaflosigkeit, unter Höhenkrankheit, vor allem unter der Zwangsvorstellung, von aller Welt betrogen zu werden. Manchmal kam sie tagelang nicht aus ihrer Hütte.
Weil sie den Berg aus eigener Kraft nicht mehr hinaufsteigen konnte, ließ sie sich auf einer Trage schleppen. Der Direktor der ruandischen Nationalpark-Verwaltung zwang sie, sich alle vier Wochen auf den Weg nach Kigali zu machen, um ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängert zu bekommen. "Er will mich vor meiner Zeit ins Grab bringen", schrieb Dian, "aber er schafft mich nicht."
Alle hofften darauf, daß das Problem Dian Fossey bald eine gnädige und biologische Lösung finden würde, wie ihr ehemaliger Mitarbeiter Craig Sholley, heute Direktor des Forschungsprojekts in Kinigi, formuliert. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Wayne McGuire, der ihre Leiche fand, sagte später, er habe noch nie ein Gesicht so voller Horror gesehen.
Dian Fossey wurde Silvester 1985 auf dem kleinen Gorilla-Friedhof in Karisoke gleich neben ihrem Freund Digit begraben. Craig Sholley sprach zwei Jahre danach einen späten Nachruf: "Sie war aus der Welt der Menschen ausgestiegen, und es war ihr Pech, daß sie nicht selbst Gorilla sein konnte." #
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 5/1989
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