02.10.1989

Japan

Göttliches Tellerfleisch

Japan, Musterknabe im Umweltschutz, gebärdet sich außerhalb seiner Hoheitszonen als rücksichtsloser Umweltschädling.

Wuselnde Japaner, die mit weißem Mundschutz, vom Smog halb erstickt, durch Tokios Straßenschluchten hecheln - das war das gewohnte Bild der siebziger Jahre. Inzwischen hat das Inselreich seine Auto- und Industrieabgase entgiftet, seine Abwässer geklärt und seine Wälder unter Gesetzesschutz gestellt. Japan, ein Musterländle der Ökologie?

Soweit die gute Nachricht, für Japan noch immer unbestritten, wenn auch jüngst Umweltexperten die Regierung in Tokio ermahnten, sich nicht auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Um so schlimmer die schlechte: Außerhalb seiner Hoheitszonen, so klagen Wissenschaftler und Öko-Streiter in aller Welt, führt sich Nippon als rücksichtsloser Umweltschädling auf.

"Die Japaner", rügte Campbell Plowden, amerikanischer Greenpeace-Aktivist, "tun hemmungslos alles, um ihr Verlangen", etwa nach Walfleisch, Elfenbein oder importierten Edelhölzern, "zu stillen". Roger McManus, Vorsitzender der US-Meeresschutzorganisation Center for Marine Conservation, geht mit den 122 Millionen Inselbewohnern noch härter ins Gericht. Sein Verdikt: "Öko-Terroristen."

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder die "Freunde der Erde", Ökologen, Forstwissenschaftler und Meeresbiologen werfen den Japanern vor, sie würden bedrohte Arten, Meeresressourcen und tropische Regenwälder schonungslos ausbeuten:
* Seit die Internationale Walfangkommission (IWC) 1986
den kommerziellen Walfang untersagte, betreibt Japan
die Waljagd unter dem Deckmantel der Wissenschaft:
Allein in der Fangsaison 1988/1989 schlachteten
japanische "Walforscher" 273 Tiere - das Fleisch wurde
an Delikatessenläden verhökert.
* Die Staaten des Südpazifikforums werfen Japan seit
Jahren vor, verheerenden Raubbau an Thunfischen mit
sogenannten Schleppnetzen zu treiben. Ende letzten
Monats kündigte Tokio an, seine Fangflotten zu
reduzieren: Allerdings müßten langwierige Studien erst
noch erweisen, daß durch die Netze tatsächlich die
Fischbestände des Pazifiks bedroht würden.
* Mit Schleppnetzen von bis zu 50 Kilometern Länge
räubern japanische Fangschiffe auch im Nordpazifik, vor
den Küsten der USA und Kanadas: Die brutale Jagd auf
Lachse und Tintenfische bedroht die Bestände, zudem
fallen den Fischjägern jährlich Zigtausende von
Seeschildkröten und Delphinen sowie Hunderttausende von
Seevögeln zum Opfer.
* Seit 1972, so schätzen Experten, machte sich Japan, mit
etwa 40 Prozent Marktanteil weltweit größter
Elfenbein-Importeur, des Massakers an mehr als 500 000
Elefanten schuldig. Erst auf Drängen der eigenen
Elfenbein-Industrie, die mit der Ausrottung des
Elefanten um ihre Existenz bangen müßte, verhängte
Tokio in diesem Jahr Import-Beschränkungen.
* Japaner importieren die Produkte zahlreicher bedrohter
Tierarten, etwa die Drüsen von Moschus-Hirschen
(Moschus-Öl), Gallenblasen von Bären (gegen
Magenbeschwerden), Häute südamerikanischer Kaimane
(Lederwaren), Schildpatt von Meeresschildkröten
(Schmuckindustrie) sowie Seeschlangen, deren Fleisch
als Delikatesse gilt.
* Seit mehr als 20 Jahren plündert Japan, weltweit
größter Holzverschwender, die Regenwälder seiner
Südpazifik-Anrainer. Nachdem die einstmals reichen
Ressourcen der Philippinen und Indonesiens erschöpft
sind, holzen die Japaner nun mit "Clear-felling", dem
Kahlschlag bis zum blanken Erdreich, die Wälder der
malaysischen Staaten Sabah und Sarawak sowie
Papua-Neuguineas nieder.
* In den US-Nordweststaaten Washington, Oregon und
Alaska, Heimat der letzten intakten Regenwälder
Nordamerikas, fallen in Jahrhunderten gewachsene
Baumriesen für Nippons Holz- und Papier-Industrie - der
Nordwesten der USA, klagen
die Umweltschützer, sei zur Holz-Kolonie Japans
verkommen.

