06.11.1989

Raserei und Einfalt

Der Journalist Christian Schütze und der Astrophysiker Peter Kafka, zwei renommierte Kritiker der Wachstumsgesellschaft, ziehen bei der Deutung unserer ökologischen Misere am selben Strang - wenn auch in entgegengesetzter Richtung. Vor dem globalen Krankheitsbild, über das sie sich einig sind, liefern sie mit Hilfe jeweils überwältigender naturwissenschaftlicher Denkansätze zwei konträre Diagnosen und Bücher*.
Schütze analysiert den Schwund der irdischen Lebensgrundlagen in schneidender Stringenz als ein letzten Endes kosmisches, durch die industrielle Wohlstandsmaschinerie hinieden nur ungeheuerlich beschleunigtes Ereignis. "Niedergang" ist für ihn Naturgesetz und wäre somit durch uns allenfalls zu verlangsamen.
Kafka hingegen erachtet menschliche Dummheit, Trägheit und Gier für die eigentlichen und, so denkt er, behebbaren Ursachen der Talfahrt. Daß dies alles zuletzt sogar in "Aufstieg" umschlagen kann, läßt er sich von einem anderen Naturgesetz verheißen. So kommt Abwechslung in die apokalyptische Perspektive.
Schütze stützt sich auf die Hauptsätze der Thermodynamik. Deren erster gefällt der Industriegesellschaft, denn er verspricht, daß in einem "geschlossenen System" Energie sich zwar wandeln, aber nicht verlorengehen kann. Leider, so besagt der zweite, erzeugt sie dabei unwiederbringlich (irreversibel) "Entropie", jene Art physikalischer Unordnung, in der sie gar nichts mehr nützt. Diesen Satz, meint Schütze, habe die Gesellschaft verdrängt.
Die nun eineinhalb Jahrhunderte alte Weisheit von der Thermodynamik bezog sich erst bloß auf Wärmekraftmaschinen. Bald begann ihr die Physik universale Bedeutung zuzu* Christian Schütze: "Das Grundgesetz vom Niedergang". Carl Hanser Verlag, München; 104 Seiten; 16,80 Mark. - Peter Kafka: "Das Grundgesetz vom Aufstieg". Carl Hanser Verlag, München; 168 Seiten; 16,80 Mark. messen. Und neuerdings nähren sich aus ihr düstere, unbeweisbare Theorien, wonach auch alle Materie, am schleunigsten die durch industrielles Wirtschaften umgesetzte, dem finalen Zustand maximaler Entropie entgegenwandere.
"Was immer geschieht", darauf verläßt sich nun Schütze, "der zweite Hauptsatz regiert." Daraus folge: "Energie zerfällt . . . Gefälle werden ausgeglichen . . . aus Konzentration wird Zerstreuung, aus Nutzbarem Unnützes, aus Ordnung Chaos."
Bereits im Kinderzimmer, sobald nur dessen Türe geschlossen werde, garantiere der Entropie-Satz wachsendes Chaos. Und erst das Universum! Ist es (worüber sich die zeitgenössischen Kosmologen allerdings noch den Kopf zerbrechen) ein wahrhaft geschlossenes System, so muß es in etlichen Milliarden Jahren in Entropie verlöschen.
Etwas näherliegenden Unterricht in Sachen Entropie bietet jeder tropfende Warmwasserhahn, die Rush-hour oder der Autobahnstau. Mit jedem Müllgebirge wächst ein Monument für das, was sie meint. Darauf wird das herrliche Ergebnis industrieller Wertschöpfung nämlich breitgewalzt, fast alles Dinge, die unter jeweils gewaltigem Einsatz nicht rückgewinnbarer Energie aus energieverzehrend gewonnenen Rohstoffen zu vorübergehendem Gebrauch geformt worden sind. Ihre Funktion hat häufig auch bloß darin bestanden, ohne rechten Sinn unersetzliche Energie zu verzehren.
