Von Umbach, Klaus
Kein Blick, keine Verbeugung, auf den Lippen mit dem smarten Menjoubärtchen nicht mal die Spur eines Lächelns - so, fast provokant mürrisch und mit dem Rücken zum Publikum, hastet die schlanke Kultfigur im Platzregen der Händeklatscher an den Steinway, die Finger im Anschlag: Keith Jarrett, 44, Pianist aus Pennsylvania, der Horowitz der Jazzer.
Doch anders als der puppenlustige Klavier-Nestor der Klassikszene, der seine manuellen Kunststücke offen zur Show stellt und dazu seine Faxen macht, läßt sich der zugeknöpfte Jarrett nur ungern über die Schulter gucken.
Je rasanter seine Finger auf der Klaviatur durchdrehen und die Tasten in einer blendenden Choreografie kneten und kraulen, um so tiefer krümmt er seinen Rücken katzbucklig über den Flügel - gerade so, als wolle er sich mit einem Handkuß selbst hofieren. Da zeigt jemand seine intime Beziehung zum Instrument und verbirgt zugleich den Akt der Paarung.
In dieser Pose demütiger Hingabe nimmt der Musiker Tempo und Dynamik meist langsam zurück. Die Akkorde zerbröckeln, die Synkopen weichen auf, die Töne träufeln nur noch. Jetzt könnte man meinen, Musik und Jarrett seien am Ende. Doch dann schaukelt sich in der Baßlage unerwartet eine neue Tonfolge auf, die Floskel wird Figur, allmählich swingt ein Blues hoch. Nun richtet Jarrett auch seine Wirbelsäule wieder auf und setzt sich, ohne die kleinste Verzögerung beim Fingerspiel, in die normale Positur eines kerzengeraden Klavierspielers.
Aber auch da hält es ihn nicht lange. Während sich die Hände aus dem naturtrüben Blues noch in den Flitter klimpriger Tongirlanden vortasten, die von Felix Mendelssohn-Bartholdy oder Maurice Ravel oder Art Tatum sein könnten, tänzelt der Klavierist schon mit dem Gesäß auf dem Schemel und hebt sich nun langsam und locker vom Hocker.
Mit kreiselnden Schwüngen, als müsse er sich am Ast einer Korkenzieherweide hochranken, schraubt sich sein Körper behutsam auf die Beine. Dann endlich - das Becken vor zurück, vor zurück - steht er im kopulierenden Rhythmus seiner Lenden vor dem Flügel und als Monolith der Zunft mitten im Musikbetrieb: der "vielseitigste und profilierteste Jazzpianist der Gegenwart", wie ihn die Frankfurter Rundschau feiert, vielleicht sogar "die letzte Jahrhundertgestalt des Jazz", wie, wenn auch noch mit Fragezeichen, die Frankfurter Allgemeine rühmt, in jedem Fall ein beispiellos erfolgreiches Phänomen der internationalen Konzertszene.
Ob Jarrett, wie bei seiner jüngst beendeten Europatournee, im flotten Dreier mit dem Baß-Virtuosen Gary Peacock und mit Jack DeJohnette, diesem Turbolader unter den Schlagzeugern, "Standards" auffrischt oder ob er in langen Monologen abendfüllend bis in die Randlagen der Klaviertechnik ausschweift - immer macht sich da ein genialischer Exzentriker zu schaffen, der im Überdruck seines Spieltriebs auch laut in den Steinway schreit und stöhnt.
Bis zum pianistischen Delirium kann sich dieser Kunstpriester mit der Afrokrause in die Finessen und Phantastereien seines Handwerks steigern und bis zur Andacht in den stolpernden Tonfall seiner Selbstgespräche vertiefen. Er hat schon Konzerte in Jeans und mit nacktem Oberkörper beendet, und in Lausanne ist er einmal nach einem seiner zehrenden Geduldsspiele schweißüberströmt vor das Publikum getreten: "Ist hier unten nicht ein Pianist, der weitermachen kann?"
"Was er seinem Klavier entlockt", so berauschte sich der Rheinische Merkur schon 1983 an Jarretts Piano-Trips, "ist in der Wirkung allenfalls den musikalischen Drogen des Teufelsgeigers Paganini vergleichbar." Die klingenden Narkotika sind - raffiniert dosiert - fröhlich perlende Läufe und dekorativ hingetupfte Petitessen, daneben harte, grantig geballte Akkorde oder schroffe Cluster, die Jarrett wie Karateschläge in den Flügel wuchtet, zwischendurch auch penetrant pochende Ostinatos linkerhand oder rechts ein paar dezent parfümierte Figuren wie von Chopin.
Jarretts Finger, dieses phänomenal funktionierende An- und Abtastsystem, können die Klänge in dribbligen Pirouetten zerstäuben wie Atomiseure die Duftstoffe. Sie können Boogie-Rhythmen und Gospel-Fetzen aus der Klaviatur walken und sich über exotische Intervalle in fernöstliche Meditationsmusiken verlieren. Auf seinem Platten-Bestseller "Köln Concert" (Weltauflage des Mitschnitts: über 1,8 Millionen), wo der Solo-Auftritt vom 24. Januar 1975 im Opernhaus der Domstadt dokumentiert ist, improvisiert Jarrett gleichsam im Wechsel der Gezeiten: Die Musik flutet und verebbt, und dabei geht, sozusagen wie auf Wellen, der Mystiker in sich und der Virtuose aus sich heraus.