Schockiert vernahmen IWC-Vertreter auf ihrer jüngsten Tagung am 12. Juli in San Diego (US-Staat Kalifornien) das Fazit einer sechsjährigen wissenschaftlichen Bestandsaufnahme der größten Säugetiere der Erde: Einst kreuzten 250 000 Blauwale durch die Meere - doch die Harpunen der technisch immer raffinierter ausgestatteten Fangflotten metzelten die Blauwal-Population im Verlauf der letzten fünf Jahrzehnte bis auf wenige hundert Exemplare dahin. Somit verbleiben zu wenige, wie Walforscher fürchten, um dem majestätischsten aller Tiere seinen Fortbestand in der Evolutionsgeschichte zu sichern.

Die Bestände anderer Meeresgiganten wie Finn- und Buckelwale nahmen ähnlich dramatisch ab: Nurmehr 2000 beziehungsweise 4000 dieser mit einem hochkomplexen Verständigungssystem begabten Säuger ziehen durch die Ozeane. "Die jüngsten Zahlen", so Greenpeace-Experte Andy Ottoway, "übertreffen unsere schlimmsten Befürchtungen."

Einzig die Zwergwale, sogenannte Bartenwale von sieben bis zehn Metern Länge und einem Gewicht bis zu acht Tonnen, waren lange Zeit noch vom massenhaften Harpunentod verschont geblieben. Das änderte sich 1986, als die Jagd auf Großwale untersagt wurde und Japan (im geringeren Umfang auch Norwegen und Island) den "wissenschaftlichen" Walfang entdeckte.

Für die Fangsaison 1989/1990 gab das japanische "Institut zur Erforschung der Wale" eine Quote von 400 Zwergwal-Abschüssen vor. In der Saison 1990/1991 sollen 825 Tiere in den Gewässern der Antarktis getötet werden, weil, wie Instituts-Direktor Fukuzo Nagasaki erläutert, nur so "wissenschaftliche Erkenntnisse über Wachstum und Fortpflanzung" der Zwergwal-Population zu gewinnen seien - ein "Schurkenstück im Namen der Wissenschaft", wie sich die Zürcher Weltwoche empörte.

Den Bitten von Walforschern, die sinnlose Killerei in der Antarktis zu beenden, weil nachweislich keine Erkenntnisse aus dem Abschlachten von Walen zu gewinnen seien, widersetzten sich die Japaner auf der IWC-Tagung in San Diego mit einer "dreisten Erpressung", wie Teilnehmer berichten: Sollte das IWC-Statuten-Schlupfloch, das wissenschaftlichen Walfang erlaubt, geschlossen werden, werde Japan eben verstärkt Delphine jagen, erklärten die Abgesandten aus Tokio.

Die eleganten und pfiffigen "Flipper", einst vom griechischen Dichter Oppianos als "göttlichste aller Kreaturen" besungen, schätzt der Japaner als Tellerfleisch und Tierfutter, ihren Rückenflossen, getrocknet und gemahlen, spricht er einen hebenden Einfluß auf die Manneskraft zu. Nach Beobachtungen von Greenpeace landeten japanische Fischer 1987 etwa 19 000 Delphine an, 1988 gingen den Fängern 39 000 Exemplare ins Netz.

Aber sterben für Nippon mußten noch mehr: Gleichsam als Fährtenleser leiten Delphine japanische Fischer zu den Tummelplätzen der Thunfische; wenn sich die Schleppnetze um die Thunfisch-Schwärme schließen, enden die Lotsen-Säuger als "Beifang" im Kunststoffgewebe. Jährlich werden auf diese Weise etwa 180 000 Delphine getötet, seit 1960, so schätzen Fischforscher, insgesamt über sieben Millionen.