Manches, nach Schützes Analyse noch immer bei weitem zu wenig, wird ja durch Recycling einige Male in eine wieder konsumierbare Struktur zurückverwandelt. Dabei geht naturgemäß abermals Energie, meist solche aus den erschöpflichen Ressourcen des Globus, in Entropie auf. Und peu a peu landet auch alles Wiederverwendete im Endlager der Irreversibilität.
Nicht einmal der Industriezweig Landwirtschaft, dem doch, wie der ganzen übrigen beispiellos genügsamen und produktiven Natur, die Sonne das Wichtigste liefert, funktioniert ohne Vergeudung von Unwiederbringlichem. In Form von Treibstoff und Agrochemie verheizt der Landwirt (Schütze rechnet's vor) für viele seiner Erzeugnisse mehr Kalorien aus dem angezapften Planeten, als dabei für die Ernährung der eventuellen Verbraucher herausspringt.
Die Folgen sind bekannt. Binnen vier Jahrzehnten hat die ölgetriebene Industriezivilisation so viel von den in Äonen der Erdgeschichte gebildeten Ressourcen verpraßt, daß überall - darin stimmen Schütze und Kafka noch überein - der Topfboden sichtbar wird.
Selbst für den Fall, daß diese Zivilisation es nach der Jahrtausendwende schaffen sollte, ihren Energiebedarf vor allem mit Hilfe der noch fünf Jahrmilliarden verfügbaren Sonne zu decken - die unersetzlichen Rohstoffe wären bis dahin weitgehend verputzt. Schütze sagt, "in der Zerstreuung entschwunden".
Es bedarf keines "Weltgesetzes", keiner Kosmologie des Untergangs, um in den entscheidenden Köpfen Platz für solche Inventur zu schaffen. Aber Schütze will ja mehr als nur das. Thermodynamisch bringt er die überwältigend komplexe ökologische Problematik endlich auf einen fast religiösen Nenner, die vorherrschende Produktivitätsphilosophie auf Null: Unser Übel heißt Entropie und wächst durch unsere tägliche Arbeit, Amen.
Mit dem Naturgesetz unterm Arm schreitet er zur Aburteilung der Wachstumswirtschaft samt ihrer Ahnen und Illusionen. Was in Wahrheit wachse, sei "Entropie in allen ihren Erscheinungsformen". Eitel sei alle Hoffnung, mit solchen Mitteln die Armut "aus der Welt zu vertreiben".
Mit Schütze können wir uns nun rückwärts wenden und nach den geistigen Wegweisern für diesen nahrhaften Irrweg suchen. Von John Locke, dem englischen Vordenker der Aufklärung und individuellen Freiheit, weist er uns eine pfeilgerade, 250 Jahre lange Entwicklungslinie bis zu Ludwig Erhard und dessen vielleicht ja verwerflicher Parole "Wohlstand für alle".
Locke hatte sich von der Ausnutzung der seinerzeit wohl noch unerschöpflich anmutenden Natur dauerhaftes Fortkommen für die ganze Menschheit versprochen. Nach Schütze haben die deutschen Unternehmer und Gewerkschafter auf dem Schutt der Hitlerzeit noch genauso gedacht. Ludwig Erhard folgend schlossen sie miteinander einen Sozialpakt. Dabei seien sie, meint Schütze, stillschweigend übereingekommen: "Gegenstand der Ausbeutung sollte hinfort die Natur sein."
Sein Rigorismus beschwert sich nicht mit der Überlegung, welche Rolle Natur bis dahin im Bewußtsein aller gespielt hat und wieweit sich darin biblische Vorgaben und alte Instinkte fortsetzen. Für seine Urteilsfindung ist es wohl auch unerheblich, daß die unberechenbare, naturverzehrende Schubkraft der Menschenvermehrung nicht eine Folge industrieller, sondern medizinischer Segnungen ist.