Spätestens seit jener großen Nachtmusik in Köln ist Jarrett Star und Kostenfaktor: Mittlerweile müssen manche Veranstalter schon 70 000 Mark Abendgage und viel Verständnis für die Launen von Mister Diva aufbringen. So wurde auf Jarretts Order bei der jüngsten Tournee hinter der Bühne stets ein totales Rauchverbot verhängt. Als sich der Star einmal von einem Stanniol-Raschler im Konzert besonders gestört fühlte, brach er die Soiree kurzerhand ab, und nachdem ihm ein paar hartnäckige Huster auf die Nerven gegangen waren, ließ er das komplette Auditorium unisono die Bronchien leeren. Jarrett, dirigierend: "Now cough all together!"
Und diese empfindsame Künstlerseele, dieser Star-Jazzer mit seiner Hochpreispolitik, dieser Komponist manisch überlängter Klaviermusiken ohne richtigen Anfang und Schluß ("The Celestial Hawk"), dieser Gelegenheitsspielmann auf Tabla, Kirchenorgel, Saxophon, Kuhglocke, pakistanischer Flöte und südamerikanischen Shakers zieht immer mal wieder die Allongeperücke über den Egghead und legt sich aus freien Stücken an die Kandare von Johann Sebastian Bach. Ausgerechnet da, bei dem Allvater der abendländischen Tonkunst, spürt er "so etwas Ekstatisches", ausgerechnet im altdeutschen Stil hält der amerikanische Gottsucher seine intellektuellen Exerzitien ab.
Um Bach auf die Spur zu kommen, fingert Jarrett mit der Präzision eines Chronometers durch Generalbaß und Kontrapunkt. Da sucht er die Chromatik einer Sarabande nach instrumentalen Farben ab, und da rast er durch das polyphone Geflecht einer Ouvertüre im französischen Stil.
Als der Jazz-Virtuose, der immerhin zwölf Jahre klassischen Klavierunterricht hinter sich und auch schon Stücke von Mozart, Bartok und Schostakowitsch vorgetragen hat, 1987 bei seinem aufnahmetechnisch stets exquisiten Stamm-Label ECM das Erste Buch von Bachs "Wohltemperiertem Klavier" einspielte, waren die feineren Pinkel der E-Musik-Kaste konsterniert und die Meßdiener aus den Jazz-Tempeln verdattert - swinging Thomaskantor von Jarretts Gnaden?
Dabei hatte sich der Außenseiter in den Präludien formvollendet verhalten, und er war auch nirgends aus den Fugen geraten. Sachlich, klar, ohne Mätzchen bei Tempo, Rhythmus und Dynamik legte er die gigantische Sammlung kunstvollster Miniaturen mit Anstand hin. Allenfalls der rabiate Gegen-Spieler Glenn Gould, der das "Wohltemperierte Klavier" durch pianistische Schocks zu einem tönenden Hochtemperaturreaktor aufgeheizt hat, ist Jarrett in Bravour und Dramatik ein paar Kicks vorausgeblieben.
Für seine jüngste Bach-Exegese hat sich Jarrett nun in diesem Herbst vom Klavier, diesem "nahezu vollkommenen Werkzeug des Ausdrucks", zurückgezogen und statt dessen an sein "Lieblingsinstrument" gesetzt: Auf einem von dem Japaner Tatsuo Takahashi gebauten, zweimanualigen Cembalo spielt er für ECM jene "Aria mit verschiedenen Veränderungen", die als "Goldberg-Variationen" zu den Hostien der barocken Literatur gehören.
So hat sich also der pianistische Großmeister mit den kleinen Händen, den einst sogar der Chopin-Veteran Arthur Rubinstein unter die von ihm hoch geschätzten Flügelmänner zählte, vor aller Ohren auf den tönenden Antiquitätenmarkt eingestimmt, wo die Hammerflügel ächzen und die Darmsaiten jaulen - ein exotischer Nachfahre von Wanda Landowska (1879 bis 1959), jener rührenden alten Dame, die vor rund einem halben Jahrhundert Bach ans Cembalo zurückholte und so den groben Unfug mit dem Originalklang und der sogenannten Werktreue in die Musikwelt setzte.
Mag sich der ehrbare Jarrett bei Tonkolorierung, Anschlagsnuancen und Auszierungsextras bis zur Selbstverleugnung zurückgehalten haben - auch sein "Goldberg"-Bachanal klingt stets ein wenig nach schrägem Otto, und durch das edle polyphone Geflecht scheppert die beschwipste Drahtkommode.
Na und? Auch diese CD mit dem schrägen Johnny Sebastian Bach wird in den klassischen Charts rotieren, und da wird allerorten kein Ende sein vom Loblied auf den Jazzer, den es zur Aria trieb. Wahrscheinlich ist sogar was dran an dem dräuenden Spruch des Jazz-Orakels Joachim Ernst Berendt, der bei Jarrett "etwas von jenem an Bayreuth erinnernden Gehabe" entdeckt hat, "das Verehrung und Weihrauchstimmung dadurch zu fordern scheint, daß sie sich selbst verehren".
So wie er auftritt, kann es durchaus sein, daß sich Jarrett als kleiner Richard Wagner inzwischen selbst auf Händen durch die zeitgenössische Klavierszene trägt. Das Publikum tut es ohnehin längst. "Wenn es mit seiner Aura so weitergeht", prophezeite eben erst Die Zeit, "wird die Zeit kommen, da Mütter ihm ihre Kinder über die Rampe reichen, damit er sie segne".
Im Musikbetrieb, Hosianna, läßt keiner mehr die Kirche im Dorf.
Klaus Umbach
DER SPIEGEL 45/1989
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