Zu fein, um selbst von den hochsensiblen Sonar-Organen der Delphine wahrgenommen zu werden, unsichtbar für Seevögel, die nach Nahrung tauchen, bilden Schleppnetze gigantische Todesvorhänge für alle Lebewesen, die sich nahe der Meeresoberfläche aufhalten. Japanische Lachsnetze erstrecken sich, von Schwimmern getragen, über 15 Kilometer Länge von der Oberfläche bis in eine Tiefe von acht Metern. Schleppnetze für den Tintenfischfang schweben gar über Strecken von 50 Kilometern in den Ozeanen und bedrohen alles Getier, das sich dem Meeresspiegel bis auf 15 Meter nähert.

Im mittleren Pazifik räubern 600 japanische, aber auch taiwanesische und koreanische Schleppnetz-Trawler; im Nordpazifik und in der Beringstraße räumen 700 Schiffe (553 davon japanische Einheiten) den Fischreichtum ab. In jeder Fangsaison spannen die Fischjagd-Geschwader Nacht für Nacht ein Maschenwerk von mehr als 32 000 Kilometern Länge aus, das entspricht mehr als drei Vierteln des Erdumfangs.

Der Schaden, den die gigantischen Netze in der Meeresfauna anrichten, ist unermeßlich. Umweltschützer geißelten diese Art von Lachs-, Tintenfisch- und Thunfischfang mit der Bemerkung, das sei geradeso, als würde man alle Tiere des Waldes vergiften, um die Rehe zu erlegen:
* Jährlich verenden 5000 Tümmler in den Schleppnetzen der
Japaner.
* Seevögel, von der Beute in den Netzen angelockt,
verfangen sich und ertrinken. Allein die japanische
Lachsflotte bringt es so jährlich auf eine "Strecke"
von 250 000 bis 750 000 Seevögeln.
* In jeder Fangsaison verlieren die Pazifikflotten
Schleppnetze von etwa 1000 Kilometern Länge - frei
umher treibende Fischfallen, in denen zusätzlich Jahr
für Jahr Tausende von Seehunden, Delphinen,
Meeresschildkröten und Seevögeln krepieren.

Eingeladen von der japanischen Regierung, tagte in der dritten Septemberwoche die Weltbank in Tokio; gefördert werden sollen Umweltprojekte, um die bedrohten Wälder der Erde zu retten - das sei geradeso, wie Umweltschützer spotten, "als palaverten die Vertreter von Blutbanken im Schloß der Vampire".

Das Inselreich Japan, selber zu 68 Prozent von sorgsam gehüteten Wäldern bedeckt, rafft 29 Prozent der weltweit gehandelten Holzmenge an sich. Einweg-Eßstäbchen für jedes Päckchen Sushi und Sashimi aus der Garküche an der Ecke, aufwendige Papierverpackungen für jeden Mini-Artikel aus dem Kaufhaus, vor allem aber die Gier nach Ex-undhopp-Schalholz für Japans Beton-Bauboom lassen die Regenwälder Südostasiens dahinsinken - Wegwerf-Wälder, die auf Nippons Müllkippen enden.

Und nun auch die Zedern und Douglasfichten in den noch erhaltenen Urwäldern Nordamerikas: "Hoch wie der Berg Fudschijama", schrieb anklagend der demokratische Politiker Peter DeFazio aus Oregon, "stapeln sich die Stämme aus unseren Wäldern auf den Lagerplätzen japanischer Sägewerke."

Warum sich die einst stolzeste Industriemacht des Westens ihre Natur-Ressourcen wie ein Drittwelt-Land auspowern läßt, brachte ein amerikanischer Forstbeamter auf den Punkt: "Womit sollen wir Recorder von Sony und die Autos von Toyota bezahlen, wenn wir den Japanern nicht verkaufen, was sie wollen?" f


DER SPIEGEL 40/1989
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