Genau betrachtet verwebt sich all das in einem leider unentwirrbaren, für lineare Rück- und Hochrechnungen wenig geeigneten Wechselspiel namens Evolution. Auf sie beruft sich dankenswerterweise Peter Kafka. Als Mitarbeiter des Münchner Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik hat er eine professionelle Vorstellung davon, wie sie vom Urknall bis zum Weltmarkt in gigantischer Unberechenbarkeit und doch wieder seltsam verläßlich immer komplexere Gebilde hervorbringt. Nicht nur in seinen Augen ergibt das einen Aufwärtstrend.
Unentwegter Schwund, nämlich die Abnahme von Schwung und Temperatur, ist seit dem Urknall der vorderste Entwicklungshelfer dieser Evolution. Dank seiner sind aus der 100 000 Millionen Grad Celsius heißen Fluchtmasse des Anfangs überhaupt erst Elementarteilchen entstanden.
Dank seiner ging es in potenzierter Vielfalt weiter: Leichte und schwere Atomkerne konnten sich bilden, Materieklumpen, Galaxien, Sternenhaufen und Sterne. Es begann die Entwicklung eines im großen, sagt Kafka, "unwahrscheinlich ordentlichen Universums".
All das vollzog sich, rekapituliert er, bereits nach jenem später Leben stiftenden Prinzip der "Selbstorganisation", indem gehörig lange im unendlichen Meer der Möglichkeiten nach einem weiterführenden Kurs "getastet" worden ist. Unsere Sonne entstand, in wohltuendem Abstand davon nahm unser Planet seinen Umlauf, und auf ihm entstand ein Klima für die Moleküle des Lebens.
Schon bis dahin, meint Kafka, sei alles nach Darwins Regeln gelaufen: "Durch Konkurrenz in Vielfalt." Und der Nießnutz an der in die Unverfügbarkeit abgestrahlten Energie, durch die sich schon die Vielfalt der Elementarteilchen zur "unermeßlich viel größeren Vielfalt der astrophysikalischen Strukturen" (Kafka) gesteigert hatte, förderte fortan die Fülle genetischer Variationen und Kombinationen bis hin zum Menschen. In schließlich schwindelerregendem Tempo verästelte die sich weiter in Kulturen und Datenkulturen.
Während sich die Evolution, sagt Kafka, beim Abtasten der Möglichkeiten und dem Ausfalten ihrer Vielfalt mächtig Zeit genommen habe, finde sie auf dieser jüngsten Ebene nur noch wie eine Hetzjagd statt. Eine "gegenseitige Verstärkung von Raserei und Einfalt" umfiebere die Erde, fördere jene Art von "Instabilität", die dem Entrophieren von Gewässern und dem Zusammenbruch von Sternen zu Schwarzen Löchern vorhergeht.
Unser aller Übel sei diese Eile, sagt Kafka, und nicht Entropie. Auf der bislang äußersten Stufe von Komplexität glaubt er deshalb dem elementaren Weltgeschiebe der Evolution zur Umstellung auf die nächsthöhere Stufe - die des wirklich freien Menschen - so etwas verordnen zu müssen wie eine kleine Pause. "Zwei Generationen", schätzt er, "haben wir noch Zeit."
Das, was in dieser Pause geschehen müßte, hat der Astrophysiker sich utopisch zurechtgedacht: Umstellung auf Sonnenenergie und "nachwachsende Rohstoffe"; Abschaffung des Kapitalismus einschließlich aller Großmächte; Weltverfassung für lauter Kleinstaaten, strenge Zügelung der Wissenschaft und der Menschenvermehrung; nur noch Vier-Fünftel-Mehrheiten.
Dann erst, so glaubt Peter Kafka, werde alles erschöpfend ausdiskutiert, und das ergäbe dann wohl unter anderem "jenen Gewinn an Gemächlichkeit", die wir so dringend brauchen.
Wie sich zeigt, kann Vielfalt auch bei ihren Experten in Einfalt umschlagen. Einem Naturgesetz folgt ja vielleicht auch dies.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 45/1989
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